Bei seinen altmodischen Ansichten wollte er nicht von der Überzeugung abweichen, schwangere Frauen seien zerbrechlich, und Mackie selbst tolerierte das mit gerührter Zuneigung. Ich fragte mich, ob Tremayne klar war, wie wenig Perkin davon angetan sein würde, und entschloß mich, vorsichtig zu sein.
«Fiona und Harry nehmen Mackie mit«, sagte Tremay-ne, als wäre ihm in diesem Moment der gleiche Gedanke gekommen.
«Ich frage sie, ob Sie auch mitkönnen, obwohl sie das bestimmt machen, sofern sie genug Platz haben.«
Sie hatten Platz. Fiona drehte sich auf dem Vordersitz nach hinten um und unterhielt sich mit Mackie und mir. Tief beunruhigt erzählte sie uns, daß Doone ihnen am Vortag noch zwei weitere Besuche abgestattet hatte, wobei der erste anscheinend recht freundlich, der zweite hingegen außerordentlich bedrohlich gewesen sei.
«Morgens kam er uns noch ganz normal vor«, sagte Fiona.»Er plauderte locker vor sich hin. Dann kam er am Abend noch einmal zurück. «Sie fing stark an zu zittern, obwohl es im Wagen warm war,»… und beschuldigte Harry mehr oder weniger, das dumme Mädchen erwürgt zu haben.«
«Was?« rief Mackie.»Das ist doch lächerlich.«
«Das findet Doone nicht«, sagte Harry düster.»Er sagt, sie wurde eindeutig erdrosselt. Hat er euch auch das Foto von mir und Chickweed gezeigt?«
Mackie und ich bejahten.
«Nun, es sieht so aus, als hätte er es vergrößern lassen, richtig mit Detailvergrößerung. Er sagte, er wolle mit mir allein sprechen, ohne Fiona, und dann zeigte er mir die Vergrößerung, auf der nur ich zu sehen war, nicht das Pferd. Ich sollte ihm bestätigen, daß ich auf dem Bild meine eigene Sonnenbrille trug. Ich sagte, na klar ist das meine Sonnenbrille. Dann fragte er, ob ich meinen eigenen Gürtel trug, und ich sagte, selbstverständlich. Er sagte, ich solle mir die Gürtelschnalle mal genau ansehen. Ich sagte ihm, daß ich nie anderer Leute Sachen tragen würde. Dann wollte er wissen, ob der Kugelschreiber, der an meinem Rennprogramm steckte, auch mir gehörte… und da wurde ich ein bißchen sauer und fragte ihn, was das alles sollte. «Er machte eine kleine Pause und redete dann niedergeschlagen weiter:»Ihr werdet es nicht glauben… aber sie haben meine Sonnenbrille und meine Gürtelschnalle und meinen Kugelschreiber dort bei dem Mädchen gefunden, wo auch immer das gewesen ist, und Doone will uns aus irgendeinem saublöden Grund nicht verraten, wo. Ich weiß nicht, wie zum Teufel die Sachen dort hingekommen sind. Ich sagte Doone, daß ich das Zeug schon seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen hätte, und er sagte, er würde mir glauben. Er war der Meinung, daß die Sachen die ganze Zeit über bei Angela Brickell gewesen sind… und daß ich sie hatte liegenlassen, als ich bei ihr gewesen war.«
Er unterbrach sich wieder und fügte auch nichts mehr hinzu.
Fiona sagte mit einer explosiven Mischung aus Empörung und Bestürzung:»Doone wollte haargenau wissen, wo Harry an dem Tag, an dem das Mädchen verschwand, gewesen ist, und er sagte, daß er vielleicht auch Harrys Fingerabdrücke nehmen müßte.«
«Er glaubt, ich hätte sie umgebracht«, sagte Harry.»Da besteht kein Zweifel.«
«Das ist doch lächerlich«, wiederholte sich Mackie.»Er kennt dich eben nicht.«
«Wo waren Sie an diesem Tag?«fragte ich.»Ich meine, Sie haben vielleicht ein perfektes Alibi.«
«Vielleicht ja«, antwortete er,»aber ich weiß nicht, wo ich war. Können Sie mit Sicherheit sagen, was Sie am Dienstagnachmittag in der zweiten Juniwoche des letzten Jahres gemacht haben?«
«Nicht mit Sicherheit«, sagte ich.
«Wenn es die dritte Woche gewesen wäre«, sinnierte Harry,»da waren wir bei den Rennen in Ascot. Royal Ascot. Alle rausgeputzt wie die Geburtstagstorten mit Zylinder und all dem Kram.«
«Wir führen einen großen Terminkalender«, schaltete sich Fiona wütend ein.»Ich habe den vom letzten Jahr ausgegraben. An diesem zweiten Dienstag steht überhaupt nichts drin. Weder Harry noch ich können uns daran erinnern, was wir an dem Tag gemacht haben.«
«Keine Arbeitstermine? Keine Versammlungen?«Ich versuchte, ihnen auf die Sprünge zu helfen.
Harry und Fiona antworteten simultan mit Nein. Fiona engagierte sich in einigen Wohltätigkeitskomitees, aber an diesem Tag hatte keine Versammlung stattgefunden. Harry, dessen ansehnliches persönliches Vermögen dem Fionas in nichts nachstand, hatte vor einiger Zeit den überaus vorteilhaften Verkauf der ererbten Reifenfirma über die Bühne gebracht (das wußte ich von Tremayne) und verbrachte jetzt seine Zeit auf sehr lukrative Weise damit, anderen Privatfirmen als Berater zur Seite zu stehen, die sich ebenfalls nach einem goldenen Wal unter den Industriegiganten umschauten, der sie verschlucken könnte. Er erinnerte sich daran, daß im Juni kaum Beratungstermine stattgefunden hatten.
«Gegen Ende Mai waren wir in Uttoxeter, um uns Nolan auf Chickweed anzusehen«, sagte Fiona besorgt.»Angela war dort und hat sich um das Pferd gekümmert. Das war der Tag, an dem ihm jemand Theobromin und Koffein fütterte, und wenn sie Chickweed nicht selbst Schokolade gab, dann muß sie es jemand anderem erlaubt haben. Wahrscheinlich schiere Nachlässigkeit. Jedenfalls hat Chickweed gewonnen, und Angela fuhr mit ihm nach Shellerton zurück. Wir sahen sie ein paar Tage später und gaben ihr ein Extrageschenk, weil wir so zufrieden waren, wie sie sich um das Pferd kümmerte. Der Erfolg eines Pferdes hängt schließlich nicht zuletzt von demjenigen ab, der es pflegt und versorgt. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, das vermaledeite Mädel danach noch einmal gesehen zu haben.«
«Ich auch nicht«, sagte Harry.
Auf dem Weg nach Sandown kauten sie das Thema wieder und wieder durch, und es war klar, daß sie seit Doones verheerender Identifizierung von Harrys Sachen von nichts anderem gesprochen hatten.
«Jemand muß die Sachen dort hingelegt haben, um den Verdacht auf Harry zu lenken«, sagte Mackie bekümmert.
Fiona stimmte ihr zu, Doone anscheinend nicht.
Harry sagte:»Doone glaubt, es war Mord im Affekt. Ich fragte ihn, warum, und er sagte nur, die meisten Morde passierten im Affekt. Zwecklos. Er sagte, Leute, die im Affekt mordeten, ließen in der außergewöhnlichen Erregung oft Sachen fallen, ohne es zu bemerken. Ich sagte, ich könnte mich noch nicht einmal daran erinnern, mich je mit dem Mädchen unterhalten zu haben, es sei denn in Begleitung meiner Frau, da starrte mich der Kerl nur an und glaubte mir kein Wort. Ich kann euch sagen, Leute, das zerrt an den Nerven.«
«Fürchterlich«, schüttelte sich Mackie. »Ekelhaft.«
Harry gab sich betont ausgeglichen, war jedoch offensichtlich fahrig und unkonzentriert, bremste und beschleunigte ruckartig. Fiona sagte, sie hätten sich überlegt, nicht nach Sandown zu fahren, weil sie dazu nicht in der richtigen Stimmung waren, hatten sich dann aber entschlossen, sich durch Doones Verdächtigungen nicht alles verderben zu lassen. Dessen ungeachtet brachten Doones Verdächtigungen ihr Gleichgewicht ganz schön ins Schwanken. Die kleine Gruppe, die etwas später im Führring stand und Fionas zähem Steeplechaser, dem berühmten Chickweed, zusah, wie er vor dem Wilfred-Johnston-Jagdrennen herumgeführt wurde, wirkte ziemlich niedergeschlagen.
Hoffentlich, dachten alle, hat ihm niemand Schokolade gegeben.
Fiona berichtete Nolan von Doones Anschuldigungen. Nolan sagte zu Harry, daß jetzt, wo er, Harry, selbst eine Mordanklage über seinem Haupt schweben habe, er im nachhinein bestimmt mehr Sympathie für ihn, Nolan, empfinden würde. Harry wollte nichts davon hören. Mit dem allerletzten Rest von Freundlichkeit hielt er ihm entgegen, daß er, Harry, nicht mit einem toten Mädchen zu seinen Füßen angetroffen worden war.
«So gut wie, nach allem, was ich höre«, sagte Nolan klirrend.
«Nolan!«Fiona fand die Unterhaltung nicht mehr lustig.