Gebratene Wildschweine, Wein, der die ganze Zeit in Strömen floß, Musik, Geschichtenerzähler und Kämpfe. Vor meinem inneren Auge entstand ein lebendiges Bild, während Petrus die Geschichte zu Ende erzählte:
«Die Kämpfe begannen am 10. Juli mit der Ankunft der ersten Ritter. Quinones und seine Freunde kämpften tagsüber und feierten nachts große Feste. Die Kämpfe fanden immer auf der Brücke statt, damit niemand fliehen konnte. Irgendwann kamen so viele Herausforderer, daß auf der Brücke Feuer angezündet wurden, damit die Kämpfe bis in die frühen Morgenstunden andauern konnten. Alle besiegten Ritter mußten schwören, nie wieder gegeneinander zu kämpfen und ihr Leben künftig dem Schutz der Pilger auf dem Weg nach Compostela zu widmen.
Der Ruhm von Quinones machte in wenigen Wochen in ganz Europa die Runde. Außer den Rittern des Weges begannen nun auch Generäle, Soldaten und Banditen zu kommen, um ihn herauszufordern. Alle wußten, daß derjenige, dem es gelang, den tapferen Ritter von Leon zu besiegen, über Nacht berühmt werden und sein Name von Ruhm gekrönt sein würde. Doch während die Tapferen nur den Ruhm suchten, war Quinones'
Antrieb etwas viel Edleres: die Liebe zu einer Frau. Und dieses Ideal bewirkte, daß er aus allen Kämpfen siegreich hervorging.
Am 9. August endeten die Kämpfe, und Don Suero de Quinones wurde zum tapfersten und kühnsten aller Ritter des Jakobsweges ernannt. Von diesem Tage an wagte es niemand mehr, von eigenen mutigen Heldentaten zu erzählen, und die Edelleute machten sich wieder daran, den gemeinsamen Feind, die Banditen, zu bekämpfen, die die Pilger überfielen. Aus dieser Heldentat ging später der Militärorden des heiligen Jacobus vom Schwert hervor.«
Inzwischen hatten wir die kleine Stadt hinter uns gelassen; zu gern hätte ich noch einmal einen Blick auf den Ehrenhaften Übergang< geworfen, auf die Brücke, auf der sich diese Geschichte zugetragen hatte. Doch Petrus drängte weiter.
«Und was geschah weiter mit Don Quinones?«
«Er ist nach Santiago de Compostela gegangen und hat auf dem Reliquienschrein eine goldene Kette niedergelegt, die noch heute die Büste von Santiago Menor ziert.«
«Ich will wissen, ob er am Ende die Dame geheiratet hat.«
«Nun, das weiß ich nicht«, antwortete Petrus.»Damals schrieben nur Männer die Geschichte. Und wen interessierte schon inmitten all dieser Kämpfe das Ende einer Liebesgeschichte?«
Nachdem er mir die Geschichte von Don Suero Quinones erzählt hatte, verfiel mein Führer wieder in sein übliches Schweigen, und wir wanderten beide stumm und fast ohne Pause. Am dritten Tag drosselte Petrus endlich sein Tempo, mit der Begründung, er sei zu alt und nach dieser Woche auch zu müde, um diesen Schnellauf fortzusetzen. Wieder spürte ich, daß das nur die halbe Wahrheit war. Sein Gesicht wirkte durchaus nicht abgespannt, sondern eher sorgenvoll, als sollte bald schon etwas sehr Wichtiges geschehen.
An jenem Nachmittag waren wir in Foncebadon angekommen, einer großen Stadt, die nur noch aus Ruinen bestand. Die Zeit und die Witterung hatten die Dachbalken der Schieferdächer verrotten lassen. Die Ortschaft lag direkt an einem Abgrund, und vor uns erhob sich eines der bedeutendsten Wahrzeichen des Jakobsweges: das Eisenkreuz. Diesmal hatte ich es eilig, zu diesem merkwürdigen Denkmal zu gelangen, das aus einem riesigen, fast zehn Meter hohen Block bestand, den ein Kreuz aus Eisen krönte. Das Kreuz war zur Zeit der Invasionen Caesars zu Ehren Merkurs dort angebracht worden. In Fortführung einer heidnischen Tradition legten die Pilger der Rota Jacobea dort jeweils einen Stein nieder, den sie von weither mitgebracht hatten. Und auch ich hob einen der vielen Steine der verlassenen Stadt auf.
Ich beschleunigte meinen Schritt und merkte erst nach einiger Zeit, daß Petrus zurückblieb. Er untersuchte die verfallenen Häuser, machte sich an heruntergestürzten Bohlen und Überresten von Büchern zu schaffen, bis er sich endlich mitten auf den Hauptplatz der Stadt setzte, auf dem ein Holzkreuz stand.
«Laß uns etwas ausruhen«, sagte er.
Es war später Nachmittag, und selbst wenn wir noch eine Stunde rasteten, blieb noch genug Zeit, um vor Anbruch der Nacht beim Eisenkreuz anzukommen.
Ich ging zurück, setzte mich neben ihn und blickte auf die leeren Häuser. So wie die Flüsse ihren Lauf ändern, so änderten auch die Menschen ihren Standort. Die Häuser waren solide gebaut, und es mußte lange gedauert haben, bis sie einstürzten. Es war ein schöner Ort, mit Bergen im Hintergrund und einem weiten Blick über das Tal, und ich fragte mich, was die Menschen wohl dazu bewogen hatte, einen solchen Ort zu verlassen.
«Glaubst du, daß Don Suero de Quinones verrückt war?«fragte Petrus unvermittelt.
Ich wußte schon nicht mehr, wer dieser Don Suero war, und Petrus mußte mich an den Paso Honroso erinnern.
«Vermutlich nicht«, antwortete ich. Doch ich war mir meiner Antwort nicht ganz sicher.
«Er war aber verrückt, genauso wie Alfonso, der Mönch, den du kennengelernt hast. So wie auch ich, und meine Verrücktheit wird in den Zeichnungen offenbar, die ich mache. Oder wie du, der du dein Schwert suchst. In uns allen brennt die heilige Flamme der Verrücktheit, die von Agape genährt wird. Man muß deswegen nicht gleich Amerika entdecken oder mit den Vögeln sprechen wollen wie der heilige Franziskus von Assisi. Ein Gemüsehändler an einer Ecke kann diese heilige Flamme der Verrücktheit haben, wenn er das, was er tut, liebt.
Agape ist in allem, was Menschen tun, und sie ist ansteckend, weil die Welt nach ihr dürstet.«
Zwar hatte Petrus mir gesagt, wie ich über das Ritual der blauen Kugel Agape erzeugen konnte, aber wenn diese voll erblühen sollte, durfte ich keine Angst haben, mein Leben zu verändern. Wenn ich das, was ich tat, gern tat, war alles in Ordnung. Andernfalls sei es nie zu spät, um etwas zu verändern. Indem ich eine Veränderung zuließe, würde ich selbst zu einem fruchtbaren Feld, auf dem die schöpferische Phantasie keimen könne.
«Alles, was ich dich gelehrt habe, macht nur Sinn, wenn du mit dir selber zufrieden bist. Andernfalls wecken die Exerzitien, die ich dich gelehrt habe, in dir unausweichlich den Wunsch nach Veränderung. Und damit all die gelernten Exerzitien sich nicht gegen dich wenden, mußt du zulassen, daß eine Veränderung geschieht.
Dies ist der schwierigste Augenblick im Leben eines Menschen: wenn er den guten Kampf erkennt und sich außerstande fühlt, sein Leben zu verändern und zu kämpfen. Denn dann wendet sich das Wissen gegen den, der es besitzt.«
Ich blickte auf Foncebadon. Vielleicht hatten ja alle Bewohner gemeinsam diese Notwendigkeit einer Veränderung gespürt.
Ich fragte Petrus, ob er dieses Szenarium extra ausgewählt habe, um mir dies zu sagen.
«Ich weiß nicht, was hier geschehen ist«, antwortete er.»Häufig sind Menschen gezwungen, eine schicksalhafte Veränderung anzunehmen. Doch das meine ich nicht. Ich meine einen Willensakt, den konkreten Wunsch, gegen alles zu kämpfen, was uns in unserem Alltag unzufrieden sein läßt.
Wir stoßen auf unserem Lebensweg immer wieder auf Probleme, die schwierig zu bewältigen sind. Wie beispielsweise durch das Wasser eines Wasserfalls zu gehen, ohne abzustürzen. In solchen Fällen mußt du die schöpferische Phantasie wirken lassen. Bei dir ging es um eine Herausforderung auf Leben und Tod, und du hattest wenig Zeit, um dich zu entscheiden: Agape hat dir den einzigen Weg gewiesen.
Doch es gibt in diesem Leben Probleme, bei denen wir zwischen zwei Wegen wählen müssen. Alltägliche Probleme wie ein ministerieller Beschluß, das Zerbrechen einer Beziehung, ein gesellschaftliches Treffen. Jede einzelne kleine Entscheidung, die wir in unserem Leben treffen, kann eine Entscheidung zwischen Leben und Tod sein. Wenn du morgens das Haus verläßt, um zur Arbeit zu gehen, kannst du zwischen einem Transportmittel wählen, das dich heil an der Tür deiner Arbeitsstätte absetzt, und einem anderen, das in einen Unfall verwickelt wird und seine Insassen tötet. Dies ist ein krasses Beispiel dafür, welche Konsequenzen eine einfache Entscheidung für den Rest eines Menschenlebens haben kann.«