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Der Leutnant a. D. Viktor Chlopakow, ein kleiner, magerer Mensch von etwa dreißig Jahren mit dunklem Gesicht, schwarzem Haar, braunen Augen und einer stumpfen, aufgeworfenen Nase, besucht fleißig alle Jahrmärkte und Wahlversammlungen. Er hüpft im Gehen, bewegt energisch seine runden Hände, hat die Mütze schief auf dem Ohre sitzen und pflegt die Ärmel seines mit graublauem Kaliko gefütterten Waffenrockes zurückzustreifen. Herr Chlopakow hat die Fähigkeit, sich an die reichen Petersburger Lebejünglinge heranzumachen; er raucht, trinkt und spielt mit ihnen Karten und duzt sie. Warum sie ihm ihre Gunst beweisen, ist recht schwer zu begreifen. Er ist nicht klug, er ist nicht einmal komisch, er taugt auch nicht zum Spaßmacher. Allerdings behandelt man ihn mit einer freundschaftlichen Nonchalance wie einen guten, aber unbedeutenden Kerl; man gibt sich mit ihm zwei oder drei Wochen ab und grüßt ihn dann nicht mehr; auch er selbst hört zu grüßen auf. Die Eigentümlichkeit des Leutnants Chlopakow besteht darin, daß er oft ein und sogar zwei Jahre hintereinander, fortwährend, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, die gleiche Redensart gebraucht, eine Redensart, die zwar in keiner Weise komisch ist, aber doch, Gott weiß warum, alle zum Lachen bringt. Vor acht Jahren sagte er auf Schritt und Tritt: »Meine Hochachtung, ich danke ergebenst«, und seine damaligen Gönner wälzten sich jedesmal vor Lachen und zwangen ihn, sein ›Meine Hochachtung‹ immer wieder herzusagen, später gebrauchte er die recht komplizierte Redensart: »Nein, das haben Sie schon, kesskesseh, das kommt dabei heraus« mit dem gleichen glänzenden Erfolg; etwa zwei Jahre später dachte er sich eine andere Formel aus: »Ne vous aufregé pas, Sie Mann Gottes« und so weiter. Und was glauben Sie? Alle diese gar nicht witzigen Redensarten versorgen ihn, wie man sieht, mit Speise, Trank und Kleidung. (Sein Gut hat er schon längst durchgebracht und lebt ausschließlich auf Kosten seiner Freunde.) Es ist zu bemerken, daß er sonst keine anderen liebenswürdigen Eigenschäften besitzt, allerdings raucht er an die hundert Pfeifen Schukowschen Tabaks den Tag, hebt beim Billardspiel den rechten Fuß hoch über den Kopf und fiedelt, wenn er nach einem Ball zielt, mit dem Queue lange und schnell auf der Hand – aber nicht jedermann ist Freund solcher Vorzüge. Er trinkt auch tüchtig, aber in Rußland ist es schwer, sich dadurch auszuzeichnen … Mit einem Wort, sein Erfolg ist für mich ein vollkommenes Rätsel … Er hat höchstens den einen wirklichen Vorzug: Er ist vorsichtig, schwatzt nicht aus der Schule und spricht über niemanden ein böses Wort.

Nun, dachte ich mir, als ich Chlopakow erblickte, was mag wohl jetzt seine Redensart sein?

Der Fürst machte den Weißen.

»Dreißig und nichts!« brüllte der schwindsüchtige Markör mit dunklem Gesicht und bleigrauen Ringen um die Augen.

Der Fürst warf den gelben Ball mit einem Krach ins Eckloch.

»Ach!« krächzte beifällig mit seinem ganzen Leib ein dicker Kaufmann, der in einem Winkel hinter einem wankenden, einbeinigen Tischchen saß; er krächzte es und bekam gleich darauf Angst. Zum Glück hatte es niemand bemerkt. Er holte Atem und strich sich den Bart.

»Sechsunddreißig und sehr wenig!« schrie der Markör durch die Nase.

»Nun, was sagst du dazu, Bruder?« fragte der Fürst Chlopakow.

»Man kennt es ja: Rrrrakalion, tatsächlich Rrrrakalion!«

Der Fürst pustete vor Lachen.

»Wie? Wie? Wiederhole es!«

»Rrrrakalion!« wiederholte selbstzufrieden der Leutnant a. D.

Das ist also das Wort! dachte ich mir.

Der Fürst warf den Roten ins Loch.

»Ach, Fürst, nicht so, nicht so!« stammelte plötzlich ein kleiner blonder Offizier mit geröteten Augen, winzigem Näschen und kindlich verschlafenem Gesicht. »Sie spielen nicht richtig … Sie hätten … nein, nicht so!«

»Wie denn?« fragte ihn der Fürst über die Schulter weg.

»Sie hätten … ich meine … ein Triplé« spielen sollen.«

»Wirklich?« murmelte der Fürst zwischen den Zähnen.

»Wie ist es, Fürst, gehen wir heute abend zu den Zigeunern?« beeilte sich der verwirrte junge Mann hinzuzufügen. »Die Stjoschka wird singen … Iljuschka …«

Der Fürst gab ihm keine Antwort.

»Rrrrakalion, Bruder!« versetzte Chlopakow, pfiffig mit dem linken Auge blinzelnd.

Der Fürst fing zu lachen an.

»Neununddreißig und nichts!« verkündete der Markör.

»Nichts … paß mal auf, wie ich diesen Gelben …«

Chlopakow fiedelte mit dem Queue auf der Hand, zielte und gab einen Kicks.

»Ach, Rrrrakalion!« schrie er verdrießlich.

Der Fürst lachte wieder.

»Wie, wie, wie?«

Chlopakow wollte aber sein Wort nicht mehr wiederholen, er mußte doch auch ein wenig kokettieren.

»Sie haben einen Kicks zu machen geruht«, bemerkte der Markör. »Gestatten Sie, Ihr Queue mit Kreide einzureihen … Vierzig und sehr wenig!«

»Ja, meine Herren«, begann der Fürst, sich an die ganze Versammlung wendend, ohne jemand insbesondere anzusehen, »Sie wissen, heut' im Theater soll die Werschembizkaja gerufen werden.«

»Gewiß, gewiß, unbedingt«, riefen einige Herren zugleich, denen die Möglichkeit, auf die Rede des Fürsten zu antworten, außerordentlich schmeichelte. »Ja, die Werschembizkaja …«

»Die Werschembizkaja ist eine treffliche Schauspielerin, viel besser als die Sopnjakowa«, piepste in der Ecke ein unansehnliches Männchen mit kleinem Schnurrbart und Brille. Der Unglückliche seufzte im stillen für die Sopnjakowa, aber der Fürst würdigte ihn keines Blickes.

»Markör, eine Pfeife!« rief ein Herr von großem Wuchs, mit regelmäßigen Zügen und vornehmer Haltung, allem Anschein nach ein Falschspieler, in seine Halsbinde hinein.

Der Markör lief nach der Pfeife, und als er zurückkam, meldete er Seiner Durchlaucht, daß der Postkutscher Baklaga nach ihm frage.

»Aha! Sag ihm, er soll warten, und gib ihm ein Glas Schnaps.«

»Zu Befehl!«

Baklaga hieß, wie man mir später erzählte, ein junger, hübscher und außerordentlich verwöhnter Postkutscher; der Fürst hatte ihn gern, schenkte ihm zuweilen Pferde, fuhr mit ihm um die Wette und verbrachte mit ihm ganze Nächte … Diesen selben Fürsten, den einstigen Wildfang und Verschwender, würde jetzt niemand wiedererkennen … Wie parfümiert, geschnürt und stolz ist er jetzt! Wie eifrig mit seinem Dienst beschäftigt und vor allen Dingen wie vernünftig!

Der Tabaksqualm fing jedoch an, mir die Augen zu beißen. Nachdem ich zum letztenmal den Ausruf Chlopakows und die Antwort des Fürsten gehört hatte, zog ich mich auf mein Zimmer zurück, wo mir mein Diener auf dem engen, eingedrückten, mit Roßhaaren gepolsterten Sofa mit der hohen, gekrümmten Lehne das Bett gemacht hatte.