Tschertopchanow zitterte wie im Fieber; der Schweiß lief ihm von der Stirne herab, vermengte sich mit seinen Tränen und verlor sich in seinem Schnurrbart. Er drückte Lejba die Hände, er flehte ihn an, er küßte ihn fast … Er war ganz wie besessen. Der Jude versuchte ihm zu widersprechen, zu versichern, daß er unmöglich abkommen könne, daß er Geschäfte habe … Nichts nutzte! Tschertopchanow wollte auf nichts hören. Es war nichts zu machen, der arme Lejba mußte einwilligen.
Am andern Tag verließ Tschertopchanow mit Lejba in einem Bauernwagen Bessonowo. Der Jude sah etwas verlegen aus, hielt sich mit der einen Hand am Bock fest und hüpfte mit seinem ganzen schwachen Körper auf dem harten Sitz; die andere Hand drückte er an die Brust, wo er das in Zeitungspapier eingewickelte Paket Banknoten verwahrt hatte; Tschertopchanow saß reglos wie ein Klotz, bewegte nur die Augen und atmete aus voller Brust; in seinem Gürtel steckte ein Dolch.
»Nun, du Schurke, der du mich von meinem Freund getrennt hast, nimm dich jetzt in acht!« murmelte er, als sie auf die große Landstraße kamen.
Sein Haus überließ er der Obhut seines kleinen Dieners Perfischka und der Köchin, eines tauben und alten Weibes, das er aus Barmherzigkeit bei sich aufgenommen hatte.
»Ich komme zu euch auf dem Malek-Adel zurück!« rief er ihnen beim Abschied zu. »Oder ich komme überhaupt nicht wieder!«
»Wenn du mich wenigstens heiraten wolltest!« scherzte Perfischka, indem er die Köchin mit dem Ellenbogen in die Seite stieß. »Den Herrn erwarten wir doch nicht mehr, so kommen wir aber um vor Langeweile!«
Es verging ein Jahr … ein ganzes Jahr; von Pantelej Jeremejitsch kam keine Nachricht. Die Köchin war inzwischen gestorben; Perfischka hatte schon die Absicht, das Haus im Stich zu lassen und in die Stadt zu ziehen, wohin ihn sein Vetter lockte, der als Gehilfe bei einem Barbier lebte, als sich plötzlich das' Gerücht verbreitete, daß der Herr zurückkehre! Der Diakon des Pfarrbezirks hatte von Pantelej Jeremejitsch selbst einen Brief erhalten, in dem er ihm mitteilte, daß er auf dem Heimweg nach Bessonowo sei, und ihn ersuchte, seine Dienstboten zu benachrichtigen, damit sie ihm einen gebührenden Empfang bereiten. Perfischka fühlte sich auf diese Nachricht hin immerhin veranlaßt, wenigstens etwas Staub abzuwischen, schenkte ihr aber im übrigen nicht allzuviel Glauben. Er mußte sich jedoch überzeugen, daß der Diakon die Wahrheit gesagt hatte – einige Tage später erschien Pantelej Jeremejitsch in eigener Person auf dem Malek-Adel auf dem Hof seines Gutes.
Perfischka eilte zu seinem Herrn, griff nach dem Steigbügel und wollte ihm helfen, vom Pferd zu steigen, jener sprang aber selbst herunter, sah sich triumphierend um und rief laut: »Ich habe doch gesagt, daß ich den Malek-Adel wiederfinde, und ich habe ihn gefunden, den Feinden und dem Schicksal selbst zum Trotz!« Perfischka küßte ihm die Hand, Tschertopchanow schenkte aber dem Eifer seines Dieners nicht die geringste Beachtung. Er ging mit großen Schritten auf den Stall zu, Malek-Adel an den Zügeln hinter sich führend. Perfischka sah sich seinen Herrn genauer an und erschrak. Ach, wie mager und wie alt war er in diesem Jahr geworden, wie streng und düster war sein Gesicht! – Man hätte doch glauben sollen, Pantelej Jeremejitsch würde sich freuen, daß er das Seinige erreicht hatte; er freute sich wohl … aber Perfischka empfand doch eine unheimliche Angst. Tschertopchanow stellte das Pferd in den früheren Stand, gab ihm einen leichten Klaps auf die Kruppe und sagte: »Nun, jetzt bis du wieder zu Hause! Paß jetzt auf …!« Am gleichen Tag mietete er einen zuverlässigen Wächter, einen Junggesellen, richtete sich wieder in seinen Zimmern ein und setzte sein früheres Leben fort … Das Leben war aber doch nicht ganz das frühere … Aber davon später.
Am Tag nach seiner Rückkehr rief Pantelej Jeremejitsch Perfischka zu sich und begann ihm, aus Ermangelung eines anderen Zuhörers, natürlich ohne dabei seine Würde zu verlieren, im Baß zu erzählen, auf welche Weise er den Malek-Adel gefunden hatte. Während seines Berichtes saß Tschertopchanow mit dem Gesicht zum Fenster und rauchte eine lange Pfeife; Perfischka stand aber an der Türschwelle, die Hände im Rücken, blickte ehrfurchtsvoll auf den Nacken seines Herrn und hörte den Bericht, wie Pantelej Jeremejitsch nach vielen vergeblichen Versuchen und Fahrten schließlich auf den Jahrmarkt von Romny gekommen war, aber schon allein, ohne den Juden Lejba, der infolge seiner Charakterschwäche es nicht lange ausgehalten hatte und durchgebrannt war; wie er am fünften Tag, als er schon Weiterreisen wollte, zum letztenmal die Wagenreihe entlang ging und plötzlich zwischen drei anderen Pferden, die an einen Wagen angebunden waren, den Malek-Adel erblickte! Wie dieser ihn sofort erkannte, zu wiehern anfing, sich loszureißen versuchte und mit den Hufen die Erde wühlte. »Er war aber gar nicht bei dem Kosaken«, erzählte Tschertopchanow, immer noch ohne den Kopf zu wenden und mit der gleichen Baßstimme, »sondern bei einem Zigeuner, einem Pferdehändler; ich klammerte mich natürlich sofort an mein Pferd und wollte es mit Gewalt zurückhaben; aber die Bestie von einem Zigeuner schrie wie verbrüht und schwor, daß man es auf dem ganzen Platz hörte, er hätte das Pferd von einem anderen Zigeuner gekauft, und wollte auch Zeugen stellen … Ich spuckte aus und zahlte ihm das Geld; soll ihn nur der Teufel holen! Die Hauptsache war doch für mich, daß ich meinen Freund gefunden und meine Seelenruhe wiedererlangt hatte. Im Karatschowschen Kreise hatte ich aber nach Angaben des Juden Lejba einen Kosaken gepackt, den ich für den Dieb hielt, und ihm die ganze Fratze blutig geschlagen; der Kosak stellte sich aber als ein Popensohn heraus, und ich mußte ihm für den Schimpf hundertzwanzig Rubel bezahlen. Nun, Geld ist eine Sache, die man wieder verdienen kann, die Hauptsache aber ist, ich habe den Malek-Adel wieder! Jetzt bin ich glücklich und werde meine Ruhe genießen. Dir aber, Porfirij, gebe ich die Instruktion: Wenn du, Gott behüte, irgendwo in der Umgegend einen Kosaken siehst, so laufe auf der Stelle, ohne ein Wort zu sagen, zu mir und bring mir mein Gewehr, ich aber werde schon wissen, was ich zu tun habe!«
So sprach Pantelej Jeremejitsch zu Perfischka; diese Worte kamen von seinen Lippen; aber in seinem Herzen war es doch nicht so ruhig, wie er tat. Ach, in der Tiefe seiner Seele war er doch nicht ganz davon überzeugt, daß das Pferd, das er heimgebracht hatte, wirklich Malek-Adel war.
Für Pantelej Jeremejitsch kam nun eine schwere Zeit. Gerade die Ruhe genoß er am allerwenigsten. Freilich hatte er auch gute Tage: Die Zweifel, die ihn beschlichen, kamen ihm unsinnig vor, er trieb den dummen Gedanken wie eine zudringliche Fliege von sich und lachte sogar selbst über sich; es gab aber auch schlimme Tage: Der zudringliche Gedanke fing von neuem an, in seinem Herzen zu bohren und zu kratzen wie eine Maus, und er quälte sich heimlich und schmerzhaft. An jenem denkwürdigen Tag, an dem er den Malek-Adel gefunden hatte, empfand er nichts als Seligkeit und Freude … aber schon am ändern Morgen, als er unter dem niedern Dach der Herberge seinen Freund zu satteln anfing, in dessen Nähe er die ganze Nacht zugebracht hatte, fühlte er zum erstenmal einen Stich im Herzen … Er schüttelte nur den Kopf, aber, das Samenkorn des Verdachts keimte schon. Während der Rückfahrt (sie dauerte etwa acht Tage) kamen ihm die Zweifel selten; sie wurden stärker und deutlicher, sobald er nach Bessonowo zurückgekehrt, sobald er an die Stätte gekommen war, wo der frühere, unzweifelhafte Malek-Adel gelebt hatte … Auf dem Rückweg ritt er meist im Schritt, sich im Sattel wiegend, rauchte ein kurzes Pfeifchen und dachte an nichts, er dachte sich höchstens: Die Tschertopchanows setzen alles durch, was sie wollen! Basta! und grinste dabei; als er aber wieder zu Hause war, begann ein anderes Kapitel. Er behielt natürlich alles für sich; schon sein Ehrgeiz allein verbot ihm, seine innere Unruhe zu zeigen. Er hätte einen jeden ›in zwei Stücke gerissen‹, der ihm bloß angedeutet hätte, daß der neue Malek-Adel doch wohl nicht der alte sei; er nahm die Gratulationen zu seinem ›glücklichen Fund‹ von den wenigen Personen entgegen, mit denen er noch zusammenkam; er suchte aber diese Glückwünsche nicht und mied noch mehr als früher Begegnungen mit Menschen – ein schlimmes Zeichen! Er examinierte, wenn man so sagen darf, den Malek-Adel fortwährend; er ritt mit ihm irgendwohin weit ins Feld hinaus und stellte ihn auf die Probe; oder er ging heimlich in den Stall, schloß hinter sich die Tür, stellte sich dicht vor das Pferd hin, blickte ihm in die Augen und fragte flüsternd: »Bist du es? Bist du es? Bist du es …?« Oder er betrachtete ihn stundenlang aufmerksam, bald erfreut murmelnd: »Ja! Er ist es! Gewiß ist er es!«, bald zweifelnd und sogar verlegen.