»Und jetzt haben wir auch noch den Kontakt mit diesem Mitarbeiter verloren«, sagte Trov. »Es ist ein Kollege von euch, und darum hoffen wir, dass ihr die Verbindung wiederherstellen könnt. Die Situation ist viel ernster, als wir angenommen hatten – es wäre außerordentlich wichtig.«
Er schwieg wieder, beide blickten uns an, als ob wir diese Frage jetzt schon beantworten könnten.
Schließlich sagte Josz: »Die Aufgabe übernehmen wir gern, doch wir brauchen Hintergrundinformationen.«
»Die sollt ihr bekommen«, versprach Trov und blickte Beatrice auffordernd an.
»Es handelt sich um eine Mission«, sagte Beatrice, »die unter strengster Geheimhaltung vor sich ging. So nehme ich an, dass ihr auch nichts davon wisst. Der Kollege von euch, den wir damit betraut haben, heißt Angelo Brugger; vielleicht kennt ihr ihn. Wir haben ihn monatelang auf seine Aufgabe vorbereitet. Vor allem ging es darum, ihn auf unverdächtige Weise in das Globe-Hotel einzuschleusen. Ihr habt es sicher schon in den Nachrichten gesehen, es liegt völlig einsam mitten im Eismeer der Arktis. Wir hatten uns genau darüber informiert, welche Methoden der Kontrollen der Sicherheitsdienst anwenden würde, um Unbefugte zu entlarven. Neben den üblichen Methoden der Identifikation sollten auch moderne Lügendetektoren eingesetzt werden. Wir mussten also dafür sorgen, dass unser Agent ein neutrales Alias nicht nur äußerlich annimmt, sondern auch daran glaubt, diese Person zu sein. Dabei haben wir die neuesten Methoden der Schönheitschirurgie und der Gedächtnisneurologie angewandt. Wir fanden eine unverdächtige Person, deren Identität Angelo annehmen konnte. Es war ein Abenteurer, der kurz zuvor tödlich verunglückt war: Sylvan Caretti. Es ist uns gelungen, seinen Tod zu verheimlichen. Angelo wurde operiert, so dass seine Gesichtszüge jenen von Sylvan glichen. Von der Statur her gab es keine auffälligen Unterschiede. Weitaus schwieriger war es, seine Gedankenwelt so zu manipulieren, dass er als Sylvan auftreten konnte …«
»… und sich auch als Sylvan fühlte«, fiel ihr Trov ins Wort. »Es war eine Meisterleistung unserer Mitarbeiter aus der neurologischen Abteilung. Sie unterdrückten seine bisherigen Erinnerungen und speicherten stattdessen Sylvans Vergangenheit ein. Für die Übergangszeit ließen wir von einem bekannten Autor ein Drehbuch schreiben, und wir sorgten auch dafür, dass der neue Sylvan, um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern, einen spektakulären Auftritt in der Öffentlichkeit hatte. Diese Aktion ging durch die Medien und machte ihn weithin bekannt. Noch wichtiger allerdings war es, ihn auf seine Aufgabe einzustellen, die in seinem Bewusstsein höchste Priorität haben musste. Wir wandten das an, was man früher als posthypnotischen Befehl bezeichnet hat; heute kennen wir weitaus bessere Mittel, um diesen Effekt hervorzurufen. Wir erreichten damit, dass er die Anfangskontrollen überstehen konnte, sich aber später – ausgelöst durch ein Schlüsselsignal – auf seine eigentliche Aufgabe einstellen konnte. Und dass diese Aufgabe in all seinen Gedanken absolute Priorität hatte.«
»Kann man diese Eingriffe wieder rückgängig machen?«, fragte Robin und hatte gleich danach den Eindruck, dass er diese Frage besser nicht aufgeworfen hätte. Er war tief bewegt, denn der Bericht von Beatrice war die erste Bestätigung für das, was bisher nur ein unbestimmter Verdacht gewesen war. War der phantastische Einsatz, den Beatrice da beschrieb, tatsächlich nach Plan verlaufen?
»Ich nehme es an«, antwortete Beatrice sichtlich irritiert, und es war leicht zu erkennen, dass sie sich für dieses Problem bisher nicht interessiert hatte. Sie fing sich aber schnell und gab im Folgenden eine genaue Beschreibung der ersten Schritte Sylvans, die ihn schließlich zum Einsatz in der Arktis bringen sollten. Durch eine vorgetäuschte Gefahrensituation wurde er zum Absprung bewegt, und dann sollte er so reagieren, wie es der Logik nach vorauszusehen gewesen war. Der vorausberechnete Weg sollte ihn direkt zum Hotel führen, in dem er seiner Aufgabe nachzukommen hatte.
»Von diesem Zeitpunkt an haben wir nichts mehr von Sylvan gehört«, berichtete Trov. »Inzwischen verstärkt sich für uns der Eindruck, dass es bei der Konferenz tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht. Das muss aufgeklärt werden – wir müssen die Verbindung mit Sylvan unbedingt wiederherstellen.«
Wieder entstand eine Pause. Trov rief nach dem Bediensteten und ließ Getränke bringen. Ein Kellner servierte Gläser mit einer goldgelben Flüssigkeit, die würzig schmeckte und nach getrockneten Blumen roch. Josz und Robin lehnten sich in die Stühle zurück und ließen sich durch den Kopf gehen, was ihnen eben eröffnet worden war.
Durch das Glasfenster hindurch sah man die Autos in voller Fahrt auf ihren gewundenen Wegen, umgeben von der Masse des Publikums – eine Masse, die sich in Wellen bewegte wie ein aufgepeitschtes Meer. Manchmal drang ein Rauschen durch die Glaswand, das an einen Sturm denken ließ. Selbst in diesem abgeschiedenen Raum mit seinem sinnlosen Luxus waren Josz und Robin ein wenig betäubt von den aufwühlenden Eindrücken aus einer Welt künstlich erzeugter Gefahr.
Die ihnen gestellte Aufgabe war schwierig und verlangte großes Verantwortungsgefühl. Sie würden sie übernehmen, daran bestand kein Zweifel. Einerseits weil es ohnehin keine Möglichkeit zum Widerspruch gegen einen erhaltenen Auftrag gab, andererseits weil es eine Aufgabe war, von deren Gelingen das Gleichgewicht der Welt abhing. Doch für Robin kam noch etwas hinzu: weil er dadurch endlich erfahren hatte, was mit Angelo geschehen war.
Es fragte niemand, ob sie den Auftrag annehmen wollten. Beatrice hatte angekündigt, dass die beiden Ermittler die notwendigen detaillierten Daten bekommen würden, sie sollten sie studieren und sich dann ihr weiteres Vorgehen genehmigen lassen.
Damit waren sie entlassen.
Der von den beiden Vorstandsmitgliedern erteilte Auftrag war alles andere als einfach – ging es doch um Informationen, die strengster Geheimhaltung unterlagen. Noch am selben Abend hatten sich Josz und Robin im Büro noch einmal zusammengesetzt und nach Ideen gesucht. Als sie dann kurz nach Mitternacht ein Resümee zogen, war allerdings nicht viel Brauchbares zusammengekommen. Josz wollte versuchen, das Hauptquartier ihrer Gegner zu finden und dann mit einer internationalen Sondereinheit der Polizei eine Durchsuchung durchzuführen.
Robin wollte sich an eine ganz andere Fährte heften. Erst am Tag zuvor hatte er sich nach dem Stand der Ermittlungen bei Fay erkundigt und erfahren, dass die Beträge, um die es bei ihr ging, doch erheblich höher waren als erwartet – so hoch, dass eine Festnahme durchaus berechtigt war. Und da erschien die Geschichte, die sie Robin erzählt hatte, längst nicht mehr so glaubhaft.
Da sich Fay auffällig von den übrigen Verhafteten unterschied, hatte man in ihrem Fall unverzüglich mit der weiteren Untersuchung begonnen, und dabei waren einige bemerkenswerte Fakten ans Tageslicht gekommen: vor allem, dass Gorosch zu ihren Kontaktpersonen gehörte. Da bestand also tatsächlich eine direkte Verbindung zur Mafia, und das bestärkte Robin in der Hoffnung, mit Hilfe von Fay zu den gewünschten Informationen zu kommen.
Schon am Montag kurz nach Dienstbeginn wurde Robin aktiv. Zuerst besorgte er sich eine Vollmacht vom Vorstand, die ihn dazu ermächtigte, Fay aus dem Gefängnis zu holen.
Robin beabsichtigte, diese Aktion eindrucksvoll zu inszenieren. Er erschien eine Stunde vor Mitternacht im Gefängnis, ließ sich in Fays Zelle führen und deutete an, dass höchste Eile geboten war – so dass Fay annehmen musste, dass diese Aktion nicht ganz legal war, obwohl auch diesmal eine Beamtin dabei war und das Geschehen mit misstrauischem Gesichtsausdruck verfolgte.
Als Untersuchungsgefangene trug Fay ihre eigene zivile Kleidung. Sie raffte ihre wenigen persönlichen Dinge, die in einem Schrank verstaut waren, zusammen, warf sie in eine Tasche, und dann machte sich Robin mit ihr auf den Weg hinaus. Um die verschiedenen Kontrollen zu passieren, hatte er Dokumente vorbereitet, und so kamen sie ohne Schwierigkeiten ins Freie. Als sie um die Ecke gebogen waren und der hässliche Bau hinter ihnen verschwunden war, schlang Fay die Arme um Robin und küsste ihn.