Dann standen sie ein wenig unschlüssig da. »Wo wohnst du?«, fragte Robin.
»Dort fühle ich mich nicht sicher«, erklärte Fay, und sie wirkte dabei ungewohnt ängstlich. »Du wirst mich doch jetzt nicht allein lassen. Darf ich nicht bei dir bleiben?«
»In Ordnung«, sagte Robin, »Komm mit, es ist nicht weit – wir können zu Fuß gehen.« Er wollte Fay sowieso nicht aus den Augen verlieren – vielleicht hätte sie sich einfach davongemacht.
Als sie in Robins Apartment angekommen waren, servierte er eine Dose mit Ingwerschnitten und eine Flasche Traubennektar, und sie setzten sich zusammen an den Tisch. Fay wollte sich gerade bei Robin für die Befreiung aus dem Gefängnis bedanken, doch der winkte ab.
»Es ist schon spät, und du wirst müde sein. Wir haben einiges zu besprechen, doch das hat Zeit bis morgen.«
So schnell konnte Fay die letzten Tage nicht vergessen, und sie schilderte Robin die Unannehmlichkeiten, denen sie ausgesetzt war. Und sie fügte schließlich hinzu: »Das Schlimmste war die Ungewissheit. Ich wusste nicht, warum man mich verhaftet hat und wie lange man mich festhalten wollte.«
»Denk jetzt nicht mehr daran«, riet Robin. Er fragte sie, ob er ihr noch etwas zu essen oder zu trinken bringen könnte, und zeigte ihr dann die Einrichtungen. »Ich werde auf der Couch schlafen«, schlug er vor. »Du kannst das Bett nehmen.«
»Kommt gar nicht infrage – für mich genügt die Couch«, widersprach Fay, und Robin war schließlich einverstanden. Er suchte Bettwäsche und ein Kissen im Schrank und reichte Fay einen Bademantel.
»Darf ich duschen?«, fragte sie, und Robin hatte nichts dagegen.
Während sich Fay im Bad aufhielt, legte er sich ins Bett. Er hörte das Wasser rauschen und später das Geräusch des Föhns. Wie lange ist es her, dass ich ein Mädchen zu Gast hatte, fragte er sich.
Als Fay aus dem Bad kam, verbreitete sie einen zarten Geruch von Seife und Parfüm. Sie wünschte ihm eine gute Nacht, legte sich auf die Couch und zog sich die Decke bis zum Hals. Die Beleuchtung war auf Dämmerlicht heruntergeregelt, trotzdem konnte er erkennen, dass Fay unter dem Bademantel nackt war.
Obwohl es für Robin ein anstrengender Tag gewesen war, konnte er nicht einschlafen. Er lauschte den leisen Atemzügen von Fay. War sie schon eingeschlafen?
Nach einer Weile hörte er leise Schritte. Fay kam an sein Bett heran und sagte: »Auf der Couch ist es doch nicht so bequem, wie ich gedacht hatte.« Sie schlüpfte neben ihm unter die Decke und schmiegte sich wie selbstverständlich an ihn …
Der zweite Tag der Geiselhaft
Der nächste Morgen. Es war ein piepsendes Geräusch vom ComSet her, das mich weckte. Ich hatte ein Alarmprogramm eingestellt, das auf die akustische Charakteristik menschlicher Stimmen eingestellt war, und tatsächlich hatte der Tag im Sitzungssaal begonnen. Wie ich zu meinem Erstaunen feststellte, war es sechs Uhr früh.
Offenbar hatte man die Gefangenen rüde geweckt, ich hörte die bellende Stimme von Rocco, der den Geiseln außer einigen Flaschen Wasser kein Zugeständnis machte. Er verweigerte ihnen ein Frühstück und gewährte auch keinen Zugang zu den Waschräumen. Nur beim Gang zur Toilette konnten sie sich am Waschbecken Hände und Gesicht notdürftig waschen. Dabei wurden sie von Soldaten bewacht. Leider spielte sich nun ein Teil des Geschehens außerhalb des Erfassungsbereichs meiner Kamera ab, so dass ich manches nur akustisch mitbekam.
So merkte ich nur an einer plötzlich einsetzenden Ruhe, dass sich die Situation verändert hatte. Es war Ezequiel, der Anführer, der eingetreten war und auch keine Zeit verschenkte.
»Seid ihr bereit zu unterschreiben?«, fragte er.
Dann die Stimme Mangalis: »Keiner von uns wird sich dem Zwang unterwerfen. Keiner wird seine Unterschrift geben. Wir protestieren noch einmal …«
Auf einmal war er still. Ich wusste nicht, was da geschehen war. Ich hörte Geräusche, Poltern, einen Schrei. Dann Schritte, der Schlag einer zufallenden Tür.
Dann wieder Ezequieclass="underline" »Wen nehmen wir uns als Ersten vor? Der alte Mann dort hinten ist besonders störrisch, aber Sie werden staunen, wie schnell er seine Meinung ändert.«
Wie ich später erfuhr, hatte man Downfield ausgewählt und trotz seiner Gegenwehr in einen Nebenraum gebracht.
Es war die blanke Angst, die nun die Stimmung im Saal beherrschte. Keine Gespräche, nur ein paar undefinierbare Laute. Kein Geräusch aus dem Nebenraum.
Wie lange dauerte die Wartezeit? Es waren nur wenige Minuten, aber sie kamen mir unerträglich lang vor.
Doch dann ging alles schnell. Jetzt bewegte sich wieder etwas auf dem Monitor. Downfield lag auf einer Trage, die zwei Soldaten hereinbrachten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er die Hände an sein krankes Bein gepresst. Durch den Stoff der Hose sickerte Blut. Ich konnte es sehen, denn er befand sich jetzt wieder im Bereich der Kamera.
Downfield begann zu ächzen, aber er war bei Besinnung. Es war schwer zu verstehen, was er sagen wollte. »Ich habe unterschrieben … ich konnte nichts dagegen tun …«
»Sie sehen, ich bin kein Anhänger der modernen Verhörmethoden«, ließ sich Ezequiel vernehmen. »Auch die alten führen zum Ziel. Jetzt nehmt die da, eine Dame lässt man nicht warten.«
Vera Cherkoff, die frühere Sportlerin, setzte sich heftig zur Wehr, sie gab einem Soldaten einen Fußtritt in den Unterleib, der ihn außer Gefecht setzte, und zerkratzte einem anderen, der sie festzuhalten versuchte, das Gesicht. Dann aber unterlag sie der Übermacht und verschwand im Nebenraum.
Bei ihr dauerte es beunruhigend lang. Im Gegensatz zu Downfield kam sie auf ihren eigenen Füßen und aufrecht zurück, allerdings mit zerrissener Kleidung. »Diese Schweine«, sagte sie. »Ich wollte es nicht zulassen … aber es blieb mir nichts anderes übrig.« Sie setzte ein paar Worte hinzu, die wie ein russischer Fluch klangen, und ließ sich in einen der Sessel fallen.
Der nächste war Bonfrere. Nahezu 20 Minuten war er draußen gewesen, dann erschien er äußerlich unversehrt, doch sah man ihm den Schrecken an, den er erlitten hatte.
Mit tränenerstickter Stimme sagte er: »Sie wollen sich an meinen Enkelkindern vergreifen. Sie haben sie in ihre Gewalt gebracht. Wie konnte ich mich da wehren?«
Ezequiel hatte seine Liste in der Hand und musterte jene, die noch übrig geblieben waren. »Alvaro Mir, Gewerkschaften – stimmt’s?«
»Hören Sie«, sagte Mir, als der Anführer auf ihn zeigte. »Sie brauchen sich keine Mühe zu geben: Ich werde unterschreiben.« Er drehte sich zu den Kollegen um und sprach weiter, jetzt hastig und stotternd. »Ich bin natürlich nach wie vor gegen den Antrag. Diese Unterschrift hat doch keine Gültigkeit, warum soll ich mich deswegen quälen lassen …«
Alle Blicke ruhten auf ihm, einige verächtlich, einige hoffnungsfroh. Würde man sich auf diese Weise die Tortur ersparen?
Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit auf den Anführer, der ein triumphierendes Lächeln erkennen ließ, aber nicht gleich antwortete. Dann erklärte er: »Ich bin Soldat und kein Unmensch. Wer freiwillig unterschreibt, braucht nicht dazu gezwungen zu werden.« Dann gab er seinen Leuten den Befehl, den Mann in der Kampfjacke in den Nebenraum zu bringen. Er sträubte sich und ließ sich jammernd durch den Saal schleifen, bis die Tür hinter ihm zuschlug.
»Was meint ihr?«, fragte Olfsson mit gedämpfter Stimme. »Wenn man auf diese Weise ungeschoren davonkommt …? Es hat wirklich keinen Sinn, sich zu wehren. Seien wir ehrlich – am Ende unterschreibt doch jeder.«