Ich kam zu ihm im Sommer gegen sieben Uhr abends. Bei ihm im Hause war eben die Abendmesse gelesen worden, und der Geistliche, ein noch junger Mann von schüchternem Aussehen, der wohl erst vor kurzem das Priesterseminar verlassen hatte, saß im Gastzimmer neben der Tür am äußersten Rande des Stuhles. Mardarij Apollonytsch empfing mich, seiner Gewohnheit gemäß, außerordentlich freundlich: Er freute sich aufrichtig über den Gast und war auch sonst ein herzensguter Mensch. Der Geistliche erhob sich und griff nach seinem Hut.
»Wart, wart, Väterchen«, sagte Mardarij Apollonytsch, ohne meine Hand loszulassen, »geh noch nicht… Ich habe befohlen, dir einen Schnaps zu bringen.«
»Ich trinke nicht«, murmelte der Geistliche verlegen und errötete bis über die Ohren.
»Was für Unsinn!« antwortete Mardarij Apollonytsch. »Mischka, Juschka! Einen Schnaps für Hochwürden!«
Juschka, ein langer, hagerer Greis von etwa achtzig Jahren, kam mit einem Gläschen Schnaps auf einem dunkelgestrichenen, mit fleischfarbenen Flecken besprenkelten Tablett herein. Der Geistliche versuchte, sich zu weigern.
»Trink, Väterchen, mach keine Geschichten, das ist nicht schön«, versetzte der Gutsbesitzer vorwurfsvoll.
Der arme junge Mann gehorchte.
»Jetzt, Väterchen, darfst du gehen.«
Der Geistliche fing an, sich zu verbeugen.
»Nun, gut, gut, geh … Ein prachtvoller Mensch«, fuhr Mardarij Apollonytsch fort, ihm nachblickend. »Ich bin mit ihm sehr zufrieden, das eine nur, er ist noch jung. Aber wie geht es Ihnen, Väterchen …? Was treiben Sie, wie leben Sie? Kommen Sie auf den Balkon, der Abend ist so schön.«
Wir traten auf den Balkon, setzten uns und kamen ins Gespräch. Mardarij Apollonytsch sah hinunter und geriet plötzlich in schreckliche Aufregung.
»Wessen Hühner sind das? Wessen Hühner sind das?« schrie er. »Wessen Hühner spazieren im Garten …? Juschka! Juschka …! Geh, erfahre, wessen Hühner im Garten spazieren …! Wessen Hühner sind das? Wie oft habe ich verboten, wie oft habe ich gesagt …«
Juschka lief hin.
»Was ist das für eine Unordnung!« wiederholte Mardarij Apollonytsch. »Das ist ja entsetzlich!«
Die unglücklichen Hühner – ich erinnere mich noch, es waren zwei gesprenkelte und ein weißes mit einem Schopf – fuhren ruhig fort, unter den Apfelbäumen zu spazieren und ihre Gefühle durch anhaltendes Gackern zu äußern, als plötzlich Juschka, ohne Mütze mit einem Stock in der Hand, und drei andere volljährige Leibeigene einmütig auf sie losstürzten. Der Spaß ging los. Die Hühner schrien, schlugen mit den Flügeln, sprangen und gackerten ohrenbetäubend; die Leibeigenen rannten, stolperten und fielen; der Herr schrie wie besessen vom Balkon herab: »Fang, fang! Fang, fang! Fang, fang, fang …! Wessen Hühner sind das, wessen Hühner sind das?« Endlich gelang es einem Leibeigenen, das Huhn zu fangen, indem er es mit der Brust an den Boden drückte; im gleichen Augenblick sprang ein etwa elfjähriges, ganz zerzaustes Mädel mit einer Rute in der Hand von der Straße her über den Gartenzaun.
»Aha, jetzt weiß ich, wessen Hühner es sind!« rief triumphierend der Gutsbesitzer. »Dem Kutscher Jermil gehören sie! Da hat er seine Natalka geschickt, um sie heimzutreiben … Die Parascha hat er sich nicht zu schicken getraut«, fügte der Gutsbesitzer halblaut und mit einem bedeutungsvollen Schmunzeln hinzu. »He, Juschka! Laß die Hühner, und fang mir die Natalka!«
Bevor aber der atemlose Juschka das erschrockene Mädel erreicht hatte, erschien wie aus dem Boden gewachsen die Haushälterin; sie packte sie bei der Hand und schlug sie einige Male auf den Rücken …
»Ja, so, ja, so«, rief der Gutsbesitzer. »Ta, ta, ta, ta …! Die Hühner nimm aber weg, Awdotja«, fügte er laut hinzu. Dann wandte er sich mit heiterem Gesicht an mich: »Nun, Väterchen, das war doch eine schöne Hetzjagd, was? Ich bin sogar ins Schwitzen gekommen, sehen Sie nur!«
Und Mardarij Apollonytsch fing zu lachen an.
Wir blieben auf dem Balkon. Der Abend war in der Tat ungewöhnlich schön.
Man brachte uns Tee.
»Sagen Sie mal, Mardarij Apollonytsch«, begann ich, »sind das Ihre Bauernhäuser, die dort an der Straße hinter der Schlucht vorgeschoben stehen?«
»Ja, das sind meine. Warum?«
»Wie können Sie so etwas tun, Mardarij Apollonytsch? Es ist doch Sünde. Die Bauern haben elende, enge Hütten, kein Bäumchen ist in der Nähe; nicht mal ein Teich ist dabei; sie haben nur einen Brunnen, und auch der taugt nichts. Haben Sie denn keinen anderen Platz finden können …? Man sagt auch, Sie hätten ihnen die alten Hanffelder weggenommen …«
»Was soll man mit diesen Grenzberichtigungen anfangen?« antwortete mir Mardarij Apollonytsch. »Diese Grenzberichtigungen sitzen mir hier.« Er zeigte auf seinen Nacken. »Ich sehe auch gar keinen Nutzen von diesen Grenzberichtigungen. Daß ich ihnen aber ihre Hanffelder genommen und keinen Teich gegraben habe, das, Väterchen, ist meine Sache. Ich bin ein einfacher Mensch und handele nach alter Sitte. Ich sage: Der Herr ist der Herr, und der Bauer ist halt der Bauer … So ist es.«
Auf solche klare und überzeugende Gründe konnte ich natürlich nichts erwidern.
»Außerdem«, fuhr er fort, »sind diese Bauern schlecht und in Ungnade. Da sind besonders zwei Familien; schon mein seliger Vater, Gott schenke ihm das Himmelreich, mochte sie nicht, mochte sie gar nicht. Ich aber habe folgendes Merkmaclass="underline" Wenn der Vater ein Dieb ist, so ist auch der Sohn ein Dieb; Sie können sagen, was Sie wollen … Ja, Blut ist eine große Sache!«
Indessen war die Luft ganz still geworden. Nur ab und zu kam stoßweise ein Windhauch gezogen, und als er zum letztenmal neben dem Haus erstarb, trug er an unser Ohr den Widerhall gleichmäßiger und schnell aufeinanderfolgender Schläge vom Pferdestall her. Mardarij Apollonytsch hatte eben die volle Untertasse an die Lippen geführt und schon die Nasenflügel erweitert, ohne das bekanntlich kein echter Russe Tee zu trinken pflegt – hielt aber inne, lauschte, nickte mit dem Kopf, nahm einen Schluck, stellte die Untertasse auf den Tisch und sagte mit dem gutmütigsten Lächeln, im Takt mit den Schlägen: »Tsdiiki, tschiki! Tschiki, tschiki!«