»Hast du dem Martyn nichts eingegeben?« fragte ich.
»Ich hab' es zu spät erfahren«, antwortete der Alte. »Aber was soll man machen, es ist einem jeden schon bei seiner Geburt bestimmt. Dem Zimmermann Martyn war es nicht beschieden, lange auf dieser Erde zu leben, nein, es war ihm nicht beschieden. Und wenn es einem Menschen nicht beschieden ist zu leben, so wärmt ihn die Sonne nicht wie einen anderen, und das Brot schlägt ihm nicht an – es ist, als ob man ihn abriefe … Ja, Gott schenke seiner Seele die ewige Ruhe!«
»Ist es lange her, daß man euch hierher übersiedelt hat?« fragte ich nach kurzem Schweigen. Kaßjan fuhr zusammen.
»Nein, es ist nicht lange her, nur vier Jahre. Beim alten Herrn lebten wir alle auf unseren alten Wohnsitzen, das Vormundschaftsgericht hat uns aber übersiedelt. Unser alter Herr war eine gute Seele, ein bescheidener Mensch, Gott hab' ihn selig! Nun, das Vormundschaftsgericht wußte wohl, was es tat; es mußte wohl so sein.«
»Wo habt ihr früher gelebt?«
»Wir sind aus Krassiwaja-Metsch.«
»Ist es weit von hier?«
»An die hundert Werst.«
»Nun, habt ihr es dort besser gehabt?«
»Ja, besser … besser. Die Gegend ist dort freier und wasserreicher, es war unser Nest, hier ist es aber eng und trocken … Hier sind wir verwaist. Wenn man dort, in Krassiwaja-Metsch, auf einen Hügel steigt, mein Gott, was sieht man nicht alles …! Den Fluß, Wiesen und Wald; die Kirche, und dann wieder Wiesen. Weit, weit kann man dort sehen. So weit … man schaut, man schaut mein Gott! Hier ist freilich der Boden besser, Lehmboden, guter Lehmboden, sagen die Bauern; aber für mich gedeiht überall Brot genug.«
»Sag mal, Alter, die Wahrheit, du möchtest wohl gern die Heimat wiedersehen?« »Ja, das möchte ich gern. Übrigens ist es überall gut. Ich habe keine Familie, bin ein unruhiger Mensch. Was hat man auch, wenn man immer zu Hause hockt? Wenn man aber wandert, wenn man wandert«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »so ist es gleich leichter ums Herz. Die Sonne wärmt dich, Gott sieht dich überall, und es singt sich besser. Hier siehst du, was für ein Kraut da wächst, du merkst es und pflückst es dir. Dort fließt ein Wasser, Quellwasser, es ist heiliges Wasser, du trinkst davon und merkst es dir. Die Vögel des Himmels singen … Hinter Kursk beginnt aber die Steppe, ein wahres Wunder, eine Augenweide für den Menschen – diese Freiheit, dieser Segen Gottes! Die Steppe zieht sich, wie die Leute sagen, bis zum warmen Meere hin, wo der Vogel Gamajun mit der süßen Stimme lebt, wo das Laub von den Bäumen weder im Winter noch im Herbste fällt, wo goldene Äpfel auf silbernen Ästen wachsen und jeder Mensch in Zufriedenheit und Gerechtigkeit lebt … Dorthin wäre ich wohl gern gegangen … Ich bin schon viel herumgekommen! Bin in Romny gewesen, in der schönen Stadt Simbirsk und auch in Moskau mit den goldenen Kuppeln; ich war an der Oka, der Ernährerin, an der Zna, dem Täubchen, und an der Mutter Wolga, habe viele Menschen gesehen, gute Christen, habe viele fromme Städte besucht … So würde ich gern hingehen … Und nicht ich Sünder allein … viele andere Christen gehen in Bastschuhen durch die Welt und suchen die Wahrheit … ja …! Was hat man aber zu Hause? Es ist keine Gerechtigkeit im Menschen, das ist es …«
Die letzten Worte sprach Kaßjan sehr schnell, fast unverständlich; dann sagte er noch etwas, was ich gar nicht hören konnte, sein Gesicht nahm aber einen so merkwürdigen Ausdruck an, daß ich unwillkürlich an das Wort ›Narr in Christo‹ denken mußte. Er schlug die Augen nieder, hüstelte und kam gleichsam zu sich.
»Diese Sonne!« sagte er halblaut. »Dieser Segen, mein Gott! So warm im Walde!«
Er zuckte die Achseln, schwieg eine Weile, sah zerstreut um sich und stimmte ein leises Lied an. Ich konnte nicht alle Worte seines gedehnten Liedes verstehen; folgendes hörte ich:
»Doch mein Name ist Kaßjan,
bei den Leuten heiß' ich Floh …«
Ah! dachte ich mir – er dichtet auch! – Plötzlich fuhr er zusammen, verstummte und blickte unverwandt ins Waldesdickicht. Ich wandte mich um und sah ein kleines Bauernmädchen von etwa acht Jahren, in einem blauen Sarafan, mit einem gewürfelten Tuch auf dem Kopf und einem geflochtenen Körbchen auf dem sonnenverbrannten, bloßen Arm. Sie hatte wohl nicht erwartet, uns hier zu treffen; sie war auf uns sozusagen gestoßen und stand unbeweglich im grünen Schatten des Haselgebüsches, auf der schattigen Waldwiese und betrachtete mich scheu mit ihren schwarzen Augen. Ich hatte kaum Zeit gehabt, sie mir näher anzusehen, denn sie verschwand gleich hinter einem Baum.
»Annuschka! Annuschka! Komm mal her, fürchte dich nicht«, rief ihr der Alte freundlich zu.
»Ich fürchte mich«, antwortete ein dünnes Stimmchen.
»Fürchte dich nicht, komm zu mir.«
Annuschka verließ schweigend ihr Versteck, ging langsam herum – ihre kindlichen Füße traten kaum hörbar auf das dichte Gras – und kam dicht neben dem Alten aus dem Dickicht heraus. Das Mädchen war nicht acht Jahre alt, wie ich anfangs, da sie so klein war, geglaubt hatte, sondern dreizehn oder vierzehn. Ihr Körper war klein und schmächtig, aber biegsam und gewandt; das hübsche Gesichtchen hatte eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Gesicht Kaßjans, obwohl Kaßjan durchaus kein schöner Mann war. Die gleichen scharfen Züge, der gleiche seltsame Blick, schlau und zutraulich, nachdenklich und durchdringend, auch die gleichen Bewegungen … Kaßjan sah sie an; sie stand seitwärts zu ihm.
»Nun, hast du Pilze gesammelt?« fragte er.
»Ja, Pilze«, antwortete sie mit einem schüchternen Lächeln.
»Hast du viel gefunden?«
»Ja, viel.« Sie warf ihm einen schnellen Blick zu und lächelte wieder.
»Sind auch weiße dabei?«
»Auch weiße.«
»Zeig mal, zeig mal…«
Sie ließ das Körbchen vom Arme gleiten und hob das große Blatt, mit dem die Pilze bedeckt waren, halb in die Höhe.
»Ach!« sagte Kaßjan, sich über das Körbchen beugend: »So schöne Pilze! Brav, Annuschka!«
»Ist es deine Tochter, Kaßjan, wie?« fragte ich.
Annuschkas Gesicht rötete sich leicht.
»Nein, eine Verwandte«, versetzte Kaßjan mit geheuchelter Gleichgültigkeit. »Nun, Annuschka, geh«, fügte er sofort hinzu, »geh mit Gott. Paß aber auf …«
»Warum soll sie zu Fuß gehen?« unterbrach ich ihn. »Wir können sie doch im Wagen mitnehmen …«
Annuschka wurde rot wie eine Mohnblüte, faßte mit beiden Händen die Schnur des Körbchens und sah den Alten unruhig an.
»Nein, sie kommt auch zu Fuß hin«, antwortete er mit derselben gleichgültigen und trägen Stimme. »Was macht es ihr …? Sie kommt auch so hin … Geh.«
Annuschka verschwand schnell im Wald. Kaßjan blickte ihr nach, schlug dann die Augen nieder und lächelte. In diesem langen Lächeln, in den wenigen Worten, die er zu Annuschka gesagt, und selbst im Ton seiner Stimme, mit der er zu ihr gesprochen hatte, lag eine unsagbare leidenschaftliche Liebe und Zärtlichkeit. Er blickte noch einmal in die Richtung, wo sie verschwunden war, lächelte wieder, rieb sich das Gesicht und schüttelte einige Male den Kopf.
»Warum hast du sie so schnell weggeschickt?« fragte ich ihn. »Ich hätten ihr die Pilze abgekauft …«
»Sie können sie auch zu Hause kaufen, wenn Sie mögen«, antwortete er mir; er sprach mich zum ersten Male mit Sie an.
»Das Mädel ist aber wunderhübsch.«
»Nein … wo …«, antwortete er gleichsam widerwillig und verfiel von diesem Augenblick an in seine frühere Schweigsamkeit.
Als ich sah, daß alle meine Bemühungen, ihn zum Sprechen zu bringen, vergeblich blieben, ging ich wieder an die abgeholzte Stelle. Außerdem hatte die Hitze etwas nachgelassen; aber mein Mißgeschick hielt an, und ich kehrte mit einem einzigen Wachtelkönig und mit der neuen Achse zur Siedlung zurück. Kurz vor seinem Hof wandte sich Kaßjan plötzlich zu mir um.