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Bald war es wohlig warm, Michèle und Robin setzten sich an den Tisch und tranken Tee.

Michèle versuchte durch das Fenster hinauszusehen, aber es war nichts zu erkennen. Man sah ihr an, dass sie sich ein wenig unbehaglich fühlte. »Was soll ich tun, wenn jemand hier heraufkommt?«, fragte sie.

Robin schüttelte den Kopf. »Um diese Jahreszeit kommt niemand. Die Saison ist vorbei, angeblich besteht Lawinengefahr. Aber du wirst ja keine großen Wanderungen machen«, fügte Robin hinzu.

»Das habe ich in der Tat nicht vor«, antwortete Michèle ernsthaft.

Robin lachte beruhigend. »Im Übrigen hast du als mein Gast das Recht, dich hier oben aufzuhalten – falls dich das beruhigen sollte. Aber das Entscheidende ist doch, dass du hier vor Verfolgern sicher bist.«

Robin holte von einem Wandfach eine Schachtel mit Gewürzwaffeln, öffnete sie und schob sie zu Michèle hinüber.

Er setzte sich wieder, und seine Miene wurde ernst. »Jetzt möchte ich aber doch gern wissen, was du in ›Sanssouci‹ herausgefunden hast.«

»Da gibt es einiges, was bemerkenswert erscheint, aber der Klärung bedarf. Sehr weit bin ich dabei nicht gekommen. Jedenfalls hat sich Angelo mehrere Wochen hindurch dort aufgehalten, aber es war kein normaler Erholungsaufenthalt.«

»Sondern?«, fragte Robin.

»Worum es dabei ging, habe ich nicht herausbekommen«, sagte Michèle. »Ich vermute, es sollte eine Vorbereitung auf eine heikle Aufgabe sein. Zunächst habe ich mich nach Angelos Kontaktpersonen erkundigt. Es hat den Anschein, als wären einige Spezialisten zur Zusammenarbeit mit ihm herbeibeordert worden. Vielleicht zu einem Spezialtraining, vielleicht für einen besonderen Unterricht. Auch darüber konnte ich keine Einzelheiten in Erfahrung bringen. Da gab es beispielsweise Tassilo Bertheim – einen Drehbuchautor, der die Skripte zu einigen recht bekannten Abenteuerfilmen geschrieben hat. Wichtig war auch eine Psychoneurologin, Dr. Martha Feirer, eine Spezialistin für Gedächtnistraining; sie hat viele Tage mit Angelo verbracht. Ach ja, ein Schönheitschirurg war auch dabei, aber da besteht vermutlich kein tieferer Zusammenhang.«

Robin ging nicht darauf ein, aber er hielt es durchaus für möglich, dass es da einen Zusammenhang gab. Plastische Chirurgie als Mittel zur Tarnung – davon hatte er schon gehört.

»Dann ist mir noch jemand anderer aufgefallen, der offenbar mit Angelo in Verbindung stand: Sylvan Caretti, ein Extremsportler und Abenteurer. Er hat etwas mit einem Reisebüro zu tun, das sich Interact Adventure Tours nennt. Dieser Caretti muss irgendeine Bedeutung für Angelo haben, aber soviel ich herausbekommen habe, war er nicht in ›Sanssouci‹. Ich habe keine Eintragung gefunden.«

Robin schüttelte den Kopf, auf diese Eröffnungen konnte er sich keinen Reim machen. Dann fiel ihm noch etwas ein. »Bist du im Zusammenhang mit Angelo auf den Namen Occoroni gestoßen?«

»Nein. Ich habe auch daran gedacht, aber ich habe nichts gefunden.«

Beide schwiegen eine Weile, dann sagte Michèle: »Dieser Tag war sehr anstrengend für mich. Ich glaube, es macht wenig Sinn, wenn ich noch auf alle möglichen Einzelheiten eingehe. Pass auf: Ich habe eine Art Tagebuch geführt – ich überlasse dir die Aufzeichnung von meinem Diktat, darin wirst du sicherlich noch einiges finden, was ich bisher nicht erwähnt habe. Du solltest es lesen, und bei nächster Gelegenheit sprechen wir darüber.«

Robin nickte. »Es ist schon spät, ich werde mich auf den Rückweg machen. Ich glaube, du findest hier alles, was du brauchst.«

Er stand auf, und auch Michèle erhob sich. Sie blickte zu den Fenstern und in die dahinter angestaute Finsternis. Dann drehte sie sich wieder zu Robin und fragte leise: »Du willst mich allein lassen? Kannst du nicht hierbleiben? Es ist mir hier ein wenig unheimlich.«

Robin hatte sich schon vorher, als er Michèle an diesen einsamen Ort am Rande des Gebirges gebracht hatte, Gedanken darüber gemacht, ob er sie hier allein zurücklassen durfte. Und nun hatte sie die Frage selbst beantwortet.

Der Gedanke war verlockend, hatte er sich doch längst eingestanden, dass er sich unsterblich in Michèle verliebt hatte. Aber was Michèles Gefühle betraf, so war er sich nicht im Klaren … So zögerte er mit der Antwort. Doch er brauchte keine zu geben, denn Michèle trat auf ihn zu, lehnte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. Da zog er sie an sich und hielt sie fest, als wollte er sie nie mehr loslassen.

Michèles Aufzeichnungen

Do. – Spätabends angekommen. Kann nichts mehr unternehmen. Einige Prospekte durchgesehen, meine Kenntnisse über »Sanssouci« aufgefrischt und ergänzt. Ein weiträumiges Parkgelände, im Zentrum ein nachgebautes Renaissance-Schlösschen, innen Versammlungsräume, ein Holotheater, zwei Restaurants, mehrere Besprechungszimmer mit Netzzugriff, eine Infothek. Darum herum mehrere Gebäude, Gästehäuser, Sporthallen, ein Konzertsaal, eine Cyber-Kuppel für Schulungszwecke, aber auch als Kunstraum. Auf dem Orientierungsplan am Rand des Geländes noch viele andere nicht weiter gekennzeichnete Anlagen. Ein ganzes Heft über das Programmangebot: Vorträge zur Weiterbildung, Diskussionsabende, Kreativkurse, Gedächtnistraining, Konzentrationsübungen. Dazu eine Menge Kultur. Alles sehr vornehm, sehr gediegen und sehr langweilig.

Fr. – Gelände besichtigt. Beim Frühstück die anderen Gäste gemustert – ausnahmslos jene Sorte von Menschen, die sich ihrer Wichtigkeit bewusst sind und das auch nach außen erkennen lassen. Der Zutritt zu den Anlagen am Rande des Geländes ist gesperrt – den Grund unauffällig in Erfahrung bringen! Über das ComSet in einem leer stehenden Besprechungszimmer nach Informationen über Angelo gesucht, einige nichtssagende Daten gefunden. In den Listen der Feriengäste ist er nicht aufgeführt. Nach längerer Suche eine Eintragung aufgespürt: drei Monate war er in einem Trakt 2a untergebracht; auf dem Plan nicht eingezeichnet. Zwischendurch ist ein Klinikaufenthalt angegeben: 10 Tage Psychiatrie.

Bei einem Spaziergang zum gesperrten Teil des Geländes gekommen. Abtrennung durch eine unauffällige Ultraschall-Sperre. Einige Zeit beobachtet, Einblick durch Buschwerk erschwert. Auf einem Weg in der Nähe der Gebäude eine Gruppe von Männern und Frauen in weißen Kitteln gesehen. In der Nähe der Absperrung, innen, einen Mann beobachtet. Er bewegte sich langsam, unsicher. Als er näher kam, rief ich ihn. Er reagierte zögernd, aber er kam an die Sperre heran. Ich stellte ihm ein paar Fragen, aber er sah mich nur stumm an. Dann wandte er sich um und entfernte sich.

Mein Eindruck: Hier geht es nicht nur um die üblichen Erholungsmaßnahmen, sondern um nachhaltige Einwirkung auf die Mitarbeiter. Vielleicht um Schulung und Training mit den modernen Methoden des Persönlichkeits-Designs, vielleicht auch um Behandlung von Ausfallerscheinungen und psychischen Schäden in den Kreisen der Führungselite.

Am Abend wieder im internen Netz gestöbert. Die Liste der Gäste genau studiert. Die meisten sind Mitglieder des Gerichtshofs, manchmal auch mit Angehörigen, einige wenige offenbar Künstler und Wissenschaftler, die zur Mitwirkung an Vorführungen bzw. zu Vorträgen eingeladen waren und sich hier nur ein oder zwei Tage aufhielten. Die einzige Ausnahme war ein Autor von Filmdrehbüchern und Programmen für Erlebnistheater: Er war eine ganze Woche hier, und dann fand ich ihn auch noch für weitere drei Wochen als Gast im internen Teil eingetragen. Trakt 2a, wo auch Angelo untergebracht war, und überdies zur selben Zeit. Ein Zufall? Das will ich noch herausfinden.