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Herr Pjenotschkin lachte viel über den schlauen Einfall seines Burmistrs und sagte mir einige Male, mit dem Kopf auf ihn weisend: »Quel gaillard, ah?«

Draußen war es indessen ganz dunkel geworden; Arkadij Pawlytsch ließ vom Tisch abräumen und Heu hereinbringen. Der Kammerdiener breitete Laken aus und verteilte die Kissen; wir legten uns nieder. Sofron entfernte sich, nachdem er Befehle für den folgenden Tag erhalten hatte. Arkadij Pawlytsch sprach vor dem Einschlafen noch etwas von den vorzüglichen Eigenschaften des russischen Bauern und bemerkte mir bei dieser Gelegenheit, daß seit der Amtseinsetzung Sofrons die Schipilowschen Bauern mit keinem Groschen im Rückstand seien … Der Nachtwächter klopfte auf sein Brett; ein Kind, das noch nicht vom Gefühl der nötigen Selbstlosigkeit durchdrungen war, schrie irgendwo im Hause … Wir schliefen ein.

Am nächsten Morgen standen wir ziemlich früh auf. Ich wollte schon nach Rjabowo fahren, aber Arkadij Pawlytsch äußerte den Wunsch, mir sein Gut zu zeigen, und bewog mich zu bleiben. Ich hatte auch selbst Lust, mich von den herrlichen Eigenschaften des ›Staatsmannes‹ Sofron zu überzeugen. Der Burmistr erschien. Er trug einen blauen Rock mit einem roten Gürtel. Er sprach viel weniger als gestern, sah aufmerksam und fest seinem Herrn in die Augen und gab vernünftige und zusammenhängende Antworten. Wir begaben uns mit ihm zur Dreschtenne. Sofrons Sohn, der klafterlange Schulze, allem Anschein nach ein höchst dummer Kerl, begleitete uns; ferner gesellte sich zu uns der Gemeindeschreiber Fedossejitsch, ein verabschiedeter Soldat mit riesigem Schnurrbart und einem sehr sonderbaren Gesichtsausdruck: Er sah aus, als hätte ihn vor vielen Jahren etwas in außergewöhnliches Erstaunen gesetzt, so daß er seitdem noch nicht zu sich gekommen wäre. Wir besichtigten die Tenne, die Riege, die Schuppen, die Scheunen, die Windmühle, den Viehhof, die Wintersaat, die Hanffelder; alles war tatsächlich in bester Ordnung; nur die trübseligen Gesichter der Bauern machten mich etwas stutzig. Sofron sorgte nicht nur für das Nützliche, sondern auch für das Angenehme: Er hatte alle Gräben mit Bachweiden bepflanzt, zwischen den Schobern auf der Tenne Wege angelegt und mit Sand bestreut, auf der Windmühle eine Windfahne in Gestalt eines Bären mit offenem Rachen und einer roten Zunge angebracht, an den Backsteinbau des Viehhofes eine Art griechischen Giebels angeklebt und darunter mit weißer Farbe hingeschrieben: ›Errichtet imdorfe Schipilowka imjahre tausend Acht hundert undfierzig. Dieser Fiehhof.‹ Arkadij Pawlytsch war ganz gerührt und begann mir auf französisch die Vorteile des Zinsstandes der Bauern auseinanderzusetzen, wobei er jedoch bemerkte, daß der Frondienst für die Gutsbesitzer vorteilhafter sei – aber alles könne man doch nicht haben …! Er fing an, dem Burmistr Ratschläge zu erteilen, wie die Kartoffeln zu pflanzen, wie das Viehfutter zuzubereiten sei und so weiter. Sofron hörte die Worte seines Herrn aufmerksam an, machte manchmal Einwände, titulierte aber Arkadij Pawlytsch weder Väterchen noch gnädigster Herr mehr und pochte immer darauf, daß sie zuwenig Land hätten und daß man welches hinzukaufen sollte.

»Nun, kauft welches dazu«, sagte Arkadij Pawlytsch, »auf meinen Namen, ich habe nichts dagegen.«

Sofron antwortete darauf nichts und strich sich nur den Bart.

»Jetzt sollten wir eigentlich in den Wald«, bemerkte Herr Pjenotschkin.

Man brachte uns sofort Reitpferde, und wir ritten in den Wald oder, wie man ihn bei uns nennt, Bannforst. In diesem Bannforst fanden wir eine furchtbare Wildnis, und Arkadij Pawlytsch lobte dafür Sofron und klopfte ihm auf die Schulter. In bezug auf das Forstwesen folgte Herr Pjenotschkin den russischen Anschauungen und erzählte mir bei dieser Gelegenheit einen, wie er ihn nannte, komischen Fall, wo ein Spaßvogel von einem Gutsbesitzer seinem Förster den halben Bart ausraufte, um ihm zu beweisen, daß der Wald nicht dichter wachse, wenn man ihn lichte … Aber in anderen Beziehungen waren weder Sofron noch Arkadij Pawlytsch gegen Neuerungen abgeneigt. Nach unserer Rückkehr ins Dorf führte uns der Burmistr zur Besichtigung der vor kurzem aus Moskau verschriebenen Getreideschwinge. Die Schwinge funktionierte wirklich gut, aber wenn Sofron gewußt hätte, welche Unannehmlichkeit ihn und seinen Herrn auf diesem letzten Gang erwartete, so wäre er wahrscheinlich mit uns zu Hause geblieben.

Es ereignete sich nämlich dieses. Als wir den Schuppen verließen, bot sich uns folgendes Schauspieclass="underline" Einige Schritte vor der Tür knieten neben einer schmutzigen Pfütze, in der sorglos drei Enten plätscherten, zwei Bauern: ein Greis von etwa sechzig Jahren und ein zwanzigjähriger Bursch, beide in geflickten Hemden, barfuß und mit Stricken umgürtet. Der Gemeindeschreiber Fedossejitsch bemühte sich um sie und hätte sie wohl überredet, sich zu entfernen, wenn wir noch etwas länger im Schuppen geblieben wären. Als er uns aber erblickte, richtete er sich auf und erstarrte. Gleich daneben stand der Schulze mit aufgerissenem Mund und geballten Fäusten, mit denen er nun nichts anzufangen wußte. Arkadij Pawlytsch runzelte die Stirne, biß sich auf die Lippen und ging auf die Bittsteller zu. Beide verneigten sich vor ihm schweigend bis zur Erde.

»Was wollt ihr? Worum bittet ihr?« fragte er mit strenger Stimme und ein wenig durch die Nase.

Die Bauern sahen einander an und versetzten kein Wort, sie kniffen nur die Augen wie vor der Sonne zusammen und atmeten schneller.

»Nun, was gibt's?« fuhr Arkadij Pawlytsch fort und wandte sich sogleich an Sofron: »Aus welcher Familie sind sie?«

»Aus der Tobolejewschen«, antwortete langsam der Burmistr.

»Nun, was wollt ihr?« begann Herr Pjenotschkin von neuem. »Habt ihr keine Zungen? Sag, was willst du?« fügte er hinzu und wies mit dem Kopf auf den Alten. »Fürchte dich nicht, Dummkopf.«

Der Alte reckte seinen dunkelbraunen, runzligen Hals, öffnete schief die bläulichen Lippen, sprach mit heiserer Stimme: »Nimm dich unser an, Herr!« und berührte mit der Stirne den Boden. Der junge Bauer verbeugte sich gleichfalls. Arkadij Pawlytsch blickte mit Würde auf ihre Nacken, warf den Kopf zurück und spreizte die Beine.

»Was ist das? Über wen beschwerst du dich?«

»Erbarme dich, Herr! Laß uns aufatmen … Wir sind zu Tode gequält.« Der Alte sprach nur mit Mühe.

»Wer hat dich zu Tode gequält?«

»Sofron Jakowlewitsch, Väterchen.«

Arkadij Pawlytsch schwieg.

»Wie heißt du?«

»Antip, Väterchen.«

»Und wer ist der da?«

»Mein Sohn, Väterchen.«

Arkadij Pawlytsch schwieg wieder und bewegte seinen Schnurrbart.

»Nun, wodurch hat er dich zu Tode gequält?« fragte er, den Alten durch den Schnurrbart hindurch anblickend.

»Väterchen, er hat mich ganz zugrunde gerichtet. Zwei Söhne hat er außer der Reihe unter die Rekruten gesteckt, und nun will er mir den dritten nehmen. Gestern, Väterchen, hat er mir meine letzte Kuh weggeführt und meine Alte verprügelt – das hat seine Gnaden getan.« Er zeigte auf den Schulzen.

»Hm!« versetzte Arkadij Pawlytsch.

»Laßt nicht zu, daß er uns ganz zugrunde richtet, Ernährer!«

Herr Pjenotschkin runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?« fragte er den Burmistr halblaut mit unzufriedener Stimme.

»Er ist halt ein Trinker«, antwortete der Burmistr, indem er zum erstenmal das Wort ›halt‹ gebrauchte: »Ein arbeitsscheuer Mensch. Seit fünf Jahren ist er mit dem Zins im Rückstand.«

»Sofron Jakowlewitsch hat für mich die Rückstände bezahlt, Väterchen«, fuhr der Alte fort. »Es ist schon das fünfte Jahr, daß er sie bezahlt hat, aber dann machte er mich zu seinem Knecht, Väterchen, und …«

»Warum warst du aber im Rückstand?« fragte Herr Pjenotschkin streng.

Der Alte senkte den Kopf.

»Du liebst wohl zu trinken und in der Schenke zu sitzen?« Der Alte öffnete den Mund.