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Die Arbeiten, in die sich Robin nun vertiefte, hatten etwas mit dieser Konferenz zu tun, und schon nach kurzer Zeit stellte er fest, dass an ihrem ungestörten Verlauf gewisse Zweifel bestanden. Bei der Frage, welche Art von Störungen zu befürchten war, schienen seine Auftraggeber allerdings im Dunkeln zu tappen. In abgefangenen Mitteilungen, Ergebnissen von Abhörmaßnahmen und Meldungen von Agenten suchten sie nach konkreten Hinweisen, aber außer einigen vagen Verdachtsmomenten lagen noch keine Erkenntnisse vor. Die Recherchen, mit denen sich nun auch Robin zu beschäftigen hatte, speziell die Entschlüsselung codierter Nachrichten, sollten Licht ins Dunkel bringen.

Am späteren Nachmittag meldete sich sein Vidiphon. Der Schirm wurde hell, doch war kein Bild zu sehen. Fast hätte Robin abgeschaltet, als eine leise Stimme zu hören war. Sie klang merkwürdig verstellt, als wollte der Anrufer nicht von heimlichen Lauschern identifiziert werden. »Bitte, sag nichts. Treffpunkt wie beim ersten Mal. Heute. Derselbe Ort, dieselbe Zeit. Hast du verstanden?«

Das musste Michèle sein. »Verstanden. Aber …« – da hatte sie schon aufgelegt.

Michèle! Sicher meinte sie ihr erstes Treffen im Wintergarten des Kurhauses, den stillen Platz vor der Palmengruppe. Wie spät war es damals gewesen? Soweit er sich erinnerte, kurz vor zehn. Am liebsten wäre Robin gleich aufgebrochen, aber dann besann er sieh und versuchte ruhig zu bleiben. Die merkwürdige Art, wie Michèle mit ihm Verbindung aufgenommen hatte, ließ darauf schließen, dass ihr Zusammentreffen unbeobachtet bleiben sollte. Also wäre es unvernünftig gewesen, sich bereits jetzt, wo noch viele Menschen unterwegs waren, dort sehen zu lassen.

Die Zeit bis zum Aufbruch dehnte sich endlos. Robin versuchte, sich zur Fortsetzung seiner Arbeit zu zwingen, was ihm aber nicht sehr gut gelang. Ungeduldig wartete er den Dienstschluss ab und verlor dann keine Minute, um den Lift zu erreichen, bevor die Massen seiner Kollegen eintrafen. Es war noch viel zu früh, aber das glich er aus, indem er einen komplizierten Weg wählte, der ihn durch mehrere Kaufhäuser, Restaurants und Sportanlagen hindurchführte. Immer wieder blickte er sich unauffällig nach Leuten um, die ihm zu folgen versuchten, aber er konnte niemand Verdächtigen entdecken.

Als er den Platz vor den Palmen erreichte, löste sich eine Gestalt aus dem Schatten. Michèle trug einen bis über die Knie hinunterreichenden Mantel und eine Mütze, die sie tief in die Stirn gezogen hatte, und über der Schulter eine Reisetasche. Sie kam auf Robin zu.

»Ich bin so froh, dass du gekommen bist«, sagte sie sichtlich bewegt und umarmte ihn.

Robin, ein wenig überrascht, versicherte, dass sie sich auf ihn verlassen könne. »Was ist passiert? Du bist doch nicht krank?«

»Ich bin nicht krank«, sagte sie, »aber in einer sehr schwierigen Lage. Ich hoffe, du kannst mir helfen.«

Robin deutete auf eine der Bänke, und sie setzten sich.

Michèle schien sich allmählich wieder zu fassen.

»Eigentlich weiß ich selbst nicht, worum es geht. Es ist alles so merkwürdig – ich habe keine Ahnung, was es bedeuten soll …« Sie stockte und setzte noch einmal an. »Vergangene Woche war ich in ›Sanssouci‹. Es war am letzten Tag, als ich eine SMS bekam. Sie war ganz kurz und ohne Absender, aber sie konnte nur von Jan stammen. Ich solle sofort zurückkommen, aber weder meine Wohnung noch das Büro aufsuchen – ich sei in Gefahr. Ich bekäme bald eine ausführliche Nachricht über mein Miniphon – doch die kam nicht an … bis jetzt …«

»Was hast du dann getan?«

»Ich bin sofort abgereist. Die letzte Nacht habe ich bei einer Freundin verbracht. Aber … ich weiß nicht, ob ich dort sicher bin …«

Robin stimmte ihr zu. »Wahrscheinlich nicht – wenn dich jemand finden will … Du brauchst sofort ein sicheres Versteck, das ist zunächst einmal das Wichtigste.« Er runzelte die Stirn und überlegte kurz. Dann hellte sich seine Miene auf. »Ich habe eine Idee. Oben, in den Bergen, gibt es eine Skihütte, die ich mir gemeinsam mit einigen Sportsfreunden eingerichtet habe – damals, als die Düsenski in Mode kamen. Um diese Jahreszeit ist sie unbenutzt. Dort würde dich niemand suchen.«

»Und wie kommt man dorthin?«

»Es gibt einen unterirdischen Schrägaufzug. Von der Bergstation sind es nur ein paar Schritte zur Hütte. Was hältst du davon? Wenn du erst in Sicherheit bist, werden wir weitersehen.«

Michèle schien sein Vorschlag zu gefallen, sie sah nicht mehr ganz so verzweifelt aus wie zuvor, und jetzt, da es etwas zu tun gab, hatte sich auch Robins Stimmung gebessert.

»Komm, wir besorgen dir noch ein paar warme Kleidungsstücke und etwas Proviant. Da oben liegt noch Schnee. Alles andere, was du brauchst, findest du in der Hütte.«

Sie verließen den Kurpark, und Robin suchte mit Michèle ein Spezialgeschäft für Sport und Expeditionen. Neben einigen Konserven bekam Michèle einen warmen Overall und feste Schuhe, und auch Robin suchte sich eine Thermojacke aus.

»Getränke gibt es oben genug, ebenso eine Menge Nahrungsmittel. Auch ein Herd ist oben, der Raum lässt sich heizen, und ein altes Fernsehgerät steht auch noch herum«, kündigte Robin an.

Sie besorgten sich einen Leihwagen und fuhren an den Stadtrand. Von einer Straßenkehre aus konnte man zu einem großen Parkplatz abbiegen, und dort gab es einige kleine Bauten, die Talstationen mehrerer Skiaufzüge, die in verschiedene Richtungen den Berg hinaufführten. Wie es in dieser Gegend Vorschrift war, waren sie mit Hilfe von Excavatoren unterirdisch verlegt worden.

Robin führte Michèle zu einem der Holzbauten und tippte den Code in sein Miniphon. Die Tür öffnete sich. Sie betraten eine Kammer, an deren Rückwand eine Schiebetür offen stand. Man blickte in das bereitstehende Fahrzeug, das keine Sitze, sondern nur Liegematten aufwies.

Michèle wunderte sich, wie eng der Tunnel war – und entsprechend unbequem war auch das Gefährt, ein zylindrisches Objekt, in dem nur zwei Personen in halb liegender Stellung Platz fanden. Nachdem sie sich hineingezwängt hatten, drückte Robin den Startknopf … kurze Zeit später schloss sich die Schiebetür, und man hörte das heftige Zischen des Pressluftantriebs … Sekunden später wurde der Zylinder zunächst langsam in den Tunnel geschoben und beschleunigte dann mit einem Ruck … von der Geschwindigkeit war nur dann etwas zu bemerken, wenn das Fahrzeug in leichte Kurven ging und der Andruck die beiden Passagiere seitlich an die Metallwand drückte.

Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten, dann hielt der Gleitzylinder an, und die Schiebetür öffnete sich. Ein wenig mühsam stiegen sie aus. Sie waren in einem Verschlag angekommen, der durch eine alte Glühlampe notdürftig beleuchtet war. Sie schauderten, denn hier oben war es empfindlich kalt. Eilig zogen sie die von Robin besorgte warme Kleidung über und nahmen das Gepäck, dann drückte Robin die schwer bewegliche Tür auf - Schnee rieselte ihm entgegen.

Rundherum war es dunkel, doch Robin schaltete seine Katalyt-Lampe ein, die einen Lichtkeil in die Umgebung warf. Zwischen Felsen und Schneehaufen war da ein gewundener Steg zu erkennen. Der Boden war mit Schnee bedeckt. Wenig später tauchte die Hütte vor ihnen auf; die Aluminiumbeschichtung der Bretterwände spiegelte den Lampenschein. Die Tür ließ sich widerstandslos öffnen, eine starke Deckenlampe beleuchtete einen kleinen Raum, in dem ein Holztisch den dominierenden Platz einnahm. Im Hintergrund stand der Akku, der von Brennstoffzellen aufgeladen wurde. Sie stellten das Gepäck auf zwei Bänken ab, Robin schaltete die Heizung ein und stellte Teewasser auf.

Es war gemütlich hier: die Holzwände dicht mit Regalen, Bildern und Schnitzereien versehen, zwei kleine Fenster, ein Elektroherd, ein Spültisch, darüber die Hähne für Warm- und Kaltwasser. Im Hintergrund, durch zwei Schränke abgetrennt, eine breite Bettstatt, wo mehrere Menschen Platz fanden, darauf ein Stapel zusammengelegter Wolldecken.