«Nächsten Sonntag«, sagte ich.»Wir könnten wieder rausgehen und etwas anderes machen.«
«Was denn?«bohrte Gareth nach.
«Das weiß ich jetzt noch nicht.«
Die beiden Jungs schienen sich mit dem vagen Versprechen zufriedenzugeben und sausten in die Küche zurück, um sich mit neuen Vorräten einzudecken. Sam, der inzwischen in dem Buch geblättert hatte, bemerkte, daß einige der etwas komplizierteren Fallen ganz so aussehen, als könnte man damit nicht nur wilde Tiere, sondern auch Menschen umbringen.
«Unerlaubter Verzehr von Wildbret war auch ein Vergehen, für das man in Sherwood Forest aufgehängt werden konnte«, gab Harry zu bedenken.
Ich stimmte Sam zu:»Es gibt Fallen, die sollte man nur errichten, wenn man sicher ist, daß man allein ist.«
«Wenn man nach einem Tag schon Gareth’ Vertrauter ist«, sagte Nolan ohne eine Spur von Freundlichkeit aus der Tiefe eines Lehnsessels heraus,»wie fühlt man sich da? Wie Superman?«
«Sehr bescheiden«, sagte ich ironisch.
«Wie nett, nett, nett«, schickte er böse und mit Obszönitäten verziert hinterher.»Ich würde Sie gerne bei einem Hindernisrennen reiten sehen.«
«Ich auch«, fiel Tremayne herzlich ein, und drehte die gemeinen Worte einfach um.»Wir sollten uns um eine Zulassung für Sie bemühen, John.«
Niemand nahm ihn ernst. Nolan war beleidigt. Er konnte noch nicht einmal im Scherz ertragen, daß jemand ihm sein Territorium streitig machen wollte.
Am Montag fand ich Dee-Dee in Tränen aufgelöst wegen Angela Brickells Schwangerschaftstest; es waren nicht Tränen des Mitgefühls, sondern Tränen des Neids.
Am Montag stand auch Doone wieder auf der Türschwelle. Er wollte die Termine überprüfen, an denen Chickweed gewonnen hatte und Harry auf dem Rennplatz dabeigewesen war.»Mr. Goodhaven?«wiederholte Tre-mayne.»Das Pferd gehört Mrs. Goodhaven.«
«Das ist richtig, Sir, aber das tote Mädchen hatte ein Foto von Mr. Goodhaven bei sich.«
«Es war ein Foto von dem Pferd«, protestierte Tremayne.
«Das habe ich Ihnen doch bereits erklärt.«
«Das ist richtig, Sir«, gab ihm Doone recht.»Was nun diese Termine betrifft.«
Mit verhaltener Wut durchforstete Tremayne seinen Terminkalender und sein Gedächtnis und kam zu dem Ergebnis, daß er sich an keine Gelegenheit erinnern konnte, bei der Harry ohne Fiona beim Pferderennen gewesen sei.
«Was ist mit dem vierten Sonntag im April?«schlug Doone hinterhältig vor.
«Mit was?«Tremayne schaute ein zweites Mal nach.»Was soll damit sein?«
«Ihr Reisefuttermeister für unterwegs glaubt, Mrs. Goodhaven habe an diesem Tag Grippe gehabt. Er erinnert sich daran, wie sie später in Stratford, wo das Pferd gewann aber danach beim Dopingtest durchfiel, sagte, sie sei froh, daß sie da war, wo sie doch seinen letzten Sieg in Uttoxeter versäumt hatte.«
Tremayne nahm die Information gelassen auf.
«Wenn Mr. Goodhaven allein nach Uttoxeter gefahren ist«, sagte Doone beharrlich,»und wenn Mrs. Goodhaven krank zu Hause im Bett lag.«
«Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden«, unterbrach ihn Tremayne.»Angela Brickell war für ein Pferd verantwortlich.
Sie konnte es nicht einfach dort stehenlassen und sich davonmachen. Außerdem kam sie mit dem Pferd in der Box hierher zurück. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich es sofort erfahren, und dann hätte ich sie wegen Vernachlässigung ihrer Pflicht entlassen.«
«Aber wenn ich Ihren Reisefuttermeister richtig verstanden habe«, sagte Doone in seinem matten Singsang,»dann mußten Sie an jenem Tag in Uttoxeter auf Angela Brickell warten, denn als alle fertig zur Abfahrt waren, konnte man sie nirgends finden. Sie ließ das Pferd unbeaufsichtigt zurück, Sir. Ihr Reisefuttermeister beschloß, noch eine halbe Stunde auf sie zu warten, und sie kam gerade noch rechtzeitig, wollte aber nicht sagen, wo sie gewesen ist.«
«Davon weiß ich nichts«, sagte Tremayne schnörkellos.
«Zweifellos hat man Sie damit nicht belastet, Sir. Schließlich ist ja nichts Schlimmes passiert… oder?«
Doone ließ sein berüchtigtes Schweigen für sich sprechen, aus dem man leicht ablesen konnte, was für schlimme Sachen Harry hätte anstellen können.
«Auf dem Rennplatz gibt es keine Heimlichkeiten, das ist überhaupt nicht möglich«, sagte Tremayne, der damit den Weg, den seine Gedanken genommen hatten, unfreiwillig verriet.»Ich glaube kein Wort von dem, was Sie da andeuten wollen.«
«Angela Brickell starb ungefähr sechs Wochen später«, sagte Doone,»kurz nachdem sie einen Schwangerschaftstest durchgeführt hatte.«
«Hören Sie auf damit«, fuhr ihn Tremayne an.»Das sind Unterstellungen der gemeinsten Art. Sie richten sich gegen einen ehrenhaften, intelligenten Mann, der seine Frau über alles liebt.«
«Ehrenhafte, intelligente Männer, die ihre Frauen lieben, Sir, sind nicht immun gegen unerwartete Leidenschaften.«
«Sie liegen falsch«, behauptete Tremayne stur.
Doone bedachte ihn lange mit seinem Blick und schenkte dann mir seine Aufmerksamkeit.»Was halten Sie davon?«fragte er.
«Ich glaube nicht, daß Mr. Goodhaven etwas damit zu tun hat.«
«Wo Sie ihn doch schon seit zehn Tagen kennen?«
«Zehn Tage, genau.«
Er grübelte nach, dann fragte er gedehnt:»Haben Sie den geringsten Verdacht, wer das Mädel umgebracht haben könnte? Ich rede jetzt von Verdacht, von Eindrücken, Sir, denn wenn Sie konkrete Anhaltspunkte hätten, dann würden Sie mir das doch bestimmt mitteilen.«
«Selbstverständlich. Und einen Verdacht habe ich nicht, keine Eingebungen, es sei denn, daß es jemand gewesen sein könnte, der nichts mit dem Rennstall zu tun hat.«
«Sie arbeitete hier«, sagte er barsch.»Die meisten Morde geschehen in der Nähe des Wohnortes. «Er musterte mich abschätzend.»Ihre Loyalität, Sir, wird von dieser Gruppe verwässert. Und das finde ich sehr schade. Sie sind hier der einzige, der nichts mit dem Tod des Mädchens zu tun haben kann, und ich werde immer bereitwillig auf Sie hören, vorausgesetzt, Sie bewahren sich Ihren kühlen Kopf, verstehen wir uns richtig?«
«Wir verstehen uns«, sagte ich überrascht.
«Haben Sie Mr. Goodhaven nach dem Tag gefragt, an dem er ohne seine Frau beim Rennen war?«mischte sich Tremayne ein.
Doone nickte.»Er streitet ab, daß irgend etwas Unsauberes vorgefallen sei. Was sollte er sonst tun?«
«Ich möchte nichts mehr davon hören«, kündigte Tremayne an.»Sie dichten sich hier einen schönen Quatsch zusammen.«
«Wir haben Mr. Goodhavens Sachen bei dem Mädchen gefunden«, sagte Doone nüchtern,»und sie hatte sein Foto bei sich, und das ist kein Quatsch.«
In der Stille, die nach dieser düsteren Mahnung eintrat, machte sich Doone wortlos davon; Tremayne war verstört und sagte, er wolle zu den Goodhavens hinunter, um ihnen Beistand zu leisten.
Als er gerade unterwegs war, rief Fiona an, und da Dee-Dee sich nicht gut gefühlt hatte und bereits gegangen war, nahm ich den Anruf entgegen.
«John!«rief Fiona.»Wo ist Tremayne?«
«Auf dem Weg zu Ihnen.«
«Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schlimm es ist. Doone glaubt.«
«Er ist eben hier gewesen«, sagte ich.»Er hat es uns erzählt.«
«Der Kerl ist wie ein Terrier. «Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung.»Harry hält so einiges aus, aber dieses… dieser Dauerbeschuß macht ihn fertig.«
«Er hat furchtbare Angst davor, daß Sie an ihm zweifeln.«
«Was?«Sie klang bestürzt.»Nicht eine Sekunde lang!«
«Dann sagen Sie ihm das.«
«Das werde ich tun. «Sie machte eine kurze Pause.»Wer hat es getan, John?«
«Ich weiß es nicht.«
«Aber Sie können es erkennen. Sie sehen Dinge, die wir nicht wahrnehmen, weil wir zu nahe dran sind. Tremayne sagt, Sie verstehen vieles, ohne daß man es Ihnen erklären muß, mehr als die meisten Menschen. Harry meint, das kommt von den Eigenschaften, die Ihnen seine Tante Erica nicht zugestehen will, Kombination aus Phantasie und gesundem Menschenverstand und so.«