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Trotz meiner Abneigung gegen Arkadij Pawlytsch traf es sich einmal doch, daß ich bei ihm über Nacht bleiben mußte. Am nächsten Morgen ließ ich meinen Wagen anspannen, er wollte mich aber nicht ohne ein Frühstück nach englischer Manier fortlassen und führte mich in sein Kabinett. Mit dem Tee reichte man uns Koteletts, weiche Eier, Butter, Honig, Käse usw. Zwei Kammerdiener in sauberen weißen Handschuhen kamen rasch und stumm unseren geringsten Wünschen zuvor. Wir saßen auf einem persischen Diwan. Arkadij Pawlytsch trug eine weite, seidene Pluderhose, eine schwarze Samtjoppe, einen hübschen Fez mit blauer Quaste und gelbe, chinesische, hinten offene Pantoffeln. Er trank seinen Tee, lachte, betrachtete seine Fingernägel, rauchte, schob sich Kissen hinter den Rücken und fühlte sich überhaupt in der besten Laune. Nachdem er ausgiebig und mit sichtbarem Vergnügen gefrühstückt hatte, schenkte sich Arkadij Pawlytsch ein Glas Rotwein ein, führte es an die Lippen und runzelte plötzlich die Stirn.

»Warum ist der Wein nicht gewärmt?« fragte er ziemlich barsch einen der Kammerdiener.

Der Kammerdiener verlor die Fassung, blieb wie angewurzelt stehen und erbleichte.

»Ich habe dich gefragt, mein Bester!« fuhr Arkadij Pawlytsch ruhig fort, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

Der unglückliche Kammerdiener trat von einem Fuß auf den anderen, drehte die Serviette in der Hand und versetzte kein Wort. Arkadij Pawlytsch senkte den Kopf und sah ihn nachdenklich mit krauser Stirn an.

»Pardon, mon cher«, versetzte er mit einem angenehmen Lächeln, mein Knie freundschaftlich mit der Hand berührend, und richtete dann den Blick wieder auf den Kammerdiener. »Nun, geh«, fügte er nach kurzem Schweigen hinzu. Dann zog er die Brauen hoch und schellte.

Ein dicker, brauner, schwarzhaariger Mann mit niedriger Stirn und im Fett verschwindenden Augen trat ins Zimmer.

»Wegen Fjodor … ist ein Befehl zu erteilen«, sagte Arkadij Pawlytsch halblaut mit vollkommener Selbstbeherrschung. »Zu Befehl«, antwortete der Dicke und ging hinaus.

»Voilà, mon cher, les désagréments de la campagne«, bemerkte Arkadij Pawlytsch lustig. – »Wo wollen Sie denn hin? Bleiben Sie doch, sitzen Sie noch ein Weilchen da.«

»Nein«, antwortete ich, »ich muß fort.«

»Immer auf die Jagd! Ach, diese Jäger! Wo fahren Sie denn jetzt hin?«

»Vierzig Werst von hier, nach Rjabowo.«

»Nach Rjabowo? Ach, mein Gott, in diesem Fall fahre ich mit Ihnen. Rjabowo liegt nur fünf Werst von meinem Gut Schipilowka entfernt; in Schipilowka bin ich aber schon lange nicht gewesen, ich kam einfach nicht dazu … So trifft es sich ausgezeichnet: Heute können Sie in Rjabowo jagen und kommen am Abend zu mir. Ce sera charmant. Wir werden zusammen zum Abend essen – wir nehmen den Koch mit. Sie werden bei mir übernachten. Wunderschön! Ausgezeichnet!« fügte er hinzu, ohne erst meine Antwort abzuwarten. »C'est arrangé … He, wer ist da? Laßt uns den Wagen anspannen, aber schnell. Sind Sie noch nie in Schipilowka gewesen? Ich würde mich schämen, Ihnen vorzuschlagen, die Nacht im Hause meines Burmistrs zu verbringen, aber ich weiß, Sie sind nicht heikel, auch in Rjabowo müßten Sie in einem Heuschuppen übernachten … Also wir fahren!«

Und Arkadij Pawlytsch stimmte irgendein französisches Lied an.

»Sie wissen vielleicht nicht«, fuhr er fort, sich auf beiden Beinen wiegend, »meine Bauern sind dort auf Zins gesetzt. Konstitution, was soll man machen? Aber sie zahlen den Zins pünktlich. Ich hätte sie, offen gestanden, schon längst auf Frondienst gesetzt, aber ich habe zu wenig Land! Ich wundere mich auch so, wie sie auskommen. Übrigens, c'est leur affaire. Mein Burmistr ist ein tüchtiger Kerl, une forte tête, ein Staatsmann! Sie werden es sehen … Es trifft sich wirklich ausgezeichnet.«

Es war nichts zu machen. Statt um neun Uhr früh fuhren wir erst um zwei ab. Die Jäger werden meine Ungeduld begreifen. Arkadij Pawlytsch liebte es, wie er sich ausdrückte, sich bei Gelegenheit zu verwöhnen, und nahm eine solche Menge Wäsche, Vorräte, Kleider, Parfüms, Kissen und allerlei Necessaires mit, daß dieser Gottessegen manchem sparsamen und sich beherrschenden Deutschen wohl für ein Jahr gereicht haben würde. Sooft es bergab ging, hielt Arkadij Pawlytsch eine kurze, aber eindringliche Rede an seinen Kutscher, woraus ich ersehen konnte, daß mein Bekannter ein ordentlicher Hasenfuß war. Die Reise ging aber sehr glücklich vonstatten; nur auf einem vor kurzem ausgebesserten Brückchen stürzte der Wagen mit dem Koch um, und das Hinterrad drückte ihm den Magen ab.

Als Arkadij Pawlytsch den Sturz seines selbstgezogenen Carêmes sah, erschrak er ernstlich und ließ sich sogleich erkundigen, ob seine Hände ganz seien. Als er eine bejahende Antwort erhielt, beruhigte er sich sofort. So fuhren wir ziemlich lange; ich saß im gleichen Wagen mit Arkadij Pawlytsch und empfand gegen das Ende der Fahrt eine tödliche Langeweile, um so mehr, als mein Bekannter im Laufe der einigen Stunden am Ende seiner Weisheit war und zu liberalisieren anfing. Endlich kamen wir an, aber nicht in Rjabowo, sondern direkt in Schipilowka: So hatte es sich irgendwie gefügt. An diesem Tag konnte ich ohnehin nicht mehr jagen und ergab mich daher wohl oder übel in mein Schicksal.

Der Koch war einige Minuten vor uns angekommen und hatte offenbar schon verschiedene Anordnungen getroffen und die in Betracht kommenden Personen benachrichtigt, denn gleich an der Dorfgrenze empfing uns der Schulze (ein Sohn des Burmistrs), ein kräftiger, rothaariger Bauer von Klaftergröße, zu Pferde, ohne Mütze, mit einem neuen, vorne offenstehenden Kittel angetan. – »Wo ist denn Sofron?« fragte ihn Arkadij Pawlytsch. Der Schulze sprang schnell vom Pferd, verbeugte sich tief vor dem Herrn und sagte: »Guten Tag, Väterchen Arkadij Pawlytsch!« Dann hob er den Kopf, schüttelte sich und meldete, Sofron sei nach Perow gefahren, man habe aber schon nach ihm geschickt. – »Nun, komm mit uns«, sagte Arkadij Pawlytsch. Der Schulze führte sein Pferd aus Anstand auf die Seite, schwang sich hinauf und folgte, die Mütze in der Hand, in leichtem Trab unserem Wagen. Wir fuhren durchs Dorf. Wir begegneten einigen Bauern in leeren Wagen; sie kamen von der Dreschtenne und sangen Lieder, wobei sie mit dem ganzen Körper wackelten und mit den Beinen in der Luft zappelten; aber als sie unseren Wagen und den Schulzen sahen, verstummten sie plötzlich, zogen ihre Wintermützen ab (es war im Sommer) und erhoben sich, als warteten sie auf Befehle. Arkadij Pawlytsch grüßte sie gnädig. Durch das ganze Dorf verbreitete sich sichtlich eine Unruhe und Aufregung. Weiber in gewürfelten Röcken warfen Holzscheite nach den unverständigen und allzu eifrigen Hunden; ein lahmer Greis mit einem Bart, der dicht unter den Augen anfing, riß ein Pferd, das seinen Durst noch nicht gestillt hatte, vom Brunnen weg, schlug es ohne jeden Grund auf die Seite und machte erst dann seine Verbeugung; Jungen in langen Hemden rannten heulend in die Häuser, legten sich mit dem Bauch auf die Schwellen, ließen die Köpfe herabhängen, hoben die Beine in die Höhe und rollten auf diese Weise recht geschickt hinter die Tür in den dunklen Flur, aus dem sie nicht mehr zum Vorschein kamen. Zwei Hühner liefen in beschleunigtem Trab unter ein Tor; ein tapferer Hahn mit schwarzer Brust, die wie eine Atlasweste aussah, und einem roten Schwanz, der sich beinahe bis zum Kamm krümmte, blieb auf der Straße stehen und wollte sogar zu krähen anfangen, wurde aber plötzlich verlegen und lief gleichfalls davon. Das Haus des Burmistrs stand mitten in einem dichten, grünen Hanffelde. Wir hielten vor dem Tore. Herr Pjenotschkin erhob sich, warf sich malerisch den Mantel von den Schultern und stieg aus dem Wagen, freundliche Blicke um sich werfend. Die Frau des Burmistrs empfing uns mit tiefen Bücklingen und küßte dem Herrn die Hand. Arkadij Pawlytsch erlaubte ihr, sich satt zu küssen, und trat auf die Treppe. In einem dunklen Winkel des Flures stand die Frau des Schulzen und verneigte sich gleichfalls, wagte aber nicht, die Hand zu küssen. In der sogenannten kalten Stube, rechts vom Flur, machten sich schon zwei andere Weiber zu schaffen: Sie trugen von dort allerlei Plunder heraus, leere Zuber, wie Holz steife Schafspelze, Buttertöpfe, eine Wiege mit einem Haufen Lumpen und einem bunten Kind und fegten mit Badebesen den Kehricht aus. Arkadij Pawlytsch schickte sie hinaus und ließ sich auf der Bank unter den Heiligenbildern nieder. Die Kutscher fingen an, die Kasten, Schatullen und die übrigen Bequemlichkeiten hereinzutragen, wobei sie sich die größte Mühe gaben, den Lärm, den ihre schweren Stiefel machten, zu dämpfen.