«Hört sofort auf, davon zu reden. Nolan, konzentriere dich auf das Rennen. Harry, kein Wort mehr von dem verdammten Mädchen. Es wird sich alles aufklären. Wir müssen nur etwas Geduld aufbringen.«
Harry warf ihr einen zärtlichen, wenn auch kläglichen Blick zu und schaute mich dann über ihre Schulter an. Da war noch etwas anderes in seinem Ausdruck, fiel mir auf, und nach einem Augenblick hatte ich es als Furcht identifiziert; eine zwar sehr schwache, aber deshalb nicht weniger präsente Furcht. Bis zu diesem Moment hätte ich Harry und Furcht in meinem Kopf nicht zusammengebracht, insbesondere nicht nach seinem beherrschten Verhalten in dem zugefrorenen Straßengraben.
Mackie, in Vertretung von Tremayne, begleitete Nolan, bis er im Sattel saß, und dann gingen wir vier auf die Tribüne, um das Rennen zu verfolgen. Da Mackie und Fiona vorausgingen, gesellte sich Harry zu mir.
«Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen«, sagte er.»Aber kein Wort zu Fiona.«
«Schießen Sie los.«
«Doone sagte… Herrje… er sagte, das Mädchen hatte keine Kleider an, als es starb.«
«Großer Gott, Harry. «Ich spürte, daß mein Mund offen stehengeblieben war und mußte ihn bewußt zuklappen.
«Ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte er.
«Nichts, gar nichts.«
«Doone fragte mich, was ich dort ohne Gürtel zu suchen hatte.«
Seine Stimme bebte noch immer vor Schreck.
«Die Unschuldigen werden nicht verurteilt«, versuchte ich ihn zu beruhigen.
«Doch, das werden sie. «Er hörte sich elend an.»Sie wissen, daß es geschieht.«
«Aber nicht aufgrund solch windiger Beweise.«
«Ich konnte es Fiona noch nicht sagen. Ich meine, wir haben uns immer prächtig verstanden, aber sie könnte anfangen, sich Gedanken zu machen… Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie ich das ertragen sollte.«
Wir waren bei den Tribünen angekommen und stiegen hinauf. Harry versank wieder in seinen quälenden Gedanken, während ringsumher die heiseren Rufe der Buchmacher und der Lärm der anschwellenden Menge immer lauter wurden. Die Rennpferde stolzierten auf ihrem Weg zur Startstelle an uns vorüber. Nolan sah auf dem muskulösen Rotbraunen, den Fiona den ganzen Herbst über zur Jagd geritten hatte, professionell wie immer aus. Mackie hatte mir verraten, daß Chickweed Fionas besonderer Liebling war; nicht nur ihr Eigentum, sondern auch ein Freund. Chickweed, der dort unten im Kreis ging und auf sein erstes Hindernisrennen der Frühlingssaison wartete, würde bis zum Juni drei oder vier Rennen gewinnen, hoffte Tremayne.
In diesem Augenblick schloß sich uns der dickliche, unsportliche Lewis an, er keuchte heraus, er sei gerade noch rechtzeitig eingetroffen und wollte wissen, ob die Rennbehörde sich dazu geäußert hätte, daß Nolan weiterritt.
«Kein einziges Wort«, sagte Fiona.»Toi, toi, toi.«
«Wenn sie ihn sperren wollten«, räsonierte Lewis oberschlau und heftig dabei schnaufend,»dann hätten sie ihm das bestimmt bis heute mitgeteilt. Der verdammte Kerl kommt wohl einfach so davon.«
«Brüderliche Liebe«, warf Fiona ironisch ein.
«Er schuldet mir was«, sagte Lewis so finster und knurrend, daß wohl jeder von uns die Natur dieser Schuld ahnte, selbst wenn einige es bis dahin nicht hatten wahrhaben wollen.
«Wirst du die Schulden eintreiben?«fragte Harry mit unverhülltem Sarkasmus.
«Auch ohne deine Hilfe«, gab Lewis scharf zurück.
«Meineid ist nicht meine Stärke.«
Lewis grinste wie eine Schlange, die ihre Fangzähne zeigt.
«Ich«, sagte er,»bin der abgef…eimteste Schauspieler von euch allen.«
Fiona kämpfte mit der Erkenntnis, daß Lewis in keinster Weise zu betrunken gewesen war, um zu sehen, wie Olympia umgekommen war. Mackies offenes Gesicht war vor Bestürzung zusammengekniffen. Harry, der es die ganze Zeit über gewußt hatte, hätte Lewis’ Geständnis mit philosophischem Achselzucken weggesteckt, wäre da nicht seine eigene unsichere Zukunft.
«Was hätte ich denn tun sollen?«forderte uns Lewis heraus, als er die allgemeine Abneigung spürte.»Hätte ich sagen sollen, er hat sie mit allen erdenklichen Schimpfworten zur Schnecke gemacht und sie dann am Hals geschüttelt, bis ihr die Augen heraustraten?«
«Lewis!«entfuhr es Fiona, noch immer ungläubig.»Halt sofort den Mund!«
Lewis schenkte mir ein gemäßigt feindliches Lächeln und wollte wissen, warum ich immer und überall dabei war. Niemand antwortete ihm, auch ich nicht.
Fiona sagte:»Sie sind los«, noch einen Sekundenbruchteil vor der offiziellen Durchsage, und konzentrierte sich auf ihr Fernglas.
«Ich habe Ihnen eine besch.eidene Frage gestellt«, wandte sich Lewis schroff an mich.
«Sie kennen den Grund«, antwortete ich, den Blick fest auf das Rennen geheftet.
«Tremayne ist nicht hier«, widersprach er.
«Er hat mich hergeschickt, damit ich mir Sandown ansehe.«
Ich bemerkte, daß Chickweed leicht zu erkennen war. Seine Blesse an der rotbraunen Stirn, durch die er so eindeutig auf der Fotografie zu identifizieren war, nickte bei jedem rasenden Galoppschritt entlang der Einzäunung auf und nieder. Die allgemeine Geschwindigkeit kam mir langsamer vor als bei den anderen Rennen, die Sprünge bedächtiger, doch Tremayne hatte mich schon vorgewarnt: Es handelte sich keineswegs um eine leichte Bahn, noch nicht einmal für die Spitzenteilnehmer, und für die Rennpferde war es eine schwierige Prüfung.»Schauen Sie sich an, wie sie auf der gegenüberliegenden Seite die sieben Hindernisse nehmen«, hatte er gesagt.»Wenn ein Pferd das erste gut nimmt, dann schafft es die anderen wie von selbst. Wird das erste verpatzt, falsch genommen, die Beine verheddern sich — dann kann man das ganze Rennen gleich vergessen. Nolan ist ein wahrer Künstler, wenn es darum geht, das erste Hindernis exakt anzugehen.«
Ich paßte besonders gut auf. Chickweed flog über das erste Hindernis und auch über die folgenden sechs und holte auf dieser Strecke ohne Anstrengung einen schönen Vorsprung heraus.»Es gibt nichts Besseres als Jagden hinter der Hundemeute, wenn man einem Pferd das Springen beibringen will«, hatte Tremayne gesagt.»Leider sind die guten Jagdpferde nicht unbedingt die Schnellsten. Chickweed schon. Auch Oxo war so einer, er gewann vor Jahren den Grand National.«
Chickweed wiederholte das Kunststück auch bei der zweiten Runde, galoppierte dann mit einer Länge Vorsprung vor seinem nächsten Verfolger um die langgezogene Kurve am anderen Ende der Strecke und setzte schließlich zum drittletzten Hindernis an — dem Wasserloch, so genannt, weil die flache Mulde daneben einst mit Wasser gefüllt war, jetzt aber hauptsächlich Schilf und Büsche enthielt.
«Oh, jetzt aber!«explodierte Fiona vor Spannung.»Chicky Chickweed… los, drüber weg!«
Chicky Chickweed stieg in die Höhe, als hätte er es gehört, seine weiße Nase zeigte genau in unsere Richtung, bevor er sich dem vorletzten Hindernis und der Bergaufstrecke vor dem Ziel zuwandte.
«Eine Menge Rennen werden auf dem Anstieg verloren«, hatte mir Tremayne gesagt.»Dort zählt die Kondition, dort werden die letzten Reserven gefordert. Das Pferd, das dort noch genug Kraft zum Beschleunigen übrig hat, wird gewinnen. Das gleiche in Cheltenham. Hier wie dort kann nach dem letzten Hindernis noch eine dramatische Wende im Rennen eintreten. Müde Pferde fallen dort einfach zurück, auch wenn sie bis dahin in Führung gelegen haben.«
Chickweed machte mit dem vorletzten Hindernis kurzen Prozeß, konnte seinen Verfolger jedoch nicht abschütteln.
«Ich kann nicht mehr hinsehen«, stöhnte Fiona.
Mackie nahm das Fernglas herunter, um sich das Finish mit bloßem Auge anzuschauen, die Stirn hatte sie vor Anspannung in Falten gelegt.
Das ist doch nur ein Rennen, dachte ich. Was war schon groß dabei? Ich beantwortete mir die Frage selbst mit großer Strenge: Ich hatte einen Roman geschrieben, was machte es schon aus, wenn er auf seinem Gebiet Erfolg hatte oder durchfiel? Es machte etwas aus, weil ich all meine Gedanken, all meine Kraft hineingesteckt hatte. Genauso machte es für Tremayne und Mackie etwas aus. Nur ein Pferderennen… aber ihr gesamtes Können stand auf dem Prüfstein.