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Anvar schloß in tiefstem Elend die Augen. Ein Sklave! O ihr Götter, nein! Und was war aus der armen Sara geworden? Mit einem lautlosen Fluch kämpfte er gegen seine Fesseln, bis Harag ihm einen grausamen Tritt in den Magen versetzte. Anvar krümmte sich und erbrach Galle auf die Planken. Harag heulte zornig auf. »Du dreckiges Schwein! Ich habe gerade erst sauber gemacht!« Er hob die Peitsche, und Anvar krümmte sich in Erwartung des Schlages.

»Hör auf damit, Harag!« bellte Abuz. »Ich habe keine Lust, meinen Bonus zu verlieren, weil du dich nicht zusammennehmen kannst!«

Harag drehte sich um. Er hielt die Peitsche noch immer hoch erhoben, und sein Gesicht war rot vor Zorn. »Kümmere du dich um deine eigenen Angelegenheiten, du fetter Ochse!«

Abuz legte die gewaltigen Stöcke auf die Trommel und erhob sich. Er war so groß, daß er sich unter der niedrigen Decke bücken mußte. Die Sklaven hörten sofort auf zu rudern, und Erleichterung malte sich auf ihren schmerzverzerrten, schweißüberströmten Gesichtern ab. »Muß ich etwa herunterkommen und dir zeigen, wo es langgeht, Harag?« fragte Abuz. »Denn langsam machst du mich wirklich wütend, und du weißt, was passiert, wenn ich wütend werde I«

Harags dunkles Gesicht wurde bleich. Langsam senkte er die Peitsche.

»Was im Namen des Schnitters ist da unten los?« hallte die zornige Stimme des Kapitäns durch die offene Luke über ihren Köpfen. »Warum stehen die Ruder still?«

Abuz zuckte zusammen. »Tut mir leid, Kapitän. Wir hatten nur ein kleines Problem mit dem neuen Sklaven.« Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er sich hastig wieder hin, griff nach seinen Trommelstöcken und nahm den schnellen Schlagrhythmus wieder auf. Harag, der seine Wut an den keuchenden, mit glasigen Augen blickenden Sklaven ausließ, schritt im Gang auf und ab und trieb sie mit der Peitsche zu immer größeren Kraftanstrengungen. Anvar rollte sich zusammen, hielt sich seinen mißhandelten Magen und gab sich vollkommener Verzweiflung hin.

Ein stinkender Sack wurde über Anvars Kopf gestülpt, und grobe Hände hoben ihn hoch. Als sie ihn durch die Luke zerrten, hörte er Geräusche, die wahrscheinlich vom Hafen stammten. Die Hitze der Sonne traf ihn wie ein Keulenschlag, während er über eine holprige Laufplanke vom Schiff getragen und dann so brutal fallen gelassen wurde, daß es ihm für einen Augenblick den Atem raubte. Plötzlich war er wieder in Bewegung – das Holpern ließ darauf schließen, daß er sich auf einem Karren befand –, und die Vielfalt der Geräusche um ihn herum schien auf ein größeres Dorf oder eine Stadt hinzudeuten. Er glaubte zu verstehen, warum man ihm den Sack über den Kopf gezogen hatte – selbst wenn es ihm gelingen sollte, sich loszureißen, würde er keine Ahnung haben, wo er sich befand oder in welche Richtung er laufen sollte. Da er mit den Bräuchen dieses Landes nicht vertraut war, kam ihm nicht in den Sinn, daß der Sack außerdem dazu diente, die Tatsache zu verbergen, daß der Kapitän einen illegalen Fremden auf den Sklavenmarkt brachte, statt ihn den örtlichen Behörden zu übergeben, wie es das Gesetz verlangte.

Der Karren holperte weiter. Es war eine solche Qual für Anvars schmerzenden Kopf, daß er befürchtete, sich jeden Augenblick von neuem übergeben zu müssen. Sein Körper kam in der Sonne beinahe um vor Hitze, und er war nahe daran, in dem stinkenden Sack zu ersticken. Aber plötzlich war die Sonnenglut wie ausgelöscht, und nur noch schwaches Licht drang durch das Gewebe des Sackes. Die Räder des Karren hallten hohl auf glatten Steinen und kamen dann schließlich zum Stehen.

»Sei mir gegrüßt, Kapitän.« Aus der hellen Stimme troff falscher Honig. »Du hattest eine einträgliche Reise, hoffe ich? Wollen wir heute kaufen oder verkaufen?«

»Verkaufen, Zahn. Nur einen diesmal.«

»Nur einen? Tz tz, Kapitän. Dabei bist du doch für gewöhnlich einer der zuverlässigeren Lieferanten.«

»Sei vernünftig, Zahn«, sagte der Kapitän gereizt. »Was konnten wir denn in zwei Monaten Zollpatrouille vor der Küste zuwege bringen? Wir sind die Korsaren des Khisu, wie du weißt. Manchmal müssen wir eben unsere Pflicht tun und den Gewinn für eine Weile vergessen.«

»Deine Loyalität ehrt dich, Kapitän«, erwiderte Zahn glatt. »Wollen wir uns dann die Ware einmal etwas näher ansehen?«

Anvars Fußfesseln wurden zerschnitten, und er keuchte vor Schmerz auf, als das Blut wieder in seine tauben Gliedmaßen zurückfloß. Starke Hände zogen ihn aus dem Karren und stellten ihn aufrecht auf den Boden, dann wurde ihm der Sack vom Kopf gezogen. Ein kleiner, verhutzelter Mann mit einem Gesicht wie aus Stahl starrte ihn mit offenem Mund an.

»Beim Schnitter der Seelen!« keuchte er. »Ein Nordländer! Wie kannst du es wagen, einen illegalen Sklaven in mein Haus zu bringen!«

»Spar mir deine verlogenen Proteste, Zahn«, sagte der Kapitän ungeduldig. »Ich weiß, wie dringend ihr im Augenblick Sklaven braucht – jeden Sklaven.«

Seine Worte schienen den Sklavenmeister ein wenig zu beschwichtigen. »Wo hast du ihn gefunden?« fragte Zahn stirnrunzelnd.

»Er ist an die Küste getrieben worden. Es scheint, als hätte er in diesem seltsamen Unwetter Schiffbruch erlitten. Wir haben auch einige im Wasser treibende Leichen und Wrackteile gesehen. Es muß sie weit vom Kurs verschlagen haben. Normalerweise haben sie mehr Verstand, als sich in unsere Gewässer zu wagen.« Er grinste wölfisch. »Aber genug davon. Willst du ihn haben, oder soll ich ihn den Gebietern übergeben, wie sich das für einen guten kleinen Korsaren gehört?«

Der Sklavenmeister schürzte die Lippen und begann, Anvar zu umkreisen, wobei er ihn sorgfältig von oben bis unten musterte und mit einem gelegentlichen Zwicken und Zwacken seine Muskeln prüfte. »Zieht ihn aus«, befahl er, und einer seiner Handlanger zog ein Messer, mit dem er die zerfetzten Überreste von Anvars Kleidern aufschlitzte. Anvar kämpfte verzweifelt, bis er plötzlich kalten Stahl auf seinem nackten Fleisch spürte. Er erstarrte und schluckte hart, als ihm klar wurde, wo sein Wächter das Messer angesetzt hatte.

»Was machst du da?« protestierte der Kapitän.

Zahn grinste bösartig. »Keine Angst, ich kann ihn genausogut als Eunuchen verkaufen, aber das wird wahrscheinlich nicht nötig sein. Er spricht vielleicht nicht unsere Sprache, aber ich denke, er versteht, was wir meinen.«

Schweiß trat Anvar auf die Stirn. Obwohl ihn die Berührung von Zahns allzu zudringlichen Händen auf seinem Körper anekelte, gab es nichts, was er hätte tun können. Seine Arme waren noch immer gefesselt, und zwei stämmige Handlanger standen links und rechts neben ihm, von denen einer ihm das Messer an besagte heikle Stelle seines Leibes drückte. Anvar ballte die Fäuste und schauderte. Um seine Gedanken von dieser Untersuchung abzulenken, konzentrierte er sich auf seine Umgebung. Er befand sich in einer großen, kreisförmigen, aus Steinen gebauten Kammer mit einer gewölbten Decke. In der Mitte erhob sich eine mit Seilen abgegrenzte Plattform, an deren einer Seite eine Reihe großer Eisenkäfige stand, die im Augenblick leer waren. Die Wände der Kammer wurden in regelmäßigen Abständen von einer Reihe schattiger Bogengänge unterbrochen. Nur in einem von ihnen funkelte der Glanz hellen Sonnenlichts, offensichtlich der Weg nach draußen.

»Nun ja …« hörte Anvar Zahn sagen und richtete seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf den Sklavenhändler, der ihn nachdenklich betrachtete. »Er ist alles in allem in einem guten Zustand«, sagte er zu dem Kapitän, »und er scheint stark genug zu sein, bei dieser Größe und diesen wunderbaren breiten Schultern.« Zahn beäugte Anvar auf eine so offensichtlich abwägende Art und Weise, daß er schauderte.

»Unglücklicherweise«, fuhr der Sklavenmeister fort, »kann ich ihn keinem privaten Kunden verkaufen – diese Augen würden die Leute abschrecken. Außerdem würden sie zu viele Fragen stellen. Aber – wie du weißt – braucht der Khisu dringend noch mehr Arbeiter. Der Schnitter allein weiß, wie sie es schaffen, da draußen so viele Sklaven zu verschleißen. Die reinste Mißwirtschaft, wenn du mich fragst. Aber wie dem auch sei, dieser Sommerpalast ist das beste Geschäft seit Jahren, und Seine Majestät zahlen gut. Ich glaube, wir werden uns schon einig werden. Er wird sich in diesem Klima natürlich nicht lange halten, aber das ist nicht unser Problem. Komm, mein Freund. Laß uns den Preis bei einem Glas Wein bereden.« Er schnipste mit den Fingern und sah die beiden stämmigen Männer an, die Anvar festhielten.