«Wo sind wir?«fragte ich, als der Wagen langsam vor einer Sperre zum Stehen kam, die allein dadurch ins Auge stach, weil außer ihr in diesem allgemeinen Verfall nichts Sauberes und Neues zu sehen war.
«Das ist die Themse«, sagte Harry.»Es sieht aus, als trete sie fast über die Ufer, nach all dem Regen und dem geschmolzenen Schnee. Wir befinden uns hier auf Sams Bootswerft.«
«Das hier?« Mir fiel wieder ein, was Sam bezüglich unverdächtiger Baufälligkeit gesagt hatte: er hatte eindeutig untertrieben.
«Er läßt es absichtlich in diesem Zustand«, bestätigte Harry.
«Wir waren alle zu seiner riesigen Grillfete eingeladen. Er feierte, daß er Champion Jockey geworden war… das muß so vor achtzehn Monaten gewesen sein. Damals, an diesem Abend, sah alles anders aus. Eine der besten Feten, auf der wir je waren.«
Seine Stimme erstarb, als hätten sich seine Gedanken von dem, was sein Mund sagte, schon weit entfernt; auf seiner Stirn perlte Schweiß.
«Warum sind Sie so nervös?«fragte ich.
«Ach, nichts. «Eine glatte Lüge.»Kommen Sie mit«, sagte er dann verkrampft.»Ich möchte jemanden dabeihaben.«
«In Ordnung. Wohin gehen wir?«
«Ins Bootshaus. «Er zeigte auf den kleineren der beiden Schuppen.»Das größere Haus dort drüben ist Sams Werkstatt und sein Dock, wo er an seinen Booten herumbastelt. Das Bootshaus wird kaum benutzt, soviel ich weiß, nur bei seiner Party hatte er eine Grotte daraus gemacht. Ich soll dort jemanden treffen. «Er schaute auf seine Armbanduhr.»Ich bin etwas zu früh dran. Aber das macht ja wohl nichts.«
«Wen wollen Sie hier treffen?«
«Jemanden«, sagte er und stieg aus dem Wagen.»Ich weiß nicht, wen. Hören Sie«, ergänzte er, sobald ich ihm gefolgt war,»jemand will mir etwas sagen, das mich bei
Doone aus dem Schneider bringt. Ich wollte… ich wollte nur ein bißchen Unterstützung… einen Zeugen eventuell. Sie finden das bestimmt hirnverbrannt.«
«Nein.«
«Dann kommen Sie.«
«Ich komme, aber Sie sollten nicht zuviel Hoffnung darauf setzen, daß wirklich jemand auftaucht. Die Menschen können ganz schön gehässig sein — und Sie hatten eine sehr schlechte Presse.«
«Glauben Sie, das ist nur ein Schabernack?«Die Vorstellung wurmte ihn, aber er hatte so etwas anscheinend auch in Erwägung gezogen.
«Wie wurde dieses Treffen verabredet?«
«Per Telefon«, sagte er.»Heute morgen. Ich kannte die Stimme nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau war. Es war sehr leise. Sehr vorsichtig, als könnte jederzeit jemand dazukommen.«
«Weshalb ausgerechnet hier?«fragte ich.
Er legte die Stirn in Falten.»Keine Ahnung. Aber ich kann es mir nicht leisten, die Sache zu ignorieren, wenn es um etwas geht, das mich entlasten kann. So ist es doch, oder?«
«Vermutlich, ja.«
«Mir ist auch nicht ganz wohl dabei«, gab er zu.»Deshalb wollte ich nicht allein kommen.«
«Na schön«, sagte ich.»Wir werden ja sehen.«
Ein Lächeln der Erleichterung huschte über sein Gesicht; dann ging er voran, quer durch ein mit Steinen übersätes und zugewuchertes Stück Land, eine Art Pfad herab, der von dem großen Schuppen zum Bootshaus hinunter und uns unserem Schicksal entgegenführte.
Aus der Nähe sah das Bootshaus noch schäbiger aus als von weitem, obwohl die zerbrochenen Dachrinnen in ed-wardianischem Stil einst sehr dekorativ gewesen sein mußten — und es noch immer sein könnten, wenn man das wollte. Der Bau bestand hauptsächlich aus verwitterten Backsteinen, die Längsseiten reichten bis ans Flußufer. Das Ganze war auf der Uferböschung und teilweise in sie hinein gebaut.
Entsprechend Sams Philosophie hatte die baufällige Holztür weder Klinke noch Vorhängeschloß; sie öffnete sich nach innen beim geringsten Druck mit der Hand.
Die Fenster sorgten für sehr viel Licht, doch alles, was es zu sehen gab, war ein nackter Holzfußboden bis zu einer Flügeltür aus Glas, die auf einen Balkon direkt über dem angeschwollenen Fluß führte.
«Haben Bootshäuser in ihrem Inneren kein Wasser?«
«Das Wasser ist unter uns«, sagte Harry.»Dieser Raum war zur Unterhaltung hergerichtet. Unten am Fluß gibt es eine zweite Tür, durch die man in das Dock gelangt. Dort ist die Grotte gewesen. Sam hatte ringsum bunte Lichter aufgehängt, sogar unter Wasser waren welche. es hat phantastisch ausgesehen. Hier oben befand sich eine Bar. Fiona und ich sind mit unseren Getränken hinaus auf den Balkon gegangen und haben uns den sternenübersäten Himmel angeschaut. Es war eine sehr warme Nacht, es hat einfach alles gestimmt. «Er seufzte.»Perkin und Mackie waren bei uns, sie haben geschmust wie zwei Frischverliebte. Jetzt kommt es mir vor, als sei das alles schon so lange her, damals waren alle glücklich, alles war einfach. Nichts konnte schiefgehen… Dann hatte Tremayne ein spektakuläres Jahr, und zur Krönung gewann Top Spin Lob den Grand National… Aber seitdem hat nicht mehr viel geklappt.«
«Hatte Sam auch Nolan zu seiner Party eingeladen?«
Harry lächelte kurz.»Sam war bester Laune. Er hat alle eingeladen: Dee-Dee, Bob Watson, die Stallmädchen, die
Burschen, einfach jeden. Es müssen so ungefähr hundertfünfzig Leute hiergewesen sein. Sogar Angela…«Er unterbrach sich und schaute auf die Uhr.»Es wird langsam Zeit.«
Er drehte sich herum und machte einen Schritt in Richtung Balkon, der am anderen Ende des Raumes lag; die alten Bretter knarrten und quietschten unter seinen Füßen.
Auf dem Fußboden lag ein weißer Briefumschlag, ungefähr auf halbem Weg zum Balkon. Harry meinte, daß es vielleicht eine Botschaft sei, ging hin, bückte sich, um ihn aufzuheben, und mit einem furchtbaren Krachen gab ein großer Teil des Fußbodens unter seinem Gewicht nach und sauste mit dem aufschreienden Harry hinunter in das tiefer gelegene Dock.
Kapitel 12
Es passierte so schnell und unverhofft, daß ich ihm beinahe hinterhergeschlittert wäre, doch es gelang mir gerade noch, auf einem Fuß herumzuwirbeln und mich nach hinten flach auf die Bretter zu werfen, die rings um das Loch heil geblieben waren.
Harry, so schoß es mir lächerlicherweise durch den Kopf, hatte es weniger gut getroffen mit dem kalten, schmutzigen Wasser. Ich robbte mich heran, bis ich über den Rand in die nassen Untiefen schauen konnte, doch ich konnte ihn nirgends sehen.
Scheiße, dachte ich und streifte mir dabei schon die Jak-ke ab. Harry, um Gottes willen, komm hoch, damit ich dich heraufziehen kann. Kein Zeichen von ihm. Nichts. Ich brüllte seinen Namen. Keine Antwort.
Ich schleuderte meine Stiefel zur Seite und schwang mich an einem hervorstehenden Querbalken nach unten. Der Balken knarrte bedrohlich, als ich an einer Hand hängend versuchte, Harry ausfindig zu machen, damit ich nicht auf ihm landete.
Außer braunem, trübem, brackigem Wasser war nichts zu sehen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn herauszufischen. Ich ließ den Balken los. Ich winkelte die Beine an, um einigermaßen sanft zu landen, und spürte, wie die eisige Kälte des Wassers die Luft aus meinen Lungen herauspreßte. Ich ließ mein Gewicht vom Wasser tragen und streckte die Füße nach dem Grund aus, bis mir das Wasser bis zu den Ohren reichte. Dann holte ich tief Luft, zog den ganzen Kopf unter Wasser und tastete rings umher nach Harry, denn sehen konnte ich da unten trotz geöffneter Augen absolut nichts.
Er mußte da sein. Die Zeit wurde knapp. Ich richtete mich auf, um Luft zu schnappen, tauchte wieder unter, suchte ihn mit Fingern und Füßen, mit einer Dringlichkeit, die sich rasch in blankes Entsetzen verwandelte. Ich ertastete alles mögliche, Metallstücke, scharfkantige, spitze Dinge, aber nichts Lebendiges.