«Tremayne erzählte mir, Sie hätten eine Enttäuschung in Sachen Liebe erlebt«, sagte ich zögernd.»Er hat mir nicht verraten, um wen es sich handelte.«
«Enttäuschung! Huh!«Sie schluchzte schwer.»Ich habe dieses Biest geliebt. Ich habe sogar seine Hemden gebügelt. Wir waren schon lange zusammen, und dann läßt er mich von einer Minute auf die andere plötzlich fallen. Und jetzt kriegt Mackie ein Baby.« Tränen schossen ihr wieder in die Augen, und ich sah, daß es das blanke Verlangen nach Mutterschaft war, dieser wilde Instinkt, der solch unstillbare Qualen auslösen konnte, und der sie mindestens so schmerzte wie der Verlust des Mannes.
«Wissen Sie was?«fragte Dee-Dee jammervoll.»Diese Laus wollte erst nach der Hochzeit ein Kind haben. Danach. Dabei hatte er nie vor, mich zu heiraten, jetzt weiß ich es, aber ich habe wegen ihm so lange gewartet… und… drei Jahre… vergeudet…«Sie schluckte, und noch ein Seufzer entrang sich ihrer Brust.»Ich sage Ihnen eins. Ich nehme jetzt jeden. Ich brauche keinen Ehering. Ich will ein Kind.«
Ihre Stimme verlor sich in einem hilflosen, sehnsüchtigen Heulen, einem Klagelied. Mit einem so starken Verlangen konnte sie leicht fatale Entscheidungen treffen, aber wer wußte zu sagen, was am Ende für sie besser war, unbesonnen zu sein oder kinderlos? So oder so war mit Kummer zu rechnen.
Sie trocknete sich die Augen, putzte sich erneut die Nase und schüttelte sich, als würde sie damit ihre Gefühle wieder in die Reihe zwingen, und als ich kurz darauf noch einmal hereinschaute, tippte sie gefaßt weiter, in der üblichen selbstgenügsamen Weise, als hätte unsere Unterhaltung nie stattgefunden.
Am Dienstag nachmittag schickte Chefinspektor Doone seine Männer los, um das gesamte Gebiet, in dem die Knochen gefunden worden waren, abzusuchen. In erster Linie, so sagte er ihnen, sollten sie nach Schuhen Ausschau halten; ansonsten nach allem, was normalerweise nicht dorthin gehörte. Die Beamten sollten Metalldetektoren benutzen. Sie sollten unter dem alten Laub nachsehen. Sie sollten auf der Karte einzeichnen, wo jedes Stück gefunden wurde, außerdem die Stücke einzeln katalogisieren und aufpassen, daß keine Beweismittel zerstört wurden. Er erinnerte sie daran, daß sie es jetzt mit einem Mordfall zu tun hatten.
Als wir am Mittwoch morgen von der ersten Gruppe zurückkamen, saß Sam Yaeger wieder in der Küche.
Diesmal war er nicht mit seinem Wagen da, sondern mit einem geliehenen Kleinlaster, mit dem er eine Lieferung Burma-Teakhölzer abtransportieren wollte, die Perkin für ihn mit Geschäftsrabatt besorgt hatte.
«Sam besitzt ein Boot«, teilte mir Tremayne trocken mit.»Ein altes Wrack, das er langsam in einen Palast verwandelt, passend für einen ganzen Harem.«
Yaeger grinste gutgelaunt und leugnete nichts.»Es ist bereits verkauft, jedenfalls so gut wie«, erklärte er mir.»Jeder Jockey muß ein Auge auf seine vermaledeite Zukunft haben. Ich kaufe ausrangierte alte Boote und möble sie wieder auf, besser als neu. Das letzte habe ich an einen von diesen vermaledeiten Zeitungsmoguln verkauft. Die blechen jeden Preis, wenn’s nur gut ist. Keinen Fiberglasschrott.«
Das Leben steckt voller Überraschungen, dachte ich.
«Wo liegt Ihr Boot denn?«fragte ich und machte mir mit dem Toast zu schaffen.
«Maidenhead. An der Themse. Vor einiger Zeit habe ich dort eine Bootswerft, die Bankrott machte, gekauft. Sieht aus wie Kraut und Rüben, aber ein bißchen Unordnung schadet nichts; da denken die vermaledeiten Diebe, es gibt nichts zu holen. So ein Saustall ist besser als ein Rottweiler.«
«Ich vermute«, sagte Tremayne,»daß du das Holz auf dem Weg zum Rennen bei der Werft vorbeibringst.«
Sam schaute mich mit gespieltem Erstaunen an.»Wie er so was immer rauskriegt, ist mir ein Rätsel, Ihnen nicht auch?«
«Das reicht, Sam«, sagte Tremayne. Man erkannte sofort, wo er die Grenzen zwischen dem zog, was sich Sam Yaeger herausnehmen durfte und was nicht. Er fing an, die Pferde durchzugehen, die er am Nachmittag in Windsor an den Start schicken wollte; zu Sam sagte er,»Bluecheese-cake ist besser geworden, nicht schlechter, nach dem Ar-beitsstop «und» Nimm Just the Thing nicht hart ran, wenn du merkst, daß sie nicht durchzieht.
Ich will sie nicht ruinieren, sie ist noch ganz grün.«
«In Ordnung«, sagte Sam und konzentrierte sich.»Was ist mit Cashless? Soll ich ihn wieder vorne reiten?«
«Was meinst du?«
«Er hat das gerne. Letztes Mal wurde er lediglich von Speed-Pferden geschlagen.«
«Dann laß ihn vorne seinen Strich gehen.«»Gut.«
«Nolan reitet Telebiddy im Amateurrennen«, sagte Tre-mayne.»Wenn ihn die Rennbehörde nicht herausnimmt.«
Sam verdrehte die Augen, sagte aber nichts. Tremayne unterrichtete ihn darüber, wo er am kommenden Tag in Towcester reiten würde, und sagte, daß er am Freitag überhaupt keine Rennen habe.
«Am Samstag schicke ich fünf oder sechs nach Chepstow. Du gehst mit. Ich auch. Mit etwas Glück reitet Nolan Fionas Pferd im Wilfried Johnstone Jagdrennen in Sandown. Vielleicht geht Mackie nach Sandown, das werden wir sehen.«
Dee-Dee kam hereingerauscht, um sich einen Kaffee zu holen, und setzte sich wieder neben Sam. Als ich mir die beiden so ansah, dachte ich mir, daß Sam zwar ein unermüdlicher Verführer sein mochte, daß er aber bestimmt kein Interesse daran hätte, eine Spur von Vaterschaftsproblemen hinter sich herzuziehen. Dee-Dee konnte ihn vielleicht ins Bett, nicht aber als Vater für ein Kind kriegen. Pech gehabt — nächster Versuch.
Tremayne wies sie an, wie sie den Transport für Samstag vororganisieren sollte, und wie immer merkte sie sich alles auswendig.
«Denken Sie daran, die Liste für Folkestone und Wolverhampton telefonisch durchzugeben. Ich überlege mir die Nennungen für Newbury noch heute vormittag, bevor ich nach Windsor fahre.«
Dee-Dee nickte.
«Packen Sie die Rennblusen für Windsor ein.«
Dee-Dee nickte.
«Rufen Sie den Sattler an, er soll diese Longierzügel abholen und reparieren.«
Dee-Dee nickte.
«Na schön. Das war’s. «Er drehte sich zu ihr um.»Wir fahren um halb eins nach Windsor.«
«Gut«, sagte ich.
Dann fuhr er mit dem neuen Landrover hinauf in die Downs, um sich die zweite Gruppe anzusehen. Sam Yae-ger fuhr den Laster vor Perkins Haustür und lud sein Teakholz auf. Dee-Dee nahm ihren Kaffee mit ins Büro, und ich startete einen ernsthaften Versuch, die Zeitungsartikel eines jeden Jahres ihrer Wichtigkeit nach zu sortieren, die interessantesten immer obenauf.
Ungefähr zur gleichen Zeit betrat Chefinspektor Doone den bis dahin unbenutzten Büroraum, der wegen der Knochennachforschungen in >Ereignisraum< umbenannt worden war, und breitete alles, was seine Männer im Unterholz aufgelesen hatten, auf einer Tischplatte aus.
Da waren einmal die Kleider, die man sofort gefunden hatte. Sie trockneten nach und nach in der zentralgeheizten Luft des Büros. Dann gab es ein Paar unförmige, ausgelatschte Turnschuhe, immer noch durchnäßt, die wahrscheinlich einmal weiß gewesen waren.
Abgesehen davon waren da noch vier alte, leere, ver-dreckte Limonadendosen, ein total verrostetes Spielzeugfeuerwehrauto, eine zerbrochene Sonnenbrille, ein eingeschrumpfter Ledergürtel mit eingerissenen Löchern, eine Ginflasche, ein blauer, von Wind und Wetter unberührter Plastikkamm, ein gut durchgekauter Gummiball, ein goldverzierter Kugelschreiber, ein rosafarbener Lippenstift, Schokoladenpapierchen, ein schartiger Gartenspaten und ein zerrissenes Hundehalsband.
Chefinspektor Doone lief brütend im Zimmer auf und ab und nahm die Ausbeute aus allen Blickwinkeln ins Visier.
«Sprich mit mir, Mädel«, sagte er.»Verrate mir, wer du bist.«
Die Kleider und die Schuhe gaben keine Antwort.
Er rief seine Leute zusammen und hieß sie, noch einmal in die Wälder zu gehen und die Suche auszuweiten; er selbst ging, wie bereits am Vortag, die Listen mit sämtlichen vermißten Personen durch; vielleicht paßte ja etwas zusammen.