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»Was ist denn das?« fragte ich erstaunt.

»Dort wird auf meinen Befehl ein ausgelassener Junge bestraft… Kennen Sie den Büfettbeschließer Waßja?«

»Was für einen Waßja?«

»Der uns heute beim Mittagessen bedient hat. Es ist der mit dem langen Backenbart.«

Die grimmigste Entrüstung hätte dem heiteren, sanften Blicke Mardarij Apollonytschs nicht standhalten können.

»Was haben Sie, was haben Sie, junger Mann?« begann er kopfschüttelnd. »Bin ich ein Unmensch, daß Sie mich so anstarren? Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie; das wissen Sie doch selbst.«

Nach einer Viertelstunde verabschiedete ich mich von Mardarij Apollonytsch. Als ich durchs Dorf fuhr, erblickte ich den Büfettbeschließer Waßja. Er ging die Straße entlang und knackte Nüsse. Ich ließ den Kutscher halten und rief ihn heran.

»Nun, Bruder, man hat dich heute bestraft?« fragte ich ihn.

»Woher wissen Sie denn das?« erwiderte Waßja.

»Dein Herr hat es mir erzählt.«

»Der Herr selbst?«

»Wofür hat er dich bestrafen lassen?«

»Ich habe es verdient, Väterchen, ich habe es verdient. Ohne Grund wird man bei uns nicht bestraft, eine solche Einrichtung gibt es bei uns nicht, keine Spur. Unser Herr ist nicht so; unser Herr … einen solchen findet man im ganzen Gouvernement nicht wieder.«

»Fahr zu!« sagte ich dem Kutscher. – Das ist also das alte Rußland! dachte ich auf der Rückfahrt.

Lebedjanj

Einer der Hauptvorzüge der Jagd, meine lieben Leser, besteht darin, daß sie Sie zwingt, fortwährend von einem Ort zum anderen zu ziehen, was für einen müßigen Menschen recht angenehm ist. Allerdings ist es zuweilen (besonders in der Regenzeit) nicht sehr angenehm, sich auf den Feldwegen herumzutreiben, auch ohne Weg und Steg direkt übers Feld zu gehen, jeden vorübergehenden Bauern mit der Frage anzuhalten: »He, Liebster! Wie kommen wir nach Mordowka?«, und in Mordowka ein stumpfsinniges Weib (alle Männer sind auf der Feldarbeit) zu befragen, ob es noch weit sei bis zu den Herbergen an der großen Landstraße und wie man hinkomme; dann aber, nachdem man zehn Werst zurückgelegt hat, statt zu den Herbergen, in das gutsherrliche, arg ruinierte Dorf Chudobubnowo zu geraten, zum äußersten Erstaunen einer ganzen Herde von Schweinen, die mitten auf der Straße bis zu den Ohren im dunkelbraunen Dreck stecken und durchaus nicht erwartet haben, daß man sie stören würde. Wenig angenehm ist es auch, Brücken zu passieren, die unter unseren Füßen wie lebendig zittern, in Schluchten hinabzusteigen, sumpfige Bäche zu durchwaten, tagelang durch das grünliche Meer der Landstraßen zu fahren oder, Gott behüte, für einige Stunden vor einem bunt angemalten Werstpfahle steckenzubleiben, mit der Ziffer 22 auf der einen und 23 auf der anderen Seite, wochenlang nur von Eiern, Milch und dem gepriesenen Roggenbrot zu leben. Aber alle diese Unbequemlichkeiten und Mißerfolge werden durch die Vorteile und Vergnügungen anderer Art aufgewogen. Wollen wir übrigens mit der Erzählung selbst beginnen. Infolge des oben Gesagten brauche ich dem Leser nicht mehr zu erklären, auf welche Weise ich vor etwa fünf Jahren nach Lebedjanj mitten in den Pferdemarkt geriet. Uns Jägern kann es passieren, daß wir an einem schönen Morgen unser mehr oder weniger angestammtes Gut verlassen mit der Absicht, am Abend des nächsten Tages heimzukehren, aber allmählich, fortwährend auf Schnepfen schießend, die gesegneten Ufer der Petschora erreichen; zudem ist jeder Freund des Gewehrs und des Hundes zugleich auch ein leidenschaftlicher Verehrer des edelsten Tieres auf der Welt: des Pferdes. So kam ich nach Lebedjanj, stieg in einem Gasthaus ab, kleidete mich um und begab mich auf den Jahrmarkt. (Der Gasthausdiener, ein langer und hagerer Bursche von etwa zwanzig Jahren mit einer süßen, näselnden Tenorstimme, hatte mir schon mitgeteilt, daß Seine Durchlaucht, Fürst N., Remonteur des ***schen Regiments, in ihrem Gasthaus abgestiegen sei; noch viele andere Herren seien angekommen, am Abend sängen Zigeuner, und im Theater werde Tan Twardowski gegeben; die Preise für die Pferde seien zwar hoch, man habe aber auch vorzügliche Pferde angetrieben.)

Auf dem Jahrmarktsplatz standen in endlosen Reihen Wagen und hinter den Wagen Pferde aller möglichen Sorten: Traber, Zuchtpferde, Bitjuks, Wagenpferde, Postpferde und gewöhnliche Bauernpferde. Manche von ihnen, wohlgenährt und glatt, nach den Farben zusammengestellt, mit bunten Decken bedeckt und an die hohen Rückwände der Wagen kurz angebunden, schielten ängstlich auf die ihnen allzugut bekannten Peitschen ihrer Besitzer, der Roßhändler; Gutsbesitzerpferde, von in der Steppe wohnenden Edelleuten aus einer Entfernung von hundert und zweihundert Werst unter der Aufsicht eines altersschwachen Kutschers und zweier oder dreier dickköpfiger Stallknechte hergeschickt, bewegten ihre langen Hälse, stampften mit den Füßen und nagten aus Langeweile an den Geländerbalken; hellbraune Wjatkapferde drängten sich aneinander; in majestätischer Unbeweglichkeit wie die Löwen standen die Traber mit breiten Kruppen, gewellten Schweifen und zottigen Füßen: Apfelschimmel, Rappen und Braune. Die Kenner blieben vor ihnen respektvoll stehen. In den von den Wagen gebildeten Straßen drängten sich Leute jeden Standes, Alters und Aussehens: Roßhändler in blauen Kaftans und hohen Mützen schauten pfiffig nach den Käufern aus; glotzäugige, kraushaarige Zigeuner rannten wie besessen hin und her, besahen die Zähne der Pferde, hoben ihnen Schweife und Beine, schrien, fluchten, dienten als Vermittler, warfen das Los und scharwenzelten vor irgendeinem Remonteur in Mütze und Militärmantel mit Biberkragen. Ein kräftiger Kosake saß auf einem mageren Wallach, der einen Hals wie ein Hirsch hatte, und verkaufte ihn ›mit allem‹, das heißt mit Sattel und Zaum. Bauern in unter den Achseln zerrissenen Schafspelzen bahnten sich stürmisch einen Weg durch die Menge, setzten sich zu Dutzenden in einen Wagen, um das vorgespannte Pferd zu ›probieren‹, oder feilschten irgendwo abseits mit Hilfe eines flinken Zigeuners, feilschten bis zur Erschöpfung, gaben sich hundertmal hintereinander den Handschlag, wobei ein jeder aber auf seinem Preise bestand, während das Objekt ihres Streites, eine elende, mit einer schadhaften Bastmatte bedeckte Mähre nur mit den Augen zwinkerte, als ob die Rede gar nicht von ihr wäre … Und in der Tat, es ist ihr doch ganz gleich, wer sie schlagen wird! Gutsbesitzer mit breiten Stirnen und gefärbten Schnurrbärten, mit dem Ausdruck großer Würde in den Mienen, in polnischen Mützen und Kamelottröcken nur auf einem Arm angezogen, sprachen herablassend mit dicken Kaufleuten in Filzhüten und grünen Handschuhen. Offiziere von verschiedenen Regimentern trieben sich überall herum; ein ungewöhnlich langer Kürassier deutscher Abstammung fragte kaltblütig einen langen Roßhändler, wieviel er für dieses rote Pferd zu verlangen beabsichtige. Ein blonder Husar von etwa neunzehn Jahren suchte ein passendes Seitenpferd zu einem hageren Paßgänger; ein Fuhrmann in einem niederen, mit einer Pfauenfeder umwundenen Hut, in einem braunen Mantel und ledernen Fausthandschuhen, die hinter einem schmalen grünen Gürtel steckten, suchte ein Gabelpferd. Die Kutscher flochten den Pferden die Schweife zu Zöpfen, befeuchteten ihre Mähnen und gaben den Herren respektvolle Ratschläge. Solche, die handelseinig geworden waren, eilten, je nach ihrem Stande, ins Wirtshaus oder in die Schenke … Und das alles schrie, wogte, zappelte, zankte und versöhnte sich wieder, fluchte und lachte, bis an die Knie im Schmutz. Ich wollte drei anständige Pferde für meinen Reisewagen kaufen: Die meinigen fingen zu versagen an. Ich hatte schon zwei gefunden, das dritte fehlte noch. Nach dem Mittagessen, das ich lieber nicht beschreibe (schon Äneas wußte, wie unangenehm es ist, an vergangenes Unglück zu denken), begab ich mich in das sogenannte Kaffeehaus, in dem sich jeden Abend die Remonteure, die Pferdezüchter und die übrigen Jahrmarktsbesucher versammelten. Im Billardzimmer, das von bleiernen Rauchwolken erfüllt war, befanden sich an die zwanzig Personen. Es waren hier junge Gutsbesitzer in ungarischen Joppen und grauen Hosen, mit langen Koteletten und gewichsten Schnurrbärtchen; sie benahmen sich recht ungezwungen und blickten frei und keck um sich. Andere Edelleute in Casaquins mit ungewöhnlich kurzen Hälsen und verschwommenen, kleinen Augen saßen auch dabei und ächzten kurzatmig; die jungen Kaufleute saßen abseits, wie man so sagt, ›auf der Lauer‹; die Offiziere unterhielten sich ungezwungen miteinander. Auf dem Billard spielte der Fürst N., ein junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren mit einer lustigen und etwas verächtlichen Miene; er trug einen vorn offenstehenden Rock, ein rotseidenes Hemd und eine weite, samtene Pluderhose; er spielte mit dem Leutnant a. D. Viktor Chlopakow.