Sie wäre gern wie diese anderen Mütter, die den Alltag anscheinend mühelos bewältigen, doch nichts ist ihr beschwerlicher als ein routinierter Tagesablauf, Spaziergänge im Park, Enten füttern oder Lamas anschauen. Es ist, als wäre dieses Leben eine Sache von Jahreszeiten und würde wie ohne ihr Zutun ablaufen.
April bereitet sich auf die erste Überprüfung ihres Arbeitsplatzes vor. Wie benimmt sich jemand, der nicht ganz richtig im Kopf ist? Was muss sie tun, damit sie weiter im Museum arbeiten darf? Sie flitzt über die langen Korridore, schlägt Rad, verharrt Ewigkeiten im Handstand an der Wand. Sie starrt ihr Gegenüber fragend an, als wüsste sie nicht mehr, wer da vor ihr steht. Ihre Freunde im Museum wissen Bescheid, die anderen Kollegen reagieren betreten oder schauen weg, wenn sie sich wie eine Irre aufführt. Doch es hätte dieser Vorbereitungen gar nicht bedurft: Die Kontrolleurin, eine ältere Frau, mit beachtlicher Kinnwarze, möchte nur wissen, warum April ihre Kollegen so großzügig mit Spitznamen bedacht hat. Die Frau verzieht keine Miene, als April ihr erklärt, dass der Kollege aus der Tischlerei nach Schweiß stinkt und sie ihn deswegen Atoll nennt, nach dem Deo. Der Überstudierte aus dem Magazin schwebt wie ein Wüstenschiff an ihr vorbei, deshalb ruft sie ihn Kamel, und ihre Chefin ist die Sanfte, weil sie an eine Figur von Dostojewski erinnert. April kann den Blick nicht von der Warze nehmen, sie möchte sie der Frau einfach aus dem Gesicht pflücken und wegschnipsen.
Alles in Ordnung, fragt die Frau.
April nickt. Alles ist in Ordnung, in allerbester Ordnung.
Du hast eine gute Idiotin abgegeben, sagt Silvester, Prüfung bestanden. Es hat dir ja richtig Spaß gemacht, und du hast kein einziges Mal Hans gesagt.
Als am nächsten Tag im Vorführsaal des Museums ein Treffen der Parteifunktionäre stattfindet, die sich einen Film über den Klassenfeind ansehen, kommt April auf die Idee, für einen Kurzschluss im Sicherungskasten zu sorgen. Als es im Saal dunkel wird, entsteht ein großes Durcheinander, laute, verwirrte Rufe schallen durch die Gegend, und April beobachtet alles wie einen gelungenen Streich. Sie feilt an ihren vermeintlichen Macken, schafft es sogar, auf Händen durch den Korridor zu laufen, im Anwesenheitsbuch hinterlässt sie statt Uhrzeit und Unterschrift lustige Zeichnungen. Bei der Feier einer Gruppe von Parteimitgliedern zerstört sie die mit Friedenstauben bedruckten Luftballons, blitzschnell sticht sie mit einer Nadel einen nach dem anderen ab, es dauert jeweils nur ein, zwei Sekunden, doch ihr kommt es unendlich lang vor. Die Feiernden reagieren zuerst verblüfft, dann wütend, als hätte April ihre Würde verletzt. Sie muss Silvester immer wieder erzählen, wie es knallte und die Funktionäre völlig schafsköpfig dastanden, in der Hand den Stock mit dem zerfetzten Gummi. Niemand stellt sie deswegen zur Rede. Doch als sie einmal im Sekretariat Zettel mit einem Spendenaufruf für einen jungen Kollegen verteilt, der seinen Armeedienst absitzen muss, wird sie einbestellt.
Setz dich, sagt die Kollegin, die April zu sich ins Büro zitiert hat, und rückt ihr einen Stuhl am Tisch zurecht. Dann teilt sie ihr mit, dass sie einen Verweis erhält, weil sie die Ehre der Nationalen Volksarmee beschmutzt habe.
Das ist doch nicht nötig, versucht April zu scherzen, als wären ihr drei Stück Kuchen auf einmal angeboten worden.
Die Kollegin schweigt.
Wir sind unter uns, du kannst mir den Verweis geben, aber du kannst auch ruhig zugeben, dass es Schwachsinn ist.
Ihre Kollegin macht eine abwehrende Geste. Es muss sein, sagt sie, ich stehe dazu.
April lässt nicht locker. Ein Zwinkern, sagt sie, nur ein leichtes Zwinkern in meine Richtung, es sieht doch niemand.
Die Kollegin schüttelt nur knapp den Kopf.
Freitags treffen sich junge Leute bei Silvester und diskutieren über Kunst und Politik. April ist aufgeregt, als sie das erste Mal hingeht, es sind nur zehn Minuten zu Fuß von ihr bis zu seiner Wohnung im obersten Stock eines Abrisshauses. Die Tür ist angelehnt, auf dem Flur stehen zwei Frauen in Rauchwolken gehüllt und reden. Silvester sitzt mit einem bärtigen Mann am Küchentisch, er blickt nur kurz auf, als er sie entdeckt. Seine Ohren bewegen sich, wenn er spricht, sie stellt sich vor, wie sie zu ihm geht und ihn küsst, einfach so. Es versetzt ihr einen Stich, als ein Pferdeschwanzmädchen ihn stürmisch begrüßt. Sie geht zu den zwei Frauen im Flur und tut so, als würde sie zuhören, sie reden über den Kater aus dem Roman» Meister und Margarita«, dessen Name im Russischen Nilpferd bedeutet. April mustert die jungen Frauen und überlegt, ob eine von ihnen Anspruch auf Silvesters Schlafzimmer hat. Ich fände es dämlich, als Kater Nilpferd gerufen zu werden, sagt eine der beiden; April nickt flüchtig und sieht sich in der Wohnung um. Wenig Möbel, überall Bücher und Zeitungsstapel, sogar neben dem Herd in der Küche liegt ein aufgeschlagenes Buch. Sie trinkt von dem schwarzen Tee, isst eins der Schmalzbrote.
Als die anderen sich verabschieden, bleibt sie einfach sitzen, zündet sich noch eine Zigarette an, stellt den Wasserkessel auf, als wäre sie hier zu Hause. Benommen von der Hitze und ihrem Mut sagt sie: Die Todesstrafe ist das Schlimmste für mich, und sie sagt es so, als würde sie ein gerade begonnenes Gespräch fortsetzen. Es ist das pure Grauen, weil man noch am Leben ist, wenn das Urteil gesprochen wird.
Sonst wäre es ja keine Todesstrafe, sagt Silvester.
Sie schwitzt, das Hemd klebt ihr auf der Haut. Aber kennst du das nicht, sagt sie, diese Ohnmacht, wenn jemand einfach über dein Leben verfügt. Und dann sogar über dein Sterben.
Du siehst müde aus, sagt er und geht ins Schlafzimmer.
Sie folgt ihm, als hätte sie Gewichte an den Füßen. Ein Stempel auf dem Papier und du bist tot, sagt sie. Das ist doch Irrsinn, du kannst nichts dagegen machen.
Silvester zieht sich aus, und dann steht er nackt vor ihr; während sie auf dem Bettrand sitzend versucht, sich mit der Jeans auch gleichzeitig ihrer Trainingshose zu entledigen.
Die Todesstrafe, sagt Silvester, und du willst trotzdem mit mir ins Bett?
Als April in den frühen Morgenstunden nach Hause läuft, fühlt sich ihre Stirn heiß an, als habe sie Fieber. Die Frau mit der Warze kommt ihr in den Sinn — alles in Ordnung, sagt sie leise, in allerbester Ordnung. Obwohl Hans ihr sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, dass er niemals eifersüchtig sein wird, niemals! sind ihre Schritte schuldbeladen. Wie soll sie sich später an den Frühstücktisch setzen, als wäre nichts geschehen?
Am nächsten Tag im Museum erzählt ihr Silvester einen Witz, wie immer mit todernstem Gesicht. Sie versteht den Witz nicht, auch so wie immer.
Freitags endet der Abend stets in seinem Schlafzimmer, und die Tage davor wartet sie auf den Freitag, malt sich aus, wie es sein wird. Wenn sie zu Hause nackt vor dem Spiegel steht, stellt sie sich vor, Silvester könnte sie so sehen. Sie wirft sich in verschiedene Posen und tut ganz gleichgültig dabei; das ist das Schwierigste an der Sache, es so aussehen zu lassen, als fühle sie sich ganz und gar unbeobachtet.
Hans scheint keine Veränderung an ihr wahrgenommen zu haben, er reagiert weder ungläubig noch gekränkt auf ihre Lüge, sie habe bei einer Freundin übernachtet. Es ist ihr fast unangenehm, dass er sie so behandelt wie immer, gleichbleibend freundlich.
Warum trägst du eigentlich immer diese hässliche Trainingshose, hat Silvester sie einmal gefragt, und wäre sie nicht vor Scham in den Boden versunken, hätte sie ihm womöglich geantwortet, sie fühle sich minderwertig, wie eine schlechte Ware. Ihre Mutter pflegte zu sagen, dass ein richtiger Mann sich nie mit ihr abgeben würde. Aber vielleicht ist Silvester kein richtiger Mann. Und überhaupt, all die Männer, mit denen sie zu tun hatte. Und was ist ein richtiger Mann? Sie weiß ja nicht mal, was eine richtige Frau ist.
Stundenlang liest sie in ihrer neuen Verslehre, und obwohl es sie langweilt, versucht sie durchzuhalten, rezitiert jambische Verse, als wären es magische Formeln:»Wer nie sein Brot mit Tränen aß«. Danach versucht sie es in diesem Versmaß mit eigenen Worten, doch das Gedicht kommt ihr kitschig vor: