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»Ich kenne euch«, fuhr Arkadij Pawlytsch zornig fort, »ihr versteht nur zu saufen und auf dem Ofen zu liegen, ein guter Bauer muß aber für euch aufkommen.«

»Er ist auch frech«, fiel der Burmistr seinem Herrn in die Rede.

»Nun, das versteht sich von selbst. Es ist immer so, ich habe es schon mehr als einmal bemerkt. Das ganze Jahr ist er besoffen und grob und dann wälzt er sich zu meinen Füßen.«

»Väterchen Arkadij Pawlytsch«, begann der Alte in seiner Verzweiflung, »erbarme dich! Wann bin ich denn frech gewesen? Ich spreche wie vor dem Angesicht Gottes, es geht über meine Kraft. Sofron Jakowlewitsch mag mich nicht, warum er mich aber nicht mag, darüber ist Gott Richter! Er richtet mich ganz zugrunde … Meinen letzten Sohn, auch den …« In den gelben, runzligen Augen des Alten glänzten Tränen. »Erbarme dich, Herr, schütze mich …«

»Und nicht uns allein …«, fing der junge Bauer an. Arkadij Pawlytsch fuhr plötzlich auf: »Wer hat dich gefragt? Wenn man dich nicht fragt, so sollst du schweigen. Was ist denn das? Halt's Maul, sage ich dir! Halt's Maul …! Ach, mein Gott! Das ist ja eine Revolte! Nein, Bruder, ich rate dir, nicht zu revoltieren … ich …« Arkadij Pawlytsch machte einen Schritt vorwärts, erinnerte sich dann wohl an meine Anwesenheit, wandte sich weg und steckte die Hände in die Taschen … »Je vous demande bien pardon, mon cher«, sagte er mit einem gezwungenen Lächeln und senkte merklich die Stimme. »C'est le mauvais côté de la médaille … Nun, ist schon gut, ist schon gut«, fuhr er fort, ohne die Bauern anzublicken: »Ich will Befehl geben … ist schon gut, geht.«

Die Bauern standen nicht auf.

»Ich hab' euch ja gesagt … ist schon gut. Geht doch, ich werde Befehl geben, sage ich euch.«

Arkadij Pawlytsch wandte ihnen den Rücken zu. »Immer Unannehmlichkeiten«, sagte er zwischen den Zähnen und ging mit raschen Schritten ins Haus. Sofron folgte ihm. Der Gemeindeschreiber glotzte mit den Augen, als wäre er im Begriff, einen großen Sprung zu machen. Der Schulze verscheuchte die Enten aus der Pfütze. Die Bittsteller standen noch eine Weile auf dem gleichen Fleck, sahen dann einander an und schlichen, ohne sich umzuschauen, nach Hause.

Zwei Stunden später war ich schon in Rjabowo und bereit, mich mit Anpadist, einem mir bekannten Bauern, auf die Jagd zu begeben. Pjenotschkin hatte bis zu meiner Abreise auf Sofron geschmollt, Ich sprach mit Anpadist von den Schipilowschen Bauern und von Herrn Pjenotschkin und fragte ihn, ob er den dortigen Burmistr kenne.

»Den Sofron Jakowlewitsch …? Das glaube ich!«

»Was ist er für ein Mensch?«

»Er ist ein Hund und kein Mensch, einen solchen Hund findet man bis Kursk nicht wieder.«

»Wieso?«

»Schipilowka gehört ja doch nur auf dem Papier diesem, wie heißt er noch, Pjenkin; es gehört aber gar nicht ihm, sondern Sofron.«

»Wirklich?«

»Es gehört ihm wie ein eigenes Gut. Alle Bauern ringsherum sind bei ihm verschuldet; sie arbeiten für ihn wie die Knechte: Den einen schickt er mit einer Fuhre hierhin, den anderen dorthin … sie kommen bei ihm nie zur Ruhe.«

»Ich glaube, sie haben wenig Land?«

»Wenig Land? Bei den Chlynowschen allein hat er dreißig Desjatinen gepachtet und bei den unsrigen – hundertzwanzig; das sind schon gleich hundertfünfzig. Aber er handelt nicht nur mit dem Boden, er handelt auch mit Pferden, mit Vieh, mit Teer, mit Öl, mit Hanf und mit allem … Gescheit, furchtbar gescheit und reich ist die Bestie! Einen Fehler hat er nur: Er haut gleich drein. Er ist ein Tier und kein Mensch, wie ich gesagt habe: ein Hund, ein wahrer Hund.«

»Warum beschweren sie sich nicht über ihn?«

»Ach! Was kümmert es den Herrn! Rückstände gibt es nicht, also geht es ihn nichts an. Geh einmal hin«, fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, »und beschwer dich! Nein, er wird dich … versuch es nur … Er wird dich gleich …«

Ich erinnerte mich an Antip und erzählte nun, was ich gesehen hatte.

»Nun«, versetzte Anpadist, »jetzt wird er ihn auffressen; er wird den Menschen mit Haut und Haar fressen. Der Schulze wird ihn totprügeln. So ein unglücklicher armer Teufel! Und wofür leidet er …? In einer Gemeindeversammlung hat er sich einmal mit dem Burmistr gestritten, er konnte es nicht länger aushalten … eine große Sache! Seitdem hat er angefangen, den Antip zu verfolgen. Jetzt wird er ihm ganz den Garaus machen. Er ist doch solch ein Hund, solch ein Hund, Gott verzeih' mir die Sünde, er weiß, wen er anpackt. Alte Männer, die reicher sind und viele Söhne haben, die rührt er nicht an, der kahlköpfige Teufel, hier hat er aber freies Spiel! Antips Söhne hat er ja außer der Reihe unter die Rekruten gesteckt, der unbarmherzige Schuft, der Hund, Gott verzeih' mir meine Sünde!«

Wir begaben uns auf die Jagd.

Salzbrunn in Schlesien, Juli 1847.

Das Kontor

Es war im Herbst. Seit einigen Stunden schon streifte ich mit dem Gewehr durch die Felder und wäre wohl nicht vor Abend in die Herberge an der Kursker Landstraße zurückgekehrt, wo mich meine Troika erwartete, wenn mich nicht der außerordentlich feine und kalte Regen, der mir vom frühen Morgen an so unablässig und unbarmherzig wie eine alte Jungfer zusetzte, schließlich gezwungen hätte, irgendwo in der Nähe eine wenn auch vorübergehende Zuflucht zu suchen. Während ich noch überlegte, welche Richtung ich einschlagen sollte, fiel mein Blick plötzlich auf eine niedere Strohhütte neben einem Erbsenfeld. Ich ging auf die Hütte zu, blickte unter das Strohdach und sah einen so altersschwachen Greis, daß mir sofort jener sterbende Bock in den Sinn kam, den Robinson in einer der Höhlen seiner Insel gefunden hatte. Der Alte hockte auf dem Boden, kniff seine dunkelgewordenen, kleinen Augen zusammen und kaute eilig, aber vorsichtig, gleich einem Hasen (der Arme hatte keinen einzigen Zahn im Mund) an einer trockenen und harten Erbse, die er unaufhörlich von der einen Seite in die andere rollen ließ. Er war in seine Beschäftigung dermaßen vertieft, daß er mein Erscheinen gar nicht bemerkte. »Großvater! Du, Großvater!« sagte ich. Er hörte zu kauen auf, zog die Brauen in die Höhe und öffnete mit Mühe die Augen.

»Was denn?« lallte er mit heiserer Stimme.

»Wo ist hier ein Dorf in der Nähe?« fragte ich.

Der Alte fing wieder zu kauen an. Er hatte mich nicht gehört. Ich wiederholte meine Frage lauter.

»Ein Dorf …? Was willst du denn?«

»Ich möchte mich vor dem Regen schützen.«

»Was?«

»Vor dem Regen schützen!«

»Ja!« Er kratzte sich seinen sonnenverbrannten Nacken. »Nun, geh mal so«, begann er plötzlich, die Worte durch unordentliche Handbewegungen begleitend. »So … wenn du am Wäldchen vorbeikommst, wenn du da vorbeikommst, so ist ein Weg; du sollst aber diesen Weg beiseite lassen und dich immer rechts halten, immer rechts, immer rechts … So kommst du nach Ananjewo. Oder du kommst auch nach Sitowka.«

Ich konnte den Alten nur mit Mühe verstehen. Sein Schnurrbart hinderte ihn am Sprechen, auch die Zunge wollte ihm nicht recht gehorchen.

»Wo bist du denn her?« fragte ich ihn.

»Was?«

»Wo du her bist?«

»Aus Ananjewo.«

»Was tust du denn hier?«

»Was?«

»Was du hier tust?«

»Ich bin hier Wächter.«

»Was bewachst du denn?«

»Die Erbsen.«

Ich mußte lachen.

»Aber ich bitte dich, wie alt bist du?«

»Das weiß Gott allein.«

»Du siehst wohl schlecht?«

»Was?«

»Du siehst wohl schlecht?«

»Ja, schlecht. Es kommt auch vor, daß ich nichts höre.«

»Wie kannst du dann Wächter sein, ich bitte dich?«

»Das ist Sache der Vorgesetzten.«

Die Vorgesetzten! dachte ich mir und sah den armen Alten nicht ohne Bedauern an. Er betastete sich, holte aus dem Busen ein Stück trockenes Brot hervor und fing an, daran zu saugen wie ein Kind, die ohnehin eingefallenen Wangen mit Mühe einziehend.