«Macht nichts. «Ich hob die Dose auf, die von der ausgelaufenen Farbe ganz glitschig war, schraubte den Deckel zu und ließ sie mit dem Pinsel in die Plastiktüte fallen, bevor ich sie wieder in meinem Beutel verstaute.
«Können wir wieder welche besorgen?«fragte Coconut.
«Klar. Kein Problem. Fertig zur Heimfahrt?«
Die Jungs, die über ihre Leistung glücklich und überdreht waren, rannten und hüpften die Strecke zum Land
Rover zurück, den wir gleich hinter der nächsten Kurve fanden. Auf der Heimfahrt waren sie allerbester Laune.
«Erstklassig«, rief Gareth Tremayne entgegen, als er ins Familienzimmer platzte, nachdem wir Coconut zu Hause abgesetzt hatten und nach Shellerton House zurückgekehrt waren.»Fantastisch.«
Ob sie es wollten oder nicht, Tremayne, Mackie und Perkin erhielten einen minutiösen Bericht über den Ablauf des Tages, mit Ausnahme unseres Gesprächs über Angela Brickell. Tremayne lauschte mit heimlicher Genugtuung, Mackie mit lebhaftem Interesse, Perkin langweilte sich.
«Das ist die reinste Wildnis«, sagte Gareth.»Man hört dort überhaupt nichts. Ich habe irre viel Fotos gemacht — «Er verstummte, seine Miene verdüsterte sich.»Augenblick mal.«
Er rannte aus dem Zimmer und kam mit seinem blauen Rucksack zurück, wühlte besorgt darin herum.
«Meine Kamera ist nicht da!«
«Die, die ich dir zu Weihnachten geschenkt habe?«Tremayne klang nicht sehr begeistert.
«Vielleicht hat sie Coconut«, meinte Perkin träge.
«Danke. «Gareth sprang zum Telefon, doch seine Hoffnungen wurden alsbald zunichte gemacht.»Er sagt, er habe sie nach dem Essen nicht mehr gesehen. «Gareth war verzweifelt.»Wir müssen sofort wieder zurück.«
«Nein, das werdet ihr bestimmt nicht tun«, sagte Tremayne unmißverständlich.»Es hört sich nach einem weiten Weg an, und es wird bald dunkel.«
«Aber wir haben doch Leuchtfarbe benutzt«, bettelte Gareth.
«Der Witz ist, daß man den Weg im Dunkeln finden kann.«»Nein«, sagte sein Vater.
Gareth wandte sich an mich:»Können wir nicht zurückgehen?«
Ich schüttelte den Kopf.»Dein Vater hat recht. Wir könnten uns in diesem Dickicht verlaufen, ob mit oder ohne Farbe. Man braucht nur ein Zeichen zu übersehen, und schon sind wir bis morgen früh dort.«
«Sie würden sich niemals verlaufen.«
«Das könnte durchaus passieren«, sagte ich.»Wir bleiben hier.«
«Hast du sie auf dem Rückweg verloren?«fragte Mackie mitfühlend.
«Nein…«Er dachte lange nach.»Ich muß sie dort zurückgelassen haben, wo wir gegessen haben. Ich habe sie an einen Ast gehängt, damit sie nicht feucht wird. Ich habe sie einfach vergessen.«
Er war so aufgeregt, daß ich sagte:»Ich hole sie morgen nachmittag.«
«Wirklich?«Das Unglück verwandelte sich in neue Hoffnung.
«Oh, prima!«
Tremayne schien daran zu zweifeln.»Werden Sie denn eine winzige Kamera in all den Quadratkilometern öder Wildnis wiederfinden?«
«Natürlich kann er das«, klärte ihn Gareth vertrauensvoll auf.
«Ich habe dir doch gesagt, wir haben eine Fährte hinterlassen. Und oh!«Ihm war etwas eingefallen.»Was für ein Glück, daß ich die Farbe fallen gelassen habe, da können Sie sehen, wo die Fährte anfängt, denn als wir die Straße sahen, haben wir keinen Baum mehr gekennzeichnet.«
«Kannst du uns das näher erklären?«fragte Mackie.
Gareth erklärte.
«Werden Sie die Spur wirklich wiederfinden?«fragte mich Mackie kopfschüttelnd.
«Es sei denn, jemand hat auf dem Farb klecks geparkt und ihn im Profil mit nach Hause genommen.«
«Bloß nicht«, stöhnte Gareth.
«Keine Bange«, beruhigte ich ihn.»Ich werde deine Kamera finden, wenn sie sich noch dort auf der Lichtung befindet.«
«Bestimmt, ich bin sicher. Ich erinnere mich daran, wie ich sie hingehängt habe.«
«Na schön«, sagte Tremayne.»Dann laßt uns das Thema wechseln.«
«Futter?«fragte Gareth hoffnungsvoll.»Pizza?«
Kapitel 16
Am Montagmorgen saß ich wieder in der ersten Gruppe auf Drifter.
«Er ist übermorgen für ein Rennen in Worcester angemeldet«, sagte Tremayne, als wir in der Morgendämmerung zu den Ställen gingen.»Heute findet sein letzter Trainingsgalopp statt, also fallen Sie nicht wieder runter. Der Tierarzt ist heute früh schon hiergewesen, um sein Blut zu untersuchen.«
Tremaynes Tierarzt nahm von jedem Pferd aus dem Stall vor jedem letzten Trainingsgalopp vor dem Rennen kleine Blutproben, deren detaillierte Analyse alles mögliche aussagte, angefangen beim erhöhten Auftreten von Lymphozyten bis hin zu Enzymabsonderungen aufgrund von Muskelschäden. Gab es zuviele Kontraindikationen im Blutbild, dann teilte der Arzt Tremayne mit, daß das Pferd aller Voraussicht nach nicht gut laufen oder gar gewinnen werde. Tremayne war der Ansicht, daß diese Regelung die Besitzer vor unnötigen Ausgaben für sinnlose Boxenmieten sowie Jockey honorare bewahrte und ihm selbst eine Menge unerklärlicher und ärgerlicher Enttäuschungen ersparte.
«Gehen Sie selbst mit nach Worcester?«fragte ich ihn.
«Wahrscheinlich. Vielleicht schicke ich Mackie. Weshalb?«
«Äh… eventuell könnte ich mitgehen und Drifter laufen sehen.«
Er drehte sich um und starrte mich an, als könne er momentan nicht verstehen, was mich daran interessierte, doch dann, als er verstanden hatte, sagte er, ich könne selbstverständlich mitgehen, wenn ich Lust dazu hätte.
«Danke.«
«Sie können heute morgen Fringe reiten, zweite Gruppe.«
«Nochmals danke.«
«Ihnen vielen Dank dafür, daß Sie Gareth gestern einen so schönen Tag bereitet haben.«
«Hat mir viel Spaß gemacht.«
Wir waren bei den Ställen angekommen und schauten wie gewöhnlich den letzten Vorbereitungen zu.
«Es war eine gute Kamera«, sagte Tremayne bedauernd.»So ein dummer Junge.«
«Ich hole sie zurück.«
«Auf dieser zweifelhaften Spur?«Er war skeptisch.
«Kann gut sein. Aber ich hatte gestern eine Landkarte und einen Kompaß dabei; ich weiß ziemlich genau, wo wir gewesen sind.«
Er schüttelte lächelnd den Kopf:»Sie sind wirklich außerordentlich umsichtig. Wie Fiona schon sagte, Sie holen uns ständig aus der Patsche.«
«Leider klappt das nicht immer.«
«Lassen Sie Drifter ordentlich galoppieren.«
Wir gingen in die Downs, und wenigstens dieses Mal blieb ich im Sattel; tatsächlich fühlte ich mich zum ersten Mal heimisch dort oben, als gehörte ich dorthin. Das Ungewohnte und Schwierige wurde zur zweiten Natur; genauso war es mir ergangen, als ich den Flugschein gemacht hatte. Sowohl bei Rennpferden als auch bei Heliko-ptern bedurfte es sensibler Hände für die ankommenden Signale, und beide taten normalerweise genau das, was man wollte, solange man die richtigen Signale zurückschickte.
Drifter flog in einem geschmeidigen, schnellen Rhythmus die Galoppbahn hinauf, und Tremayne meinte, er hätte gute Aussichten in Worcester, wenn mit seinem Blut alles in Ordnung sei.
Als ich das Pferd in den Stall gebracht hatte und zum Frühstück erschien, traf ich dort Mackie und Sam Yaeger. Sie saßen mit Tremayne am Tisch und besprachen die Rennen des Tages in Nottingham. Das Pferd, das Tremayne nominiert hatte, lahmte plötzlich, und ein anderer von Sams Starts war zurückgezogen worden, weil die Frau des Besitzers gestorben war.
«Jetzt bleibt mir nur eine Krücke übrig«, meckerte Sam.»Es hat gar keinen Sinn, überhaupt hinzugehen. Ich glaube, ich kriege eine Erkältung und arbeite am Boot weiter. «Ohne lange zu zögern ging er zum Telefon, krächzte seine Entschuldigung und heimste unverdientes Mitleid ein. Als er den Hörer auflegte, grinste er mich an.»Wo bleibt der Toast?«