Gareth blickte sich angewidert auf dem Gelände um, sogar Coconut war entsetzt, doch ich fand, daß Tremayne, alles in allem, eine gute Wahl getroffen hatte. Egal, was wir anstellten, hier konnten wir nichts kaputt machen.
«Als allererstes«, sagte ich,»bauen wir einen Schutz für das Feuer.«
«Bei dem Regen brennt sowieso nichts«, meinte Gareth skeptisch.
«Dann sollten wir wohl lieber in die warme Stube zurückgehen.«
Die beiden starrten mich erschrocken an.
«Nein«, sagte Gareth.
«Na schön. «Ich holte die Büchse mit den elementaren Ausrüstungsgegenständen heraus und gab ihm den Sägedraht.»Wir sind an mindestens vier abgestorbenen Bäumen vorbeigekommen. Schiebe ein paar Stöcke durch die Schlaufen am Ende der Säge, und dann kannst du mit Coconut einen von diesen Bäumen absägen und hierherbringen. Schneidet ihn so weit unten wie möglich ab.«
Es dauerte nicht einmal drei Sekunden, dann hüpften sie mit frischem Mut davon, während ich auf dem verwilderten Stück herumging, das Tremayne ganz richtig als Brachland bezeichnet hatte. Ich entdeckte überall geeignete Stellen für ein zufriedenstellendes Camp. Das ganze Plateau, um nur ein Beispiel zu nennen, war von blaßbraunen Grashalmen übersät, die im letzten Jahr nach der Mahd dort liegengeblieben waren; ein Geschenk des Himmels.
Als die Jungs schnaufend und mit roten Gesichtern zurückkehrten und das Resultat ihrer Anstrengungen hinter sich herschleppten, hatte ich ein paar alte, verrostete Zaunpfähle aus der Erde gezogen, eine Anzahl saftiger Gerten aus dem Weißdorn geschnitten und weiter hinten, bei der letzten Apfelbaumreihe, einige Handvoll dürrer Grashalme aufgehäuft. Wir gingen noch einmal in den verlassenen Garten zurück, wo wir einige Armvoll Brennessel — zum Zusammenbinden — ausrupften, und eine knappe Stunde, nachdem wir von zu Hause aufgebrochen waren, bewunderten wir einen freistehenden, vier Meter im Quadrat messenden Unterstand, der aus einem Metallrahmen mit einem leicht geneigten Dach aus dicht verflochtenen Weißdorngerten bestand, welches mit einer dicken Schicht Grasbüschel gedeckt war. Wir konnten zusehen, wie der Regen auf die oberste Grasschicht niederfiel und auf der einen Seite herabtropfte, unten drunter jedoch ein kleines Fleckchen vom Regen unberührt blieb.
Anschließend bastelten die Jungs selbst ein simples Quadrat aus kreuz und quer geflochtenen Ruten, das wir an jede beliebige Seite des Feuerschutzes lehnen konnten. Damit wurde der Regen davon abgehalten, direkt in die Feuerstelle hineinzuwehen. Gareth verstand alles ohne weitschweifige Erklärungen und erklärte es Coconut noch einmal ganz nüchtern.
«So weit, so gut«, sagte ich.»Als nächstes suchen wir uns ein paar flache, trockene Steine bei der eingestürzten Mauer dort drüben, die brauchen wir als Unterlage für die Feuerstelle. Bringt keine sehr nassen Steine, die können explodieren, wenn sie heiß werden. Danach ziehen wir los und klauben alles auf, was klein, trocken und brennbar ist. Trockene Blätter, Federn oder Flaum, der an Zäunen hängengeblieben ist, alles mögliche, was sich dort drüben im Garten in dem baufälligen Treibhaus finden läßt.
Wenn ihr etwas findet, steckt es in die Hosentasche, damit es trocken bleibt. Sobald wir genug Zunder haben, spleißen wir uns Brennholz zurecht. Außerdem brauchen wir genug trockenes Holz, falls ihr so was finden solltet. Und bringt alle Kuhfladen mit, über die ihr stolpert: das brennt wie Torf.«
Nach einer weiteren Stunde harter Arbeit hatten wir unter dem Feuerschutzdach die Reste einer alten Gurkenbeeteinfassung aus dem Treibhaus und genug Zunder auf-gestapelt, um ein Feuer in Angriff nehmen zu können. Dann streckte ich meine Hände unter das Schutzdach und zeigte ihnen, wie man die Rinde von einem nassen Stock abschält und das darunterliegende trockene Holz der Länge nach einritzt, so daß sich die dünnen Streifen nebeneinander aufrollen und der Stock wie gefiedert aussieht. Jeder von ihnen machte einen mit dem eigenen Messer: Gareth schnell und sauber, Coconut mit zwei linken Händen.
Mit einem Streichholz, einem Kerzenstummel, dem Zunder aus verdorrten Blättern und Blütenköpfen, den gefiederten Anmachhölzchen, der Gurkenkiste und mit etwas Glück (jedoch ohne Kuhfladen) setzten wir ein hübsches kleines Feuer in Gang, das selbstbewußt gegen alle nieselnden Unwägbarkeiten anflackerte, und Gareth und Coconut sahen aus, als wäre entgegen alle Erwartungen plötzlich die Sonne aufgegangen.
Der Rauch kringelte sich an den Rändern des gedeckten Daches ins Freie. Ich sagte ergänzend, daß wir, gesetzt den Fall, wir müßten dort Monate verbringen, übriggebliebenes Fleisch und Fische zum Räuchern unter das Dach hängen konnten. Apfelholz ergab süßen Rauch, Eichenholz war besser zum Räuchern bestimmter Fleischsorten.
«Wir könnten nie und nimmer monatelang hier leben. «Coconut konnte es sich nicht vorstellen.
«Auch in Sherwood Forest hat nicht ständig die Sonne geschienen«, sagte ich.
Wir brachen die kleineren Zweige des gefällten Apfelbaums ab und warfen sie nach und nach ins Feuer, dann machten wir uns an den mannshohen Unterstand. Wir klemmten den abgestorbenen Baum als Grundgerüst für Dach und Rückseite zwischen zwei gesunde Bäume, flochten noch mehr Weißdorn zwischen das Astwerk, häuften viele Zweige, verdorrte Pflanzen und Grasballen obendrauf und auf die schräge Rückwand, und am Schluß legten wir eine dicke Schicht trockener Grashalme auf den Boden, fast so gut wie Stroh. Abgesehen von ein paar Tropfen waren wir vor dem Regen sicher.
Das Mittagessen, das wir nach ausgedehnten Furagegängen endlich einnahmen, bestand vorwiegend aus dem, was wir in dem alten Garten aufgetrieben hatten: einige Knollen wilde Petersilie, Schwarzwurz und Sonnenblumenwurzeln, eine Handvoll winziger Rosenkohl (Würg, meinte Gareth) und ein ziemlich bitterer grüner Salat aus Wegerich, Steckrüben und Löwenzahn (doppeltes Würg). Eßt niemals giftige Butterblumen, sagte ich, seid dankbar für den Löwenzahn. Coconut lehnte es glattweg ab, Regenwürmer in Erwägung zu ziehen, das einzige, das reichlich zur Verfügung stand. Beide Jungs stürzten sich auf den Speck, den sie in Streifen geschnitten auf den angespitzten Enden geschälter Stöckchen über dem Feuer brieten; ihr Hunger war so gewaltig, daß sie danach noch ewig lange auf Streifen der süßen, inneren Rinde einer jungen Birke herumkauten, die sich in der Hecke ihren Platz erobert hatte. Birkenrinde sei gute, nahrhafte Kost, versicherte ich Gareth. Gareth sagte, das glaubten sie mir unbesehen.
Wir tranken ziemlich schmutziges Regenwasser, das wir in einer alten Gießkanne fanden und in einer Colabüchse abkochten, die Gareth aus dem Mülleimer von Shellerton House mitgenommen hatte. Mein Angebot, Kaffee aus gerösteten Löwenzahnwurzeln zu brühen, lehnten sie einstimmig ab. Wenn sie das nächste Mal campen gehen, würden sie Teebeutel mitnehmen, meinten sie.
Wir saßen in unserem Unterschlupf, das Feuer brannte wenige Schritte entfernt mit roter Glut in der steinernen Mulde, der feine Regen schien nie mehr aufhören zu wollen, wir hatten unser seltsames Mittagsmahl verputzt, und das Ende des Experiments lag nicht mehr in allzu weiter Ferne.
«Wie wär’s, wenn wir über Nacht hier draußen blieben?«fragte ich die Jungs.
Sie sahen aus, als hätte ich sie zu Tode erschreckt.
«Ihr würdet es überleben«, sagte ich,»mit der Schutzhütte und dem Feuer.«
«Es wäre furchtbar«, sagte Gareth.»Es ist eisig kalt.«
«Ja.«
Nach einer Weile fügte Gareth hinzu:»Überleben ist nicht gerade der reinste Spaß, stimmt’s?«
«Meistens nicht«, pflichtete ich ihm bei.»Es ist einfach eine Sache auf Leben und Tod.«
«Wenn wir die Gesetzlosen von Sherwood Forest wären«, sagte er,»dann würden uns die Häscher des Sheriffs jagen.«
«Ekelhaft.«
Coconut schaute sich unwillkürlich nach Feinden um; bei dem Gedanken liefen ihm kalte Schauer über den Rük-ken.
«Wir können nicht die ganze Nacht hierbleiben. Wir müssen morgen wieder in die Schule«, fiel ihm ein.