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Es war spätabends, als Robin nach der umständlichen Rückreise aus Corleone wieder zu Hause angelangt war. Es war kalt und regnerisch. Während der letzten Tage im sonnigen Süden hatte er sich nach den kühleren Temperaturen im Tal zwischen den Bergen gesehnt, doch dieser Temperaturunterschied war ihm doch etwas zu krass. Er begann zu frösteln und regelte die Temperatur in seiner Wohnung hoch.

Obwohl er einen langen Tag hinter sich hatte, war er nicht müde, sondern von ungewöhnlicher Unruhe ergriffen. Sicher lag es daran, dass er gern etwas über die Ereignisse der letzten zwei Tage erfahren hätte. Er überlegte, ob er sich heute, am Sonntag, noch bei Josz melden sollte, doch es war schon kurz nach elf, und er verschob es auf morgen. Er spielte auch mit dem Gedanken, Michèle anzurufen, doch was sollte sie von ihm denken, wenn er sie um diese Zeit aus dem Schlaf riss? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu gedulden. Morgen würde er alles Nötige erfahren.

Montag, 28. April

Robin war spät zur Ruhe gekommen, doch schließlich überwältigte ihn die Müdigkeit, und wider Erwarten fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Als er durch den elektronisch imitierten Gongschlag seines ComSets geweckt wurde, hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Es war Josz, der sich für den frühen Anruf entschuldigte und Robin bat, möglichst rasch zu einem Informationsgespräch zu kommen. Auf weitere Auskünfte ließ er sich nicht ein. Erst jetzt warf Robin einen kurzen Blick auf die Zeitanzeige: sieben Uhr am Morgen.

Eine Stunde später traf er im Bürogebäude ein. Er hatte gerade noch Zeit, in seinen Arbeitsraum zu gehen, um Michèle anzurufen. Er wusste, dass sie immer schon früh im Büro war, doch er hatte keinen Erfolg: Ein Schriftzug meldete: »Teilnehmer nicht erreichbar«.

Also machte er sich auf den Weg zum Treffpunkt. Der Ort, den ihm Josz genannt hatte, befand sich in einer der oberen, der Leitung des Gerichtshofs vorbehaltenen Etagen. Doch mit seiner I-Card kam Robin unbehindert durch die Sperre, Josz hatte nicht vergessen, ihn anzumelden.

Der Raum erinnerte an ein Tonstudio: Er war fensterlos, die Wände mit geriffelten Platten verkleidet, der Boden mit einem weichen Stoff bezogen, doch gab es weder Mikrophone noch Lautsprecher. Von dem, was hier erörtert wurde, sollte kein Laut hinausdringen.

Robin hatte nichts von der Existenz dieses hochgesicherten Besprechungszimmers gewusst. Es wurde nicht oft benutzt, normalerweise trafen sich hier nur die Angehörigen des obersten Führungsstabes, um ihre geheimsten Gedanken auszutauschen und die entscheidenden Beschlüsse zu fassen. Es musste sich schon um ungewöhnliche Dinge handeln, die ihm Josz eröffnen wollte.

Robin fragte, ob er nicht erst von seinen Erlebnissen auf Sizilien berichten sollte, doch Josz meinte, dass es sich nicht lohnte, sich noch länger mit diesem beschämenden Hereinfall zu beschäftigen.

»Wir haben uns alle täuschen lassen«, sagte Josz und kam damit doch noch einmal auf das leidige Thema zurück. »Corleone können wir vergessen. Das Wort bezog sich nicht auf den historischen Ort, sondern war ein Deckname für ein Quartier der Mafia in Kansas City.«

Auch Robin war es lieber, dass er seinen Misserfolg nicht näher erläutern musste. »Wie seid ihr Gorosch auf die Spur gekommen?«

»Er hat Umwege benutzt, um ans Ziel zu kommen. In Kansas City haben wir ihn wieder aus den Augen verloren. Er hat sich dort nur einige Stunden aufgehalten – offenbar, um sich Instruktionen zu holen. Aber er ist nicht zurückgekommen. Jetzt wird nach ihm gefahndet.«

»Und wie soll es weitergehen?«

Als Josz weitersprach, hatte sich der Tonfall seiner Stimme geändert – man merkte ihm an, dass es von nun an um erfreulichere Dinge gehen würde. »Ich habe die Erlaubnis erwirkt, dich über einige streng geheime Vorgänge zu informieren, und das ist auch der Grund dafür, dass ich dich in diesen Raum gebeten habe. Das Problem war folgendes: Wir wissen inzwischen, dass alle untergeordneten Mitglieder des Sicherheitsdienstes Angehörige einer der großen privaten Söldner-Organisationen sind, die im Dienst der Internationalen Security steht, und dass sie sich unter falschen Namen hier angesiedelt haben; wir könnten sie also wegen Dokumentenfälschung anklagen. Leider würde es viel zu lange dauern, bis wir genügend Beweise hätten – da wäre ihr Anschlag schon längst vorbei. Doch zum Glück haben wir eine schwache Stelle entdeckt, und das ermöglicht es uns, von einer ganz unerwarteten Seite her zuzuschlagen …«

Er machte eine Pause, und es war offensichtlich, dass er sich darauf freute, mit einer Überraschung aufzuwarten. »Ich will es kurz machen. Es war unsere Finanzabteilung, die den entscheidenden Tipp geben konnte. Diese Leute des Sicherheitsdienstes werden nämlich zusätzlich von ihrem geheimen Auftraggeber entlohnt. Und nun das Entscheidende: Sie haben beträchtliche Summen angenommen, aber nicht versteuert. Das ist eben der Unterschied: Während wir jedes kleinste Vergehen bis ins Detail aufklären und mit Beweisen belegen müssen, ehe wir aktiv werden dürfen, genügen für die Steuerbehörde ein paar Eintragungen in Bankformulare, statt der Recherchen bedarf es nur einiger einfacher Rechnungen: Additionen, Subtraktionen und Prozentrechnungen. Und wenn sich dabei ein Fehlbetrag erweist, dann sitzt der Betreffende in der Falle: gnadenlos, unverzüglich – und so gut wie verurteilt.«

Die Überraschung zeichnete sich in Robins Gesicht ab, und Josz genoss seinen Triumph. »Alles ist bis ins Kleinste vorbereitet. Wir brauchen nur noch zwei oder drei Tage, dann kommt es zu einer Massenverhaftung, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat.«

Erst allmählich begann Robin zu begreifen. Das war wirklich ein schlauer Plan, und er bewunderte Josz, der ihn sich ausgedacht hatte. Militär, Polizei, alle möglichen Ordnungsdienste waren längst in die Hände privater Unternehmer übergegangen, und niemand wusste genau, welche davon zur Mafia gehörten und welche nicht. Aber die Steuerbehörde war nun einmal eine von jenen wenigen Institutionen, die sich ihre Unabhängigkeit bewahrt hatten. Und sie arbeitete eng mit dem Internationalen Gerichtshof zusammen.

Als sich Robin darüber klar geworden war, fühlte er sich irgendwie befreit – als ließen sich durch diese Maßnahmen seine enttäuschenden Resultate in Corleone wettmachen.

Als sich Robin anschickte, den schalldichten Raum zu verlassen, fiel ihm noch etwas ein. »Ich hatte dir doch von jenem Dr. Occoroni erzählt, der mich im Keller seiner seltsamen Analyse unterzogen hat. Hast du daran gedacht – ich hatte darum gebeten, seine Personaldaten zu überprüfen. Können wir auch ihn über die Steueraktion erfassen?«

»Ich habe es nicht vergessen. Aber ich muss dich enttäuschen – er taucht zwar in den Honorarlisten auf, aber nur als freier Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung. Wir haben keine weiteren Daten von ihm. Da ist nichts zu machen.«

Robin war enttäuscht, aber er bedankte sich.

»Wir gehen der Sache weiter nach«, versprach Josz, bevor sie sich trennten.

Kurze Zeit darauf saß Robin wieder in seinem Büro. Ein weiteres Mal versuchte er, Michèle zu erreichen, doch an ihrer Stelle meldete sich eine Sekretärin. Robin erfuhr, dass Michèle von einer Uriaubsreise nicht zurückgekommen war – sie hatte sich telefonisch krank gemeldet. So versuchte er es noch einmal in ihrer Wohnung, aber wieder erschien nur der Schriftzug mit der Mitteilung, dass sie nicht zu erreichen war.

Irgendetwas stimmte da nicht. Die Frage, was mit Michèle geschehen war, beunruhigte ihn, aber im Moment konnte er nichts tun als abzuwarten.

Es wurde ihm nicht langweilig, denn er hatte genug zu tun. Josz hatte ihm ja ein erweitertes Arbeitsfeld eröffnet, das nebenbei auch eine Steigerung seiner Kompetenzen mit sich brachte. Durch seine neuen Aufgaben wurde Robin daran erinnert, dass inzwischen die Internationale Gipfelkonferenz begonnen hatte. Inzwischen war auch der Ort dieses Ereignisses bekannt gegeben worden: ein abgeschiedenes Hotel irgendwo in der Arktis. Das erste Mal wurden Aufnahmen von der Ankunft der Diplomaten auf der Eisinsel gezeigt – die phantastische Kulisse des Hotels, der Rundbau neben dem Bohrturm, der nun mit den Fahnen der beteiligten Nationen geschmückt war, wirkte wie ein Bühnenbild.