»Jascha …«, sagte der Wilde Herr, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte und verstummte.
Wir standen alle wie erstarrt da. Der Bauführer erhob sich leise und ging auf Jakow zu. »Du … du … du hast gesiegt«, brachte er endlich mit Mühe hervor und stürzte aus dem Zimmer.
Seine schnelle, entschlossene Bewegung löste gleichsam den Zauber: Alle begannen plötzlich laut und freudig zu sprechen. Obaldui sprang in die Höhe, stammelte etwas und fuchtelte mit den Händen wie eine Windmühle mit ihren Flügeln; Morgatsch ging humpelnd auf Jakow zu und begann ihn abzuküssen; Nikolai Iwanytsch erhob sich und erklärte feierlich, daß er seinerseits ein Achtel Bier zulege; der Wilde Herr lachte ein so gutmütiges Lachen, wie ich es auf seinem Gesicht niemals erwartet hätte; das graue Bäuerlein redete fortwährend in seiner Ecke, indem es sich mit beiden Ärmeln Augen, Wangen, Nase und Bart abwischte: »Das war schön, bei Gott, schön, ich will ein Hundesohn sein, wenn es nicht schön war!« Aber die Frau Nikolai Iwanytschs erhob sich, über und über rot, und ging schnell hinaus. Jakow freute sich über seinen Sieg wie ein Kind; sein ganzes Gesicht war verwandelt; besonders seine Augen strahlten vor Glück. Man schleppte ihn zum Schenktisch, er rief auch das weinende graue Bäuerlein heran, schickte den Sohn des Schenkwirts nach dem Bauführer, den jener aber nicht auffinden konnte, und die Zecherei ging los – »Du wirst uns noch etwas vorsingen, du wirst uns bis zum Abend singen!« wiederholte Obaldui mit erhobenen Händen.
Ich sah mir noch einmal Jakow an und ging hinaus. Ich wollte nicht bleiben, denn ich fürchtete meinen Eindruck zu verderben. Die Hitze draußen war aber ebenso unerträglich wie zuvor. Sie hing gleichsam als eine dichte, schwere Schicht über der Erde; es war, als kreisten im dunkelblauen Himmel inmitten des feinsten, fast schwarzen Staubes kleine helle Feuerchen. Alles schwieg; in diesem tiefen Schweigen der ermatteten Natur lag etwas Hoffnungsloses, Erdrücktes. Ich erreichte den Heuschuppen und legte mich auf das eben gemähte, aber schon fast trockene Gras. Lange konnte ich nicht einschlafen; lange klang mir in den Ohren die sieghafte Stimme Jäkows … endlich forderten die Hitze und die Müdigkeit ihr Recht, und ich versank in einen tiefen Schlaf. Als ich erwachte, war alles schon dunkel geworden; das Gras, das um mich herumlag, duftete stark und war ein wenig feucht geworden; durch die dünnen Latten des halboffenen Daches blinkten blasse Sterne. Ich trat hinaus. Das Abendrot war schon längst erloschen, und seine letzten Spuren schimmerten bleich und kaum noch sichtbar am Horizont; aber in der Luft, die ebenso glühend gewesen war, ließ sich durch die nächtliche Frische noch immer die Hitze fühlen, und die Brust sehnte sich noch immer nach einem kühlen Hauch. Es war windstill, keine Wolke war zu sehen; der Himmel breitete sich ringsum ganz rein, durchsichtig und dunkel aus, und zahllose, aber kaum sichtbare Sterne flimmerten darin. Im Dorf wurden kleine Feuer sichtbar; aus der nahen, hellerleuchteten Schenke drang ein wirrer, unordentlicher Lärm, in dem ich die Stimme Jakows zu unterscheiden glaubte. Ab und zu erhob sich dort ein wildes Gelächter. Ich trat ans Fenster und drückte mein Gesicht an die Scheibe. Ich erblickte ein unerfreuliches, wenn auch buntes und lebendiges Bild: Alles war betrunken, alles, und Jakow als erster. Er saß mit entblößter Brust auf der Bank, sang mit heiserer Stimme irgendein Straßentanzlied und zupfte träge an den Saiten einer Gitarre. Die nassen Haare hingen ihm in Strähnen über sein schrecklich bleiches Gesicht herab. In der Mitte der Schenke tanzte Obaldui, der ganz ›aus dem Leime gegangen‹ war, ohne Kaftan vor dem Bauern im grauen Kittel. Der Bauer seinerseits stampfte und scharrte mit seinen schwach gewordenen Füßen, lächelte sinnlos durch seinen zerzausten Bart und bewegte dann und wann eine Hand, als wollte er sagen: ›Jetzt ist alles gleich!‹ Nichts konnte komischer sein als sein Gesicht; wie sehr er sich auch bemühte, die Brauen in die Höhe zu ziehen, die Lider wollten sich nicht heben und lagen schwer auf seinen kaum sichtbaren, trunkenen, doch zuckersüßen Äuglein. Er befand sich in jenem lieblichen Zustand eines vollkommen betrunkenen Menschen, wo jeder Vorübergehende beim Anblick seines Gesichts unbedingt sagen wird: ›Du bist gut, Bruder, sehr gut!‹ Morgatsch, rot wie ein Krebs, mit weitgeöffneten Nasenlöchern, lächelte giftig aus seiner Ecke hervor; nur Nikolai Iwanytsch allein bewahrte, wie es einem echten Schenkwirt geziemt, seine unveränderliche Kaltblütigkeit. In der Stube hatten sich viele neue Personen angesammelt; den Wilden Herrn sah ich aber nicht mehr.
Ich wandte mich ab und begann mit raschen Schritten den Hügel hinabzusteigen, auf dem Kolotowka liegt. An der Sohle dieses Flügels breitet sich eine weite Ebene aus; von den Wellen des Abendnebels überschwemmt, schien sie noch weiter, als flösse sie mit dem dunkel gewordenen Himmel zusammen. Ich stieg mit großen Schritten die Straße längs der Kluft hinunter, als plötzlich irgendwo weit in der Ebene eine helle Knabenstimme ertönte, – »Antropka! Antropka-a-a …!« schrie sie mit hartnäckiger, weinerlicher Verzweiflung, die letzte Silbe in die Länge dehnend.
Der Junge verstummte auf einige Augenblicke und begann dann wieder zu schreien. Steine Stimme klang laut durch die unbewegliche, leise-schlummernde Luft. Mindestens dreißigmal hatte er den Namen Antropka gerufen, als plötzlich vom anderen Ende des Tales wie aus einer anderen Welt die kaum hörbare Antwort ertönte: »Wa-a-a-as?«
Die Stimme des Jungen schrie mit freudiger Bosheit: