Eigentlich sollte ich es ihm sagen, dachte Robin, aber das kam nicht infrage, solange Jan noch gefangen gehalten wurde. Oben in der Skihütte war Michèle in Sicherheit.
Nun endlich entschloss sich Josz, seinen Platz am Fenstersims zu räumen; er ließ sich auf dem Besuchersessel nieder. »Wir haben ja noch andere Probleme. Die Konferenz … bist du auf dem Laufenden?«
»Ja – soweit es sich um offizielle Meldungen handelt«, antwortete Robin. »Doch das ist nicht gerade viel. Ist denn schon etwas Genaueres darüber bekannt, was eigentlich zu befürchten ist? Und wer die Drahtzieher sind?«
»Es sind mafiaähnliche Gruppierungen, die verschiedene gewinnträchtige Industriezweige in ihre Hand bringen wollen. Es besteht der Verdacht, dass sich unter den Diplomaten auch solche befinden, die im Auftrag dieser Leute handeln und die freie Wirtschaft zu untergraben versuchen. Aber wir wissen eben nicht, mit welchen Mitteln sie dieses Ziel zu erreichen versuchen. Womöglich handelt es sich bloß um die üblichen diplomatischen Tricks, aber da müssen Politiker eben selbst darauf achten, dass sie nicht über den Tisch gezogen werden.«
»In die Verhandlung können wir nun einmal nicht eingreifen«, sagte Robin ein wenig süffisant. »Und mit Gewalt von außen, mit Demonstrationen, Aufmärschen und Revolten ist wohl auch nicht zu rechnen.«
»Es ist alles für die Sicherheit getan. Darum hat man ja diesen abgeschiedenen Tagungsort gewählt. Und trotzdem … irgendetwas stimmt da nicht, ich habe das im Gefühl.«
»Aber dafür muss es doch Verdachtsmomente geben.«
Josz schwieg ein paar Sekunden. Wahrscheinlich überlegte er, wieweit er die Karten auf den Tisch legen sollte.
»Schließlich haben wir ja auch Agenten, von denen wir einiges darüber erfahren, was auf der Gegenseite geplant ist. Daher wissen wir beispielsweise, dass sich die leitenden Persönlichkeiten in den letzten Monaten auffällig oft zu geheimen Besprechungen getroffen haben. Doch zu einigen von unseren Mitarbeitern, die in diesem Sektor eingesetzt sind, ist der Kontakt vor Kurzem abgebrochen – bei allen fast zur selben Zeit.«
Josz schwieg und wartete auf die Reaktion von Robin, der ihm zustimmte: »Das kann kein Zufall sein.«
»Im Übrigen betrifft es auch einen unserer wichtigsten, mit einer Sonderaufgabe betrauten Agenten. Wenn alles wie geplant abgelaufen ist, befindet er sich bereits am Schauplatz des Geschehens. Er hatte die Order, die Verbindung mit uns aufrechtzuerhalten, wenn es irgendwie möglich ist. Nun, von ihm haben wir ebenfalls seit zwei Wochen nichts gehört. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich an dich gewandt habe: Du sollst alle anderen Aufträge hintanstellen und nach Funksprüchen von ihm suchen. Vielleicht sind sie gestört, vielleicht sind nur Fragmente angekommen, die man nicht identifiziert hat. Es kann auch sein, dass an anderen Stellen etwas aufgefangen und nicht weiter beachtet wurde. Schließlich sind seine Nachrichten verschlüsselt – hier habe ich die Code-Nummer notiert.«
Josz holte einen Zettel aus seiner Jackentasche und schob ihn zu Robin hinüber.
»Unter welchem Namen meldet er sich?«, fragte Robin.
»Sein Codewort ist ›Schneemann‹«, antwortete Josz und stand auf, als hätte er es plötzlich eilig. »Ich hoffe, dass du etwas findest. Es wäre wichtig.«
Er hob die Hand zum Abschied und ging hinaus. Für Robin war jetzt der Vorhang, hinter dem sich nach allem, was sie wussten, eine üble Verschwörung vorbereitete, ein wenig durchsichtiger geworden.
Tief in Gedanken versunken ging Robin in sein Arbeitszimmer zurück. Vorderhand war er wieder mit Arbeit eingedeckt, die einige Verantwortung mit sich brachte und ihn unter anderen Umständen voll beansprucht hätte.
Andererseits stand einiges, was ihm Josz mitgeteilt hatte, in direktem Zusammenhang mit Michèle. Eigentlich sollte er ihr so rasch wie möglich von Jans Entführung berichten, aber sie hatten vereinbart, tagsüber keinen Kontakt miteinander aufzunehmen – schließlich wurden alle über das Netz hergestellten Verbindungen registriert, und so bestünde die Gefahr, dass sich auch Unbefugte darüber informieren und den Aufenthaltsort von Michèle herausfinden konnten. Außerdem wollte ihr Robin die Neuigkeit lieber persönlich überbringen – wer wusste, wie sie darauf reagieren würde. So machte sich Robin an die Arbeit, aber seine Gedanken schweiften immer wieder zu ihr ab.
Tagsüber bemühte sich Robin, eine Spur von Angelo ausfindig zu machen – doch trotz einiger Anstrengung ohne Erfolg. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als alle Außenstationen anzuweisen, auf Funkmeldungen von Angelo zu achten und ihn im Falle eines Falles umgehend zu verständigen. Er sehnte den Abend herbei, um die Arbeit abschließen zu können, und dann galt es, keine Minute zu versäumen, um möglichst schnell zu Michèle zu kommen.
Für Robin hatte sich ein Traum erfüllt: Da gab es jemanden, der ihn so glücklich machen konnte, wie er es noch nie erlebt hatte.
Die Sonne stand schon tief, als er an der Bergstation des Skilifts ankam. Michèle hatte in der Hütte gewartet, und als sie ihn durch das Fenster kommen sah, lief sie ihm entgegen.
Dann lag sie ihm in den Armen. »Wie gut, dass du endlich hier bist – es war ein langer Tag«, flüsterte ihm Michèle ins Ohr. Erst nach einer Weile lösten sie sich voneinander und gingen zurück zur Hütte.
Während sie dahinstapften, berichtete Michèle, wie sie die langen Stunden in der ungewohnten Umgebung verbracht hatte. Es war ein schöner, sonniger Tag gewesen, die Einsamkeit auf der schneebedeckten Hochfläche hatte sie tief beeindruckt, sie hatte sich sogar hinaus ins Freie gewagt und einen kurzen Spaziergang durch den Schnee unternommen. Aber natürlich hatte sie die Ereignisse der letzten Tage nicht vergessen und ihre Unruhe nur mühsam unterdrücken können.
Erst als sie am Tisch saßen und Tee tranken, erzählte ihr Robin, was geschehen war.
Robin konnte beobachten, wie sich der eben noch fröhliche Gesichtsausdruck der jungen Frau innerhalb von Sekunden zu einer starren Maske verdüsterte.
»Entführt –«, sagte Michèle, »das also ist die Erklärung für Jans Nachricht. Wie kam es dazu? Ist ihm etwas passiert?«
»Darüber ist nichts bekannt«, antwortete Robin bedrückt. »Josz berichtete, dass es auf der Fahrt mit einem Schwebetaxi geschehen ist. Es war offenbar ein nicht registriertes CityCar. Wahrscheinlich hat Jan, als er bemerkte, dass etwas nicht in Ordnung war, dir noch rasch die Nachricht geschickt – so erkläre ich es mir.«
Michèle dachte eine Weile nach, und Robin unterbrach sie nicht. Dann sagte sie: »Ich muss mich selbst darum kümmern. Ich muss zurück.«
Robin runzelte die Stirn. »Denk an das, was dir van der Steegen geraten hat: Du solltest dich in Sicherheit bringen, er hält dich für gefährdet …« Aber Michèle ließ das nicht gelten.
»Du hast ja gehört, um was es geht – Jan ist in einer gefährlichen Situation. Jetzt sind die Dinge ins Laufen gekommen, dazu werde ich gebraucht. Ich muss mich darum kümmern, dass es zum geplanten Austausch kommt.«
Alle Einwände von Robin nutzten nichts. Michèle bestand darauf, ohne Zeitverzug zurückzukehren. So traurig er auch darüber war, blieb Robin nichts anderes übrig als zuzustimmen. Sie brachten die Hütte notdürftig in Ordnung, nahmen ihr Gepäck und trugen es zur Station. Der Gleitzylinder stand bereit, sie stiegen ein und fuhren hinunter.
Es war dunkel geworden, der Parkplatz war leer. Mit seinem Miniphon rief Robin ein CityCar. Zwei Minuten später war es da, er stieg ein und gab Michèles Adresse an.