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»Herr, du, Herr!« sagte er: »Ich bin vor dir schuldig: Ich habe dir das ganze Wild vertrieben.«

»Wieso?«

»Das weiß ich schon. Du hast einen guten, gelehrten Hund, aber auch er konnte nichts ausrichten. Man denkt sich, was kann so ein Mensch, wie? Da ist auch ein Tier, was hat man aber aus ihm gemacht?«

Es wäre vergebens, Kaßjan von der Unmöglichkeit zu überzeugen, das Wild zu besprechen. Darum antwortete ich ihm nichts. Auch fuhren wir schon zum Tor hinein.

Annuschka war nicht in der Stube; sie war schon dagewesen und hatte das Körbchen mit den Pilzen zurückgelassen. Jerofej brachte die neue Achse an, nachdem er sie zuvor einer strengen und ungerechten Kritik unterworfen hatte; nach einer Stunde fuhr ich ab und ließ Kaßjan etwas Geld zurück, das er erst nicht annehmen wollte, dann aber, nachdem er es eine Zeitlang auf der flachen Hand gehalten, doch in den Busen steckte. Im Laufe dieser Stunde sprach er fast kein einziges Wort; er stand wie früher ans Tor gelehnt, beantwortete die Vorwürfe meines Kutschers nicht und nahm von mir recht kühl Abschied.

Gleich nach meiner Rückkehr merkte ich, daß mein Jerofej sich wieder in einer düsteren Gemütsstimmung befand … Er hatte in der Tat im ganzen Dorf nichts Eßbares auftreiben können, und auch das Wasser für die Pferde war schlecht. Wir fuhren ab. Er saß mit einem Mißvergnügen, das sich sogar in seinem Nacken spiegelte, auf dem Bock und hatte furchtbar große Lust, mit mir zu reden; aber in Erwartung, daß ich an ihm zuerst eine Frage richte, beschränkte er sich auf ein leises Brummen und auf belehrende, mitunter auch beißende Worte, die er an die Pferde richtete. »Das nennt sich auch ein Dorf!« murmelte er. »Ein schönes Dorf! Ich fragte nach Kwaß, sie haben nicht mal Kwaß … Du, mein Gott! Das Wasser ist aber einfach zum Speien!« Er spuckte laut aus. »Weder Gurken noch Kwaß, gar nichts … Du, du!« fügte er laut hinzu, sich an das rechte Seitenpferd wendend: »Ich kenne dich, du Heuchler! Du machst es dir leicht …« Er versetzte ihm einen Schlag mit der Peitsche. »Das Pferd hat seine ganze Rechtschaffenheit verloren, war aber früher ein so gehorsames Tier … Nun, nun, sieh dich nur um!«

»Sag mal bitte, Jerofej«, begann ich, »was ist dieser Kaßjan für ein Mensch?«

Jerofej gab mir nicht sogleich Antwort. Er war überhaupt ein Mann, der sich alles lange überlegte und sich nicht übereilte; aber ich konnte gleich merken, daß meine Frage ihn erheiterte und beruhigte.

»Der Floh?« begann er endlich, indem er an den Zügeln zupfte: »Ein merkwürdiger Mensch, ein Narr in Christo; einen so merkwürdigen Menschen findet man nicht leicht wieder. Er ist ganz wie unser Brauner: Auch er ist ganz aus Rand und Band geraten … das heißt, er will gar nicht arbeiten. Freilich, was ist er auch für ein Arbeiter …? Er atmet ja kaum, aber dennoch … Er ist von Kind auf so. Anfangs war er mit seinen Onkeln Fuhrmann; seine Onkel hielten Troikas; dann wurde es ihm aber zu dumm, und er gab es auf. Er lebte zu Hause, konnte aber zu Hause nicht lange aushalten: So unruhig ist er wie ein Floh. Zum Glück hatte er einen guten Herrn, der zwang ihn zu nichts. Seitdem treibt er sich immer herum wie ein herrenloses Schaf. Ein merkwürdiger Mensch, weiß Gott: Bald schweigt er wie ein Baumstumpf, bald fängt er zu reden an; was er aber zusammenredet, das weiß Gott allein. Ist das eine Manier? Das ist doch keine Manier. Ein unsinniger Mensch, wirklich. Aber er singt gut. So feierlich, da ist nichts zu sagen.«

»Behandelt er Kranke?«

»Ach was …! Wie kommt er dazu! So ein Mensch! Mich hat er übrigens von den Skrofeln geheilt … Wie kommt er dazu! Ein ganz dummer Mensch«, fügte er nach einer Pause hinzu.

»Kennst du ihn schon lange?«

»Schon lange. Wir waren in Sytschowka Nachbarn an der Krassiwaja-Metsch.«

»Und das Mädel, das wir im Walde sahen, die Annuschka, ist sie mit ihm verwandt?«

Jerofej sah mich über die Schulter an und grinste übers ganze Gesicht.

»Ha …! Ja, verwandt. Sie ist ein Waisenkind; sie hat keine Mutter, und man weiß auch nicht, wer ihre Mutter war. Muß aber mit ihm verwandt sein, sie sieht ihm gar zu ähnlich … Sie lebt bei ihm. Ein flinkes Mädel, das muß man wohl sagen, ein gutes Mädel, der Alte liebt sie mit ganzer Seele, ein nettes Mädel. Sie werden es mir nicht glauben, aber er ist imstande, seine Annuschka lesen zu lehren. Bei Gott, das sieht ihm ähnlich, so ein ungewöhnlicher Mensch ist er eben. Ein unbeständiger, unberechenbarer Mensch … He, he, he!« unterbrach mein Kutscher plötzlich sich selbst. Er hielt die Pferde an, neigte sich auf die Seite und begann in der Luft zu schnuppern. »Ich glaube, es ist Brandgeruch? Wirklich! Diese neuen Achsen … Dabei habe ich sie so geschmiert … Ich muß schauen, daß ich etwas Wasser auftreibe: Da ist auch ein kleiner Teich.«

Jerofej kletterte langsam vom Bock, band den Eimer ab, ging zum Teich, kehrte zurück und hörte mit Vergnügen zu, wie die plötzlich mit Wasser übergossene Radbuchse zischte … Auf der Strecke von zehn Werst mußte er an die sechsmal die heißgelaufene Achse begießen, und es war schon ganz finster, als wir nach Hause zurückkehrten.

Burmistr

Etwa fünfzehn Werst von meinem Gut wohnt ein Bekannter von mir, ein junger Gutsbesitzer, der Gardeoffizier a.D. Arkadij Pawlytsch Pjenotschkin. Auf seiner Besitzung gibt es viel Wild, sein Haus ist nach dem Plan eines französischen Architekten errichtet, seine Leute sind englisch gekleidet, er gibt ausgezeichnete Diners und empfängt seine Gäste gastfreundlich, und doch fährt man nicht gern zu ihm hin. Er ist ein vernünftiger und solider Mensch, hat, wie es so geht, eine ausgezeichnete Erziehung genossen, hat gedient und sich in der höchsten Gesellschaft bewegt, und nun treibt er mit großem Erfolg Landwirtschaft. Arkadij Pawlytsch ist, um mit seinen eigenen Worten zu reden, streng, aber gerecht; er sorgt für das Wohl seiner Untertanen und straft sie nur zu ihrem eigenen Besten. »Man muß sie behandeln wie die Kinder«, pflegt er in solchen Fällen zu sagen. »Die Unbildung, mon cher; il faut prendre cela en considération.« Selbst im Fall einer sogenannten traurigen Notwendigkeit vermeidet er hastige und heftige Bewegungen und erhöht nicht gern den Ton seiner Stimme; er stößt vielmehr direkt mit der Faust und spricht dabei ruhig: »Ich habe dich ja gebeten, mein Lieber«, oder: »Was hast du, mein Freund? Besinne dich doch!« Dabei drückt er nur die Zähne aufeinander und verzieht den Mund. Er ist nicht groß gewachsen, elegant gebaut und recht hübsch; seine Hände und Nägel hält er sehr sauber; seine roten Lippen und Wangen atmen Gesundheit. Er lacht laut und sorglos und blinzelt freundlich mit seinen hellen braunen Augen. Er kleidet sich vorzüglich und geschmackvoll; er verschreibt sich französische Bücher, Bilder und Zeitungen, ist aber kein großer Freund vom Lesen: Nur mit Mühe ist er mit dem Ewigen Juden fertig geworden. Im Kartenspiel ist er Meister. Arkadij Pawlytsch gilt überhaupt als einer der gebildetsten Edelleute und eine der begehrenswertesten Partien in unserem Gouvernement; die Damen sind bezaubert von ihm und loben insbesondere seine Manieren. Er hat ein wunderbares Benehmen, ist vorsichtig wie eine Katze und ist während seines ganzen Lebens in keine einzige Geschichte verwickelt gewesen, obwohl er es bei Gelegenheit liebt, seine Meinung zu sagen und einen schüchternen Menschen zu verblüffen und zum Schweigen zu bringen. Schlechte Gesellschaft meidet er auf die entschiedenste Weise, da er fürchtet, sich irgendwie zu kompromittieren; dafür erklärt er sich oft in einer heiteren Stunde für einen Jünger Epikurs, obwohl er im allgemeinen über die Philosophie abfällig urteilt und sie eine neblige Nahrung deutscher Geister, manchmal auch einfach einen Unsinn nennt. Er liebt auch Musik und singt beim Kartenspiel durch die Zähne, aber mit Gefühl; er kennt einige Stellen aus der Lucia und aus der Somnambule, singt sie aber etwas zu hoch. Im Winter fährt er immer nach Petersburg. Sein Haus ist in einer wunderbaren Ordnung; selbst die Kutscher haben sich seinem Einfluß gefügt und putzen nicht nur alle Tage die Kumte und ihre Röcke, sondern waschen sich auch täglich ihre Gesichter. Die Leibeigenen Arkadij Pawlytschs blicken zwar etwas finster drein, aber bei uns in Rußland kann man einen mürrischen Menschen nur schwer von einem verschlafenen unterscheiden. Arkadij Pawlytsch spricht mit einer weichen, angenehmen Stimme, in Absätzen, und scheint jedes Wort mit Vergnügen durch seinen schönen, parfümierten Schnurrbart hindurchzulassen; er gebraucht auch viele französische Ausdrücke, wie: »Mais c'est impayable!« »Mais comment donc!« und so weiter. Trotz alledem besuche ich ihn nicht allzu gern, und wären nicht die Birk- und Rebhühner, so hätte ich wohl jeden Verkehr mit ihm abgebrochen. Eine seltsame Unruhe bemächtigt sich euer in seinem Haus; selbst der Komfort freut euch nicht, und wenn vor euch am Abend der Kammerdiener mit gekräuseltem Haar, in blauer Livree mit Wappenknöpfen, erscheint und euch mit knechtischer Dienstfertigkeit die Stiefel auszuziehen beginnt, fühlt ihr, daß, wenn statt dieses bleichen und ausgemergelten Menschen vor euch plötzlich die erstaunlich breiten Backenknochen und die unwahrscheinlich stumpfe Nase eines kräftigen jungen Bauernburschen erschiene, den der Herr soeben vom Pflug geholt hat, der aber schon Zeit gefunden hat, den ihm vor kurzem verliehenen Nankingrock an zehn Stellen zu zerreißen – ihr euch unsagbar freuen und euch gern der Gefahr aussetzen würdet, zugleich mit dem Stiefel auch das ganze Bein bis zum Gelenk zu verlieren …