Er bückte sich, kroch unter den Zügeln des Seitenpferdes durch und faßte mit beiden Händen das Krummholz.
»Aber«, bemerkte ich, »was sollen wir dennoch tun?«
Mein Kutscher stemmte erst das Knie gegen die Schulter des Mittelpferdes, schüttelte zweimal das Krummholz, schob das Rückenkissen zurecht, kroch dann wieder unter dem Zügel des Seitenpferdes durch, stieß es im Vorbeigehen in die Schnauze und ging auf das Rad zu; er ging auf das Rad zu, holte langsam, ohne es aus dem Auge zu lassen, unter dem Rockschoß seine Tabaksdose hervor, nahm ebenso langsam den Deckel am Riemen heraus, steckte langsam seine zwei dicken Finger hinein (selbst die zwei fanden in ihr kaum Platz), knetete den Tabak, zog seine Nase schon im vorhinein schief, schnupfte langsam, jede Prise mit einem gedehnten Krächzen begleitend, und versank, mit den tränenden Augen schmerzhaft blinzelnd und zwinkernd, in tiefe Nachdenklichkeit.
»Nun, was?« fragte ich endlich.
Mein Kutscher steckte die Dose behutsam in die Tasche, rückte sich den Hut, ohne eine Hand zu rühren, durch eine bloße Kopfbewegung in die Brauen und stieg nachdenklich auf den Bock.
»Wo willst du denn hin?« fragte ich erstaunt.
»Steigen Sie nur ein«, erwiderte er ruhig und nahm die Zügel in die Hand.
»Wie werden wir denn fahren?«
»Wir werden schon fahren.«
»Aber die Achse …«
»Nehmen Sie nur Platz.«
»Die Achse ist aber entzwei …«
»Sie ist freilich entzwei, aber bis zur Siedlung kommen wir schon … das heißt im Schritt. Hier rechts hinter dem Gehölz ist eine Siedlung, Judino heißt sie.«
»Und du glaubst, daß wir hinkommen?«
Mein Kutscher würdigte mich keiner Antwort.
»Ich geh' lieber zu Fuß«, sagte ich.
»Wie Sie wünschen …«
Er schwang die Peitsche. Die Pferde zogen an.
Wir erreichten wirklich die Siedlung, obwohl das rechte Vorderrad kaum hielt und sich höchst seltsam drehte. Auf einem Hügel wäre es beinahe heruntergeflogen, aber mein Kutscher schrie mit wütender Stimme, und wir fuhren den Hügel glücklich hinunter.
Die Judinsche Siedlung bestand aus sechs niederen, kleinen Häuschen, die sich bereits auf die Seite geneigt hatten, obwohl sie wahrscheinlich erst seit kurzem erbaut worden waren: Nicht alle Höfe waren umzäunt. Als wir in diese Siedlung einfuhren, begegneten wir keiner lebenden Seele; nicht einmal Hühner, sogar keine Hunde ließen sich auf der Straße blicken; nur ein einziger schwarzer Hund mit kurzem Schwanz sprang vor unseren Augen aus einem vollkommen trockenen Trog heraus, in den ihn offenbar der Durst getrieben hatte, und rannte sofort, ohne zu bellen, unter ein Tor. Ich ging ins erste Haus, machte die Tür zum Flur auf und rief die Bewohner – niemand antwortete mir. Ich rief noch einmal – hinter der andern Tür erklang das hungrige Miauen einer Katze. Ich stieß die Tür mit dem Fuß auf: Eine hungrige Katze lief, mit den grünen Augen im Dunkeln funkelnd, an mir vorbei. Ich steckte den Kopf in die Stube und sah hinein: dunkel, dunstig und leer. Ich begab mich auf den Hof, auch dort war niemand … Hinter einem Verschlag brüllte ein Kalb; eine lahme graue Gans wackelte ein wenig zur Seite. Ich ging ins zweite Haus, auch im zweiten Haus war keine Seele. Ich ging in den Hof …
Mitten im hellerleuchteten Hof in der schlimmsten Glut lag, das Gesicht zur Erde und den Kopf mit einem Kittel bedeckt, wie mir schien, ein Junge. Einige Schritt von ihm stand neben einem elenden Wägelchen unter einem Schutzdach aus Stroh ein mageres Pferdchen mit abgerissenem Geschirr. Das Sonnenlicht, das durch die schmalen Öffnungen im schadhaften Schutzdach flutete, zeichnete kleine helle Flecken auf seinem zottigen rotbraunen Fell. Gleich daneben schwatzten in einem auf einer hohen Stange angebrachten Starenhäuschen Stare und blickten mit ruhiger Neugierde aus ihrem luftigen Häuschen herab. Ich ging auf den Schlafenden zu und begann ihn zu wecken …
Er hob den Kopf, erblickte mich und sprang gleich auf die Beine … »Was ist gefällig? Was ist los?« murmelte er verschlafen.
Ich antwortete ihm nicht sogleich: Dermaßen war ich über sein Äußeres erstaunt. Stellt euch einen Zwerg vor von etwa fünfzig Jahren mit einem kleinen, dunklen, gerunzelten Gesicht, einem spitzen Näschen, braunen, kaum sichtbaren Äuglein und krausen, dichten schwarzen Haaren, die auf seinem winzigen Kopf so breit wie der Hut auf einem Pilz sitzen. Sein ganzer Körper war ungewöhnlich schmächtig und mager, und man kann mit Worten gar nicht wiedergeben, wie ungewöhnlich und seltsam sein Blick war.
»Was ist gefällig?« fragte er mich wieder.
Ich erklärte ihm, um was es sich handelte; er hörte mich an, ohne seine langsam zwinkernden Augen von mir zu wenden.
»Könnten wir nicht eine neue Achse bekommen?« fragte ich ihn schließlich. »Ich würde gerne bezahlen.«
»Wer sind Sie? Ein Jäger, nicht?« fragte er, mich mit einem Blick vom Kopf bis zu den Füßen musternd. – »Ja, Jäger.«
»Sie schießen wohl die Vöglein des Himmels …? Die Tiere des Waldes? Ist es keine Sünde, die Vöglein Gottes zu töten, unschuldiges Blut zu vergießen?«
Der seltsame Alte sprach sehr gedehnt. Der Ton seiner Stimme setzte mich gleichfalls in Erstaunen. Es war nicht nur nichts Greisenhaftes in seiner Stimme, sie war sogar ungewöhnlich süß, jugendlich und von einer beinahe weiblichen Zartheit.
»Ich hab' keine Achse«, fügte er nach kurzem Schweigen hinzu. »Diese da taugt nicht,« Er wies auf sein Wägelchen. »Sie haben wohl einen großen Wagen.«
»Kann man im Dorf eine finden?«
»Was ist hier für ein Dorf …! Hier hat niemand eine … Es ist auch niemand daheim: Alle sind auf der Arbeit. Gehen Sie!« sagte er plötzlich und legte sich wieder auf die Erde.
Ich hatte diesen Schluß gar nicht erwartet.
»Hör mal, Alter«, sagte ich, seine Schulter berührend, »tu mir den Gefallen und hilf mir.«
»Gehen Sie mit Gott! Ich bin müde, bin in der Stadt gewesen«, sagte er, indem er sich den Kittel über den Kopf zog.
»Tu mir doch den Gefallen«, fuhr ich fort, »ich … ich will bezahlen!«
»Ich brauche dein Geld nicht.«
»Ich bitte dich, Alter …«
Er setzte sich halb auf und kreuzte seine dünnen Beinchen.
»Ich werde dich vielleicht zur abgeholzten Stelle begleiten. Hier haben bei uns Kaufleute einen Wald gekauft – Gott sei ihr Richter, sie vernichten den Wald, haben ein Kontor erbaut, Gott sei ihr Richter …! Dort könntest du dir eine Achse machen lassen oder eine fertige kaufen.«
»Sehr schön!« rief ich erfreut. »Sehr schön …! Gehen wir.«
»Eine gute Achse, eine eichene«, fuhr er fort, ohne aufzustehen.
»Ist es weit bis zur abgeholzten Stelle?«
»Drei Werst.«
»Nun, wir können ja in deinem Wägelchen hinfahren!«
»Das geht nicht …«
»Komm doch«, sagte ich, »komm, Alter! Der Kutscher wartet auf uns auf der Straße.«
Der Alte stand unwillig auf und folgte mir auf die Straße. Mein Kutscher war in gereizter Stimmung: Er wollte die Pferde tränken, aber im Brunnen war nur sehr wenig Wasser, und es schmeckte schlecht; das ist aber, wie die Kutscher behaupten, außerordentlich wichtig … Als er aber den Alten erblickte, grinste er, nickte mit dem Kopf und rief: »Ah, Kaßjanuschka! Grüß Gott!«
»Grüß Gott, Jerofej, du gerechter Mensch«, antwortete Kaßjan mit trauriger Stimme.
Ich teilte dem Kutscher sofort seinen Vorschlag mit; Jerofej erklärte sich damit einverstanden und fuhr in den Hof ein. Während er mit überlegter Geschäftigkeit die Pferde ausspannte, stand der Alte mit der Schulter ans Tor gelehnt und sah mißmutig bald ihn und bald mich an. Er schien irgendwie verdutzt: Soviel ich merken konnte, hatte ihn unser plötzlicher Besuch nicht sonderlich erfreut.