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Chickweeds Verfolger verkürzte den Abstand und kam an das letzte Hindernis.

«Ah, nein«, jaulte Fiona auf und ließ das Glas sinken.»Oh, Nolan, mach schon!«

Chickweed legte einen spektakulären Sprung hin, ließ unnötig viel Platz zwischen sich und dem Birkenholz und verlor dadurch wertvolle Zeit in der Luft. Sein Verfolger, der nicht so hoch gesprungen war und eine flachere Flugbahn für sich verbuchen konnte, kam früher auf und schneller weg.

«Vera…«, entfuhr es Harry.

Fiona war jetzt still, fing an, die Niederlage zu akzeptieren.

Nolan dachte nicht daran zu verlieren. Nolan hockte Chickweed wie ein Dämon im Nacken, ließ seinen aggressiven Instinkten freien Lauf und gab dem Pferd eindeutig zu verstehen, daß Verlieren nicht in Frage kam. Nolans Arm holte weit aus, die Peitsche sauste zweimal nieder. Wie neugeboren kehrte Chickweed seine Entscheidung, etwas langsamer zu laufen, da er sowieso überholt worden war, ins Gegenteil um und nahm den Kampf erneut auf. Der Jockey und das Pferd an der Spitze glaubten, den Sieg schon in der Tasche zu haben und ließen es einen winzigen Moment zu früh auslaufen. Chickweed erwischte die Schlafmütze einen Satz vor dem Ziel und streckte den Kopf nach vorne, genau dort, wo es darauf ankam; die Menge jubelte ihm zu, dem Favoriten, dem Kämpfer, der niemals aufgab.

Ich erkannte, daß Nolan dieses Rennen gewonnen hatte. Nolan ganz allein, nicht das Pferd. Nolans Fähigkeiten, Nolans Wille, der auf den von Chickweed eingewirkt hatte. Durch Nolan hatte ich gelernt, daß es weit mehr bedarf, ein Rennen zu bestreiten, als nur keine Angst zu haben und lange genug im Sattel zu bleiben; mehr als Taktik, mehr als Erfahrung, mehr als Ehrgeiz. Ein Rennen gewinnen fängt, wie das Überleben, im Kopf an.

Fiona, triumphierend, wo schon alles verloren schien, eilte mit Mackie atemlos und mit schimmernden Augen den heimkehrenden Kriegern entgegen. Lewis, Harry und ich quetschten uns in ihrem Schlepptau durch die Menge.

«Nolan ist ein Genie«, konnte sich Harry nicht verkneifen.

«Dieser andere blöde Hund von einem Jockey hat den Sieg verschenkt«, fand Lewis.

Niemals etwas vermuten; ich dachte an Doones Worte. Vermute nie, du hättest schon gewonnen, bevor du den Preis in Händen hältst.

Doone vermutete doch etwas, dachte ich. Er hielt sich nicht an seine eigenen Ratschläge; so schien es jedenfalls.

Wir feierten den Sieg mit einem Umtrunk, auch wenn es, was Mackie betraf, nur bei Ginger Ale blieb. Harry bestellte den obligatorischen Jubelsprudel, für einen Moment mit sich und der Welt zufrieden. Nolan war ebenso aus dem Häuschen wie Fiona, Lewis äußerte mürrisch Anerkennung. Ich selbst war, wie ich annehme, ein Beobachter, der die Dinge noch immer von außen betrachtete. Wir sechs saßen in der Rennbahnbar und grinsten um die Wette, während die spinnwebigen Geister zweier junger Frauen ihre Fallen für die Fliegen aufstellten.

Wir kamen in Shellerton an, noch bevor Tremayne aus Chepstow zurück war. Fiona ließ Mackie auf ihrer Seite des Hauses aus dem Wagen steigen, und ich ging zu Tremaynes Flügel hinüber, öffnete die Tür mit dem Schlüssel, den er mir gegeben hatte, und knipste das Licht an.

Gareth hatte eine Nachricht auf der Familienpinnwand zurückgelassen: BIN IM KINO. ZUM FUTTERN WIEDER DA. Lächelnd stieß ich die glühenden Holzscheite auf einen Haufen und erweckte mit Hilfe des Blasebalgs ein paar neue Scheite zum Leben; dann goß ich mir ein Glas Wein ein und fühlte mich wie zu Hause.

Ein Klopfen an der Hintertür riß mich aus meiner Bequemlichkeit; ich mußte mich umdrehen, um zu sehen, wer es war. Zunächst erkannte ich die junge Frau nicht, die mich da mit einem schüchternen, fragenden Lächeln anblickte. Sie war auf eine bescheidene Art hübsch, braunhaarig, sehr zurückhaltend. Bob Watsons Frau, Ingrid.

«Kommen Sie doch herein«, begrüßte ich sie herzlich, erleichtert, daß ich sie doch noch erkannt hatte.»Leider ist außer mir niemand im Haus.«

«Ich dachte, vielleicht Mackie, Mrs. Vickers.«

«Sie ist drüben, in ihrem Haus.«

«Oh. Na dann…«Sie kam zögernd über die Schwelle, und ich ermutigte sie, weiter hereinzukommen, doch auch dann stand sie nur nervös im Raum und wollte sich nicht setzen.

«Bob weiß nicht, daß ich hier bin«, sagte sie ängstlich.

«Macht ja nichts. Möchten Sie etwas trinken?«

«Oh, nein. Lieber nicht.«

Sie schien sich zu etwas durchzuringen, und plötzlich schoß alles wie in einem Sturzbach aus ihr heraus.

«Sie sind an diesem Abend so nett zu mir gewesen. Bob weiß das zu schätzen, Sie haben mich vor Unterkühlung bewahrt, mindestens. und Lungenentzündung, hat er gesagt. Daß Sie mir Ihre eigenen Kleider gegeben haben… das werde ich Ihnen nie vergessen, niemals.«

«Sie sahen so verfroren aus«, sagte ich.»Möchten Sie sich wirklich nicht setzen?«

«Ich hatte Schmerzen vor lauter Kälte. «Sie ignorierte den angebotenen Sessel noch immer.»Ich wußte, daß Sie jetzt gerade zurückgekommen sind… Ich habe Mrs. Good-havens Auto die Straße heraufkommen sehen… Eigentlich wollte ich mit Ihnen reden. Ich muß es jemandem sagen, glaube ich, und Sie sind… äh… am einfachsten.«

«Dann fangen Sie an. Reden Sie. Ich höre zu.«

Ganz unerwartet, wie bei einem kurzen Ausbruch, sagte sie:

«Angela Brickell war römisch-katholisch, genau wie ich.«

«Wirklich?«Ich wußte mit dieser Neuigkeit nichts anzufangen.

Ingrid nickte.»Heute abend haben sie es in den Lokalnachrichten gebracht, daß Angela Brickell von einem Wildhüter gefunden wurde, auf dem Quillersedge Besitz. Sie haben in den Nachrichten ganz schön viel über sie gebracht; wie die Polizei mit ihrer Untersuchung vorankommt und all das. Und sie sagten, daß da nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Mit rechten Dingen, blöder Ausdruck. Warum sagen sie nicht gleich, daß sie jemand umgebracht hat? Wie auch immer, nachdem sie im letzten Jahr verschwunden war, sagte mir Mrs. Vickers, ich solle alle ihre Sachen aus der Herberge schaffen und sie ihren Eltern schicken. Das habe ich auch getan.«

Sie hielt inne und starrte mir ins Gesicht, suchte nach Verständnis.

«Was haben Sie in ihren Sachen gefunden?«fragte ich, schon auf der richtigen Spur.»Etwas, das Sie beunruhigt, jetzt, wo sie tot ist?«

Auf Ingrids Gesicht zeichnete sich Erleichterung ab, nachdem ich sie aufgefordert hatte weiterzuerzählen.

«Ich habe es weggeworfen«, sagte sie.»Es war ein Schwangerschaftstest zur Selbstüberprüfung. Sie hatte ihn durchgeführt. Ich fand nur die leere Schachtel.«

Kapitel 11

Als Tremayne nach Hause kam, ergriff Ingrid die Flucht vor ihm, wie der Vampir vor einem Zopf Knoblauch.

«Was wollte sie denn?«fragte Tremayne, nachdem er Zeuge ihres überstürzten Abschieds geworden war.»Es kommt mir immer vor, als hätte sie Angst vor mir. Eine richtige kleine Maus.«

«Sie war hier, um mir etwas mitzuteilen, das sie nicht für sich behalten wollte«, sagte ich nachdenklich.»Vermutlich hat sie sich überlegt, ich könnte es ja an ihrer Stelle weiterleiten.«

«Typisch«, sagte Tremayne.»Um was ging’s denn?«

«Angela Brickell war möglicherweise schwanger.«

«Was?«Er starrte mich fassungslos an. »Schwanger?«

Ich erzählte ihm von der leeren Testpackung.»So etwas kauft oder benutzt man nicht ohne triftigen Grund.«

Er grübelte.»Nein, vermutlich nicht.«

«Tja«, sagte ich,»es gibt ungefähr zwanzig unternehmungslustige Männer, die mit dem Stall zu tun haben, plus einige Dutzend mehr in Shellerton und im Renngeschäft, und selbst wenn sie schwanger gewesen wäre — nach dem, was Doone mir über den Zustand der Leiche erzählt hat, weiß ich nicht, wie sie das feststellen wollen — und selbst wenn, dann muß es noch lange nichts mit ihrem Tod zu tun haben.«