Mackie konnte die frohe Neuigkeit nicht länger für sich behalten, und Fiona und Harry umarmten sie herzlich, während Perkin eine wichtige Miene aufsetzte und Nolan halbherzig seine Glückwünsche loswurde. Tremayne spendierte Champagner.
Ungefähr zur gleichen Zeit, zehn Meilen entfernt im tiefen Forst, stieß ein Wildhüter auf das, was von Angela Brik-kell übriggeblieben war.
Kapitel 7
Die Entdeckung hatte an diesem Sonntag noch keine Auswirkungen auf Shellerton, denn zunächst wußte niemand, wessen Knochen dort zwischen den kahlen Dornbüschen und den schlafenden Eichen lagen.
Der Wildhüter ging nach Hause zu seinem Sonntagsbraten und benachrichtigte die Ortspolizei, nachdem er gegessen hatte. Wenn die Knochen schon so alt waren, dachte er, dann macht es nichts aus, wenn sie noch eine Stunde länger dort draußen warteten.
In Tremaynes Haus zeigte Gareth, nachdem man auf die zukünftigen Vickers getrunken hatte, Fiona einige meiner Reiseführer, und sie reichte die Bücher voll Staunen an Harry weiter. Nolan schnappte sich zerstreut den Band Safari und sagte zu niemand Bestimmtem, daß nur die allerletzten Blödmänner nach Afrika zur Tigerjagd fahren würden.
«In Afrika gibt es keine Tiger«, sagte Gareth.
«Stimmt. Deshalb sind es ja Blödmänner.«
«Oh… das war ein Witz. «Gareth erkannte, daß er zum Narren gehalten worden war.»Sehr lustig.«
Obwohl Nolan der kleinste Mann im Raum war, dominierte er in körperlichem Sinne alle anderen, er stellte sogar Tremayne in den Schatten. Seine starke animalische Ausstrahlung und sein grobschlächtiges, finsteres Äußeres schienen die Luft statisch aufzuladen, als könne er allein durch seine Gegenwart Funken schlagen. Man konnte sich vorstellen, daß Mackie wie vom Blitz getroffen worden war. Man konnte sich vorstellen, wie Olympia durch einen gewalttätigen Unfall gestorben war. Auf Nolan reagierte man nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Instinkt.
Harrys Tante blätterte leicht pikiert in Eis, geradeso als hätte man sie mit der Ausgeburt einer minderwertigen Gattung konfrontiert.
«Wie furchtbar holprig«, sagte sie mit einer Stimme, deren Trägheit an die von Harry erinnerte, ohne jedoch Harrys gottgegebenen Schalk zu besitzen.
«Ähm«, Harry wandte sich an mich,»ich habe euch noch nicht richtig miteinander bekannt gemacht. Darf ich Sie meiner Tante vorstellen, Erica Goodhaven. Sie ist Schriftstellerin.«
Ich bemerkte einen unterschwelligen Anflug von Boshaftigkeit in seinen Augen. Fiona lächelte mich verstohlen an, und beide sahen so aus, als sollte ich in diesem Moment zu ihrer Unterhaltung den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden; die reinste Vorfreude, unbestreitbar.
«Erica«, sagte Harry,»John hat diese Bücher geschrieben.«
«Und einen Roman«, fügte Tremayne hinzu, der mir zu Hilfe kam, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich diese Hilfe benötigte.»Er wird bald veröffentlicht. Außerdem verfaßt er meine Biographie.«
«Einen Roman«, sagte Harrys Tante, genauso schleppend wie vorher.»Wird bald veröffentlicht. Wie interessant. Auch ich, mein Herr, schreibe Romane. Unter meinem Mädchennamen, Erica Upton.«
Jetzt wurde mir alles klar: einem Literaturlöwen zum Fraß vorgeworfen; und gleich einem ausgewachsenen, einer wahren Löwin. Erica Upton hatte ihre hochkarätige, mit Preisen bedachte Reputation aufgrund ihrer Gelehrsamkeit, ihrer eleganten Syntax, der esoterischen Hintergrundinformationen, der elegischen Charakterzeichnungen und der tiefgreifenden Kenntnisse auf dem Gebiet des Inzests erlangt.
«Ihre Tante?«fragte ich Harry.
«Angeheiratet.«
Tremayne füllte mein Glas mit Champagner auf, als hätte ich das jetzt bitter nötig, und murmelte mir zu:»Die frißt Sie mit Haut und Haaren.«
Momentan befand sie sich noch auf der anderen Seite des Zimmers. Sie sah tatsächlich ein bißchen raubtierhaft aus, ansonsten war sie eine schlanke, energisch wirkende grauhaarige Dame in einem grauen Wollkleid; sie trug flache Schuhe und keinen Schmuck. Eine Tante wie aus dem Bilderbuch, dachte ich; mit der Ausnahme, daß die Tanten der meisten Leute nicht Erica Upton waren.
«Worum geht es denn in Ihrem Roman?«hakte sie sofort nach. Ihre Stimme klang gönnerhaft, aber das machte mir nichts aus. Es stand ihr zu.
Auch die anderen warteten gespannt auf meine Antwort. Nicht zu fassen, dachte ich, daß neun Leute plötzlich aufhörten, sich wie üblich lautstark zu unterhalten.
«Es geht um das Überleben«, sagte ich höflich.
Alle hörten zu. Erica Upton hörten immer alle zu.
«Welche Art von Überleben?«fragte sie.»Medizinisch? Ökologisch? Künstlerisch?«
«Es handelt von einer Gruppe Reisender, die durch ein Erdbeben von der Zivilisation abgeschnitten wurden. Es geht darum, wie sie damit zurechtkommen. Der Titel lautet: Zuhause ist weit.«
«Wie putzig«, sagte sie.
Anscheinend hatte sie nicht vor, mich niederzumachen, dachte ich. Sie wollte wohl nur bestätigt wissen, daß ihr eigenes Werk sich in lichten Höhen bewegte, die ich niemals erreichen würde; und damit hatte sie recht. Trotzdem überkam mich ein Anflug von Verwegenheit, genau, wie es mir auch auf Touchy passiert war: selbst wenn mir das Selbstvertrauen fehlte, einfach entspannen und ausprobieren!
«Mein Agent meint«, schob ich beiläufig nach,»daß Zuhause ist weit eigentlich von den spirituellen Konsequenzen von Erniedrigung und Furcht handelt.«
Sie nahm den Fehdehandschuh ohne Zögern auf. Ich sah, wie sich ihr Körper straffte und vermutete das gleiche bei ihrem Geist.
«Sie sind zu jung, als daß Sie wirklich etwas Ergreifendes über spirituelle Konsequenzen zu schreiben in der Lage wären. Zu jung, als daß Ihre Seele davon berührt sein könnte. Zu jung für ein tiefes, intensives Verständnis, dessen man nur durch die Erfahrung tiefsten Unglücks anteilig wird.«
Stimmt das, fragte ich mich. Wie alt ist alt genug?
Ich mußte antworten:»Sollten nicht auch der Zufriedenheit gewisse Erkenntnisse zugestanden werden?«
«Sie verfügt über keine. Erkenntnis gedeiht am besten auf steinigem Boden. Wer niemals gelitten hat, arm ist oder der Melancholie frönt, leidet unter verzerrter Wahrnehmung.«
Das mußte ich mir erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ich suchte nach einer Antwort.
«Ich bin arm«, sagte ich.»Arm genug jedenfalls, um wahrzunehmen, daß die Armut der Erzfeind der Moral ist.«
Sie beäugte mich, als würde sie gleich zum letzten Schlag gegen ihr Beutetier ausholen.
«Sie sind ein Leichtgewicht«, sagte sie dann,»wenn es Ihnen an der Erkenntnis der moralischen Kraft gebricht, die in der Befreiung und der Genugtuung liegt, die eben dieser Mangel hervorruft.«
Ich schluckte.»Ich möchte kein Heiliger sein. Ich suche Erkenntnis mittels einer Kombination aus Phantasie und gesundem Menschenverstand.«
«Sie sind kein ernsthafter Schriftsteller. «Eine schwere Anschuldigung; ihre schärfste.
«Ich schreibe, um die Leute zu unterhalten«, sagte ich.
«Und ich«, sagte sie einfach,»schreibe, um die Leute zu erleuchten.«
Darauf fiel mir keine passende Antwort ein. Mit einer kleinen Verbeugung sagte ich leicht säuerlich:»Ich gebe mich geschlagen.«
Sie lachte erfreut auf, ihre Muskeln entspannten sich. Die Löwin hatte ihr Opfer verschlungen, und alles war gut. Sie drehte sich weg und fing ein Gespräch mit Fiona an. Harry bahnte sich einen Weg zu mir, während ich mich mit einem großen Schluck meines Champagners entledigte.