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Mein Urteil schien ihn zu verwirren, doch da erschien Mackie selbst. Mit ihren noch feuchten Haaren wirkte sie in diesem Augenblick überaus erfrischt und lebensfroh.

Sie reagierte auf Doones vorsichtig einleitende Sätze wie alle anderen auch:

«Prima. Wo ist sie?«

Die allmähliche Enthüllung der traurigen Tatsachen ließ die Zufriedenheit und alle Farbe aus ihrem Gesicht weichen. Sie hörte seinen Fragen zu, beantwortete sie und erfaßte die Schlußfolgerungen nüchtern.

«Sie wollen uns damit sagen, daß sie sich entweder selbst umgebracht hat…«, sagte sie gerade heraus,»… oder daß sie jemand umgebracht hat.«

«Das habe ich nicht behauptet, Madam.«

«Aber so gut wie. «Sie seufzte bekümmert.»All diese Fragen über Rauschgiftringe… und Liebhaber. Oh, Gott. «Sie machte kurz die Augen zu, dann öffnete sie sie wieder und schaute Doone und mich an.

«Jetzt haben wir gerade Wochen und Monate der Angst und Unruhe wegen Nolan und Olympia hinter uns, Scharen von Fernsehreportern und Zeitungsleuten, die uns mit ihren Fragen fast in den Wahnsinn getrieben haben, gerade jetzt, wo wir allmählich etwas aufatmen… ich kann es nicht mehr ertragen… ich halte es nicht mehr aus… jetzt fängt alles wieder von vorne an.«

Kapitel 10

Ich borgte mir den Landrover und fuhr Doone, wie gewünscht, hinunter ins Dorf zum Haus von Harry und Fiona. Es überraschte mich, daß er mich immer noch dabeihaben wollte, und das sagte ich ihm auch. Eine Spur zu wichtigtuerisch klärte er mich darüber auf, daß er die Erfahrung gemacht habe, daß die Leute sich von einem Polizisten weniger bedroht fühlten, wenn er jemanden dabeihatte, den sie kannten.

«Möchten Sie denn nicht, daß sie sich bedroht fühlen?«hakte ich nach.»Vielen Polizisten ist das anscheinend ganz recht.«

«Ich bin nicht >viele Polizisten<. «Er schien nicht beleidigt zu sein.»Ich arbeite auf meine Art, Sir, und auch wenn sich meine Arbeit manchmal von der meiner Kollegen unterscheidet, so erhalte ich doch am Ende meine Ergebnisse, und letztendlich sind es die Ergebnisse, die zählen. Das mag nicht der beste Weg zur schnellen Beförderung sein«, auf seinem Gesicht zeigte sich ein kurzes Lächeln,»doch ich löse gemeinhin meine Fälle, das kann ich Ihnen versichern.«

«Da hege ich keine Zweifel, Herr Chefinspektor«, sagte ich.

Er seufzte.»Ich habe drei Töchter. Ich mag Fälle wie diesen hier nicht.«

Wir standen in der Auffahrt und betrachteten die noble Fassade des wunderhübschen georgianischen Landsitzes.

«Stellen Sie niemals Vermutungen an«, sagte er in Gedanken, als wolle er mir einen guten Rat erteilen.»Kennen Sie die drei jämmerlichsten Worte, die ein Polizist von sich geben kann, wenn sein Fall wie ein Kartenhaus um ihn herum zusammenstürzt?«

Ich schüttelte den Kopf.

«Ich habe vermutet«, sagte er.

«Das werde ich mir merken.«

Dann schaute er mich auf seine unbedrohliche Art an und meinte, es sei an der Zeit, die Goodhavens aufzuscheuchen.

Wie sich herausstellte, war nur Fiona Zuhause. Sie trug einen dunkelblauen, geschneiderten Anzug mit einer weißen Seidenbluse, goldene Ketten und hochhackige schwarze Schuhe. Allem Anschein nach war sie gerade auf dem Sprung. Als sie mich erblickte, lächelte sie bedauernd.

«John«, sagte sie,»was kann ich für Sie tun? Ich fahre gerade zum Essen. Könnten wir uns etwas beeilen?«

«Äh… das hier ist Chefinspektor Doone«, sagte ich,»von der Thames Valley Police. Und Inspektor Rich.«

«Polizisten?«fragte sie erstaunt. Und dann in plötzlich aufsteigender Angst:»Harry ist doch nichts passiert?«

«Nein, nein. Nichts. Es geht nicht um Harry. Nicht direkt. Es geht um Angela Brickell. Man hat sie gefunden.«

«Angela…? Ach ja. Schön, das freut mich. Wo war sie denn?«

Doone stellte sich sehr geschickt an, dachte ich, indem er durch Schweigen die schlimmen Nachrichten übermittelte.

«Meine Güte«, sagte Fiona, als sie nach einigen Momenten begriffen hatte,»ist sie tot?«

«Leider ja, Madam. «Doone nickte.»Ich muß Ihnen einige Fragen stellen.«»Ja, aber…«Sie schaute auf die Uhr.»Kann das nicht warten? Es ist nicht nur ein Essen, ich bin der Ehrengast.«

Wir standen immer noch auf der Türschwelle. Ohne sich auf Streitereien einzulassen, zückte Doone die Fotografie und forderte Fiona auf, den Mann zu identifizieren, falls ihr das möglich sei.

«Natürlich. Das ist Harry, mein Mann. Und das ist mein Pferd, Chickweed. Wo haben Sie das her?«

«Aus der Handtasche der jungen Frau.«

Auf Fionas Gesicht mischten sich Güte und Trauer.»Sie liebte Chickweed«, sagte sie.

«Vielleicht dürfte ich Sie noch einmal besuchen, wenn Ihr Mann zu Hause ist?«schlug Doone vor.

Fiona war erleichtert.»Ja, jederzeit, tun Sie das. Heute abend nach fünf oder morgen früh. Er wird so gegen… hm… elf Uhr hier sein, denke ich, morgen früh. Wiedersehen, John.«

Sie eilte zurück ins Haus, ließ die Tür offenstehen, und kurz darauf — wir standen schon neben unseren Wagen — sahen wir, wie sie wieder aus dem Hinterausgang herauskam, zusperrte und den Schlüssel unter dem Stein versteckte. (Ts, ts, ts, sagte Doone mißbilligend.) Dann brauste sie in ihrem schicken BMW davon, das blonde Haar glänzte, und sie winkte uns frohgemut zum Abschied zu.

«Wenn Sie sie mit einem Wort beschreiben sollten«, sagte Doone zu mir,»welches würden Sie wählen?«

«Zuverlässig.«

«Das kam schnell.«

«So ist sie. Bodenständig.«

«Kennen Sie sie schon lange?«

«Seit zehn Tagen, wie alle anderen.«

«Hm. «Er grübelte.»Ich kann nicht wie Sie zehn Tage hier verbringen, mit diesen Leuten zusammenleben. Vielleicht werde ich Sie hin und wieder danach fragen, wie die Leute wirklich sind. Manche Menschen benehmen sich nicht wie sonst, wenn sie es mit der Polizei zu tun haben.«

«Fiona schon. Und auch alle anderen, die Sie heute vormittag getroffen haben, oder sind Sie anderer Meinung?«

«Nein, nein. Aber es gibt andere, die ich noch nicht getroffen habe. Gewisse Loyalitäten existieren… ich habe das Protokoll von einem Teil der Verhandlung durchgelesen, bevor ich hierher gekommen bin. Loyalität ist hier eine sehr stark ausgeprägte Tugend, würden Sie mir da zustimmen? Zuverlässige, bodenständige Loyalität, was meinen Sie?«

Doone mochte wie eine graue Maus wirken, dachte ich, und sein plappernder, beinahe singender Berkshire Akzent mochte entwaffnend wirken, hinter dem Geschwafel verbarg sich jedoch ein äußerst intelligenter Beobachter. Im Gegensatz zu vorhin glaubte ich ihm plötzlich, daß er seine meisten Fälle zum Abschluß brachte.

Er sagte, er wolle mit den anderen Stallmädchen reden, bevor sie die Neuigkeiten von jemand anderem erfuhren; auch mit den Burschen, aber mit den Mädchen zuerst.

Ich brachte Doone und Rich zu dem Haus im Dorf, das die Mädchen als ihre Herberge bezeichneten; ich wußte, wo es sich befand, war aber selbst noch nie dort gewesen. Es war ein kleines, modernes Haus in einer Sackgasse, die Tremayne, wie er mir gesagt hatte, als Bauplatz billig erstanden hatte, bevor das mit den Jahren recht ansehnlich gewordene Haus darauf gebaut worden war. Ich teilte Doone mit, daß ich die Mädchen nicht alle mit Namen kannte, da ich sie nur beim morgendlichen Training und gelegentlich abends beim letzten Kontrollgang in den Stallungen sah.

«Das genügt«, sagte er,»jedenfalls kennen die Mädchen Sie. Sie werden ihnen sagen, daß ich kein Menschenfresser bin.«

Dessen war ich mir nicht mehr so sicher, doch ich tat, was er von mir verlangte. Er saß väterlich auf einem geblümten Sofa im Aufenthaltsraum, inmitten einer wüsten Anhäufung von Topfpflanzen, Seidenkissen, Modemagazinen und zahllosen Pferdebildern. Ohne die Sache zu dramatisieren, unterrichtete er sie darüber, daß Angela Brickell höchstwahrscheinlich an dem Tag ums Leben gekommen war, an dem sie abends nicht mehr zur Arbeit zurückgekehrt war. Die Polizei habe ihre Kleider, ihre Handtasche und ihre Knochen gefunden, und natürlich müsse man der Angelegenheit nachgehen. Dann stellte er die mittlerweile vertrauten Fragen: Wußten die Mädchen etwas davon, daß Angela Pferde gedopt hatte, und konnten sie sagen, ob Angela Ärger mit ihrem Freund gehabt hatte?