Arkadij Pawlytsch fragte indessen den Schulzen nach der Ernte, nach der Saat und anderen Wirtschaftsangelegenheiten aus. Der Schulze gab befriedigende Antwort, sprach aber irgendwie matt und ungeschickt, als knöpfte er mit erfrorenen Fingern einen Kaftan zu. Er stand bei der Tür und sah sich fortwährend unruhig um, um dem schnellen, flinken Kammerdiener den Weg freizulassen. Hinter seinen mächtigen Schultern konnte ich sehen, wie die Frau des Burmistrs im Flur irgendein anderes Weib prügelte. Plötzlich polterte ein Wagen und hielt vor der Tür: Der Burmistr trat in die Stube.
Dieser Staatsmann, wie ihn Arkadij Pawlytsch nannte, war nicht groß von Wuchs, breitschultrig, grauhaarig und stämmig; er hatte eine rote Nase, kleine blaue Augen und einen fächerförmigen Vollbart. Bei dieser Gelegenheit wollen wir bemerken, daß es, seitdem Rußland besteht, noch keinen Fall gab, daß ein zum Reichtum gelangter Mensch nicht einen breiten Vollbart hätte; mancher trug sein Leben lang ein dünnes, keilförmiges Bärtchen, und plötzlich sieht man sein Gesicht wie von einem Heiligenschein eingefaßt – man wundert sich bloß, wo die Haare herkommen! Der Burmistr hatte in Perow wohl getrunken: Sein Gesicht war ordentlich aufgedunsen, auch roch er nach Schnaps.
»Ach, unser Väterchen, unser gnädigster Herr!« begann er singend und mit einem so andächtigen Ausdruck, als wollte er in Tränen ausbrechen. »Da sind Sie endlich gekommen …! Ihr Händchen, Väterchen, Ihr Händchen!« fügte er hinzu, die Lippen schon vorher zum Kusse spitzend.
Arkadij Pawlytsch erfüllte diesen Wunsch.
»Nun, Bruder Sofron, wie stehen deine Sachen?« fragte er freundlich.
»Ach, unser Väterchen!« rief Sofron. »Wie sollten unsere Sachen schlecht stehen? Sie, Väterchen, haben ja geruht, unser Dorf durch Ihren Besuch zu erleuchten, haben uns bis ans Ende unserer Tage glücklich gemacht. Gott sei Dank, Arkadij Pawlytsch, Gott sei Dank! Alles ist dank Ihrer Gnade in bester Ordnung.«
Hier machte Sofron eine Pause, sah seinen Herrn an und verlangte, wie unter einem neuen Ansturm von Gefühlen (auch der Rausch war mit im Spiel), zum zweitenmal nach dem Händchen; dann sang er noch schöner als vorhin: »Ach, Sie unser Vater, unser gnädigster Herr … und … was soll ich noch sagen! Bei Gott, ich bin vor Freude ganz närrisch geworden … Bei Gott, ich sehe und traue meinen Augen nicht … Ach, Sie unser Vater …!«
Arkadij Pawlytsch warf mir einen Blick zu, lächelte und fragte: »N'est-ce pas que c'est touchant?«
»Ja, Väterchen Arkadij Pawlytsch«, fuhr der unermüdliche Burmistr fort, »wie ist es nun? Sie haben mir solchen Kummer gemacht, Väterchen: Sie haben gar nicht geruht, mich von Ihrem Besuch zu benachrichtigen. Wo wollen Sie denn die Nacht zubringen? Hier ist es ja schmutzig und nicht gekehrt …«
»Es macht nichts, Sofron, es macht nichts«, antwortete Arkadij Pawlytsch mit einem Lächeln. »Hier ist es gut.«
»Aber, Väterchen, für wen ist es gut? Für unsereinen, für einen Bauern ist es gut; aber Sie … Ach, Väterchen, gnädigster Herr, ach, Väterchen …! Verzeihen Sie mir altem Narren, ich bin vor Freude, bei Gott, ganz närrisch geworden.«
Indessen brachte man uns das Abendbrot; Arkadij Pawlytsch begann zu speisen. Der Alte jagte seinen Sohn hinaus: »Du verdirbst hier nur die Luft.«
»Nun, Alter, hast du dich mit den Nachbarn wegen der Grenzen geeinigt?« fragte Herr Pjenotschkin, der sich sichtlich bemühte, den Ton der Bauernsprache zu treffen, und mir zublinzelte.
»Wir haben uns geeinigt, Väterchen, alles durch deine Gnade. Vorgestern haben wir das Papier unterschrieben. Die Chlynowschen machten anfangs Schwierigkeiten … sie machten Schwierigkeiten, Väterchen. Sie verlangten … sie verlangten … Gott weiß, was sie alles verlangten. Sie sind ja Narren, Väterchen, ganz dumme Menschen. Wir aber, Väterchen, haben durch deine Gnade unseren Dank bezeugt und Mikolai Mikolajitsch, den Schiedsrichter, zufriedengestellt; alles machten wir nach deinem Befehl, Väterchen; wie du uns zu befehlen geruhtest, so handelten wir; auch mit Wissen des Jegor Dmitritsch wurde alles gemacht.«
»Jegor hat es mir gemeldet«, bemerkte Arkadij Pawlytsch wichtig.
»Gewiß, Väterchen, gewiß – Jegor Dmitritsch.«
»Nun, seid ihr zufrieden?«
Sofron hatte nur darauf gewartet. »Ach, unser Väterchen, unser gnädigster Herr!« sang er von neuem. »Erbarmen Sie sich meiner … wir beten ja für Sie, Väterchen, Tag und Nacht zu Gott … Nur haben wir etwas zu wenig Land …«
Pjenotschkin unterbrach ihn. »Ist schon recht, ist schon recht, Sofron, ich weiß, du bist ein treuer Diener … Und wie ist der Ausdrusch?«
Sofron seufzte.
»Ach, Väterchen, der Ausdrusch ist nicht allzu gut. Erlauben Sie aber, Väterchen Arkadij Pawlytsch, Ihnen zu melden, was für eine Sache hier passiert ist.« Er näherte sich bei diesen Worten mit aufgeregten Handbewegungen Herrn Pjenotschkin, bückte sich und kniff ein Auge zusammen. »Man hat auf unserem Grund eine Leiche gefunden.«
»Wieso?«
»Ich kann es gar nicht begreifen, Väterchen; der Teufel hat wohl die Hand im Spiel gehabt. Zum Glück lag sie dicht an einer fremden Grenze; aber doch, offen gestanden, auf unserem Grund. Ich ließ sie sogleich, solange es noch ging, auf den fremden Keil schleppen, stellte Wachen auf und befahl unseren Leuten, den Mund zu halten. Dem Kreispolizisten meldete ich es aber für jeden Falclass="underline" Solche Dinge geschehen halt, sagte ich ihm; ich traktierte ihn auch mit Tee und erwies ihm auch sonst meine Erkenntlichkeit … Und was glauben Sie, Väterchen? Die Sache blieb den Fremden auf dem Halse; so eine Leiche kostet aber der Gemeinde gleich zweihundert Rubel, nicht mehr und nicht weniger.«