Sa. – Ein Versuch, in den gesperrten Teil zu kommen, gescheitert. Im Holotheater ein Opernglas besorgt und das Gelände vom Terrassencafe der Cyber-Kuppel aus beobachtet. Von einem Mann angesprochen worden – was es da drüben Interessantes zu beobachten gäbe? Erst war ich erschrocken, doch seine Frage war offenbar nur ein Vorwand, um mich kennen zu lernen. Er erzählte, dass er Verhaltenskybernetiker sei und für die Kollegen drüben in der Klinik einen Kurs über die neuesten Methoden der Neuroelektronik abzuhalten habe. Als ich Näheres wissen wollte, zählte er einiges auf, was auf seinem Gebiet in der Zukunft zu erwarten sei: intrapersonelle Übertragung von gelernten Routinen, gezielte Veränderung persönlichkeitsrelevanter Eigenschaften, artifiziell eingeleitete multiple Bewusstseinsspaltung … Ich bat ihn, mir einiges über den gegenwärtigen Stand der Forschung zu erzählen, doch da zeigte er sich merkwürdig verschlossen. Aber er lud mich für den Abend zu einem Konzertbesuch ein, ich sagte zu, um eventuell doch noch etwas aus ihm herauszuholen. Doch das ging schief – ich hätte nicht gedacht, dass sich Verhaltenskybernetiker so plump anstellen, um Mädchen herumzukriegen.
Morgen ist mein Aufenthalt hier zu Ende. Die Ausbeute ist leider enttäuschend. Aber immerhin habe ich jetzt einige Vermutungen. So hat sich bestätigt, dass Angelo nicht zur Erholung in »Sanssouci« war, es ging wohl um eine ganz spezielle Vorbereitung auf seine Aufgabe. Vorher habe ich lediglich an eine besondere Schulung gedacht, jetzt aber habe ich den Verdacht, dass er auch schwerer wiegende Eingriffe über sich ergehen lassen musste. Aber was hatte der Drehbuchautor damit zu tun? Ach ja, ich habe noch herausgefunden, dass dieser das Expose für eine Sendung über Sylvan Caretti geschrieben hat.
Am späten Abend eine SMS von Jan bekommen: Ich solle »Sanssouci« so schnell wie möglich verlassen und mich einige Tage verstecken. Es würde sich bald alles klären, und er würde sich so bald wie möglich wieder melden. Morgen früh wollte ich ohnehin abreisen … Aber wo soll ich mich verstecken?
Am nächsten Morgen kam Robin zwei Stunden zu spät ins Büro. Er fühlte sich so glücklich wie nie zuvor und hatte Mühe, sich in seine Tagesarbeit zu vertiefen. Mit seinen Gedanken war er noch oben in der Hütte … Kaum zu glauben, dass dort, oberhalb der dichten Wolkendecke, die sich über das Tal breitete, eine Welt voll Licht und Sonnenschein existierte – blauer Himmel, glitzernd weißer Schnee. Und dass dort Michèle auf ihn wartete.
Robin hatte sich dazu zwingen müssen, wieder in die graue Welt des Alltags zurückzukehren, aber es hatte keinen Sinn, die Augen vor den Ereignissen dieser Tage zu verschließen. Schließlich war er darin verwickelt, und – so sagte er sich – eben diese Ereignisse waren es ja auch, die ihn mit Michèle zusammengebracht hatten.
Er folgte seinem Impuls und schaltete den Nachrichtensender ein.
Wie zu erwarten war, stand die Gipfelkonferenz im Mittelpunkt der Tagesmeldungen. Zwar ging daraus nicht klar hervor, ob die Verhandlungen schon begonnen hatten, doch dem äußeren Anschein nach verlief alles wie geplant.
Auch die Ermittlungen, die Robin am Tag zuvor eingeleitet hatte, waren bisher ohne konkreten Hinweis auf eine Störaktion geblieben. Falls an diesem Verdacht wirklich etwas dran war, dann war es den Drahtziehern gelungen, die Vorbereitungen absolut geheim zu halten.
Eigentlich war Robin froh darüber, denn so konnte er sich guten Gewissens Michèles Aufzeichnungen zuwenden.
Der Text selbst war nur kurz, aber doch weitaus interessanter, als Robin erwartet hatte. Michèle selbst war ja mit den Ergebnissen nicht zufrieden, aber Robin fand doch einiges, was er für aufschlussreich hielt. Besonders beachtlich erschien ihm die Tatsache, dass Angelo einige Zeit mit Psychologen und Neurologen zu tun gehabt hatte. Das erinnerte ihn an einiges, was er erst kürzlich erfahren hatte: bei den Ergänzungskursen, die er und seine Kollegen regelmäßig einmal im Jahr absolvieren mussten. Dabei ging es vor allem um neueste Techniken, die bei ihrer Arbeit nützlich sein konnten: Waffen, Abhörtechniken, Decodierungsverfahren, Auswertungsprogramme, aber auch um Erkenntnisse der Psychologie und Neurologie, die zur Beeinflussung verdächtiger Personen und zur Abwehr fremder Beeinflussungsversuche dienen konnten. Robin vermutete, dass man Angelo in dieser Fachrichtung einer besonders intensiven Schulung unterzogen hatte, um ihn auf seine wie auch immer geartete Aufgabe vorzubereiten.
Robin erinnerte sich aber auch an den Verdacht, den Michèle geäußert hatte: dass die Kur, der man van der Steegen in »Sanssouci« unterzogen hatte, zu seinem bedauerlichen Gemütszustand geführt haben könnte. Sollte es da eventuell einen Zusammenhang geben? Darüber wollte er am Abend mit Michèle sprechen.
Robin hatte sich vorgenommen, am Nachmittag Josz aufzusuchen, um das weitere Vorgehen zu besprechen, doch bevor er sich anmelden konnte, trat der in Robins Büro.
Er lehnte Robins Einladung, sich zu setzen, ab und blieb an die Fensterleiste gelehnt stehen.
»Ist die Abhörsicherung eingeschaltet?«, fragte er, und als Robin nickte, verkündete er: »Ich habe ein paar Neuigkeiten, vor allem, was die geplante Aktion betrifft: Wir kommen gut voran. Dabei haben sich ein paar Überraschungen ergeben.«
Als Robin etwas sagen wollte, wehrte Josz mit einer Handbewegung ab. »Ich will hier nicht über Details sprechen. Nur so vieclass="underline" Am Komplott sind mehr Mitarbeiter beteiligt, als wir geahnt haben. Eben erst hat man es mir mitgeteilt. Das versetzt uns in die Lage, gründlich aufzuräumen.«
Der Steuerfahndung entkommt keiner, der sich nicht korrekt verhalten hat, dachte Robin. »Wann ist es so weit?«, fragte er.
»Schon bald, in ein paar Tagen – sobald wir alles zusammenhaben. Es sind auch ein paar rechtliche Fragen zu klären, denn wir brauchen die Erlaubnis, alle Beteiligten in Gewahrsam zu nehmen. Das wird man uns nicht verweigern, denn die hinterzogenen Beträge, um die es geht, sind so hoch, dass wir uns auf Verdunkelungsgefahr berufen können.«
Die in Aussicht genommenen juristischen Kniffe interessierten Robin wenig, und er hatte auch den Eindruck, dass Josz noch etwas zu berichten hatte, aber damit nicht so recht herausrücken wollte.
»Dann ist ja alles auf dem besten Weg«, bemerkte er, »aber deshalb hättest du doch nicht extra kommen müssen. Gibt es noch etwas?«
Josz nickte, und seiner Miene war anzumerken, dass es sich um etwas Unangenehmes handelte. »Leider ja«, antwortete er. »Jan van der Steegen wurde entführt.«
Für Robin kam diese Nachricht unerwartet, war aber genau genommen gar nicht so überraschend – irgendetwas in dieser Art war ja zu erwarten gewesen.
»Weiß man schon Näheres?«, erkundigte sich Robin.
»Das letzte Mal, als Jan gesehen wurde, stieg er gerade in ein CityCar. Von dem Moment an war er von der Bildfläche verschwunden. Wie sich später herausstellte, war die Fahrt nicht registriert – das CityCar gehörte zu keinem der zugelassenen Beförderungsdienste. Also vermutlich ein Fahrzeug, das von den Kidnappern als Taxi getarnt war. Niemand ist etwas Besonderes daran aufgefallen.«
»Und wann hat sich herausgestellt, dass es eine Entführung ist?«
»Wir erhielten eine E-Mail, und über das Netz haben wir zu verhandeln versucht. Die Forderungen richteten sich auf Gorosch: Es wurde verlangt, ihn freizulassen.«
»Und was habt ihr nun vor?«
»Wir haben uns bereit erklärt, ihn freizulassen«, berichtete Josz. »Seit er enttarnt ist, kann er uns nicht mehr schaden, die Gesundheit von Jan van der Steegen hat Vorrang. Es geht jetzt nur noch um die Umstände des Austausches.«
Robin sah ein, dass es in dieser Situation keine Alternative gab.
»Da ist noch etwas, was du wissen solltest …«, sagte Josz ein wenig stockend. »Auch Michèle ist verschwunden. Sie hat sich eine Woche Urlaub genommen, ist aber am Montag nicht ins Büro gekommen, sondern hat sich telefonisch krank gemeldet. Ihr Fernbleiben scheint aber doch andere Gründe zu haben, denn wir können keine Verbindung mit ihr aufnehmen – sie ist nicht in ihrer Wohnung. Ich glaube nicht, dass auch sie entführt wurde, denn von ihr war bei den Verhandlungen keine Rede. Wir wissen noch nicht, was mit ihr passiert ist, aber wir gehen der Sache nach.«