»Ich nehme an, dass man den Schlüssel auch irgendwie herausholen kann, ohne die Scheibe einzuschlagen«, meinte Ellen.
Wir besorgten uns einen Werkzeugkasten, und Ellen brachte mich in einen Abstellraum in der Etage mit den Diensträumen und Büros. An einer Wand, wie angekündigt, die schwere Metalltür und daneben das Kästchen. Ich brauchte lediglich mit dem Stemmeisen die Metallplatte der Seitenwand anzuheben, um an den Schlüssel heranzukommen.
Mit einiger Mühe öffnete ich die Tür, eisiger Wind schlug mir entgegen, und ich trat noch einmal in den Gang zurück, um meine Thermojacke anzuziehen und die Mütze mit den Ohrenschützern aufzusetzen. Ich dankte Ellen, die zurück zur Arbeit musste, und trat hinaus. Den Werkzeugkasten nahm ich mit und stellte ihn außen neben der Tür ab.
Nach dem Aufenthalt in den warmen Räumen des Hotels wirkte die Kälte wie ein Schock … nur wenige Tage war ich in der geschützten Umgebung gewesen, und schon spürte ich Anzeichen von Verweichlichung? Aber ich gewöhnte mich rasch an die Umstände, und bald begann ich die frische Luft zu genießen. Ich fühlte mich wieder einmal in meinem Element: von einer rauen Umwelt gefordert und allen Anforderungen gewachsen.
Es war schon ziemlich dunkel, dünner Nebel lag wie Watte über den metallenen Bodenflächen, doch ich versuchte, ohne Taschenlampe auszukommen. Ich wusste nicht, wie die Miliz darauf reagieren würde, wenn mich jemand außerhalb des geschlossenen Bereichs entdeckte.
Meine Augen gewöhnten sich schnell an die schwache Beleuchtung; es war, als lösten sich allmählich die bizarren Formen dieses verlassenen technischen Wunderwerks aus einem grauen Nebeclass="underline" hoch über allem anderen das Gestänge des Bohrturms, darum herum die scheinbar regellos zum Himmel emporgereckten Arme der Kräne, mit offenen Metalltreppen verbundene Plattformen, dicke Stränge dicker Röhren, die rundlichen Umrisse von Tanks und viele andere Dinge, deren Zweck ich nicht erraten konnte.
Der Wind hatte den Nebel vertrieben, der Himmel war von den Wolken befreit und breitete sich wie eine schwarzblaue Kuppel über den See und die rundherum liegende Hügellandschaft aus Eis. Und dann deutete sich mit einem kaum wahrnehmbaren Flackern ein besonderes Schauspiel der Natur an: etwas Unsichtbares, Hauchzartes, von dem dennoch ein körperloses Leuchten ausging, ein diffuses grünes Band und dann noch eines, beide leicht bewegt, von weißen und rosa Streifen begrenzt, und das Ganze inmitten von atmosphärischem Blau.
Durch das Nordlicht wurde mein Ausflug ins Freie zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Der farbendurchwirkte Himmel hatte aber auch eine praktische Wirkung – indem er mir den Weg wies: Zuerst wollte ich mir von weiter oben eine Übersicht verschaffen … Ich stieg zunächst einige Treppen hinauf, über eine Folge von Kehren bis zur höchsten Plattform direkt unter dem Bohrturm. Die Stufen wie auch der Boden bestanden aus geriffeltem Metall, was wohl das Ausgleiten verhindern sollte, denn manche Stellen waren mit Eiskrusten überzogen. Von Balken und Streben hingen Eiszapfen herunter, und als ich einmal versehentlich eines dieser Gebilde berührte, brach es in mehrere Stücke, die dann am Boden neben mir zersplitterten.
Hier oben wehte der Wind mit ungedämpfter Kraft, aber von hier hatte ich auch eine wunderbare Aussicht auf das Meer, in dessen Wellen der Abglanz des Himmels als Teppich schwankender Reflexe erschien.
Doch dann wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen: Dort unten regte sich etwas, ein grellweißer Lichtschein glitt plötzlich tief unter mir über eine Metallwand und ein daran anschließendes Geländer … dann war die Erscheinung vorbei, und ich hörte den dumpfen Klang einer zufallenden Tür.
Ich klappte die Ohrenschützer hoch, um besser zu hören. Eine Weile blieb ich unbewegt stehen … Ich hatte mich nicht getäuscht, denn eine Minute später wiederholte sich die Szene, nur dass die beleuchtete Wand zwischendurch kurz von einem dahinhuschenden Schatten verdunkelt wurde. Kein Zweifeclass="underline" Dort unten hielten sich Menschen auf, die derzeit eigentlich nichts auf der Bohrinsel zu suchen hatten. Der Sache musste ich auf den Grund gehen.
Bisher hatte ich nicht darauf geachtet, dass meine Schritte über das Blech des Untergrunds Lärm verursacht hatten, doch jetzt setzte ich die Füße vorsichtiger auf. So kam ich langsam tiefer. In den unteren Ebenen standen die Anlagen etwas kompakter, es gab quaderförmige Bauten, Container, die als Arbeits- oder Schlafräume dienen mochten.
Mein Ziel war jener Platz, an dem ich den Lichtschein gesehen hatte. Es war das Hauptdeck in zentraler Lage, genau unterhalb des Bohrturms. Die Mitte war von einem Gebäude mit sechseckigem Grundriss besetzt, daneben gab es einige kleine Bauten, darunter, um die Ecke im Hintergrund, auch einen Verschlag mit einem Schildchen, auf dem ein stilisiertes Männchen zu sehen war. Das war wohl die Örtlichkeit, die jener Mensch besucht hatte, der vorhin kurz unterwegs gewesen war und den von mir beobachteten Lichteffekt verursacht hatte.
Am meisten interessierte mich der Zentralbau, der nicht nur größer, sondern auch höher war als alle anderen. Von oben lief das Bohrgestänge in das Dach hinein. Aus der Nähe erkannte ich mehrere schwach beleuchtete Fenster. Ich schlich mich an eines heran und blickte hinein: im Inneren mehrere Männer, die sich an einer Anlage zu schaffen machten, deren Zweck sich mir nicht erschloss. Es war ein bis zur Decke reichender Aufbau in Form eines stehenden Zylinders, der an einer Seite geöffnet war. Ins Innere der Höhlung konnte ich nicht blicken, aber ich beobachtete, dass zwei der Männer einen kleinen, aber schweren Gegenstand hineinzusetzen versuchten. Andere saßen an Arbeitstischen und Pulten, auf denen verschiedene Geräte standen; aus den zugehörigen Displays und Skalenfenstern schloss ich, dass es sich um Messeinrichtungen handelte. Was ging hier vor? Ich hatte ein flaues Gefühl.
Die beiden Männer am Zylinder hatten ihr Werk vollendet. An den Gesten erkannte ich, dass einer der beiden etwas zu den übrigen sagte, was von meiner Position aus nicht zu hören war. Es schien ein Zeichen für den Schluss der Arbeit gewesen zu sein, denn die Leute holten aus einem von mir nicht einsehbaren Winkel Jacken und Mützen und schickten sich an, die Blechhütte zu verlassen.
Jetzt war es aber höchste Zeit, mich aus dem Staub zu machen! Ich wollte losrennen, doch da öffnete sich schon die Tür, und so schien es mir unauffälliger, mich mit ruhigen Schritten zu entfernen, von hinten war ich vermutlich nicht von den anderen zu unterscheiden …
Doch da hörte ich eine Stimme, die zweifellos mir galt: »He, du … Was machst du hier?« Er hatte englisch gesprochen, mit einem harten Akzent.
Da ich mich an einer überdachten Stelle befand, wo der Schatten etwas tiefer war, konnte er mich kaum erkennen. Ich zog mir die Mütze tiefer ins Gesicht, drehte mich um und rief: »Ich hab’s eilig … bin gleich wieder da.« Dabei bemühte ich mich, in ähnlich hartem Tonfall zu sprechen, und deutete in die von mir eingeschlagene Richtung.
Ich bog um die Ecke, hinter der die Toilette stand, öffnete die Tür – und warf sie mit lautem Knall zu … von außen, denn nun hatte ich es wirklich eilig. Ich zog mir die Schuhe von den Füßen und lief in Socken lautlos zur nächsten hinaufführenden Treppe. In einer Ecke blieb ich kurz stehen und sah mich um … Dort tauchte ein Mensch auf, sah sich kurz um – und verschwand wieder.
Verdammt, das war knapp gewesen. Nichts wie weg! So rasch ich konnte, lief ich die Stufen hinauf … Vor Aufregung spürte ich zuerst nicht einmal das kalte Metall an den Fußsohlen, und auch als dann die Kälte durchdrang, hielt ich durch, bis ich die Pforte zum Hotelinneren erreichte. Ich packte den Werkzeugkasten, trat ein, verschloss die Tür und verstaute den Schlüssel. Dann setzte ich mich auf eine Kiste und rieb mir die Füße, die sich nun wie Eisklumpen anfühlten. Es dauerte lang, bis ich sie wieder auf normale Temperatur gebracht hatte und mich so weit erholt hatte, um den Schlüsselkasten wieder in die ursprüngliche Form zu bringen. Dann sah ich zu, dass ich in mein Zimmer kam.