»Es sind die Schnepfen, die im Flug pfeifen.«
»Wo fliegen sie denn hin?«
»Dorthin, wo es keinen Winter gibt.«
»Gibt es denn solch ein Land?«
»Gewiß.«
»Ist es weit?«
»Weit, sehr weit, hinter den warmen Meeren.«
Kostja seufzte auf und schloß die Augen.
Es waren schon mehr als drei Stunden vergangen, seit ich mich zu den Jungen gesetzt hatte. Der Mond war endlich aufgegangen; ich hatte ihn nicht sogleich bemerkt; er war so klein und schmal. Diese mondlose Nacht schien ebenso prächtig wie früher … Aber viele Sterne, die erst vor kurzem hoch am Himmel gestanden hatten, neigten sich schon dem dunklen Rand der Erde zu; alles ringsum wurde so vollkommen still, wie es nur vor Tagesanbruch still wird: Alles schlief einen festen, unbeweglichen Morgenschlaf. Die Luft duftete nicht mehr so stark, sie schien wieder von Feuchtigkeit erfüllt … Kurz sind die Sommernächte …! Das Gespräch der Jungen erlosch zugleich mit den Feuern … Sogar die Hunde schlummerten; auch die Pferde lagen, soweit ich beim schwachflimmernden Licht der Sterne unterscheiden konnte, mit gesenkten Köpfen … Ein Vergessen bemächtigte sich meiner und ging in Schlummer über.
Ein frischer Lufthauch streifte mein Gesicht. Ich schlug die Augen auf: Es tagte. Der Himmel rötete sich noch nirgends, aber im Osten war es schon weiß. Alles ringsum wurde, wenn auch noch verschwommen, sichtbar. Der blaßgrüne Himmel wurde immer heller, kälter, blauer; die Sterne flimmerten bald schwach und verschwanden bald ganz; die Erde wurde naß, die Blätter schwitzten, hier und da erklangen lebendige Töne und Stimmen, und ein leiser Frühwind strich flatternd über die Erde. Mein Körper antwortete ihm mit einem leichten, freudigen Zittern. Ich stand schnell auf und ging zu den Jungen. Sie schliefen wie tot um das verglimmende Feuer herum; Pawel allein richtete sich halb auf und sah mich aufmerksam an.
Ich nickte ihm zu und ging, den dampfenden Fluß entlang, nach Hause. Ich hatte kaum zwei Werst zurückgelegt, als sich rings um mich herum über die weite Wiese und die grünenden Hügel von Wald zu Wald und hinter mir über die lange, staubige Landstraße, über die glitzernden, geröteten Büsche und über den Fluß, der unter dem sich verziehenden Nebel schamhaft blaute, erst hellrote, dann dunkelrote und goldene Ströme eines jungen, glühenden Lichts ergossen … Alles regte sich, alles erwachte, begann zu singen, zu rauschen, zu sprechen. Überall leuchteten wie strahlende Diamanten große Tautropfen; rein und heiter, wie von der Morgenfrische gewaschen, zogen mir Glockentöne entgegen, und plötzlich jagte die ausgeruhte, von den mir schon bekannten jungen angetriebene Pferdeherde an mir vorbei …
Leider muß ich hinzufügen, daß Pawel noch im gleichen Jahr starb. Er ertrank nicht: Er stürzte von einem Pferd und schlug sich tot. Schade, er war ein prächtiger Junge!
Kassjan aus Krassiwaja-Metsch
Ich kehrte in einem Wägelchen, das stark rüttelte, von der Jagd zurück, schlummerte, von der schwülen Hitze des bewölkten Sommertages erdrückt (bekanntlich ist die Hitze an solchen Tagen noch unerträglicher als an heiteren, besonders wenn es windstill ist), ein wenig ein und schaukelte hin und her, mich mit düsterer Geduld dem feinen, weißen Staub preisgebend, der sich von der ausgefahrenen Straße unter den ausgetrockneten und ratternden Rädern unaufhörlich erhob – , als meine Aufmerksamkeit plötzlich von der ungewöhnlichen Unruhe und den krampfhaften Körperbewegungen meines Kutschers erregt wurde, der bis dahin noch fester geschlummert hatte als ich. Er zupfte an den Zügeln, rückte auf seinem Sitz hin und her und fing an, die Pferde anzuschreien, jeden Augenblick nach der einen Seite blickend. Ich sah mich um. Wir fuhren durch eine weite, gepflügte Ebene; in außerordentlich flachen Wellen liefen zu ihr gleichfalls gepflügte, niedere Hügel herab; der Blick umfing höchstens fünf Werst des leeren Raumes; nur die kleinen Birkengehölze in der Ferne unterbrachen mit ihren rundgezackten Wipfeln die gerade Linie des Horizonts. Schmale Wege zogen sich über die Felder hin, verloren sich in den Hohlwegen, wanden sich die Hügel hinauf, und auf einem von ihnen, der etwa fünfhundert Schritt vor uns unsere Fahrstraße durchschneiden sollte, unterschied ich einen Zug. Diesen Zug betrachtete eben mein Kutscher.
Es war ein Leichenzug. Vorne fuhr in einem mit nur einem Pferdchen bespannten Wagen im Schritt der Geistliche; der Küster saß neben ihm und lenkte; dem Wagen folgten vier Bauern mit entblößten Köpfen, die den mit einem weißen Leinentuch bedeckten Sarg trugen; zwei Weiber gingen hinter dem Sarg. Die feine, klagende Stimme des einen von ihnen schlug plötzlich an mein Ohr; ich horchte auf: Die Frau jammerte. Traurig klang inmitten der leeren Felder diese eintönige, hoffnungslos klagende Weise. Der Kutscher trieb die Pferde an: Er wollte diesem Zug zuvorkommen. Unterwegs einer Leiche zu begegnen, gilt als schlimmes Zeichen. Es gelang ihm tatsächlich, über die Straße zu jagen, ehe der Leichenzug sie erreichte; wir waren aber noch keine hundert Schritt weit gefahren, als unser Wagen plötzlich einen heftigen Stoß bekam, sich auf die eine Seite neigte und beinahe umfiel. Der Kutscher hielt die ins Laufen gekommenen Pferde an, winkte hoffnungslos mit der Hand und spuckte aus.
»Was gibt es denn?« fragte ich ihn.
Mein Kutscher stieg schweigsam und ohne Übereilung vom Bock.
»Was ist denn los?«
»Die Achse ist gebrochen … ist durchgebrannt«, antwortete er düster und schob plötzlich mit solcher Wut den Rückenriemen des Seitenpferdes zurecht, daß es wankte, schließlich aber doch nicht hinfiel; es schnaubte, schüttelte sich und fing mit der größten Ruhe an, sich mit einem Zahn das Vorderbein unterhalb des Knies zu kratzen.
Ich stieg ab und stand eine Weile auf der Straße, vom dunklen Gefühl einer unangenehmen Ratlosigkeit erfüllt. Das rechte Rad war fast ganz unter den Wagen geraten und hob seine Nabe wie in stummer Verzweiflung in die Höhe.
»Was ist jetzt zu tun?« fragte ich endlich.
»Der da hat schuld!« sagte mein Kutscher, mit der Peitsche auf den Leichenzug weisend, der schon auf die Fahrstraße gekommen war und sich uns näherte. »Das habe ich immer gemerkt«, fuhr er fort, »es ist ein sicheres Zeichen, wenn man einer Leiche begegnet … Ja …«
Und er belästigte wieder das Seitenpferd, das, da es seine Mißstimmung und Strenge sah, sich entschloß, unbeweglich zu bleiben, und nur ab und zu schüchtern den Schweif bewegte. Ich ging ein wenig auf und ab und blieb wieder vor dem Rad stehen.
Der Leichenzug holte uns indessen ein. Die Trauerprozession bog vorsichtig von der Straße aufs Gras ab und ging an unserem Wagen vorbei. Der Kutscher und ich zogen die Mützen, begrüßten den Geistlichen und wechselten mit den Trägern Blicke. Sie gingen mit Mühe, und ihre breiten Brüste hoben sich schwer. Von den beiden Weibern, die dem Sarg folgten, war das eine sehr alt und blaß; ihre unbeweglichen, vom Schmerz grausam entstellten Züge hatten den Ausdruck strenger, feierlicher Würde. Sie ging schweigend einher und führte zuweilen die magere Hand an die dünnen, eingefallenen Lippen. Die andere, eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, hatte rote und feuchte Augen und ein vom Weinen geschwollenes Gesicht; als sie an uns vorbeikam, hörte sie zu jammern auf und bedeckte das Gesicht mit dem Ärmel … Die Leiche war aber schon an uns vorbei wieder auf die Landstraße gekommen; wieder erklang der jämmerliche, herzzerreißende Gesang. Mein Kutscher begleitete den gleichmäßig schwankenden Sarg mit einem stummen Blick und wandte sich an mich: »Es ist der Zimmermann Martyn, der da beerdigt wird«, sagte er, »der aus Rjabowo.«
»Woher weißt du das?«
»An den Weibern hab ich's erkannt. Die Alte ist seine Mutter und die Junge die Frau.«
»Ist er denn krank gewesen?«
»Ja … Fieber hat er gehabt … Vorgestern hat der Verwalter nach dem Doktor geschickt, aber sie trafen ihn nicht an … Er war ein guter Zimmermann. Wie seine Frau jammert … Nun, das weiß man ja: Die Weiber haben wohlfeile Tränen, Weibertränen sind wie Wasser … Ja.«