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»Schimpfen Sie nur, Pawel Andrejitsch, schimpfen Sie nur … Sie werden nicht mehr lange schimpfen!«

Pawel fuhr auf.

»Was? Du willst mir drohen?« begann er wütend. »Du glaubst wohl, daß ich dich fürchte? Nein, Bruder, du bist an den Unrechten gekommen! Was soll ich fürchten …? Ich finde überall mein Auskommen. Mit dir ist es eine andere Sache! Du kannst nur hier leben, verleumden und stehlen …«

»Was der sich herausnimmt!« unterbrach ihn der Sekretär, der nun auch anfing, die Geduld zu verlieren. »Ein Feldscher, ein einfacher Feldscher, ein nichtsnutziger Quacksalber; wenn man ihm aber zuhört, kann man meinen, er sei eine wichtige Person!«

»Jawohl, ich bin Feldscher, aber ohne diesen Feldscher würden Euer Gnaden jetzt auf dem Friedhof faulen … Was hat mich auch der Teufel verführt, ihn zu heilen«, fügte er zwischen den Zähnen hinzu.

»Du hast mich geheilt …? Nein, du wolltest mich vergiften; du hast mir Aloe eingegeben«, fiel ihm der Sekretär ins Wort.

»Wenn aber bei dir nichts als Aloe wirkte?«

»Aloe ist von der Medizinalverwaltung verboten«, fuhr der Sekretär fort. »Ich werde mich noch beschweren … Du hast mich töten wollen, das ist es! Aber Gott hat es nicht zugelassen.«

»Hört doch auf, hört doch auf, meine Herren«, versuchte der Kassierer die beiden zu beschwichtigen …

»Laß mich in Ruh'!« schrie ihn der Sekretär an. »Er hat mich vergiften wollen! Verstehst du das?«

»Was brauche ich dich zu vergiften … Hör einmal, Nikolai Jeremejew«, sagte Pawel mit Verzweiflung. »Ich bitte dich zum letzten Male … du hast mich dazu getrieben, ich halte es nicht mehr aus. Laß uns in Ruhe, verstehst du? Sonst, bei Gott, geht es einem von uns schlecht. Dich meine ich!«

Der Dicke verlor die Fassung.

»Ich fürchte dich nicht«, schrie er auf, »hörst du, du Milchbart! Ich bin mit deinem Vater fertig geworden und habe ihm die Hörner gestutzt – das soll dir als Beispiel dienen, paß auf!«

»Sprich mir nicht von meinem Vater, Nikolai Jeremejew, sprich nicht von ihm!«

»So, so! Was bist du mir für ein Lehrmeister?«

»Ich sage dir, sprich mir nicht von ihm!«

»Und ich sage dir, vergiß dich nicht … Wie nötig dich auch die Gnädige nach deiner Ansicht braucht, aber wenn sie zwischen uns beiden zu wählen hat, so wirst du dich nicht halten können, Liebster! Niemand darf hier revoltieren, paß auf!« Pawel zitterte vor Wut. »Aber dem Mädel Tatjana geschieht ganz recht … Wart, sie wird noch was ganz anderes erleben!«

Pawel stürzte mit erhobenen Armen auf ihn los, und der Sekretär fiel schwer zu Boden.

»In Ketten mit ihm, in Ketten!« stöhnte Nikolai Jeremejew.

Das Ende dieser Szene kann ich nicht beschreiben; ich fürchte ohnehin, das Gefühl des Lesers verletzt zu haben.

Am gleichen Tag kehrte ich nach Hause zurück. Eine Woche später erfuhr ich, daß Frau Losnjakowa sowohl Pawel als Nikolai in ihren Diensten behalten, das Mädel Tatjana aber auf ein anderes Gut verschickt hatte; sie konnte sie wohl nicht brauchen.

Der Birjuk

Ich fuhr abends allein auf meinem Rennwagen von der Jagd. Bis nach Hause hatte ich an die acht Werst; meine gute Traberstute lief rüstig über die staubige Straße, indem sie ab und zu schnaubte und die Ohren bewegte; der müde Hund blieb wie angebunden keinen Schritt hinter den Hinterrädern zurück. Ein Gewitter war im Anzug. Vor mir erhob sich hinter dem Wald eine riesengroße lila Wolke; über mir und mir entgegen zogen langgestreckte graue Wolken; die Bachweiden rauschten und bewegten sich unruhig. Eine feuchte Kälte war plötzlich an Stelle der schwülen Hitze getreten; die Schatten verdichteten sich schnell. Ich schlug das Pferd mit der Leine, fuhr in eine Schlucht hinunter, kam über einen ausgetrockneten, ganz mit Weiden bewachsenen Bach, fuhr den andern Abhang hinauf und in den Wald hinein. Der Weg wand sich vor mir zwischen den dichten, schon in Dunkelheit gehüllten Haselsträuchern, ich kam nur mit Mühe vorwärts. Der Wagen hüpfte über die harten Wurzeln der hundertjährigen Eichen und Linden, die auf jedem Schritt die tiefen Spuren der Bauernwagen durchschnitten; mein Pferd begann zu stolpern. Plötzlich brauste in der Höhe ein heftiger Wind, die Bäume rauschten, und große Regentropfen prasselten und klatschten laut auf das Laub nieder; ein Blitz zuckte, und das Gewitter brach los. Es regnete in Strömen. Ich fuhr im Schritt weiter und mußte bald halten; mein Pferd blieb im Schmutz stecken, und ich konnte nichts sehen. So gut es ging fand ich Schutz unter einem breiten Strauch. Zusammengekrümmt und das Gesicht verhüllt, wartete ich geduldig auf das Ende des Unwetters, als ich plötzlich beim Leuchten des Blitzes vor mir auf dem Weg eine hohe Gestalt zu sehen glaubte. Ich blickte gespannt in die Richtung, und die gleiche Gestalt tauchte plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, dicht neben meinem Wagen auf.

»Wer ist da?« fragte eine laute Stimme.

»Und wer bist du?«

»Ich bin der hiesige Waldhüter.«

Ich nannte meinen Namen.

»Ach, ich kenne Sie! Fahren Sie nach Hause?«

»Ja, nach Hause. Aber dieses Gewitter …«

»Ja, das Gewitter«, antwortete die Stimme.

Ein weißer Blitz beleuchtete den Waldhüter vom Kopf bis zu den Füßen; ein lauter, kurzer Donnerschlag folgte gleich darauf. Der Regen strömte mit doppelter Kraft herab.

»Das endet nicht so bald«, versetzte der Waldhüter.

»Was soll ich machen?«

»Ich kann Sie in mein Haus führen«, sagte er kurz.

»Tue mir den Gefallen.«

»Bleiben Sie bitte sitzen.«

Er trat an den Kopf meines Pferdes, faßte es am Zaum und zog es von der Stelle. Wir setzten uns in Bewegung. Ich hielt mich am Kissen des Wagens fest, welcher schwankte wie ein Nachen im Meer, und rief meinen Hund. Meine arme Stute schlürfte schwer mit den Hufen durch den Schmutz, glitt aus und stolperte; der Waldhüter wankte vor den Deichselstangen wie ein Gespenst. Wir fuhren ziemlich lang; endlich blieb mein Führer stehen. »Nun sind wir daheim, Herr«, sagte er mit ruhiger Stimme. Ein Pförtchen knarrte, mehrere junge Hunde bellten. Ich hob den Kopf und sah beim Leuchten des Blitzes eine kleine Hütte in der Mitte eines großen, mit Flechtwerk' eingezäunten Hofes. In dem einen Fensterchen brannte trübes Licht. Der Waldhüter führte das Pferd dicht vor die Treppe und klopfte an die Tür. »Sofort, sofort!« antwortete ein feines Stimmchen, man hörte Tritte bloßer Füße, der Riegel knarrte, und ein etwa zwölfjähriges Mädchen in einem mit einem Tuchstreifen umgürteten Hemd erschien, mit einer Laterne in der Hand, an der Schwelle.

»Leuchte dem Herrn«, sagte er ihr. »Ihren Wagen will ich unter das Schutzdach stellen.«

Das Mädchen sah mich an und ging ins Haus. Ich folgte ihr.

Das Haus des Waldhüters bestand aus einem einzigen verräucherten, niedrigen und leeren Zimmer, ohne Pritsche und ohne jeden Verschlag. An der Wand hing ein zerrissener Schafspelz. Auf der Bank lag ein einläufiges Gewehr, in der Ecke ein Haufen Lumpen; zwei große Töpfe standen neben dem Ofen. Auf dem Tisch brannte ein Kienspan; bald leuchtete er traurig auf, bald schien er zu verlöschen. Mitten in der Stube hing vom Ende einer langen Stange eine Wiege herab. Das Mädchen blies die Laterne aus, setzte sich auf eine winzige Bank und begann mit der Rechten die Wiege zu schaukeln und mit der Linken den Kienspan zu putzen. Ich sah mich um – mein Herz krampfte sich zusammen: So traurig ist es nachts in einer Bauernstube. Das Kind in der Wiege atmete schwer.

»Bist du allein hier?« fragte ich das Mädchen.

»Ja, allein«, antwortete sie kaum hörbar.

»Bist du des Waldhüters Tochter?«