Der erste Sekretär Nikolai Chwostow
Dieser Verordnung war ein ungeheures Wappensiegel mit der Inschrift ›Siegel des herrschaftlichen Haupt-Hauskontors zu Ananjewo ‹ beigefügt; unten stand der Vermerk ›Genauest auszuführen, Jelena Losnjakowa.‹
»Das hat wohl die Gnädige selbst hingeschrieben?« fragte ich.
»Gewiß, sie selbst; sie tut es immer selbst. Sonst hat die Verordnung keine Wirkung.«
»Nun, werdet ihr jetzt diese Verordnung dem Burmistr zuschicken?«
»Nein. Er wird selbst herkommen und sie lesen. Das heißt, man wird sie ihm vorlesen; er versteht nicht zu lesen.« Der Diensthabende machte wieder eine Pause. »Nun«, fügte er grinsend hinzu, »es ist doch hübsch geschrieben?«
»Gewiß.«
»Aufgesetzt habe ich es, offen gestanden, nicht selbst. Darin ist Koskenkin Meister.«
»Wie …? Werden denn die Verordnungen bei euch erst aufgesetzt?«
»Wie denn sonst? Man kann sie doch nicht gleich ins reine schreiben.«
»Wieviel Gehalt bekommst du denn?« fragte ich.
»Fünfunddreißig Rubel und fünf Rubel für Stiefel.«
»Und bist damit zufrieden?«
»Natürlich bin ich zufrieden. Bei uns findet nicht jeder Anstellung im Kontor. Mich hat, offen gestanden, Gott selbst dazu bestimmt, mein Onkel ist der Haushofmeister.«
»Und hast du es gut?«
»Ja, gut. Um die Wahrheit zu sagen«, fuhr er mit einem Seufzer fort, »bei einem Kaufmann zum Beispiel hat es unsereiner besser. Bei einem Kaufmann hat es unsereiner sehr gut. Zu uns ist gestern abend ein Kaufmann aus Wenjew gekommen, sein Knecht hat es mir erzählt … Bei dem hat man es gut, da ist nichts zu sagen, sehr gut.«
»Zahlen denn die Kaufleute mehr Gehalt?«
»Gott bewahre! Er wird einen hinauswerfen, wenn man Gehalt verlangt. Nein, beim Kaufmann lebt man auf gut Glauben und in der Furcht des Herrn. Er gibt einem zu essen und zu trinken, gibt die Kleider und alles. Stellt man ihn zufrieden, so gibt er noch mehr … Was ist Gehalt? Man braucht gar kein Gehalt … Auch lebt so ein Kaufmann einfach nach russischer Sitte wie unsereins: Ist man mit ihm auf der Reise, und trinkt er Tee, so bekommst auch du Tee; was er ißt, das bekommst du auch. Der Kaufmann … wie kann man es nur vergleichen – der Kaufmann ist ganz anders als ein Gutsherr. Der Kaufmann hat keine Launen; wenn er böse wird, verprügelt er einen, und die Sache ist erledigt. Aber er schimpft nicht und brummt nicht … Mit einem Herrn ist es aber ein Unglück! Alles paßt ihm nicht, dieses ist nicht gut, und jenes ist schlecht. Reicht man ihm ein Glas Wasser oder eine Speise, so heißt es gleich: ›Ach, das Wasser stinkt! Ach, das Essen stinkt!‹ Man trägt es hinaus, steht eine Weile hinter der Tür: ›Nun, jetzt ist es gut, jetzt stinkt es nicht mehr.‹ Und erst so eine Gnädige! Oder erst ein gnädiges Fräulein …!«
»Fedjuschka!« ertönte die Stimme des Dicken im Kontor.
Der Diensthabende ging schnell hinaus. Ich trank mein Glas Tee zu Ende, legte mich aufs Sofa und schlief ein. Ich schlief zwei Stunden.
Als ich erwachte, wollte ich aufstehen, aber ich war zu faul; ich schloß die Augen, schlief aber nicht mehr ein. Hinter der Bretterwand im Kontor wurde leise gesprochen. Ich hörte unwillkürlich zu.
»Ja, so ist es, so ist es, Nikolai Jeremejitsch«, sagte die eine Stimme. »Ja. Das kann man nicht in Betracht ziehen; das geht wirklich nicht … Hm!« Der Sprechende hüstelte.
»Glauben Sie es mir, Gawrila Antonytsch«, entgegnete die Stimme des Dicken. »Wie sollte ich die hiesige Ordnung nicht kennen, urteilen Sie doch selbst.«
»Ja, wer sollte sie kennen, Nikolai Jeremejitsch; Sie sind hier, man kann wohl sagen, die erste Person. Wie ist es nun?« fuhr die mir unbekannte Stimme fort. »Was werden wir beschließen, Nikolai Jeremejitsch? Gestatten Sie mir die Frage.«
»Ja, was werden wir beschließen, Gawrila Antonytsch? Die Sache hängt doch sozusagen von Ihnen ab – Sie scheinen keine rechte Lust zu haben.«
»Aber ich bitte, Nikolai Jeremejitsch, was fällt Ihnen ein? Ich bin doch nur Kaufmann, unsere Sache ist der Handel. Wir leben ja davon, Nikolai Jeremejitsch, das kann man wohl sagen.«
»Acht Rubel«, sagte der Dicke langsam.
Ich hörte einen Seufzer.
»Nikolai Jeremejitsch, Sie fordern zuviel.«
»Es geht nicht anders, Gawrila Antoriytsch; ich sage es wie vor Gott, es geht nicht.«
Ein Schweigen trat ein.
Ich stand leise auf und blickte durch eine Spalte in der Bretterwand. Der Dicke saß mit dem Rücken zu mir. Mit dem Gesicht zu ihm saß ein Kaufmann von etwa vierzig Jahren, hager und bleich, wie mit Fastenöl eingerieben. Er kratzte sich ununterbrochen den Bart, blinzelte sehr schnell mit den Augen und zuckte die Lippen.
»Wunderbar steht heuer die Wintersaat, das kann man wohl sagen«, begann er wieder. »Ich habe sie während der ganzen Fahrt bewundert. Von Woronesh an ist eine wunderbare Wintersaat, man darf wohl sagen, erster Sorte.«
»Die Wintersaat ist wirklich nicht schlecht«, antwortete der erste Buchhalter. »Aber Sie wissen doch, Gawrila Antonytsch, der Herbst kann noch so schön sein, alles hängt vom Frühjahr ab.«
»Es ist wirklich so, Nikolai Jeremejitsch; alles ist in Gottes Hand; Sie haben die reine Wahrheit gesagt … Ihr Gast scheint aber schon erwacht zu sein.«
Der Dicke wandte sich um … horchte …
»Nein, er schläft. Übrigens kann man auch …«
Er trat an die Tür.
»Nein, er schläft«, sagte er wieder und kehrte auf seinen Platz zurück.
»Nun, wie ist es, Nikolai Jeremejitsch?« fing der Kaufmann von neuem an. »Man muß doch das Geschäft einmal abschließen … Also meinetwegen, Nikolai Jeremejitsch, meinetwegen«, fuhr er fort, ununterbrochen mit den Augen zwinkernd, »zwei graue Scheine und einen weißen Schein kriegen Euer Gnaden, und dort«, er wies mit einer Kopfbewegung auf das Herrenhaus, »heißt es: sechsundeinhalb. Schlagen Sie ein?«
»Vier graue«, entgegnete der Buchhalter.
»Drei!«
»Vier graue ohne einen weißen.«
»Drei, Nikolai Jeremejitsch.«
»Dreiundeinhalb, keine Kopeke weniger.«
»Drei, Nikolai Jeremejitsch.«
»Kommen Sie mir nicht damit, Gawrila Antonytsch.«
»Wie unnachgiebig Sie doch sind«, murmelte der Kaufmann.
»Dann schließe ich schon lieber mit der Gnädigen selbst ab.«
»Wie Sie wollen«, antwortete der Dicke, »hätten Sie das doch früher gesagt. Was sollen Sie sich beunruhigen …? So wäre es viel besser!«
»Ist schon gut, ist schon gut, Nikolai Jeremejitsch. Gleich werden Sie böse! Ich habe es doch nur so gesagt.«
»Nein, warum, im Ernst …«
»Ist schon gut, sage ich Ihnen … Ich sage Ihnen doch, daß es nur zum Spaß war. Nun, nimm deine dreiundeinhalb, was soll man mit dir machen.«
»Vier hätte ich nehmen sollen, habe mich aber, Dummkopf, übereilt«, brummte der Dicke.
»Also, dort, im Hause heißt es: sechsundeinhalb, Nikolai Jeremejitsch. Das Getreide wird also für sechsundeinhalb abgegeben?«
»Für sechsundeinhalb, das ist doch schon abgemacht.«
»Also, schlagen Sie ein, Nikolai Jeremejitsch.« Der Kaufmann schlug mit seinen gespreizten Fingern in die Handfläche des Buchhalters. »Mit Gott denn!« Der Kaufmann stand auf. »Ich gehe also jetzt, Väterchen Nikolai Jeremejitsch, zur Gnädigen, lasse mich anmelden und sage ihr: ›Nikolai Jeremejitsch hat zu sechsundeinhalb abgeschlossen.«
»Ja, sagen Sie es so, Gawrila Antonytsch.«
»Und jetzt wollen Sie es in Empfang nehmen.«
Der Kaufmann händigte dem Buchhalter ein kleines Päckchen Banknoten aus, verbeugte sich, schüttelte den Kopf, ergriff seinen Hut mit zwei Fingern, hob die Achseln, versetzte seinen Rumpf in eine wellenförmige Bewegung und verließ, angemessen mit den Stiefeln knarrend, das Zimmer. Nikolai Jeremejitsch ging zur Wand und begann, soweit ich sehen konnte, die Papiere, die ihm der Kaufmann eingehändigt hatte, durchzusehen. In der Tür erschien ein rothaariger Kopf mit dichtem Backenbart.