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»Habt ihr denn die Wölfe gesehen?« fragte der Hasenfuß Kostja.

»Hier gibt es ihrer immer viele«, antwortete Pawel. »Aber sie sind nur im Winter unruhig.«

Er hockte sich wieder am Feuer hin. Indem er sich auf die Erde setzte, ließ er eine Hand auf den zottigen Nacken eines der Hunde fallen, und das erfreute Tier wandte seinen Kopf lange nicht weg und blickte Pawluscha dankbar und stolz von der Seite an.

Wanja verkroch sich wieder unter die Bastdecke.

»Du hast uns solche Gruselgeschichten erzählt, Iljuscha«, begann Fedja, der, als der Sohn eines reichen Bauern, in der Unterhaltung den Ton angab (er selbst sprach wenig, als fürchtete er, sich etwas an seiner Würde zu vergeben). – »Da mußten auch die Hunde zu bellen anfangen … Aber das stimmt, ich habe gehört, dieser Ort ist bei Nacht nicht recht geheuer.«

»Warnawizy …? Das will ich meinen! So unrein ist der Ort! Man sagt, man hätte dort mehr als einmal den alten Herrn, den verstorbenen Gutsherrn, gesehen. Er geht, sagt man, in einem langschößigen Kaftan herum, stöhnt immer und sucht etwas auf der Erde. Einmal traf ihn Großvater Trofimytsch: ›Was suchst du, Väterchen Iwan Iwanytsch, auf der Erde?‹«

»So fragte er ihn?« unterbrach ihn Fedja erstaunt.

»Nun, dann ist Trofimytsch ein tapferer Kerl … Und was geschah dann weiter?« »›Ich suche das Sprengkraut‹, sagte er ihm. So dumpf sagte er das: ›Sprengkraut‹. – ›Was brauchst du denn, Väterchen Iwan Iwanytsch, das Sprengkraut?‹ – ›Es drückt mich‹, antwortete er, ›das Grab drückt mich, Trofimytsch; ich will hinaus, hinaus …‹«

»Seht ihn einmal an!« bemerkte Fedja. »Er hat wohl zuwenig gelebt.«

»Was für ein Wunder!« versetzte Kostja. »Ich hätte geglaubt, man könnte die Verstorbenen nur am Gedächtnis-Sonnabend sehen.«

»Die Toten kann man zu jeder Stunde sehen«, erklärte Iljuscha mit Überzeugung; wie ich merkte, kannte er besser als die anderen alle ländlichen Aberglauben … »Aber am Gedächtnis-Sonnabend kannst du auch einen Lebendigen sehen, das heißt, einen solchen, der im kommenden Jahr sterben soll … Man braucht sich nur nachts vor die Kirchentür zu setzen und immer auf die Straße zu schauen. Dann gehen alle vorbei, die in dem Jahr sterben sollen. Bei uns ging so im vergangenen Jahr die alte Uljana vor die Kirchentür.«

»Nun, sah sie jemand?« fragte Kostja neugierig.

»Gewiß. Erst saß sie lange, lange, sah und hörte niemand. dann war es ihr, als belle irgendwo ein Hündchen … Plötzlich sieht sie: Auf dem Weg geht ein Junge im bloßen Hemdchen. Sie sieht hin, es ist Iwaschka Fedossejew …«

»Der im Frühjahr gestorben ist?« unterbrach ihn Fedja.

»Derselbe. Er geht und hebt sein Köpfchen nicht … Aber Uljana erkannte ihn … Später sieht sie: Da kommt eine Frau. Sie sieht hin, sieht hin – ach du mein Gott! – , es ist die Uljana selbst, die auf der Straße daherkommt.«

»War es denn wirklich sie selbst?« fragte Fedja.

»Bei Gott, sie selbst.«

»Sie ist aber doch noch gar nicht gestorben?«

»Das Jahr ist noch nicht um. Sieh sie aber bloß an: Sie lebt kaum.«

Alle wurden wieder still. Pawel warf eine Handvoll trockene Zweige ins Feuer. Sie hoben sich erst schwarz von der plötzlich auflodernden Flamme ab, begannen zu knistern, zu rauchen, warfen sich und streckten die angebrannten Enden empor. Der Schein des Feuers verbreitete sich zitternd nach allen Seiten, besonders nach oben. Plötzlich kam ein weißes Täubchen, niemand wußte woher, gerade in den Lichtschein hereingeflogen; es drehte sich ängstlich auf einer Stelle, vom heißen Glanz übergossen, und verschwand dann mit lautem Flügelschlag.

»Hat sich wohl verirrt«, bemerkte Pawel. »Jetzt wird sie fliegen, bis sie auf etwas stößt; dort übernachtet sie dann bis zum Morgengrauen.«

»Was meinst du, Pawluscha«, versetzte Kostja. »Vielleicht war es eine gerechte Seele, die in den Himmel flog, wie?«

Pawel warf eine neue Handvoll Reisig ins Feuer.

»Kann sein«, sagte er endlich.

»Sag mal bitte, Pawluscha«, versetzte Fedja, »hat es auch bei euch in Schalamowo ein Himmelszeichen gegeben?«

»Als man die Sonne plötzlich nicht sah? Gewiß.«

»Da wart ihr auch erschrocken?«

»Nicht wir allein. Unser Herr hat uns zwar vorher gesagt, daß es ein Himmelszeichen geben wird, als es aber finster wurde, da erschrak auch er, sagen die Leute. In der Gesindestube schlug aber die Köchin, als es finster wurde, mit der Ofengabel alle Töpfe entzwei: ›Wer soll jetzt essen?‹ hat sie gesagt. ›Es ist der Jüngste Tag.‹ So lief die ganze Kohlsuppe heraus. Bei uns im Dorf ging aber das Gerücht, Bruder, daß weiße Wölfe auf die Erde gelaufen kommen und die Menschen auffressen, daß Raubvögel geflogen kommen; auch daß man den Trischka selbst sehen würde.«

»Was für einen Trischka?« fragte Kostja.

»Weißt du das nicht?« begann Iljuscha mit Eifer. »Wo kommst du denn her, Bruder, wenn du nichts von Trischka weißt? Ihr sitzt wohl bei euch im Dorf wie die Tölpel und wißt von nichts! Trischka wird so ein wunderbarer Mensch sein, der einmal kommen wird – so wunderbar, daß man ihn weder ergreifen noch ihm etwas antun kann: So ein wunderbarer Mensch wird er eben sein. Die Bauern werden ihn zum Beispiel ergreifen wollen; sie werden mit Knüppeln auf ihn losgehen und ihn umstellen, er wird sie aber blenden, so daß sie einander verprügeln. Oder man wird ihn zum Beispiel ins Gefängnis sperren; er wird um Wasser bitten; man wird ihm einen Krug mit Wasser bringen, er wird aber darin untertauchen und verschwinden. Man wird ihn in Ketten legen, er wird aber bloß in die Hände klatschen, und die Ketten werden von ihm herunterfallen. So wird dieser Trischka über die Dörfer und Städte ziehen; und dieser Trischka, der arglistige Mensch, wird das christliche Volk verführen … aber tun kann man ihm nichts … So ein wunderbarer, arglistiger Mensch wird er sein.«

»Ja, gewiß«, fuhr Pawel mit seiner bedächtigen Stimme fort, »so wird er sein. So hat man ihn auch bei uns erwartet. Die Alten sagten, Trischka würde kommen, sobald das Himmelszeichen beginnt. So begann das Himmelszeichen. Das ganze Volk lief auf die Straße, aufs Feld und wartete, was wohl kommen würde. Unser Ort liegt aber, wie ihr wißt, hoch und frei. Sie sehen: Vom Berg her kommt ein seltsamer Mensch, hat einen so merkwürdigen Kopf … Da schreien alle: ›Ach, Trischka kommt! Ach, Trischka kommt!‹ Und jeder rettete sich, wohin er konnte. Der Schulze verkroch sich in den Straßengraben; die Schulzenfrau blieb im Spalt unter dem Tor stecken; sie schrie mit wilder Stimme und erschreckte ihren eigenen Hofhund so, daß er sich von der Kette losriß, über den Zaun sprang und in den Wald davonrannte. Kusjkas Vater, Dorofejitsch, sprang aber in den Hafer, hockte sich hin und fing an wie eine Wachtel zu schreien: ›Vielleicht wird der Seelenverderber mit dem Vogel Erbarmen haben.‹ So waren wir alle erschrocken …! Der Mann aber war der Böttcher Wawila: Er hatte sich eine neue Holzwanne gekauft und sie über den Kopf gestülpt.«

Alle Jungen fingen zu lachen an und verstummten wieder für eine Weile, wie es oft mit Menschen passiert, die sich unter freiem Himmel unterhalten. Ich sah mich um: Feierlich herrschte die Nacht; an die Stelle der feuchten Frische des späten Abends war die trockene mitternächtliche Wärme getreten, die noch lange als weiche Decke auf den schlafenden Fluren ruhen sollte; es war noch lange bis zum ersten Laut des Lebens, bis zu den ersten Tautropfen des Morgens.

Der Mond stand nicht am Himmeclass="underline" Um diese Zeit ging er spät auf. Zahllose goldene Sterne schienen sämtlich, um die Wette flimmernd, in der Richtung der Milchstraße langsam zu ziehen, und wenn man sie ansah, fühlte man wirklich den ungestümen, unaufhörlichen Flug der Erde … Ein seltsamer, scharfer, schmerzvoller Schrei erklang plötzlich zweimal nacheinander über dem Fluß und wiederholte sich einige Augenblicke später etwas weiter …