Anvar nickte, denn er wußte, daß sie recht hatte. »Wo bist du gewesen?« fragte er sie zwischen zwei Bissen. »Und wo sind wir hier?«
Aurian grinste. »Protzig, wie? Es gehört dem Khisal – dem Prinzen. Er hat mich aus der Arena gerettet, und …«
»Er hat dich aus was gerettet?«
Aurian hielt inne, um sich selbst etwas Wein einzuschenken. »Ich glaube, ich sollte besser am Anfang beginnen«, sagte sie. Während er aß, erzählte sie ihm von ihrem Aufenthalt bei den Leviathanen, von ihrer Entdeckung, daß man ihn, Anvar, gefangengenommen hatte, und von ihrem furchtbaren Marsch flußaufwärts, um ihn zu suchen.
»Um dein Haar tut es mir leid«, unterbrach Anvar sie. »Es war so wunderschön.«
Aurian zuckte mit den Schultern. »Es war einfach unpraktisch bei dieser Hitze«, sagte sie, aber das Kompliment entlockte ihr dennoch ein Lächeln. »Außerdem«, fuhr sie schnell fort, »habe ich dich vermißt, weil du es mir nicht mehr kämmen konntest.«
Anvar griff nach ihrer Hand. »In diesem Fall solltest du es besser wieder wachsen lassen«, sagte er fest.
Aurian starrte ihn an, als könne sie ihren Ohren nicht trauen, und zu seinem Erschrecken sah er Tränen in ihren Augen. »Ich hätte nicht gedacht, daß du …«, flüsterte sie.
Es zerriß Anvar das Herz, sie so verletzlich zu sehen. Sie war immer so tapfer, so selbständig, daß er dazu neigte, zu vergessen, daß sie, genau wie jeder andere auch, Trost und Beistand brauchte. Er schloß seine Finger fester um ihre Hand. »Aurian, was geschehen ist, ist genausosehr meine Schuld wie deine«, erklärte er mit fester Stimme. »Ich habe mich auf dem Schiff dir gegenüber abscheulich benommen – und auch danach. Laß uns das vergessen. Wir brauchen einander. Und ich werde Sara irgendwie dazu bringen, das zu verstehen.«
Bei der Erwähnung von Saras Namen zuckte sie zusammen und wandte den Blick ab. »Ich sollte dir besser auch den Rest erzählen«, sagte sie grimmig. Anvar fühlte, wie die Angst ihm die Kehle zuschnürte. Aber sie hatte gesagt, Sara sei in Sicherheit. Als er den trostlosen Ausdruck in den Augen der Magusch bemerkte, beschloß er, daß es klüger sein würde, sie ihre Geschichte auf ihre eigene Art und Weise beenden zu lassen. Aurian erzählte ihm, wie sie vor der Stadt gefangengenommen worden war und wie sie die Armreifen benutzt hatten, um sie ihrer Kräfte zu berauben, und sie anschließend zum Kampf in der Arena verurteilt hatten. Sie hatte gerade den Höhepunkt ihres Kampfes mit Shia erreicht, als sie von einem furchterregenden Tumult unterbrochen wurde. Sie hörten laute Schreie von draußen und das Geräusch aneinanderklirrender Waffen.
Aurian wirbelte herum. »Was zum … Xiang!« Sie sprang vom Bett auf und machte einen Satz auf ihr Schwert zu, das in der Ecke stand, aber noch während sie danach griff, flog die Tür auf und mehrere, mit geladenen Armbrüsten bewaffnete Männer stürzten ins Zimmer. Anvars Warnschrei gefror ihm in der Kehle. Aurian wirbelte herum und griff sich an die Schulter, direkt über ihrer rechten Brust, bevor sie zu Boden stürzte. Das Blut schoß durch ihre Finger hindurch. Der Bolzen, der sich in ihr Fleisch gebohrt hatte und wegen der kurzen Entfernung auf der anderen Seite direkt wieder ausgetreten war, prallte von der Wand hinter ihr ab und fiel zu Boden, wo er einen Blutflecken hinterließ. Auf der Stelle war die Magusch umzingelt von Soldaten, die ihre Armbrüste gespannt und auf sie gerichtet hatten. Anvar, der ungeachtet der Gefahr aus dem Bett gesprungen war, hatte nur noch Zeit für einen kurzen Blick auf ihre reglose Gestalt, bevor man ihn ebenfalls ergriff und aus dem Zimmer zerrte.
27
Enthüllungen – und Betrug
Die Männer, die Anvar gefangengenommen hatten, fesselten ihm die Hände auf dem Rücken, und die Seile schnitten sich schmerzhaft in seine Handgelenke ein. Die Soldaten gingen alles andere als sanft mit ihm um und verpaßten ihm eine ganze Anzahl neuer Schrammen, die diejenigen ersetzten, die die Magusch gerade geheilt hatte, aber Anvar hatte schlimmere Sorgen als seine wachsende Unbequemlichkeit. Was hatten sie mit Aurian gemacht? Wie schwer war sie verletzt? Waren das die Wachen des Prinzen? Hatte er seine Gastfreundschaft schließlich doch bereut? Warum hatte er im Sklavenlager versucht, sie anzugreifen? Die Magusch hatte keine Zeit gehabt, ihm all das zu erklären. Anvar wünschte nur, sie hätte ihre Geschichte beenden können. So, wie die Dinge lagen, hatte er nicht die geringste Vorstellung davon, was eigentlich vor sich ging. Aber ihm blieb Zeit genug, um sich deswegen zu sorgen. Sie hatten ihn, bewacht von zwei schweigsamen Soldaten mit grimmigen Gesichtern, in Aurians Gemächern zurückgelassen, und dort blieb er über eine Stunde mit nichts anderem als seinen Ängsten zur Gesellschaft.
Xiang hielt königlichen Einzug in Harihns Audienzzimmer, Arm in Arm mit seiner Khisihn und umgeben von einem Gefolge von Wachen. Nachdem er sich auf den vergoldeten Stuhl des Prinzen gesetzt hatte, bedeutete er gerade einem Bediensteten, einen Stuhl für Sara herbeizuschaffen, als der Hauptmann seiner Garde sich mit einer tiefen Verbeugung näherte und seinen Bericht begann. »Der Palast ist abgesichert, Euer Majestät. Der Khisal befindet sich in unserem Gewahrsam, und seine Zauberin ist von unseren Bogenschützen kampfunfähig gemacht worden. Wir haben sie unten in den Kerkern eingesperrt, bewußtlos, aber trotzdem schwerbewacht.«
»Gut gemacht«, lächelte Xiang zustimmend. »Und den Dämon habt ihr auch gefangen?«
Der Hauptmann nickte. »Jawohl, Sir. Es hat uns mehrere Männer gekostet, ihn zu überwältigen, aber wir haben ihn nicht verletzt, ganz wie ihr es befohlen habt. Er ist ebenfalls unten eingesperrt und wartet auf seinen Transport in die Arena.«
»Wunderbar! Und der Sklave?«
»Meine Männer bringen ihn gerade her, Euer Majestät.«
»Sehr gut. Den Khisal könnt ihr jetzt ebenfalls bringen.«
Der Khisu lehnte sich auf dem Stuhl seines Sohnes zurück und lächelte triumphierend. Sobald er die Nachricht von seinem Sklavenmeister erhalten hatte, hatte er seinen Plan in die Tat umgesetzt. Diesmal war Harihn zu weit gegangen. Was für ein Narr der Junge doch war, die Zauberin von den Armreifen zu befreien und ihr zu gestatten, ihre bösen Künste zu praktizieren–noch dazu vor Zeugen. Und alles, um diesen Sklaven zu retten, der seine Khisihn Sara aus ihrer Heimat entführt hatte. So hatte sie es ihm erzählt. Das Ganze war zweifellos eine Verschwörung, um ihn zu stürzen. Harihn steckte mit den beiden Fremden unter einer Decke, aber er hatte seinen Vater unterschätzt, und jetzt würde er dafür zahlen. Indem er die Zauberin freigelassen hatte, hatte er sich automatisch selbst zum Tode verurteilt. Xiang fragte sich, ob er seinen Sohn noch eine Weile am Leben halten sollte, damit er ein wenig länger unter dem Entsetzen der über ihm schwebenden Drohung leiden konnte. Die Zauberin würde natürlich so bald wie möglich hingerichtet werden. Ohne ihre Fesseln war sie eine zu große Bedrohung, als daß man sie am Leben lassen konnte.
An den Türen des Gemachs bewegte sich etwas. Die Wachen zerrten Harihn in den Raum und warfen ihn zitternd und mit weißem Gesicht dem Khisu zu Füßen. Xiang lächelte mit grausamer Belustigung und kostete das Entsetzen in den Augen seines Sohnes voll aus.
Endlich waren die Soldaten gekommen, um ihn zu holen. Nachdem sie Anvar durch eine lange Reihe von Fluren geschleppt hatten, warfen sie ihn durch ein Paar gewaltiger, bronzegetäfelter Türen. Der riesige, hohe Raum dahinter schien voll von Soldaten zu sein. Der junge Mann, den Aurian Harihn genannt hatte, kauerte vor einem Mann, der auf einer niedrigen Plattform thronte. Wenn Harihn der Prinz war, konnte das nur der König sein.
Dann war alles andere plötzlich vergessen, als Anvar die goldhaarige Gestalt sah, die neben dem Thron saß, königlich und in strahlender Pracht, mit Juwelen geschmückt und in feine Seidengewänder gehüllt. »Sara!« rief er voller Freude. Er versuchte, sich freizukämpfen, um zu ihr zu gelangen, aber die Wachen hielten ihn fest. Die kalte Reserviertheit von Sara geriet keinen Augenblick ins Wanken, als man Anvar neben dem Prinzen zu Boden schleuderte. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen war er unfähig, den Sturz abzufangen, und schlug mit der Stirn auf den marmornen Boden. Als er sich taumelnd auf die Knie erhob und blinzelnd versuchte, die explodierenden Lichter zu vertreiben, die seinen Blick verdunkelten, sprach der König Harihn an.