Ich ging in die Richtung zum Wäldchen, bog nach rechts ab, immer nach rechts, wie mir der Alte geraten hatte, und erreichte endlich ein großes Dorf mit einer steinernen Kirche im neuen Geschmack, das heißt mit Säulen und einem ausgedehnten, gleichfalls säulengeschmückten Herrenhaus. Schon aus der Ferne hatte ich durch das engmaschige Netz des Regens ein Haus mit einem Schindeldach und zwei Schornsteinen bemerkt, das höher als die andern Bauernhäuser war, anscheinend das Wohnhaus des Schulzen. Ich richtete dorthin meine Schritte in der Hoffnung, bei ihm einen Samowar Tee, Zucker und nicht ganz saure Sahne zu finden. In Begleitung meines vor Kälte zitternden Hundes betrat ich die kleine Treppe, kam in den Flur, öffnete eine Tür, erblickte aber statt der gewöhnlichen Einrichtung einer Bauernstube mehrere, mit Papieren beladene Tische, zwei rote Schränke, bespritzte Tintenfässer, zinnerne Sandfässer, von denen ein jedes wohl einen Pud wiegen mochte, furchtbar lange Federn und dergleichen. Auf einem der Tische saß ein etwa zwanzigjähriger Bursche mit gedunsenem und kränklichem Gesicht, winzigen Äuglein, einer fettigen Stirne und unendlich langen Schläfen. Er trug, ganz wie es sich gehört, einen grauen Nankingkaftan mit Fettglanz auf Kragen und Bauch.
»Was wünschen Sie?« fragte er mich und fuhr mit dem Kopf in die Höhe, wie ein Pferd, das nicht erwartet hatte, daß man es an der Schnauze packen würde.
»Wohnt hier der Verwalter … oder …«
»Hier ist das herrschaftliche Hauptkontor«, unterbrach er mich. »Ich sitze als Diensthabender da … Haben Sie denn das Schild nicht gelesen? Dazu ist doch das Schild angebracht.«
»Wo könnte ich mich hier trocknen? Hat hier jemand im Dorf einen Samowar?«
»Wie sollte kein Samowar dasein«, entgegnete der Bursche im grauen Kaftan sehr wichtig: »Gehen Sie einmal zum Geistlichen P. Timofej oder in die Gesindestube oder zu Nasar Tarassytsch oder zur Geflügelwärterin Agrafena.«
»Mit wem redest du da, Dummkopf? Du läßt einen gar nicht schlafen, Tölpel!« erklang eine Stimme aus dem Nebenzimmer.
»Da ist ein Herr gekommen und fragt, wo er sich trocknen könnte.«
»Was für ein Herr?«
»Ich weiß es nicht. Einer mit einem Hund und einem Gewehr.«
Im Nebenzimmer knarrte ein Bett. Die Tür ging auf, und herein trat ein Mann von etwa fünfzig Jahren, dick, kleingewachsen, mit einem Stiernacken, hervorstehenden Augen, ungewöhnlich runden Wangen und glänzendem Gesicht.
»Was wünschen Sie?« fragte er mich.
»Ich möchte mich trocknen.«
»Hier ist nicht der Ort dafür.«
»Ich wußte nicht, daß es das Kontor ist; übrigens will ich gerne bezahlen …«
»Vielleicht wird es auch hier gehen«, antwortete der Dicke. »Wollen Sie sich vielleicht hierher bemühen?« Er führte mich ins Nebenzimmer, aus dem er soeben gekommen war. »Werden Sie es hier bequem haben?«
»Ja … Könnte ich nicht auch Tee mit Sahne haben?«
»Bitte sehr, sofort. Wollen Sie sich indessen ausziehen und ausruhen, der Tee wird im Moment fertig sein.«
»Wem gehört dieses Gut?«
»Der Frau Jelena Nikolajewna Losnjakowa.«
Er ging hinaus. Ich sah mich um: An der Bretterwand, die mein Zimmer vom Kontor trennte, stand ein riesengroßes Ledersofa; zwei gleichfalls lederne Sessel mit ungeheuer hohen Lehnen standen zu beiden Seiten des einzigen Fensters, das auf die Straße ging. An den mit grünen, rosagemusterten Tapeten beklebten Wänden hingen drei große Ölbilder. Auf dem einen war ein Hühnerhund mit blauem Halsband und der Inschrift ›Das ist meine Freude‹ dargestellt; zu Füßen des Hundes war ein Fluß, und am gegenüberliegenden Ufer saß unter einer Fichte ein Hase von ungewöhnlicher Größe, das eine Ohr gespitzt. Auf dem zweiten Bild verzehrten zwei alte Männer eine Wassermelone; hinter der Wassermelone war in der Ferne eine griechische Säulenhalle mit der Inschrift ›Tempel der Befriedung‹ zu sehen. Das dritte Bild stellte eine halbnackte Frau in liegender Pose en raccourci dar, mit roten Knien und sehr dicken Fersen. Mein Hund verkroch sich unverzüglich mit ungeheurer Mühe unter das Sofa und fand dort anscheinend viel Staub, denn er hörte gar nicht zu niesen auf. Ich trat ans Fenster. Schräg über die Straße waren vom Herrenhaus zum Kontor Bretter gelegt; eine höchst nützliche Vorsichtsmaßregel, da es ringsum, dank unserer russischen schwarzen Erde und dem anhaltenden Regen ein entsetzlicher Schmutz war. In der Nähe des Herrenhauses, das mit der Rückseite zur Straße stand, spielten sich Szenen ab, wie sie sich immer neben den Herrenhäusern abspielen: Mädchen in verschossenen Kattunkleidern liefen hin und her; Leibeigene wateten durch den Schmutz, blieben ab und zu stehen und kratzten sich nachdenklich den Rücken; das angebundene Pferd eines Zehentmannes bewegte träge den Schweif und nagte mit hocherhobener Schnauze am Zaun; Hühner gackerten; schwindsüchtige Truthennen riefen einander fortwährend etwas zu. Auf der Freitreppe eines dunklen, durchfaulten Gebäudes, wahrscheinlich der Badestube, saß ein kräftiger Bursche mit einer Gitarre und sang nicht ohne Schwung das bekannte Lied:
»Ich fli – iehe in die ferne Wü – üste aus diesem wu – underschö – önen Ort!«
Der Dicke trat zu mir ins Zimmer.
»Da bringt man Ihnen den Tee«, sagte er mir mit einem angenehmen Lächeln.
Der diensthabende Bursche im grauen Kaftan stellte auf einen alten Lombertisch den Samowar, die Teekanne, ein Glas mit zerschlagener Untertasse, ein Töpfchen Sahne und einen Kranz Bolchowscher Kringel, die so hart waren wie Kieselsteine. Der Dicke ging hinaus.
»Wer ist das?« fragte ich den Diensthabenden. »Der Verwalter?«
»Zu Befehl, nein: Er war bisher erster Kassierer und ist jetzt zum ersten Sekretär befördert.«
»Habt ihr denn hier keinen Verwalter?«
»Zu Befehl, nein. Wir haben einen Burmistr, Michailo Wikulow, aber einen Verwalter haben wir nicht.«
»Aber einen Gutsinspektor habt ihr doch?«
»Gewiß, einen Deutschen, Karl Karlowitsch Lindamandol, aber er redet nichts drein.«
»Wer redet denn drein?«
»Die Gnädige selbst.«
»So …! Nun, habt ihr im Kontor viele Menschen sitzen?«
Der Bursche dachte nach.
»Sechs Menschen sitzen da.«
»Wer denn?« fragte ich.
»Nun, da ist zuerst Wassilij Nikolajewitsch, der Hauptkassierer, dann der Schreiber Pjotr, Pjotrs Bruder Iwan – ein Schreiber – und ein anderer Iwan, auch ein Schreiber, Koskonkin Narkisow, auch ein Schreiber, dann ich – alle kann man gar nicht aufzählen.«
»Eure Gnädige hat wohl viele Leibeigene?«
»Nein, das kann man nicht sagen …«
»Wieviel sind es immerhin?«
»An die hundertfünfzig Seelen werden es sein.«
Wir beide schwiegen eine Weile.
»Nun, hast du eine schöne Handschrift?« fragte ich von neuem.
Der Bursche grinste mit dem ganzen Gesicht, nickte mit dem Kopf, ging ins Kontor und brachte ein beschriebenes Blatt.
»Das da ist meine Handschrift«, versetzte er, immerfort grinsend.
Ich sah hin – auf einem Viertelblatt grauen Papiers stand mit einer hübschen und großen Schrift geschrieben:
Verordnung
von dem herrschaftlichen Haupt-Hauskontor zu Ananjewo an den Burmistr Michailo Wikulow. Nr. 209.
Es wird dir befohlen, sofort nach Empfang dieses zu untersuchen, wer in der vergangenen Nacht in betrunkenem Zustand und mit unanständigen Liedern durch den Englischen Garten gegangen ist und die französische Gouvernante, Madame Eugenie, geweckt und belästigt hat. Wie haben die Wächter aufgepaßt und wer war Wächter im Garten und hatte diesen Unfug zugelassen? Über alles Obenerwähnte hast du eine genaue Untersuchung anzustellen und dem Kontor unverzüglich Meldung zu erstatten.