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Sie hatten über mich geredet; eigenartiges Gefühl.

«Vielleicht möchten Sie es überhaupt nicht wissen«, sagte ich.

«Oh!«Es war ein Schrei nach Offenbarung, nach Erlösung.

«John, retten Sie uns alle!«

Ohne eine Antwort auf ihre ungewöhnliche Fürbitte abzuwarten, legte sie den Hörer auf. Ich fragte mich ernsthaft, was sie von mir erwarteten, welche Rolle ich in ihren Augen spielen sollte: den Fremden in ihrer Mitte, der wie in den altmodischen Western alle Probleme löst, oder den ganz und gar gewöhnlichen, mittelmäßigen Schriftsteller, der zufällig anwesend war, jedem freundlich zuhörte und am Ende nichts bewirkte. Vor die Wahl gestellt, hätte ich mich ohne Frage für Letzteres entschieden.

Am Dienstag war die Presse aus allen möglichen undichten Stellen voll informiert. Die Verurteilung durch die öffentliche Meinung lief auf Hochtouren. Der Tatbestand der Verleumdung wurde geflissentlich umgangen, indem man das Wörtchen >angeblich< geradezu inflationär gebrauchte, was aber im Grunde nichts anderes hieß als: Harry Goodhaven hatte angeblich mit einem Stallmädchen geschlafen, sie geschwängert und dann erwürgt, um seine Ehe mit einer >wohlhabenden Erbin< nicht zu gefährden, ohne deren Vermögen er ohne jeden Pfennig dastehen würde.

Die Zeitungen vom Mittwoch waren — von Harrys Standpunkt aus betrachtet — noch schlimmer, er fühlte sich wie an den Pranger gestellt.

Er rief mich kurz nach dem Mittagessen an.

«Haben Sie die verdammten Klatschberichte gelesen?«

«Ja«, sagte ich.

«Wenn ich vorbeikomme und Sie abhole, würden Sie dann einfach mit mir ein bißchen durch die Gegend fahren?«

«Klar.«

«Prima. In zehn Minuten.«

Ohne große Gewissensbisse legte ich meine Aufzeichnungen zu den mittleren Jahren von Tremaynes Karriere beiseite. Nachdem jetzt zwei Wochen der verabredeten Zeit vergangen waren, fühlte ich mich zur Genüge vorbereitet, um mit der Niederschrift anzufangen, aber wie gewohnt kam mir jeder gute Grund, um die Sache zu verschieben, gerade recht.

Harry kam in seinem BMW, gleiches Modell wie der von Fiona, und ich setzte mich auf den Beifahrersitz. Ich bemerkte neue Streßfalten in seinem Gesicht. Auch die Verkrampfung seiner Halsmuskel und Finger entging mir nicht. Sein blondes Haar sah fast grau aus, aus seinen blauen Augen war jede Spur von Humor gewichen, die gesellschaftliche Patina war dünn geworden.

«John, nett von Ihnen«, sagte er.»Das Leben ist ganz schön beschissen.«

«Ich will Ihnen mal was sagen«, versuchte ich ihn zu trösten,»Doone weiß, daß bei diesem Fall etwas faul ist, sonst hätte er Sie schon längst verhaften lassen. «Ich lehnte mich in den Sitz zurück und schnallte mich an.

Er legte den ersten Gang ein, sah mich von der Seite an und fuhr los.»Glauben Sie das wirklich? Er kommt immer wieder. Jeden Tag steht er vor unserer Tür. Jeden Tag eine neue Stichelei, ein neuer verfluchter Sachverhalt. Gitterstab um Gitterstab baut er einen Käfig um mich auf.«

«Er versucht nur, Sie aus der Reserve zu locken«, sagte ich ins Blaue hinein.»Wenn er Sie hätte festnehmen und anklagen lassen, dann müßten Sie die Zeitungen in Ruhe lassen. So verhilft er ihnen zu einem Schlachtfest und wartet unterdessen, ob sich jemand an irgend etwas erinnert, oder bis Sie zusammenbrechen und sich selbst belasten. Ich nehme an, er hat nicht versucht, auch nur eine undichte Stelle zu stopfen, nachdem die Presse herausgekriegt hat, wo das Mädchen gefunden wurde, und er eine offizielle Erklärung abgeben mußte. Möglicherweise hat er selbst das eine oder andere Leck geschlagen; ich würde ihm so etwas durchaus zutrauen.«

Harry lenkte den Wagen in Richtung Reading auf die Strecke über die Hügel, die uns quer durch den Quillersedge Besitz führte. Ich wunderte mich, daß er ausgerechnet dort entlang fuhr, aber ich fragte ihn nicht direkt danach.

«Gestern wollte Doone von mir wissen«, sagte er mit bitterer Stimme,»was Angela Brickell angehabt hatte. Das stand doch alles in der Zeitung. Er fragte mich, ob sie sich freiwillig ausgezogen hätte. Ich hätte ihn erwürgen können… Oh, Gott, was sage ich da?«

«Soll ich fahren?«fragte ich.

«Was? Oh, wir hätten beinahe den Pfosten da umgefahren… ich habe ihn nicht gesehen. Nein, nein, mir geht es gut, wirklich. Fiona sagt, ich soll mich von ihm nicht kirre machen lassen, sie verhält sich wundervoll, absolut fantastisch, aber er macht mich wirklich kirre, ich kann nichts dafür. Er läßt diese ungeheuerlichen Fragen vom Stapel, als wären es harmlose Gedankenspiele… >Hat sie sich freiwillig ausgezogen?< Was soll ich darauf antworten? Ich war doch nicht dabei.«

«Genau das ist die Antwort.«

«Er glaubt mir nicht.«

«Er ist sich seiner Sache nicht sicher«, sagte ich.»Ihn beunruhigt etwas.«

«Ich wünschte, er würde sich darüber zu Tode grübeln.«

«Sein Nachfolger könnte noch schlimmer sein. Vielleicht einer, dem eine Verurteilung lieber ist als die Wahrheit. Doone versucht wenigstens, die Wahrheit herauszufinden.«

«Sie mögen ihn doch nicht etwa!«Die Vorstellung kam ihm geradezu obszön vor.

«Seien Sie dankbar, daß er den Fall bearbeitet. Seien Sie dankbar, daß Sie auf freiem Fuß sind. «Ich machte eine kleine Pause.

«Warum fahren wir hier entlang?«

Die Frage überraschte ihn.»Um da hinzukommen, wo wir hinwollen, was denn sonst.«

«Wir fahren also nicht einfach nur durch die Gegend?«

«Nein, tun wir nicht.«

«Rings um uns befindet sich der Quillersedge-Besitz.«

«Sieht so aus«, sagte Harry zerstreut.»Mein Gott, wir wählen immer diese Straße, ich meine, jeder, der von Shellerton nach Reading will, nimmt diese Strecke, außer wenn es schneit.«

Über eine weite Strecke hin war die Straße auf beiden Seiten von Mischwald gesäumt, der noch vom gestrigen Regen tropfnaß war und am Ende des Winters besonders kahl und ramponiert aussah. Ein Teil der Wäldereien war gerodet und ordentlich eingezäunt, von Schildern bewacht, auf denen >Zutritt verboten< zu lesen stand; andere Abschnitte hingegen waren verwildert und jedem zugänglich, dem daran gelegen war, sich durch den Urwald aus Bäumen, Schößlingen und Unterholz zu kämpfen. Fünf Meter dort hinein, dachte ich, und man konnte von der Straße aus nicht mehr gesehen werden. Wer sich da hineinwagte, mußte einen triftigen Grund haben: Es war alles andere als ein Sonntagsspaziergang.

«Jedenfalls zieht sich der Quillersedge-Besitz meilenweit hin«, sagte Harry.»Wir sind hier gerade an seiner westlichen Grenze. Die Stelle, an der Angela gefunden wurde, liegt mehr in Richtung Buckley.«

«Woher wissen Sie das?«

«Verdammt noch mal, es stand in der Zeitung. Wollen Sie mich jetzt auch noch verdächtigen?«Meine Frage hatte ihn verärgert, doch dann schüttelte er resigniert den Kopf.»Das war eine Doone-Frage. Woher weiß ich das? Weil in den Zeitungen aus Reading eine Landkarte abgedruckt war, daher. Der Wildhüter hat sogar ein Kreuzchen an die Stelle gemalt.«

«Ich verdächtige Sie nicht«, sagte ich.»Wenn ich an Ihnen zweifeln würde, müßte ich an meinem eigenen Urteilsvermögen zweifeln, und das ist in Ihrem Fall nicht so.«

«Das ist wohl ein Vertrauensbeweis?«

«Ja.«

Wir fuhren eine ganze Weile über Straßen und durch Ortschaften, die mir gänzlich unbekannt waren, und dann immer weiter über Land, der Himmel weiß wohin.

Aber Harry wußte, wohin die Reise ging, als er plötzlich von einer so gut wie häuserlosen Straße zwischen zwei zerbrochenen Torpfosten auf einen Knüppeldamm einbog, der uns zu einer großen, baufälligen Scheune, einem ausgedehnten Müllplatz voll mit verbogenem Metall und altem Holz und zu einem kleineren Schuppen weiter drüben führte. Hinter diesem nicht sehr einnehmenden Durcheinander erblickte ich eine weite, schmutziggraue Wasserfläche, die sich träge von den am anderen Ufer sich abzeichnenden dunkelbewaldeten Hügeln vorbeiwälzte.