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»Sie sind doch nicht verheiratet?«

»Nein.«

»Nun, man kennt es ja. Ich konnte mich nicht beherrschen: ›Ich bitte Sie, Mütterchen, was reden Sie für einen Unsinn: Wer denkt ans Heiraten? Ich möchte von Ihnen einfach wissen, ob Sie mir Ihr leibeigenes Mädel Matrjona abtreten wollen oder nicht!‹ – Die Alte fing an zu stöhnen: – ›Ach, er hat mich so aufgeregt! Ach, sagt ihm, er solle gehen! Ach …!‹ Die Verwandte sprang auf sie zu und fing an, auf mich zu schreien. Die Alte stöhnt aber immer: ›Womit habe ich das verdient …? Ich bin wohl nicht mehr Herrin in meinem Hause? Ach, ach!‹ – Ich griff nach meinem Hut und rannte wie verrückt hinaus.« »Vielleicht«, fuhr der Erzähler fort, »werden Sie mich dafür tadeln, daß ich mich so sehr an ein Mädel aus niederem Stande gehängt hatte; ich habe nicht die Absicht, mich zu rechtfertigen … es war eben so gekommen! Glauben Sie mir, ich fand weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe … Ich quälte mich! Warum, dachte ich mir, habe ich das unglückliche Mädel zugrunde gerichtet! Wenn ich mir nur vorstellte, sie müsse in grober Kleidung die Gänse hüten, werde auf herrschaftlichen Befehl schlecht behandelt oder vom Schulzen, einem Bauern in geteerten Stiefeln, auf das gemeinste beschimpft, so kam mir der kalte Schweiß. Nun, ich hielt es nicht aus, ich erfuhr, in welches Dorf man sie verschickt hatte, stieg in den Sattel und ritt hin. Erst am nächsten Tag gegen Abend kam ich hin. Offenbar hatte man von mir einen solchen Streich nicht erwartet und keinerlei Anordnungen für einen solchen Fall getroffen. Ich komme direkt zum Schulzen, als wäre ich ein Nachbar; ich trete in den Hof und sehe: Matrjona sitzt auf der Treppe, den Kopf in die Hand gestützt. Sie schrie leise auf, aber ich drohte ihr mit dem Finger und zeigte auf das freie Feld hinter dem Hof. Dann trat ich in die Stube, plauderte mit dem Schulzen, log ihm das Blaue vom Himmel herunter, wartete einen günstigen Augenblick ab und ging zu Matrjona hinaus. Die Ärmste fiel mir um den Hals. Blaß und mager war mein Täubchen geworden. Wissen Sie, ich sage ihr: ›Hör auf, Matrjona, hör auf, weine nicht …‹, mir laufen aber dabei die Tränen die Wangen herab … Endlich schämte ich mich doch und sagte zu ihr: ›Matrjona, Tränen helfen nichts, man muß aber sozusagen entschlossen handeln, du mußt mit mir fliehen; ja, ja, so muß man handeln!‹ Matrjona war ganz starr. ›Das geht doch nicht! Ich stürze mich ins Unglück, sie werden mich dann ganz auffressen!‹ – ›Du Dumme, wer wird dich finden?‹ – ›Man wird mich finden, man wird mich ganz gewiß finden! Ich danke Ihnen, Pjotr Petrowitsch, nie werde ich Ihnen Ihre Güte vergessen, aber jetzt verlassen Sie mich, so ist wohl einmal mein Schicksal.‹ – ›Ach, Matrjona, Matrjona, ich habe dich doch für ein Mädel von Charakter gehalten.‹ – Sie hatte in der Tat viel Charakter … ein goldenes Herz hatte sie! – ›Was sollst du hier bleiben? Es ist doch alles eins; schlimmer kann es gar nicht werden. Sag doch: Hast du nicht die Fäuste des Schulzen gekostet, was?‹ Matrjona flammte auf und ihre Lippen zitterten. – ›Wenn ich es tue, wird man meiner Familie das Leben sauer machen.‹ – ›Geh mir mit deiner Familie … Wird man sie vielleicht verschicken?‹ – ›Man wird‹ ›Und den Vater?‹ – ›Den Vater wird man nicht verschicken; er ist bei uns der einzige gute Schneider.‹ – ›Nun siehst du es; dein Bruder wird deshalb nicht zugrunde gehen.‹ – Glauben Sie es mir, ich hatte viel Mühe, sie zu überreden; es fiel ihr sogar ein, man würde auch mich zur Verantwortung ziehen … ›Das ist nicht deine Sache‹, sagte ich ihr … Endlich entführte ich sie doch … nicht dieses Mal, aber ein anderes: Ich kam nachts mit einem Wagen gefahren und entführte sie.«

»Sie entführten sie?«

»Ja, ich entführte sie … So blieb sie bei mir wohnen. Mein Häuschen ist klein, viel Dienstboten habe ich nicht. Meine Leute, ich kann es offen sagen, achteten mich hoch; sie hätten mich um nichts in der Welt verraten. Mein Leben wurde schön. Matrjona erholte sich und kam zu Kräften; ich hing an ihr sehr … Ach, war das ein Mädel! Wo hatte sie das nur her? Sie verstand zu singen und zu tanzen und auch Gitarre zu spielen … Den Nachbarn zeigte ich sie nicht: Wie leicht hätten sie es ausplaudern können! Ich hatte aber einen Herzensfreund, Pantelej Gornostajew – kennen Sie ihn nicht? Der war ganz vernarrt in sie; er küßte ihr wie einer Gnädigen die Hände, wirklich! Ich muß Ihnen auch sagen: Dieser Gornostajew ist ein ganz anderer Mensch als ich. Ein gebildeter Mensch, den ganzen Puschkin hatte er gelesen; wenn er zuweilen mit mir und mit Matrjona sprach, so rissen wir nur den Mund auf. Er lehrte sie sogar schreiben, der Kauz! Wie ich sie aber kleidete – viel besser als die Gouverneurin; ich ließ ihr einen Mantel machen aus himbeerrotem Samt mit Pelzbesatz … Wie gut ihr dieser Mantel stand! Den Mantel hatte eine Moskauer Madame nach der neuesten Mode auf Taille genäht. So sonderbar ist diese Matrjona! Manchmal sitzt sie stundenlang nachdenklich da, blickt auf den Boden und zuckt mit keiner Braue; ich sitze auch dabei, sehe sie an und kann mich gar nicht satt sehen, als sähe ich sie zum erstenmal … Sie lächelt, und das Herz bebt mir im Leibe, als kitzelte mich jemand. Oder sie fängt plötzlich an zu lachen, zu scherzen, zu tanzen; sie umarmt mich so fest, so heiß, daß mir der Kopf schwindelt. Von früh bis spät denke ich mir manchmaclass="underline" Womit kann ich ihr eine Freude machen? Glauben Sie mir; ich beschenkte sie, nur um zu sehen, wie sie vor Freude rot wird, wie sie mein Geschenk anprobiert und mit dem neuen Putz auf mich zugeht und mich küßt. – Es ist unbekannt, auf welche Weise ihr Vater Kulik Wind von der Sache bekam; der Alte kam, um uns beide zu sehen; und fing bitter zu weinen an … So lebten wir an die fünf Monate; wie gerne hätte ich mit ihr mein ganzes Leben verbracht, aber ich habe einmal so ein verfluchtes Schicksal!«

Pjotr Petrowitsch hielt inne.

»Was geschah dann?« fragte ich ihn mit Teilnahme.

Er winkte erregt mit der Hand.

»Alles ging zum Teufel. Ich richtete sie selbst zugrunde. Meine Matrjona liebte über alles das Schlittenfahren und pflegte selbst die Pferde zu lenken; sie zog ihren Pelz und gestickte Torschoksche Handschuhe an und schrie nur so vor Freude. Wir fuhren immer nur am Abend aus, wissen Sie, um niemand zu begegnen. Einmal war so ein schöner, frostiger, heiterer, windloser Tag … wir fuhren aus. Matrjona nahm die Zügel. Ich sehe: Wo fährt sie denn hin? Doch nicht nach Kukujewka, ins Dorf ihrer Herrin? Sie fährt aber wirklich nach Kukujewka. Ich sage ihr: ›Verrückte, wohin fährst du?‹ Sie sieht mich über die Schulter an und lächelt. ›Wir wollen einmal kühn sein!‹ Nun, denke ich mir, es sei …! Es ist doch schön, am Herrenhaus vorbeizufahren? Es ist doch schön, nicht wahr? So fahren wir hin. Mein Paßgänger schwimmt nur so, die Seitenpferde wirbeln daher, da ist schon die Kirche von Kukujewka zu sehen; auf der Straße kommt aber eine alte grüne Kutsche gekrochen und hinten steht ein Lakai … Die Gnädige, die Gnädige kommt gefahren! Mir wurde bange. Matrjona aber schlug das Pferd mit einem Zügel und sauste gerade auf die Kutsche los! Der Kutscher sieht, verstehen Sie, es fliegt ihm so etwas wie ein Alchimeres entgegen, er will ausweichen, macht aber eine zu scharfe Wendung und schmeißt die Kutsche in einen Schneehaufen um. Das Glas zerbricht, die Gnädige schreit: ›Ei, ei, ei! Ei, ei, ei!‹ Die Gesellschafterin winselt: ›Halt, halt!‹ Wir aber sausen vorüber. So jagen wir dahin, und ich denke mir: Es wird schlimm enden, ich hätte ihr nicht erlauben sollen, nach Kukujewka zu fahren. Und was glauben Sie? Die Gnädige hatte die Matrjona erkannt, auch mich hatte die Alte erkannt und eine Klage eingereicht: ›Mein flüchtiges leibeigenes Mädel wohnt beim Edelmann Karatajew‹; der Klage fügte sie das übliche Geldgeschenk bei. Ich sehe, es kommt zu mir der Isprawnik gefahren; der Isprawnik ist aber mein Bekannter, Stepan Sergejitsch Kusowkin, ein guter Mensch; das heißt, eigentlich gar kein guter Mensch. So kommt er zu mir und sagt: ›So und so, Pjotr Petrowitsch, was denken Sie sich eigentlich…? Die Verantwortung ist schwer und auch die Gesetze darüber sind sehr klar.‹ Ich sage ihm: ›Darüber werden wir natürlich noch reden, wollen Sie aber nicht erst etwas zu sich nehmen nach der Fahrt?‹ Er weigerte sich nicht, sagte aber: ›Die Gerechtigkeit verlangt es, Pjotr Petrowitsch, urteilen Sie doch selbst!‹ – ›Natürlich, die Gerechtigkeit‹, sage ich ihm, ›gewiß … ich habe aber gehört, daß Sie einen Rappen haben, wollen Sie diesen Rappen nicht gegen meinen Lampurdos umtauschen …? Das Mädel Matrjona Fjodorowna ist aber nicht bei mir.‹ – ›Nun‹, sagt er, ›Pjotr Petrowitsch, das Mädel ist doch bei Ihnen, wir leben ja nicht in der Schweiz . .. mein Pferdchen kann ich aber wohl gegen Ihren Lampurdos eintauschen, das läßt sich machen; ich kann ihn auch so nehmen.‹ Dieses Mal fertigte ich ihn ab. Aber die Alte fuhr aus der Haut: ›Zehntausend Rubel‹, sagte sie, ›will ich es mich kosten lassen.‹ Sehen Sie, es war ihr, als sie mich gesehen hatte, eingefallen, mich mit ihrer grünen Gesellschafterin zu verheiraten – das erfuhr ich später; darum war sie so wütend geworden. Was solchen Damen nicht alles einfällt…! Es kommt wohl vor Langeweile. Nun hatte ich es schwer: Ich geizte nicht mit Geld und hielt Matrjona versteckt, es half aber alles nichts! Sie hetzten mich und machten mich ganz toll. Ich geriet in Schulden, wurde krank … So liege ich eines Nachts im Bett und denke mir: Du lieber Gott, wofür werde ich so gestraft? Was soll ich machen, wenn ich nicht von ihr lassen kann …? Ich kann es nicht, und fertig! – Da kommt zu mir ins Zimmer Matrjona. Um jene Zeit hielt ich sie auf einem Vorwerk zwei Werst von meinem Haus versteckt. Ich erschrak. – ›Was gibt's? Hat man dich dort entdeckt?‹ – ›Nein, Pjotr Petrowitsch‹, sagt sie, ›niemand hat mich in Bubnowo beunruhigt; wird es aber noch lange so gehen? Mein Herz‹, sagt sie, ›bricht mir entzwei, Pjotr Petrowitsch; Sie tun mir leid, Liebster; niemals werde ich Ihre Güte vergessen, Pjotr Petrowitsch, jetzt komme ich aber, um mich von Ihnen zu verabschieden.‹ – ›Was hast du, was hast du, du Verrückte …? Verabschieden? Wieso, verabschieden …?‹ – ›So … ich gehe jetzt hin und liefere mich aus.‹ – ›Ich werde dich auf dem Dachboden einsperren,