»Hat man denn auch dich hierher übersiedelt?« fragte ihn plötzlich Jerofej, das Krummholz abnehmend.
»ja, auch mich.«
»Ach!« versetzte mein Kutscher durch die Zähne. »Weißt du, der Zimmermann Martyn … du kennst doch den Martyn aus Rjabowo?«
»Gewiß.«
»Also er ist gestorben. Wir sind eben seinem Sarg begegnet.«
Kaßjan fuhr zusammen.
»Gestorben?« fragte er und senkte die Augen.
»Ja, gestorben. Warum hast du ihn nicht gesund gemacht? Man sagt doch, du behandelst Kranke, bist ein Doktor.«
Mein Kutscher machte sich offenbar über den Alten lustig.
»Ist das dein Wagen, wie?« fragte er, mit einer Schulter auf ihn weisend.
»Ja, mein Wagen.«
»Ist das ein Wagen!« sagte mein Kutscher, indem er das Fuhrwerk bei den Deichselstangen packte und beinahe umdrehte … »Ein Wagen …! Worauf wollt ihr denn in den Wald fahren …? In diese Deichselstangen kann man unser Pferd gar nicht einspannen, unser Pferd ist groß – aber was ist das da?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Kaßjan, »worauf ihr fahren werdet; vielleicht mit diesem Tierchen«, fügte er mit einem Seufzer hinzu.
»Mit diesem?« fiel ihm Jerofej ins Wort. Er ging auf Kaßjans elendes Pferdchen zu und stieß es mit dem Mittelfinger der rechten Hand in den Hals. »Sieh mal an«, fügte er vorwurfsvoll hinzu, »eingeschlafen ist sie, die Krähe!«
Ich bat Jerofej, schneller einzuspannen. Ich hatte selbst Lust, mit Kaßjan zur abgeholzten Stelle zu fahren: An solchen Stellen gibt es oft Birkhühner. Als das Wägelchen ganz fertig war und ich mit meinem Hund auf dem höckerigen Boden aus Birkenrinde Platz genommen hatte und auch Kaßjan, zu einem Knäuel zusammengekauert, mit dem früheren traurigen Gesichtsausdruck auf dem vorderen Bänkchen saß, kam Jerofej auf mich zu und flüsterte mit geheimnisvoller Miene: »Sie tun gut, Väterchen, daß Sie mit ihm fahren. Er ist ja ein Narr und hat auch den Zunamen ›Floh‹. Ich weiß gar nicht, wie Sie ihn haben verstehen können …«
Ich wollte Jerofej bemerken, daß Kaßjan auf mich bisher den Eindruck eines recht vernünftigen Menschen gemacht habe, aber mein Kutscher fuhr im gleichen Ton fort: »Passen Sie nur auf, daß er Sie an die richtige Stelle hinbringt. Wählen Sie auch die Achse selbst; wollen Sie eine recht kräftige Achse nehmen … Nun, Floh«, fuhr er laut fort, »kann man bei euch etwas Brot kriegen?«
»Such, vielleicht findest du was«, antwortete Kaßjan. Er zupfte an den Zügeln, und wir rollten davon.
Sein Pferdchen lief zu meinem aufrichtigen Erstaunen gar nicht schlecht. Kaßjan bewahrte während der ganzen Fahrt hartnäckiges Schweigen und beantwortete meine Fragen abgerissen und unwillig. Wir erreichten bald die abgeholzte Stelle und fanden dort das Kontor, ein hohes Bauernhaus, das einsam am Rande einer nicht sehr tiefen Schlucht ragte, die man in aller Eile eingedämmt und in einen Teich verwandelt hatte. Ich traf in diesem Kontor zwei junge Kaufmannsangestellte mit schneeweißen Zähnen, süßen Augen, einer süßen und gewandten Redeweise und einem süßen und schlauen Lächeln, machte mit ihnen den Preis für die Achse aus und begab mich auf die Lichtung. Ich dachte, Kaßjan würde auf mich beim Pferd warten, aber er kam plötzlich auf mich zu.
»Du gehst wohl die Vöglein schießen?« fragte er mich. »Was?«
»Ja, wenn ich welche finde.«
»Ich geh' mit dir … Darf ich?«
»Du darfst, du darfst.«
Und wir gingen. Die ganze abgeholzte Stelle war nur etwa eine Werst breit. Ich gab, offen gestanden, mehr auf Kaßjan als auf meinen Hund acht. Nicht umsonst nannte man ihn Floh. Sein schwarzes, bloßes Köpfchen (seine Haare konnten übrigens jede Mütze ersetzen) flog nur so durch die Büsche. Er ging ungewöhnlich flink und schien im Gehen immer zu hüpfen, beugte sich in einem fort, pflückte irgendwelche Halme, steckte sie in den Busen, murmelte sich etwas in den Bart und sah immer mich und meinen Hund mit eigentümlichen, forschenden Blicken an. Im niederen Gebüsch und an abgeholzten Stellen hausen oft kleine graue Vöglein, die in einem fort von einem Bäumchen auf das andere flattern und pfeifen, indem sie in der Luft im Flug untertauchen. Kaßjan äffte sie nach und wechselte mit ihnen Rufe; eine junge Wachtel flog zwitschernd unter seinen Füßen auf, er piepste ihr nach; eine Lerche ließ sich auf bebenden Flügeln laut schmetternd über ihn herab, Kaßjan fiel auch in dieses Lied ein. Mit mir sprach er gar nicht.
Das Wetter war herrlich, noch herrlicher als früher, aber die Hitze ließ immer noch nicht nach. Am heiteren Himmel zogen kaum sichtbar hohe, dünne Wölkchen, gelblichweiß, wie verspäteter Frühlingsschnee, flach und länglich wie eingezogene Segel. Ihre zierlichen Ränder, flockig und leicht wie Watte, änderten sich langsam, aber merklich mit jedem Augenblick; diese Wolken schmolzen und warfen keinen Schatten. Lange streifte ich mit Kaßjan durch die Lichtungen. Junge Schößlinge, die noch nicht einen Arschin lang waren, umgaben mit ihren feinen, glatten Stengeln die schwarzgewordenen niedrigen Baumstümpfe; runde, schwammige Wucherungen mit grauen Rändern, wie man sie zur Herstellung von Feuerschwamm benutzt, klebten an diesen Stümpfen; die Erdbeerpflanzen umrankten sie mit ihren rosa Sprossen; Pilze saßen in ganzen Familien um sie herum. Die Füße verwickelten sich ununterbrochen im langen, von der glühenden Sonne übersättigten Gras; überall flimmerte es vor dem grellen metallischen Glänzen der jungen rötlichen Blätter der Bäumchen; überall leuchteten die blauen Dolden der Wicken, die goldenen Kelche des Hahnenfußes und die halb lila und halb gelben Blüten der wilden Stiefmütterchen; hier und da erhoben sich neben verlassenen Wegen, auf denen die Räderspuren sich durch Streifen rötlichen, niederen Grases abzeichneten, von Wind und Regen geschwärzte Brennholzstapel; sie warfen schwache, schräge, viereckige Schatten, und einen andern Schatten gab es hier nicht. Ein leichter Wind erhob sich ab und zu und legte sich wieder: Er haucht einem plötzlich ins Gesicht und scheint anzuwachsen – alles ringsum beginnt zu rauschen, zu nicken und sich zu bewegen, und die biegsamen Spitzen der Farnkräuter schwanken graziös – man freut sich über diesen Wind … aber plötzlich ist er erstorben, und alles ist wieder still. Nur die Grashüpfer allein zirpen laut und wie wütend im Chor, und dieser unaufhörliche, gleichmäßig scharfe Lärm ist ermüdend. Er paßt gut zu der unerträglichen Mittagsglut; er ist von ihr gleichsam erzeugt und aus der glühenden Erde hervorgerufen. Wir stießen auf keinen einzigen Vogel und erreichten schließlich eine neue Lichtung. Vor kurzem gefällte Espen beugten sich traurig zur Erde herab und erdrückten das Gras und die kleinen Sträucher; von den unbeweglichen Zweigen einiger von ihnen hingen die Blätter noch grün, aber schon tot und welk herab; an anderen waren sie schon trocken zusammengeschrumpft. Den frischen goldigweißen Spänen, die haufenweise neben den grellfeuchten Stümpfen lagen, entströmte ein eigener, ungewöhnlicher, angenehmer, bitterer Duft. In der Ferne, neben dem Wald, klopften dumpf die Äxte; ab und zu sank feierlich und still, wie sich verneigend und die Arme ausbreitend, ein lockiger Baum zur Erde.
Lange fand ich kein Wild; endlich flog aus einem breiten, ganz mit Wermut durchwachsenen Gebüsch ein Wachtelkönig auf. Ich drückte los; er überschlug sich in der Luft und fiel herab. Als Kaßjan den Schuß hörte, bedeckte er schnell die Augen mit der Hand und rührte sich nicht, bis ich mein Gewehr wieder geladen und den Wachtelkönig aufgehoben hatte. Als ich aber weiterging, trat er an die Stelle, auf die der getötete Vogel niedergefallen war, bückte sich zum Gras, das von einigen Tropfen Blut benetzt war, schüttelte den Kopf und sah mich scheu an … Später hörte ich ihn flüstern: »Diese Sünde … ! Ach, diese Sünde!«