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«Nur ein Feuer anzünden, Holz sägen, etwas Eßbares fangen, Wasser sammeln, eine Landkarte anfertigen und Wunden nähen. Der gezackte Draht ist eine aufrollbare Säge.«

Er sperrte den Mund auf.

«Außerdem trage ich an meinem Gürtel immer zwei Dinge.«

Ich löste den Gürtel und zeigte ihn.»In den Gürtel selbst sind auf der Innenseite Taschen mit Reißverschluß eingearbeitet, wo man sein Geld aufbewahren kann. Momentan ist da das Geld von deinem Vater drin. Ich habe so gut wie nie eine Brieftasche dabei. Und was die anderen Dinge da im Gürtel betrifft: eins ist ein Messer und das andere ein Mehrzweck-Überlebenswerkzeug.«

«Darf ich mal sehen?«

«Klar.«

Bei der Klinge in der schwarzen Leinenhülle mit Klettverschluß handelte es sich um ein starkes Klappmesser mit schräggezackter, ungewöhnlich scharfer Schneide, die im aufgeklappten Zustand nicht mehr als achtzehn, zusammengeklappt ganze zehn Zentimeter maß. Gareth klappte es auf, bis die Klinge einrastete, und betrachtete es mit großem Erstaunen.

«Das ist ein Messer«, sagte er.»Hatten Sie es auch vorhin während der Party bei sich?«

«Ich habe es immer dabei. Es wiegt nur hundertunddrei-ßig Gramm, ein achtel Kilo. Das Gewicht ist sehr wichtig, vergiß das nicht. Wenn man alles tragen muß, sollte man so leicht wie möglich auf Tour gehen.«

Er öffnete das andere Objekt, das am Gürtel befestigt war, ein kleines Lederetui von zirka zehn mal acht Zentimetern, in dem sich ein etwas kleineres flaches, rechteckiges Objekt befand, Gesamtgewicht einhundert Gramm.

«Was ist das?«fragte er und legte es auf seine Handfläche.»So etwas habe ich noch nie gesehen.«

«Das habe ich anstelle eines normalen Taschenmessers dabei. Auf der einen Seite ist eine Klinge und auf der anderen eine kleine Schere versteckt. Das kleine runde Ding dort ist ein Vergrößerungsglas; damit kann man Feuer machen, wenn die Sonne scheint. Mit diesen anderen komisch geformten Kanten kann man Büchsen aufmachen, Kronkorken abziehen, Schrauben eindrehen, Fingernägel feilen und Messer schärfen. An den Längsseiten sind wie bei einem Lineal Inches und Zentimeter eingetragen, und die Rückseite ist blankpoliert, damit kann man Signale geben.«

«Toll. «Er drehte die Scheibe um und schaute in sein eigenes Gesicht.»Das ist wirklich Klasse.«

Dann packte er all die vielen kleinen Sachen in die flache Metallschachtel zurück und meinte, Angelhaken würden nicht allzuviel nutzen, wenn weit und breit kein Fluß in der Nähe ist.

«Man kann auch Vögel mit Angelhaken fangen. Sie stürzen sich wie Fische auf den Köder.«

Er starrte mich ungläubig an.»Haben Sie schon Vögel gegessen?«

«Hühner sind auch Vögel.«

«Normale Vögel, meine ich.«

«Tauben? Vierundzwanzig Amseln? Wenn man genug Hunger hat, ißt man alles mögliche. Unsere Vorväter haben sich von allem ernährt, was ihnen in die Finger kam. Das war ganz normal, damals.«

Für ihn war die Normalität ein Tiefkühler voll Pizza. Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was es bedeutete, wie ein Urmensch nur auf die Natur angewiesen zu sein. Es war auch sehr unwahrscheinlich, daß er diese Erfahrung jemals machen würde, trotz des lebhaften Interesses, das er im Augenblick an den Tag legte.

Ich hatte einmal einen vollen Monat auf einer Insel zugebracht, ohne Ausrüstung oder sonstige moderne Hilfsmittel. Ich wußte nur, daß es Wasser gab und daß ich am Ende abgeholt werden würde, und trotz dieser Gewißheiten und meiner geballten Professionalität auf diesem Gebiet war es mir unsagbar schwer gefallen durchzuhalten. Bei dieser Gelegenheit hatte ich für mich persönlich entdeckt, daß das Überleben weit mehr vom geistigen als vom körperlichen Zustand abhing.

Aufgrund meines dringlichen Anratens nahm die Reisefirma von Ferienangeboten dieser Art Abstand.

«Und wenn wir eine Gruppe aussetzen?«fragten sie.»Nicht nur einen einzelnen.«

«Eine Gruppe braucht mehr Lebensmittel«, ermahnte ich sie.

«Die Spannungen wären unerträglich. Die würden sich gegenseitig umbringen.«

«Na gut. Dann also komplette Campingausrüstung, mit den wichtigsten Hilfsmitteln und mit Radios.«

«Und wählt einen Anführer, bevor sie losziehen.«

Selbst mit diesen Vorsichtsmaßnahmen verliefen nur die wenigsten Urlaube von >Schiffbrüchigen< ohne ernsthafte Zwischenfälle, so daß die Firma sie letztendlich aus dem Programm strich.

Gareth legte die Rolle mit dem feinen Draht in den Behälter zurück und sagte:»Ich nehme an, dieser Draht ist für die Fallen, die im Buch beschrieben sind.«»Nur für die einfachsten.«

«Ein paar von den Fallen sind ganz schön gemein.«

«Das müssen sie leider sein.«

«Da kommst du so als harmloses Kaninchen angehoppelt, kümmerst dich nur um deine eigenen Angelegenheiten und merkst nicht, daß da ein Draht gespannt ist; du stolperst drüber und plötzlich zack! hängst du zusammengeschnürt in einem Netz oder wirst von Holzbalken erschlagen. Haben Sie das alles ausprobiert?«

«Sogar oft.«

«Mir gefällt die Sache mit Pfeil und Bogen viel besser.«

«Na ja, ich habe eine Anleitung mit hineingenommen, wie man so etwas effektiv bastelt, weil unsere Vorväter mit Pfeil und Bogen gejagt haben, aber es ist nicht einfach, ein bewegliches Ziel zu treffen; sogar unmöglich, wenn es sehr klein ist. Es ist nicht mit einem herkömmlichen Bogen zu vergleichen, mit dem man Metallpfeile auf ein nettes, rundes, feststehendes Ziel abfeuert, wie beim Wettschießen. Mir sind Fallen immer lieber gewesen.«

«Haben Sie denn jemals etwas mit einem Pfeil getroffen?«

Ich mußte grinsen.»Einmal habe ich einen Apfel vom Baum geschossen, als ich noch klein war. Ich durfte nur das Fallobst essen, aber es lag gerade nichts unten. Pech, daß meine Mutter gerade zum Fenster herausschaute.«

«Mütter!«

«Tremayne sagte, du siehst deine Mutter ab und zu.«

«Ja, das stimmt auch. «Er blickte mich kurz an und sah sogleich wieder weg.»Hat Dad Ihnen erzählt, daß meine Mutter nicht Perkins Mutter ist?«

«Nein«, sagte ich langsam.»Ich glaube, bis dahin sind wir noch nicht gekommen.«

«Die Mutter von Perkin und Jane ist schon vor Urzeiten gestorben. Jane ist meine Schwester — Halbschwester, besser gesagt. Sie hat einen französischen Trainer geheiratet und lebt mit ihm in Chantilly, so eine Art französisches Newmarket. Es ist immer sehr lustig bei Jane. Im Sommer fahre ich immer hin, für ein paar Wochen.«

«Sprichst du Französisch?«

Er grinste.»Ein bißchen. Mir kommt es immer so vor, als müßte ich gerade dann wieder wegfahren, wenn ich es beinahe kapiert hätte. Und Sie?«

«Ein wenig Französisch, Spanisch etwas besser, aber momentan sind beide Sprachen ein bißchen eingerostet.«

Er nickte und fummelte an einem Stück Klebeband, das er wieder um die Büchse wickelte.

Ich beobachtete ihn, und nach einer Weile sagte er:»Meine Mutter kommt oft im Fernsehen. Das meint Dad, wenn er sagt, ich sehe sie ab und zu.«

«Im Fernsehen! Ist sie Schauspielerin?«

«Nein. Sie kocht. Sie macht manchmal in einer von diesen Nachmittagssendungen mit.«

«Eine Köchin!«Ich konnte es kaum glauben.»Aber dein Vater macht sich nichts aus Essen.«

«Ja, das behauptet er immer, aber er hat sehr wohl gegessen, was Sie gekocht haben. Ich glaube, meine Mutter hat ihn mit ihren ausgefallenen Rezepten auf die Palme gebracht. Mir war das ziemlich egal, außer daß ich auch nicht das gekriegt habe, was mir am besten schmeckt, und als sie weg war, haben wir uns einfach darauf beschränkt, was wir am liebsten essen, und dabei ist es dann geblieben. Nur vor kurzem hätte ich gerne Vanillesoße gemacht, doch mir ist dabei die Milch angebrannt, und es schmeckte abscheulich. Wußten Sie, daß Milch anbrennen kann? Na egal, sie ist jetzt mit jemand anderem verheiratet. Ich kann ihn nicht leiden. Ich kümmere mich nicht um die beiden.«