Obwohl sich finstere Gedanken nicht so ohne weiteres verdrängen lassen, sprachen wir nicht mehr darüber. Ellen erzählte ein wenig aus ihrem Leben, von den Umständen, die sie in jungen Jahren in diese abgeschiedene Gegend geführt hatten.
»Ist es nicht ein wenig ungewöhnlich, hier ein Hotel zu errichten?«, fragte ich.
»Eigentlich nicht«, antwortete Ellen. »Denk doch nur an das Unterwasserhotel im Marianengraben oder an das Space-Hotel, das um die Erde kreist. Die sind ständig ausgebucht.«
»Aber verträgt sich ein Hotelbetrieb denn mit der Ölförderung?«, wandte ich ein.
»Es geht ja zunächst nicht um Förderung, sondern um Probebohrungen. Die Insel liegt inmitten einer riesigen Eisscholle. Derzeit ist sie 160 Kilometer lang und 120 breit, wobei sich diese Maße ständig ändern. Momentan treibt sie langsam nach Norden, dabei bewegt sie sich über geologische Schichten, in denen man Öl vermutet. Alle ein bis zwei Monate findet eine Probebohrung statt – das dauert nur ein paar Tage und stört den Hotelbetrieb nicht.«
»Und wie vertreiben die Gäste sich hier die Zeit?«
Ellen lächelte, als wäre die Frage etwas naiv gewesen. »Wanderungen, Skitouren, Fahrten mit Motorschlitten und Mountain-Bikes. Es ist eine großartige Umgebung. Direkt am Ufer haben wir eine Eislandschaft mit Wasserrinnen aufgebaut, in denen man mit Booten herumfahren kann. Bei Dunkelheit ist alles künstlich beleuchtet. So können selbst im langen Winter Leute kommen, die Einsamkeit und Stille suchen. Wer hier gewesen ist, ist begeistert. Und trotzdem haben wir zu wenig Besucher.«
»Und wie lange soll der Betrieb noch weitergehen?«, fragte ich. »Das Eis ist doch schon seit Jahrzehnten im Abschmelzen begriffen.«
»Natürlich muss rasch etwas geschehen, um die Schmelzprozesse weiter zu verzögern. Alle zwei Wochen wird von Flugzeugen aus ein Mittel gestreut, das die Reflexion an der Oberfläche des Eises auf fast 100 Prozent erhöht. Dort unten, im Eispark, haben wir es absichtlich unregelmäßig verteilt. Dadurch haben sich diese abenteuerlichen Formationen mit tiefen Einschnitten und Höhlen gebildet.«
Mir fiel der merkwürdig seifige Geschmack des Schmelzwassers ein, den ich mir nicht erklären konnte – nun wusste ich, was ich da getrunken hatte …
Es war spät geworden, und wir wollten nun die hinterlegten Spionagegeräte aus ihrem Versteck holen. Die Küche war leer, so dass wir in Ruhe nach jenem Teil der Abdichtung suchen konnten, in dem das Material versteckt war. Die Stelle war durch ein eingekratztes Kreuz und zwei Pfeile markiert, und ich brauchte nur wenige Minuten, um die flache Schachtel herauszuhebein, die dort eingeschmolzen war. Dann schob ich das Stück der Abdichtung wieder an Ort und Stelle; die von mir verursachte Beschädigung war mit bloßem Auge nicht zu erkennen.
Zum Abschluss lud mich Ellen noch auf einen Martini in ihrem Apartment ein. Von irgendwo aus dem Hintergrund kam leise Musik. Wir sprachen nicht viel und hörten zu. Die Melodie klang einschmeichelnd und ein wenig klagend. Vielleicht deutete sich darin ein Zug Ellens an, den sie nicht so ohne weiteres offenbarte. Anfangs hatte sie ein wenig hart gewirkt, doch heute hatte ich einiges von ihr erfahren, was meine Meinung änderte.
Als die Klänge verstummten, war es, als hätte uns etwas in die Gegenwart zurückgerufen. Ich musste mich aufraffen, um zu sagen: »Es ist Zeit zu gehen.«
Ellen sah mir in die Augen. Dann sagte sie: »Ich möchte heute Nacht nicht allein sein.«
Also blieb ich bei ihr.
Der Weg nach Corleone erwies sich als höchst umständlich. Am einfachsten war es noch, zum ersten Zwischenstopp nach Rom zu kommen, aber auf den Anschlussflug zur nächsten Station, Palermo an der Nordküste Siziliens, musste Robin bis zum nächsten Tag warten. Er übernachtete in einem mittelmäßigen Hotel und nutzte die Gelegenheit, sich ein wenig in Rom umzusehen. Er staunte über die Menge von Ruinen, die dort herumstanden. Als er am nächsten Tag endlich in Palermo angekommen war, stellte sich heraus, dass es hier weder Schwebetaxis noch Helikopter für den öffentlichen Gebrauch gab, Robin musste ein altmodisches Auto für katalysierten Wasserstoff mieten. Es hatte ein Schiebedach, das offen stand und sich nicht schließen ließ, und so brannte ihm während der Fahrt die Sonne auf den Schädel.
Die Asphaltstraße führte in Serpentinen aufwärts, und nur an den Kehren hatte Robin Gelegenheit, kurze Blicke auf die Stadt zu werfen. Sie lag in einer Meeresbucht, von Bergen eingesäumt, und sah mit ihren vielen Kirchtürmen und Kuppeln wie ein Relikt aus einer märchenhaften Vergangenheit aus. Bei der Fahrt durch den Ort hatte Robin allerdings festgestellt, dass ein Großteil der Gebäude verfallen war.
Bald aber ging es auf holprigem Untergrund bergauf. Unvermittelt war er in eine öde Karstlandschaft geraten, die Straße wurde schmäler und ging in einen unbefestigten Feldweg über. Immer wieder enge Kurven, manchmal kam er gefährlich nah an Abgründen vorbei. Der Weg beanspruchte Robins ganze Aufmerksamkeit.
Er hatte bisher nur selten manuell bedienbare Autos benutzt, er saß ans Lenkrad geklammert und fühlte, wie ihm der Schweiß über die Stirn rann. Glücklicherweise herrschte nur wenig Verkehr, doch einige Male musste Robin entgegenkommenden Lastern ausweichen, die mit unglaublicher Geschwindigkeit über den holprigen Untergrund fuhren. Sie schleuderten Steine nach rechts und links und zogen Staubwolken hinter sich her. Gelegentlich begegnete er Traktoren, und zwei- oder dreimal musste er in den Straßengraben ausweichen, um Fahrzeuge vorbeizulassen, die von Tieren gezogen wurden.
Es war drückend heiß, und Robin kam nur langsam weiter. Man hatte ihm eine zerfledderte Straßenkarte mitgegeben, und doch bereitete es ihm Schwierigkeiten, den richtigen Weg zu finden. Am besten war es, nach dem nächsten Dorf Ausschau zu halten und es anzusteuern – nur dort gab es Wegweiser, nach denen man sich richten konnte. In einem davon verirrte er sich und musste den Wagen eine Viertelstunde lang durch ein Winkelwerk von steil auf- und abwärts führenden Gassen lavieren.
Schließlich tauchte vor ihm doch noch ein überdimensionales Schild mit dem Schriftzug »Corleone« auf, verbunden mit dem in mehreren Sprachen gegebenen Hinweis, dass es sich um die historische Stätte der Mafia handelte.
Vom Ort war noch wenig zu sehen, und das, was er sah, war doch etwas enttäuschend: ohne erkennbare Ordnung verteilte Häuser, schmutzig weiße Wände, flache, blassrote Dächer, über die nur ein einzelner Kirchturm auffällig emporragte. Auch gut, dachte Robin, schließlich bin ich nicht zur Erholung da.
Die Straße schwenkte auf eine grob gefügte Stadtmauer zu und mündete in einem großen, von einem Rundbogen überdachten Tor. Rechts daneben eine Reihe von blau, rot und grün lackierten Reisebussen. Waren die alle über die Feldwege auf der Hochfläche gekommen? Die Beulen an den Seitenwänden ließen darauf schließen.
Als Robin auf das Tor zufuhr, löste sich eine Gestalt mit Schirmmütze aus dem Schatten einer Nische und stoppte die Fahrt mit einem hochgehaltenen rot und weiß gestreiften Schild. In schwer verständlichem Englisch erklärte der Wächter, dass Robin seinen Wagen auf einem Parkplatz vor der Mauer zurücklassen musste, wofür er eine saftige Parkgebühr kassierte.
Seufzend schlug Robin den Staub, der durch das Dachfenster eingedrungen war, von den Kleidern. Er nahm seine Reisetasche auf und machte sich auf den Weg durch das Tor. Dahinter öffnete sich ein Platz, der auf der einen Seite von der Stadtmauer, auf der anderen von einer Front alter Häuser umgeben war. In der Mitte gab es einen Zeitungs- und einen Obststand, im Schatten der Mauer standen einige alte Elektro-Cars: Taxis, die offenbar auf Kunden warteten.