»Hier ist kein Ort zum Singen«, entgegnete Kuprian fest. »Hier ist das herrschaftliche Kontor.«
»Was geht es dich an? Du willst doch selbst Kontorist werden?« antwortete Konstantin mit rohem Lachen. »So scheint es mir!«
»Alles hängt vom Willen der Herrschaft ab«, bemerkte der Arme.
»Seht ihr, was er werden will; wie gefällt er euch? Ah! Ah!«
Alle lachten, einzelne fingen sogar zu springen an. Am lautesten lachte ein fünfzehnjähriger Bengel, wahrscheinlich der Sohn eines Aristokraten unter den Leibeigenen. Er trug eine Weste mit Bronzeknöpfen, eine lilafarbene Halsbinde und hatte sich bereits ein Bäuchlein zugelegt.
»Gestehe doch, Kuprja«, begann selbstzufrieden Nikolai Jeremejitsch, dem die Sache wohl Spaß machte und der in Stimmung gekommen war, »es ist doch schlecht, Heizer zu sein? Ist wohl eine ganz dumme Beschäftigung?«
»Was soll ich sagen, Nikolai Jeremejitsch?« antwortete Kuprian. »Sie sind jetzt Sekretär, das stimmt; das wird niemand bestreiten; aber auch Sie waren einmal in Ungnade und haben auch in einem Bauernhaus wohnen müssen.«
»Paß auf, nimm dir nicht zu viel heraus!« unterbrach ihn der Dicke gereizt. »Narr, man macht doch nur Spaß mit dir; das müßtest du doch fühlen und dankbar sein, daß man sich mit dir abgibt, Dummkopf.«
»Das kam so zufällig, Nikolai Jeremejitsch, entschuldigen Sie …«
»Ja, zufällig!«
Die Tür ging auf, und ein kleiner Diener stürzte ins Zimmer.
»Nikolai Jeremejitsch, die Gnädige läßt Sie rufen.«
»Wer ist bei der Gnädigen?« fragte er den Diener.
»Aksinja Nikitischna und der Kaufmann aus Wenjew.«
»Ich komme sofort. Ihr aber, Brüder«, fuhr er eindringlich fort, »geht lieber mit dem neuernannten Heizer von hier fort; wie leicht kann der Deutsche hereinschauen und euch anzeigen.«
Der Dicke brachte sein Haar in Ordnung, hüstelte in die hohle Hand, die im Rockärmel fast ganz verschwand, knöpfte alle Knöpfe zu und begab sich breitbeinig zu der Gnädigen. Etwas später entfernte sich auch die ganze Gesellschaft mit Kuprian. Nur mein alter Bekannter, der Diensthabende, blieb zurück. Er begann erst die Gänsefedern zu schneiden, schlief aber im Sitzen ein. Mehrere Fliegen benutzten sofort diesen glücklichen Umstand und setzten sich ihm auf den Mund. Eine Mücke ließ sich auf seiner Stirn nieder, stellte ihre Beinchen symmetrisch auseinander und bohrte ihren Stachel langsam in sein weiches Fleisch. Der rothaarige Kopf mit dem Backenbart zeigte sich wieder in der Tür, sah sich um und trat zugleich mit seinem recht unschönen Körper ins Kontor.
»Fedjuschka! Du, Fedjuschka! Immer schläfst du!« versetzte der Kopf.
Der Diensthabende öffnete die Augen und erhob sich vom Stuhl.
»Ist Nikolai Jeremejitsch zur Gnädigen gegangen?«
»Ja, zur Gnädigen, Wassilij Nikolajewitsch.«
So, so, dachte ich mir, das ist er, der erste Kassierer.
Der erste Kassierer fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Es war übrigens mehr ein Schleichen als ein Gehen; überhaupt hatte er Ähnlichkeit mit einer Katze. Auf seinen Schultern schlotterte ein alter schwarzer Frack mit sehr schmalen Schößen; die eine Hand hielt er auf der Brust, mit der andern griff er aber jeden Augenblick an seine hohe, enge Halsbinde aus Roßhaar und drehte dabei angestrengt den Kopf. Er trug Stiefel aus Bockleder, die nicht knarrten, und trat sehr leise auf.
»Heute hat der Gutsbesitzer Jaguschkin nach Ihnen gefragt«, versetzte der Diensthabende.
»Hm, er hat nach mir gefragt? Was hat er denn gesagt?«
»Er hat gesagt, daß er am Abend zu Tjutjurew kommen und Sie dort erwarten wird. ›Ich muß‹, hat er gesagt, ›mit Wassilij Nikolajewitsch über eine Sache sprechen‹; über was für eine Sache, hat er aber nicht gesagt. ›Wassilij Nikolajewitsch weiß es schon‹, hat er gesagt.«
»Hm!« entgegnete der erste Kassierer und trat ans Fenster.
»Ist Nikolai Jeremejew im Kontor?« erklang im Flur eine laute Stimme, und ein großgewachsener Mensch mit einem unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen und kühnen Gesicht, recht sauber gekleidet, trat, offenbar erzürnt, über die Schwelle.
»Ist er nicht hier?« fragte er, indem er sich schnell umsah.
»Nikolai Jeremejitsch ist bei der Gnädigen«, antwortete der Kassierer. »Sagen Sie mir, was Sie wollen, Pawel Andrejitsch. Sie können es mir sagen … Was wollen Sie?«
»Was ich will? Sie wollen wissen, was ich will?« Der Kassierer nickte schmerzvoll mit dem Kopf. »Ich will es ihm zeigen, dem nichtsnutzigen Dickwanst, dem gemeinen Angeber … Ich werde ihm das Angeben schon zeigen!«
Pawel ließ sich in einen Stuhl fallen.
»Was haben Sie, was haben Sie, Pawel Andrejitsch? Beruhigen Sie sich … Wie, schämen Sie sich nicht? Vergessen Sie doch nicht, von wem Sie sprechen, Pawel Andrejitsch!« stammelte der Kassierer.
»Von wem ich spreche? Was geht es mich an, daß man ihn zum ersten Sekretär ernannt hat! Da hat man gerade den richtigen gefunden. Man hat den Bock zum Gärtner gemacht!«
»Hören Sie auf, hören Sie auf, Pawel Andrejitsch, hören Sie auf! Lassen Sie es … was für Dummheiten!«
»Da wedelt er schon mit dem Schwanz, der Fuchs …! Ich will auf ihn hier warten«, sagte Pawel erbost und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ah, da kommt er ja«, fügte er hinzu, zum Fenster hinausschauend. »Wenn man vom Wolf spricht … Kommen Sie nur!« Er stand auf.
Nikolai Jeremejitsch trat ins Kontor. Sein Gesicht strahlte vor Freude, als er aber Pawel sah, wurde er etwas verlegen.
»Guten Tag, Nikolai Jeremejitsch«, sagte Pawel bedeutungsvoll, ihm langsam entgegenkommend. »Guten Tag!«
Der erste Sekretär antwortete nichts. In der Tür zeigte sich das Gesicht des Kaufmanns.
»Warum wollen Sie mir nicht antworten?« fuhr Pawel fort. »Übrigens, nein … nein«, fügte er hinzu, »so geht es nicht; mit Schreien und Schimpfen kann man nichts ausrichten. Sagen Sie mir lieber im guten, Nikolai Jeremejitsch, weshalb verfolgen Sie mich? Weshalb wollen Sie mich zugrunde richten? Nun, sprechen Sie doch, sprechen Sie doch.«
»Hier ist nicht der Ort, um sich mit Ihnen auseinanderzusetzen«, entgegnete nicht ohne Erregung der erste Sekretär, »es ist auch nicht die Zeit dazu. Aber ich wundere mich, offen gestanden, über das eine: Wie kommen Sie darauf, daß ich Sie zugrunde richten will oder Sie verfolge? Wie kann ich Sie schließlich verfolgen! Sie sind doch nicht bei mir im Kontor angestellt.«
»Das will ich meinen«, antwortete Pawel, »das fehlte noch gerade! Aber warum verstellen Sie sich, Nikolai Jeremejitsch …? Sie verstehen mich doch.«
»Nein, ich verstehe Sie nicht.«
»Nein, Sie verstehen mich wohl.«
»Bei Gott, ich verstehe nichts.«
»Sie schwören noch! Wenn es schon so weit gekommen ist, so sagen Sie mir doch, ob Sie Gott fürchten! Warum lassen Sie das arme Mädel nicht in Ruhe? Was wollen Sie von ihr?«
»Von wem sprechen Sie eigentlich, Pawel Andrejitsch?« fragte der Dicke mit erheucheltem Erstaunen.
»Ach, er weiß es wohl nicht! Ich spreche von Tatjana. Fürchten Sie doch Gott! Wofür rächen Sie sich an ihr? Schämen Sie sich doch; Sie sind ein verheirateter Mann, haben Kinder von meiner Größe … Ich aber habe was anderes im Sinn: Ich will heiraten, ich handele nach Ehre und Gewissen.«
»Was kann ich dafür, Pawel Andrejitsch? Die Gnädige erlaubt Ihnen das Heiraten nicht; so ist einmal ihr Wille! Was kann ich dafür?«
»Was Sie dafür können? Haben Sie sich vielleicht nicht mit der alten Hexe, der Haushälterin, verschworen? Haben Sie niemand verleumdet? Verbreiten Sie nicht Lügengeschichten über das schutzlose Mädel? Hat man sie nicht dank Ihnen von einer Wäscherin zu einer Spülmagd gemacht? Wird sie nicht dank Ihnen geschlagen und muß in Sackleinwand gehen …? Schämen Sie sich doch, schämen Sie sich, Sie alter Mann! Jeden Tag kann Sie doch der Schlag treffen … Sie werden es vor Gott zu verantworten haben.«