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»Komm her, du Teufel, du Wa-a-a-ldmann!«

»Wozu-u-u – u?« antwortete jener nach langer Zeit.

»Weil Vater dir Ruten geben wi-i-i-ill!« antwortete schnell die erste Stimme.

Die zweite Stimme meldete sich nicht mehr, und der Junge fuhr fort, Andropka anzurufen. Seine Rufe schlugen immer seltener und leiser an mein Ohr, als es schon ganz dunkel geworden war und ich um den Rand des Waldes bog, der mein Gütchen umgibt und etwa vier Werst von Kolotowka liegt…

»Antropka-a-a!« glaubte ich noch immer in der von den nächtlichen Schatten erfüllten Luft zu hören.

Pjotr Petrowitsch Karatajew

Vor etwa fünf Jahren mußte ich einmal im Herbst auf der Reise von Moskau nach Tula fast einen ganzen Tag wegen Mangel an Pferden, in einem Posthaus sitzen. Ich kehrte von einer Jagd zurück und hatte die Unvorsichtigkeit begangen, meine Troika vorauszuschicken. Der Stationsaufseher, ein schon bejahrter, mürrischer Mann mit Haaren, die ihm bis an die Nase herabhingen, und kleinen, verschlafenen Augen, antwortete mir auf alle meine Klagen und Bitten mit einem abgerissenen Brummen. Er schlug wütend die Tür zu, als verfluchte er selbst sein Amt, und schimpfte, vor die Tür hinausgehend, auf die Postkutscher, die langsam, mit zentnerschweren Krummhölzern in den Händen, durch den Schmutz wateten oder gähnend und sich kratzend auf der Bank saßen und den zornigen Ausrufen ihres Vorgesetzten keine besondere Beachtung schenkten. Ich hatte schon dreimal Tee getrunken, einige Male vergebens einzuschlafen versucht und alle Aufschriften an den Fenstern und den Wänden gelesen; mich plagte seine entsetzliche Langweile. Mit einer kalten und hoffnungslosen Verzweiflung blickte ich auf die emporgehobenen Deichseln meines Reisewagens, als plötzlich ein Glöckchen ertönte und ein nicht sehr großer, einfacher Wagen, mit drei abgematteten Pferden bespannt, vor dem Posthaus hielt. Der Reisende sprang aus dem Wagen und trat mit dem Ruf: »Pferde! Schnell!« ins Zimmer. Während er mit der üblichen großen Überraschung die Antwort des Aufsehers anhörte, daß keine Pferde da seien, hatte ich Zeit, mit der ganzen Neugier eines sich langweilenden Menschen meinen neuen Schicksalsgenossen vom Kopf bis zu den Füßen zu betrachten. Dem Aussehen nach mochte er an die dreißig Jahre alt sein. Die Blattern hatten auf seinem trockenen gelblichen Gesicht mit einem unangenehmen Schimmer von Messing unverwischbare Spuren hinterlassen; die blauschwarzen, langen Haare lagen hinten auf seinem Kragen in Locken und bildeten vorn an den Schläfen kühne Ringel, die kleinen, geschwollenen Augen blickten ausdruckslos; über der Oberlippe standen einige Härchen. Er war gekleidet wie ein lustiger Gutsbesitzer, der sich auf den Pferdejahrmärkten herumtreibt: Er trug einen bunten, ziemlich schmierigen Jagdrock, eine lilaseidene Halsbinde, eine Weste mit Messingknöpfen und graue, unten in breiten Trichtern auslaufende Hose, aus der die Spitzen der ungeputzten Stiefel kaum herausblickten. Er roch stark nach Tabak und Branntwein; auf seinen roten, dicken Fingern, die von den Ärmeln des Jagdrockes fast bedeckt waren, sah man silberne und Tulaer Ringe. Solche Gestalten trifft man in Rußland nicht zu Dutzenden, sondern zu Hunderten; die Bekanntschaft mit ihnen ist, offen gestanden, gar kein Vergnügen. Aber trotz des Vorurteils, mit dem ich den Reisenden betrachtete, konnte mir sein sorglos gutmütiger und leidenschaftlicher Gesichtsausdruck nicht entgehen.

»Auch dieser Herr da wartet schon länger als eine Stunde«, sagte der Aufseher, auf mich zeigend.

»Länger als eine Stunde!« Der Verbrecher machte sich über mich noch lustig!

»Der Herr hat vielleicht nicht solche Eile«, antwortete der Reisende.

»Das können wir nicht wissen«, sagte der Aufseher mürrisch.

»Geht es denn wirklich nicht? Gibt es gar keine Pferde?»

»Es geht nicht. Es ist kein einziges Pferd da.«

»Lassen Sie mir dann den Samowar bereiten. Wir wollen warten, nichts zu machen.«

Der Reisende setzte sich auf die Bank, warf die Mütze auf den Tisch und fuhr sich mit der Hand durch das Haar.

»Haben Sie schon Tee getrunken?« fragte er mich.

»Ja.«

»Trinken Sie vielleicht zur Gesellschaft noch einmal?»

Ich willigte ein. Der rote Samowar erschien zum viertenmal auf dem Tisch. Ich holte eine Flasche Rum hervor. Ich hatte mich nicht geirrt, als ich den Fremden für einen kleinbegüterten Edelmann hielt. Er hieß Pjotr Petrowitsch Karatajew.

Wir kamen ins Gespräch. Es war noch keine halbe Stunde seit seiner Ankunft vergangen, als er mir schon mit der gutmütigsten Aufrichtigkeit sein ganzes Leben erzählt hatte.

»Jetzt fahre ich nach Moskau«, sagte er mir, indem er das vierte Glas leerte. »Auf dem Land habe ich jetzt nichts mehr zu tun.«

»Warum denn nichts?«

»Absolut nichts. Die Wirtschaft ist in Unordnung, die Bauern habe ich, offen gestanden, ruiniert; dann kamen schlechte Jahre dazwischen: Mißernten, wissen Sie. Unglücksfälle … Übrigens«, fügte er hinzu mit einem traurigen Blick auf die Seite, »was bin ich auch für ein Landwirt!»

»Warum denn?«

»Aber nein«, unterbrach er mich, »sieht denn ein Landwirt so aus! Sehen Sie«, fuhr er fort, indem er den Kopf auf die Seite neigte und eifrig an seiner Pfeife sog, »wenn Sie mich so ansehen, können Sie vielleicht denken, daß ich … aber ich muß Ihnen sagen, daß ich nur eine mittelmäßige Erziehung genossen habe; die Mittel fehlten. Entschuldigen Sie, ich bin ein aufrichtiger Mensch und schließlich …«

Er beendete seine Rede nicht und winkte abwehrend mit der Hand. Ich begann, ihm zu versichern, daß er sich irre, daß ich mich über unsere Begegnung sehr freue und so weiter. Dann bemerkte ich, daß die Verwaltung eines Gutes, wie ich glaube, keine besondere Bildung erfordere.

»Einverstanden«, antwortete er, »ich bin mit Ihnen einverstanden. Aber es ist doch eine besondere Anlage dazu nötig! Mancher stellt Gott weiß was an, und es schadet ihm nicht! Aber ich … Gestatten Sie die Frage, sind Sie aus Petersburg oder aus Moskau?«

»Aus Petersburg.«

Er paffte eine lange Rauchsäule durch die Nase.

»Ich fahre aber nach Moskau, um mir eine Stelle zu suchen.«

»Wo beabsichtigen Sie denn einzutreten?«

»Ich weiß es nicht, wie es sich trifft. Offen gestanden, habe ich Angst vor dem Dienst: So leicht kann man zur Verantwortung gezogen werden. Ich habe immer auf dem Land gelebt; ich bin es so gewöhnt, wissen Sie … aber es ist nichts zu machen … die Not! Ach, diese Not …«

»Dafür werden Sie in der Hauptstadt leben.«

»In der Hauptstadt … nun, ich weiß nicht, was an der Hauptstadt gut ist. Wir wollen sehen, vielleicht ist es wirklich gut … Aber ich glaube doch, daß es nichts Besseres gibt als das Landleben.«

»Können Sie denn nicht mehr auf dem Land leben?«

Er seufzte auf. »Ich kann nicht, das Gut gehört mir fast nicht mehr.«

»Wieso?»

»Es gibt dort so einen guten Menschen, einen Nachbarn … der hat einen Wechsel …« Der arme Pjotr Petrowitsch fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, dachte nach und schüttelte den Kopf.

»Was soll man noch reden …! Offen gestanden«, fügte er nach einem kurzen Schweigen hinzu, »darf ich mich über niemanden beklagen, ich bin selbst schuld. Ich habe gern großgetan …! Ich liebe es, hol's der Teufel, großzutun!«

»Haben Sie auf dem Land flott gelebt?« fragte ich ihn.

»Mein Herr«, antwortete er langsam, mir gerade in die Augen blickend, »ich besaß zwölf Koppel Jagdhunde, solche Jagdhunde, sage ich Ihnen, wie es wenig gibt.« Das letzte Wort sprach er in einem singenden Ton. »Einen Hasen erwischten sie im Nu und gegen Pelzwild waren sie wie Schlangen, wie Ottern. Auch auf meine Windhunde konnte ich stolz sein. Jetzt ist es vorbei, also brauche ich nicht zu lügen. Ich jagte auch mit dem Gewehr. Ich hatte eine Hündin, Komtesse; die stand wie eine Mauer, hatte eine vortreffliche Nase. Manchmal ging ich mit ihr ans Moor und sagte ihr: ›Such!‹ Wenn die dann nicht zu suchen anfing, so hätte man mit einem Dutzend Hunde hingehen können: nichts zu holen! Wenn sie aber zu suchen anfing, so konnte sie vor Eifer krepieren …! Im Zimmer war sie so höflich: Gab man ihr ein Stück Brot mit der linken Hand, und sagte dabei: ›Ein Jude hat davon gegessen‹, so nahm sie es nicht; gab man es ihr aber mit der rechten und sagte: ›Ein Fräulein hat davon gegessen‹, so nahm sie es gleich und fraß es auf. Ich hatte ein Junges von ihr, ein ausgezeichnetes Junges, ich wollte es nach Moskau mitnehmen, aber ein Freund hat es sich von mir mit dem Gewehr zusammen ausgebeten; er sagte: ›In Moskau wirst du dafür keine Zeit haben; dort werden ganz andere Sachen kommen, Bruder.‹ So gab ich ihm das Junge und auch das Gewehr; es ist, wissen Sie, schon alles dort geblieben.«