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Paulo Coelho

Auf dem Jakobsweg

Sie sprachen aber:

Herr, sieh, hier sind zwei Schwerter.

Er aber sprach zu ihnen:

Es ist genug.

Lukas 12:38

Vorwort

Als ich vor zehn Jahren in ein kleines Haus in Saint-Jean-Pied-de-Port trat, war ich sicher, daß ich nur meine Zeit vergeudete.

Damals war meine spirituelle Suche mit der Vorstellung verbunden, daß es Geheimnisse, mysteriöse Wege und Menschen gab, die fähig waren, Dinge zu verstehen und zu kontrollieren, die den meisten Sterblichen versagt waren. Daher erschien mir der Gedanke reizlos, den >Weg der gewöhnlichen Menschen< zu gehen.

Viele aus meiner Generation - und auch ich zahle mich dazu - sind von Geheimnissen und Geheimgesellschaften fasziniert und gaukeln sich vor, daß nur was schwierig und kompliziert ist, uns am Ende das Mysterium des Lebens begreifen läßt. 1974 habe ich diesen Aberglauben teuer bezahlt. Dennoch hat sich, nachdem die Angst verflogen war, die Faszination für das Okkulte einen Platz in meinem Leben erobert. Als mein Meister mir vom Jakobsweg erzählte, erschien mir daher diese Pilgerreise nur mühsam und nutzlos. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, die R.A.M. zu verlassen, diese kleine, unbedeutende Bruderschaft, die aus der mündlichen Weitergabe der symbolischen Sprache entstanden war.

Als mich schließlich äußere Umstände dazu brachten, zu tun, was mein Meister von mir verlangte, beschloß ich, dass ich es auf meine Weise tun würde. Am Anfang der Pilgerreise versuchte ich, aus Petrus, meinem Führer, den indianischen Medizinmann Don Juan zu machen, die Figur, auf die der Schriftsteller Carlos Castaneda zurückgreift, um seine Berührung mit dem Außergewöhnlichen zu erklären. Ich glaubte, daß ich mit ein wenig Phantasie die Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg zu einer angenehmen Erfahrung und das, was enthüllt werden würde, zu etwas Okkultem, das Einfache zu etwas Komplexem, das Strahlende zu etwas Mysteriösem machen könnte.

Doch Petrus hat allen meinen Versuchen widerstanden, ihn zu einem Helden zu stilisieren. Das hat unsere Beziehung sehrcbelastet, und wir haben uns schließlich getrennt, weil wir beide fühlten, daß diese Nähe uns nirgendwohin führte.

Es mußte nach dieser Trennung erst geraume Zeit vergehen, bis ich begriff, was diese Erfahrung mir gebracht hatte. Sie gehört heute zu meinem kostbarsten Besitz: Das Außergewöhnliche findet sich auf dem Weg der gewöhnlichen Menschen. Sie erlaubt mir, alle Gefahren auf mich zu nehmen, um dem auf den Grund zu gehen, an das ich glaube. Sie hat mir den Mut verliehen, mein erstes Buch zu schreiben, Auf dem Jakobsweg. Sie hat mir die Kraft gegeben, dafür zu kämpfen, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, daß es unmöglich für einen Brasilianer sei, allein von der Literatur zu leben. Sie hat mir geholfen, würdig und beharrlich den guten Kampf zu führen, den ich tagtäglich mit mir selber austragen muß, wenn ich weiterhin den >Weg der gewöhnlichen Menschen< gehe.

Ich habe meinen Führer nie wiedergesehen. Als das Buch in Brasilien herauskam, versuchte ich, Kontakt zu ihm aufzunehmen, doch er hat nicht geantwortet. Als die englische Übersetzung erschien, freute mich der Gedanke, daß er nun endlich meine Version dessen lesen könnte, was wir gemeinsam erlebt hatten. Ich habe wieder versucht, ihn zu erreichen, doch er hatte inzwischen eine neue Telefonnummer.

Zehn Jahre später wurde >Auf dem Jakobsweg< in dem Land veröffentlicht, in dem ich meine Reise angetreten hatte, war ich Petrus doch auf französischem Boden zuerst begegnet. Ich hoffe, ihn eines Tages zu treffen, um ihm sagen zu können:

«Danke, ich widme dir dies Buch.«

Paulo Coelho

Prolog

«Und mögest du im heiligen Angesicht der R.A.M. das Wort des Lebens mit deinen Händen berühren und so viel Kraft daraus gewinnen, daß du bis ans Ende der Welt Zeugnis dafür ablegst.«

Der Meister hielt mein neues Schwert erhoben, ohne es aus der Scheide zu ziehen. Die Flammen knisterten in der Feuerstelle.

Dies war ein gutes Vorzeichen, denn es bedeutete, daß mit dem Ritual fortgefahren werden sollte. Da kniete ich nieder und begann mit nackten Händen in die Erde vor mir eine Vertiefung zu graben.

Es war in der Nacht des 2. Februar 1986, und wir befanden uns auf dem Gipfel des Gebirges Serra do Mar in der Nähe einer Felsformation mit dem Namen Agulhas Negras/Schwarze Nadeln. Außer meinem Meister und mir waren noch meine Frau, einer meiner Schüler, ein Bergführer aus dem Ort und ein Vertreter der großen, unter dem Namen >Tradition< bekannten Bruderschaft anwesend. Alle fünf, auch der Bergführer, der zuvor von dem in Kenntnis gesetzt worden war, was hier geschehen sollte, nahmen an meiner Ordination als Meister des R.A.M.-Ordens teil, einer alten christlichen, im Jahre 1492 gegründeten Bruderschaft.

Ich hatte eine lange, flache Kuhle in die Erde gegraben.

Während ich die Worte des Rituals sprach, schlug ich feierlich mit den Händen auf die Erde. Dann trat meine Frau zu mir. Sie überreichte mir das Schwert, dessen ich mich über zehn Jahre lang bedient hatte und das in dieser Zeit mein Helfer gewesen war. Ich legte das Schwert in die Kuhle, bedeckte es mit Erde und klopfte sie fest. Dabei stieg die Erinnerung an die Prüfungen, die ich durchlaufen hatte, an die Dinge, die ich gelernt hatte, und an die Phänomene in mir auf, die ich hervorzurufen imstande war, denn damals hatte ich stets dieses uralte Schwert, meinen großen Freund, bei mir gehabt. Nun würde die Erde es verschlingen, das Eisen seiner Klinge und das Holz seines Griffes würden den Ort wieder nähren, aus dem es soviel Macht geschöpft hatte.

Der Meister trat auf mich zu und legte mein neues Schwert vor mich auf die Stelle, an der ich das alte vergraben hatte. Da breiteten alle ihre Arme aus, und der Meister ließ um uns ein seltsames Licht entstehen, das zwar keine Helligkeit spendete, jedoch unsere Umrisse in eine andere Farbe als den gelben Schein tauchte, der vom Feuer ausging. Dann zog der Meister sein eigenes Schwert aus der Scheide und berührte damit meine Schultern und meinen Kopf und sagte:

«Aus der Macht und der Liebe der R.A.M. heraus ernenne ich dich zum Meister und Ritter des Ordens, heute und für alle Tage bis an dein Lebensende. R steht für Rigor, die Strenge, A steht für Amor, die Liebe, M steht für Misericordia, die Barmherzigkeit, R steht für Regnum, das Reich, A steht für Agnus, das Lamm, M steht für Mundus, die Welt. Wenn das Schwert dein ist, laß es nie lange in seiner Scheide, denn es könnte rosten. Doch wenn es seine Scheide verläßt, soll es niemals dorthin zurückkehren, ohne zuvor Gutes getan oder einen Weg gebahnt zu haben.«

Mit der Spitze seines Schwertes hatte er mich am Kopf leicht verletzt. Nun mußte ich nicht mehr schweigen. Ich mußte nunmehr weder verstecken, wozu ich fähig war, noch die Wunder verbergen, die ich auf dem Weg der >Tradition< zu vollbringen gelernt hatte. Von diesem Augenblick an war ich ein Mitbruder.

Ich hielt meine Hand ausgestreckt, um mein neues Schwert mit seinem schwarzroten Griff und seiner schwarzen Scheide zu ergreifen, das aus dem unzerstörbaren Stahl und aus dem Holz gemacht war, von denen die Erde sich nicht genährt hatte.

Doch als ich das Schwert an mich nehmen wollte und ich die Scheide berührte, machte der Meister einen Schritt nach vorn und trat mir so heftig auf die Finger, daß ich vor Schmerz aufschrie und meine Hände zurückzog.

Ich sah ihn an und wußte nicht, was ich davon halten sollte. Das seltsame Licht war verschwunden, und die Flammen ließen sein Gesicht wie eine Geistererscheinung wirken.

Er warf mir einen kalten Blick zu, rief meine Frau zu sich heran und übergab ihr das neue Schwert. Dann wandte er sich mit den folgenden Worten an mich:

«Zieh deine Hand zurück, denn sie klagt dich an! Der Weg der