»Sieht aus wie Keramik.«
Die Rothaarige schaute auf ihren Palm top. »Müsste laut Grundriss ein Wandschrank sein.«
»Fragt sich nur, wie man dort hineinkommt?« Quinlan suchte nach einer Klinke oder einem Knopf, sah aber nichts Derartiges am rußgeschwärzten Türrahmen.
Er versuchte, die Tür aufzuschieben. Sie bewegte sich nicht. Erst tippte, dann klopfte er dagegen. »Sie scheint von innen verschlossen zu sein.«
In diesem Moment glitt die Tür so schnell auf, dass sie beide vor Schreck ein paar Schritte zurücksprangen.
Martin Humphries stand unsicher auf wackligen Beinen und starrte sie mit funkelnden, rotgeränderten Augen an.
»Wurde auch Zeit«, krächzte er mit ausgedörrter Kehle.
»Mr. Humphries!«
Humphries wankte an ihnen vorbei, ließ den Blick über die Ruinen seines Schlafzimmers schweifen und drehte sich abrupt wieder zu ihnen um.
»Wasser! Geben Sie mir Wasser.«
Quinlan riss die Feldflasche vom Koppelgürtel und reichte sie wortlos dem zornigen Mann. Humphries trank gierig, wobei Wasser am Kinn herunterlief und auf sein zerknittertes Hemd tropfte. Sogar durch die Atemmaske roch Quinlan den ranzigen Körpergeruch des Mannes.
Humphries setzte die Feldflasche ab, hielt sie aber besitzergreifend fest. Er wischte sich das Kinn mit dem Handrücken ab, hustete und zeigte dann mit dem Finger auf Quinlan.
»Telefon«, blaffte er. Seine Stimme war schon wieder etwas kräftiger. »Geben Sie mir ein Telefon. Ich werde diesen Mordbrenner Fuchs an den Eiern aufhängen!«
Asteroid Vesta
Obwohl der Militärstützpunkt auf Vesta Humphries Space Systems gehörte, bestand das Personal hauptsächlich aus Söldnern, die HSS aus mehreren Quellen angeheuert hatte. Leeza Chaptal war zum Beispiel eine Angestellte der Yamagata Corporation. Sie war de facto die Stützpunktkommandantin, denn der HSS-Mann, der nominell die Basis leitete, war ein Kaufmann — von Beruf Buchhalter und von Natur aus eine Krämerseele.
Leeza überließ ihm das elektronische Aktenwälzen, und er überließ es ihr, die ungefähr zweihundert Männer und Frauen zu führen, die das militärische Potenzial der Basis ausmachten: Ingenieure, Techniker, Astronauten, Soldaten. Das war eine kluge Arbeitsteilung.Der HSS-Mann befasste sich mit Zahlen, während Leeza die eigentliche Arbeit erledigte.
Wo der Sonnensturm tobte, gab es im Moment aber kaum etwas zu tun. Leeza hatte alle unter die Oberfläche beordert. Die Militärs vermochten in der Sicherheit der Höhlen und Tunnel tief unter der Oberfläche kaum etwas anderes zu tun, als die routinemäßige Wartung der Ausrüstung durchzuführen und im Übrigen der ältesten Beschäftigung des Soldaten zu frönen: zu warten.
Leeza selbst verursachte es auch Unbehagen, wie ein Maulwurf in seiner Höhle festzustecken. Wenn sie auch nur selten an die Oberfläche von Vesta ging, strapazierte es doch ihre Nerven, dass sie im Moment nicht an die Oberfläche gelangen konnte, diese engen kleinen, aus dem felsigen Leib des Asteroiden gefrästen Kammern nicht verlassen konnte und nicht einmal im Raumanzug auf dem kahlen, geröllübersäten Boden stehen und die Sterne anschauen konnte.
Sie ging langsam an den Konsolen in der Kommandozentrale der Basis entlang und schaute den gelangweilten Technikern über die Schulter, die an jedem Arbeitsplatz saßen. Sie sah, dass der Sturm abflaute. Die Strahlungswerte verringerten sich wieder. Gut, sagte sie sich. Je eher das zu Ende ist, desto besser. Vier HSS-Schiffe hingen oben in Andock-Orbits und warteten auf einen Rückgang der Strahlung, damit sie die Besatzungen zur Basis bringen konnten. Und Dorik Harbin näherte sich in seinem Schiff, der Samarkand.
Dorik hatte sich ihr seit Wochen entfremdet; vielleicht war es an der Zeit, sich ihm wieder anzunähern. Leeza lächelte innerlich über den Gedanken. Sie wusste, es passte ihm nicht, dass sie einen höheren Rang hatte als er. Aber gib ihm ein paar von den richtigen Pillen, und er vergisst alle Hierarchien. Oder vielleicht sollte ich etwas ausprobieren, das ihn gehorsam und unterwürfig macht. Sie entschied sich dagegen. Ich liebe seine Leidenschaft, seine Wildheit. Wenn man ihm das nimmt, ist er nichts Besonderes mehr.
»Unbekanntes Flugobjekt nähert sich«, sagte der Radar-Techniker.
Leeza spürte ein Prickeln auf der Kopfhaut. Wenn das Radar etwas durch diese Strahlenwolke auffasste, musste es nah sein — sehr nah.
»Zwei Flugobjekte«, rief der Techniker, als Leeza zu ihrem Platz eilte.
Sie rasten auf Vesta zu und waren schon so nah, dass der Computer Größe und Geschwindigkeit berechnen konnte. Zu klein für Kriegsschiffe, sah Leeza beim schnellen Blick auf die Zahlen, die am unteren Bildschirmrand entlangliefen. Kernwaffen? Atombomben können uns kaum schaden, solange wir hier unten festsitzen. Zum ersten Mal war sie froh über den Sonnensturm.
»Sie werden einschlagen«, sagte der Techniker.
»Ja, ich sehe es«, erwiderte Leeza ruhig.
Die zwei sich nähernden Flugkörper zündeten im letzten Moment Bremsraketen und landeten fast weich auf dem harten, steinigen Boden. Eine Bruchlandung, sagte sie sich. Keine Explosion. Zeitsteuerung?
Sie ging ein paar Schritte zur Kommunikationskonsole. »Haben Sie eine Kamera in der Nähe der Stelle, wo diese zwei Flugkörper heruntergekommen sind?«
Die Kommunikationstechnikerin hatte die Szene bereits auf dem Hauptbildschirm. Sie war körnig und dunkel, aber Leeza sah dennoch die zerknüllten Trümmer von zwei kleinen Raketen auf dem kahlen Boden liegen.
»Ist das die höchste Vergrößerung, die Sie bekommen?«, fragte sie, beugte sich über die Schulter der Technikerin und schaute auf den Bildschirm.
Die Technikerin murmelte etwas über die Strahlung dort und hackte auf die Tastatur ein.
Das Bild verschwand.
»Gute Arbeit«, spottete Leeza.
»Ich kann nichts dafür«, rechtfertigte die Technikerin sich.
»Das Radar ist ausgefallen!«, rief der Radartechniker.
Leeza richtete sich auf und drehte sich in seine Richtung.
»Die Strahlungsmonitore sind ausgefallen.«
»Keine Reaktion von der Oberflächenkamera an der Absturzstelle«, sagte die Kommunikationstechnikerin. »He, nun sind noch zwei Kameras ausgefallen!«
Leeza drehte sich langsam im Kreis. Die Konsolen stellten der Reihe nach die Arbeit ein, die Bildschirme wurden dunkel, und rote Warnlampen leuchteten auf.
»Was geht dort oben vor?«, fragte Leeza.
Niemand antwortete.
Ein Hofstaat aus vierzehn Mitarbeitern von Humphries Space Systems betreute Martin Humphries auf dem Weg zwischen dem ausgebrannten Anwesen und der besten Suite im verfallenden Hotel Luna vier Ebenen über der ausgebrannten Felsenhöhle. Diensteifriges Personal — vom Leibarzt bis zu einer aparten blonden Verwaltungsassistentin mit einem strahlenden Lächeln aus HSS' Personalabteilung — wartete schon auf den ›Big Boss‹, als Quinlan und seine überraschte Partnerin Humphries durch die provisorische Luftschleuse in den untersten Gang von Selene halfen.
Der Leiter der Sicherheitsabteilung, der niemals lächelnde Grigor, stellte sich neben Humphries, als sie die Rolltreppe betraten.
»Ihre Assistentin, diese Ferrer …«
»Was ist mit ihr?«, fragte Humphries. Er befürchtete, dass Victoria das Feuer doch überlebt hatte und nun aller Welt erzählen würde, wie er sie im Stich gelassen hatte.
»Man hat ihre Leiche im oberen Gang gefunden«, sagte Grigor mürrisch. »An Rauchvergiftung gestorben.«
Eine Zentnerlast fiel Humphries vom Herzen. »Fuchs«, knurrte er dann. »Er ist dafür verantwortlich. Ich will, dass man mir seine Eier auf einem silbernen Tablett serviert.«
»Ja, Sir«, sagte Grigor. »Ich werde mich sofort darum kümmern.«