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Die Hitze zwang uns endlich, in den Wald zu gehen. Ich warf mich unter einen hohen Haselstrauch, über den ein junger, schlanker Ahorn seine leichten Zweige breitete. Kaßjan setzte sich auf das dicke Ende einer gefällten Birke. Ich sah ihn an. Die Blätter schwankten leise in der Höhe, und ihre dünnen grünlichen Schatten glitten still über seinen hageren, nachlässig in einen dunklen Kittel gehüllten Körper und über sein kleines Gesicht. Er hob den Kopf nicht. Sein Schweigen langweilte mich, und ich legte mich auf den Rücken und begann dem friedlichen Spiel des Blättergewirrs auf dem Grund des fernen hellen Himmels zuzuschauen. Es ist eine ungewöhnlich angenehme Beschäftigung, im Wald auf dem Rücken zu liegen, und nach oben zu schauen. Es ist euch, als schauet ihr in ein abgrundtiefes Meer, das sich unter euch ausbreitet, daß die Bäume sich nicht von der Erde erheben, sondern sich wie die Wurzeln riesengroßer Pflanzen senkrecht in die glashellen Fluten senken; die Blätter an den Zweigen glänzen bald wie durchsichtige Smaragde, bald verdichten sie sich zu einem goldigen, fast schwarzen Grün. Ein unbewegliches, einsames Blatt irgendwo hoch oben, am Ende eines dünnen Zweiges, hebt sich vom blauen Fetzen des durchsichtigen Himmels ab; gleich daneben wiegt sich ein anderes, und seine Bewegung erinnert an das Spiel eines Fischschwanzes, als sei die Bewegung willkürlich und nicht vom Winde erzeugt. Zauberhaften Unterwasserinseln ähnliche, weiße, runde Wolken kommen leise gezogen und schweben leise vorbei – und plötzlich beginnt dieses Meer, diese strahlende Luft, beginnen diese vom Sonnenlicht übergossenen Zweige und Blätter und alles zu rieseln und in einem flüchtigen Glanz zu zittern, und es erhebt sich ein frisches, bebendes Flüstern, gleich dem unaufhörlichen feinen Plätschern einer plötzlich heranrollenden Brandung. Ihr rührt euch nicht, ihr schaut, und es läßt sich mit Worten gar nicht ausdrücken, wie freudig, still und süß euch ums Herz wird. Ihr schaut, und das tiefe, reine Blau weckt auf euren Lippen ein Lächeln, so unschuldig wie dieses Blau selbst; wie die Wolken am Himmel, und gleichsam zugleich mit den Wolken zieht euch langsam eine lange Reihe glücklicher Erinnerungen durch den Sinn, und es ist euch, als dringe euer Blick immer tiefer und tiefer ein und ziehe auch euch in den ruhigen, strahlenden Abgrund mit sich, und es ist unmöglich, sich von dieser Höhe, von dieser Tiefe loszureißen …

»Herr, du, Herr!« sagte plötzlich Kaßjan mit seiner lauten Stimme.

Ich richtete mich erstaunt auf: Bisher hatte er meine Fragen kaum beantwortet, nun fing er aber selbst zu reden an.

»Was willst du?« fragte ich.

»Sag, warum hast du das Vöglein getötet?« begann er, mir gerade ins Gesicht blickend.

»Wieso? Warum …? Der Wachtelkönig ist Wild, man kann ihn essen.«

»Nicht dazu hast du ihn getötet, Herr; du wirst ihn doch nicht essen! Du hast ihn zu deinem Vergnügen getötet.«

»Aber du selbst ißt doch zum Beispiel Hühner und Gänse?«

»Dieses Geflügel ist von Gott für den Menschen bestimmt, der Wachtelkönig ist aber ein freier Vogel, ein Waldvogel. Und nicht nur er allein: Es gibt viele solche Geschöpfe im Wald, im Feld und im Fluß, im Sumpf und auf der Wiese, in der Höhe und in der Tiefe, und es ist Sünde, sie zu töten; sollen sie auf Erden so lange leben, wie ihnen beschieden ist … Dem Menschen ist aber eine andere Nahrung bestimmt: Brot, die Gabe Gottes, und das Wasser vom Himmel, und Haustiere von den Urvätern her.«

Ich sah Kaßjan erstaunt an. Seine Worte kamen ihm ganz frei von den Lippen; er suchte sie nicht, er sprach mit stiller Begeisterung und milder Würde und schloß ab und zu die Augen.

»Du hältst es also für Sünde, auch einen Fisch zu töten?« fragte ich.

»Der Fisch hat kaltes Blut«, entgegnete er mit Überzeugung, »der Fisch ist ein stummes Geschöpf. Er kennt keine Furcht und keine Freude; der Fisch ist eine stumme Kreatur. Der Fisch fühlt nichts, sein Blut ist nicht lebendig … Das Blut«, fuhr er nach einem Schweigen fort, »das Blut ist eine heilige Sache! Das Blut sieht die Sonne Gottes nicht, das Blut versteckt sich vor dem Licht … es ist eine große Sünde, dem Licht Blut zu zeigen, eine große und schreckliche Sünde … Ach, eine sehr große!«

Er seufzte und schlug die Augen nieder. Ich sah den merkwürdigen Alten, offen gestanden, mit großem Erstaunen an. Seine Rede klang nicht wie die eines Bauern: So sprechen die einfachen Menschen nicht, und auch die Schönsprecher nicht … Ich hatte nie etwas Ähnliches gehört.

»Sag bitte, Kaßjan«, begann ich, ohne meinen Blick von seinem leicht geröteten Gesicht zu wenden, »was hast du für ein Gewerbe?«

Er beantwortete meine Frage nicht gleich. Sein Blick schweifte eine Weile unruhig umher.

»Ich lebe, wie Gott es befiehlt«, sagte er schließlich. »Ein Gewerbe habe ich aber nicht. Ich bin gar zu unverständig, von Kindheit an; ich arbeite, solange ich kann – ich bin ein schlechter Arbeiter … wie soll ich auch! Es fehlt mir an Gesundheit, und die Hände sind ungeschickt. Nun, im Frühjahr fange ich Nachtigallen.«

»Du fängst Nachtigallen …? Hast du aber nicht selbst gesagt, daß man kein Tier des Waldes oder des Feldes oder ein anderes Geschöpf anrühren darf?«

»Töten darf man sie wohl nicht, das stimmt; der Tod holt auch so das Seine. Nehmen wir zum Beispiel den Zimmermann Martyn: Der Zimmermann Martyn hat gelebt, hat gar nicht lange gelebt und ist gestorben. Seine Frau weint jetzt um den Mann und um die kleinen Kinder … Den Tod kann weder der Mensch noch das Tier überlisten. Der Tod läuft nicht, aber man kann ihm nicht entlaufen; man darf ihm auch nicht helfen … Die Nachtigallen töte ich ja nicht – Gott bewahre! Ich fange sie nicht, um sie zu quälen und nicht zu ihrem Verderben, sondern dem Menschen zum Vergnügen, zum Trost und zur Freude.«

»Gehst du auch nach Kursk, um sie zu fangen?«

»Ich gehe nach Kursk und auch weiter, wie es sich trifft. Ich übernachte in Sümpfen und in Wäldern, bleibe über Nacht ganz allein im Feld und in der Einöde: Da pfeifen die Schnepfen, da schreien die Hasen, da schnattern die Enten … Des Abends merke ich sie mir, des Morgens belausche ich sie, beim Morgengrauen werfe ich die Netze auf die Büsche aus … Manche Nachtigall singt so rührend, so süß, daß es sogar weh tut.«

»Und verkaufst sie?«

»Ich gebe sie den guten Leuten.«

»Was treibst du sonst?«

»Was ich treibe?«

»Was hast du sonst noch für eine Beschäftigung?«

Der Alte schwieg eine Weile.

»Ich habe keine Beschäftigung. Ich bin ein schlechter Arbeiter. Aber lesen kann ich.«

»Du kannst lesen?«

»Ja. Gott hat mir dazu verholfen, auch die guten Menschen.«

»Hast du Familie?«

»Nein, keine.«

»Wieso …? Sind dir alle gestorben?«

»Nein, ich hab' einfach kein Glück im Leben gehabt. Das hängt aber alles von Gott ab, wir sind alle in Gottes Hand; doch der Mensch muß gerecht sein – das ist es! Das heißt, gottgefällig.«

»Hast du keine Verwandten?«

»Ja … aber …«

Der Alte wurde verlegen.

»Sag bitte«, begann ich, »es kam mir vor, als hätte dich mein Kutscher gefragt, warum du den Martyn nicht gesund gemacht hast. Verstehst du denn Kranke zu behandeln?«

»Dein Kutscher ist ein gerechter Mensch«, antwortete Kaßjan nachdenklich, »aber auch er ist nicht ohne Sünde. Man nennt mich einen Doktor … Was bin ich für ein Doktor …! Und wer kann einen Kranken heilen? Das alles ist von Gott. Aber es gibt … Kräuter, Blumen; Diese helfen wirklich. Da ist zum Beispiel das Kraut Wasserdost sehr gut für den Menschen, auch der Wegerich; es ist keine Schande, von ihnen zu sprechen, es sind ja reine Kräuter Gottes. Die andern sind aber nicht so: Sie helfen zwar, aber es ist Sünde; es ist Sünde, von ihnen zu sprechen. Höchstens mit einem Gebet … Es gibt natürlich auch gewisse Worte … Wer aber glaubt, der wird gerettet«, fügt er mit gedämpfter Stimme hinzu.