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»Das hast du wirklich gut gemacht, mein Sohn«, höhnte Xiang. Seine Augen glitzerten triumphierend. »Man hat mich darüber informiert, daß du dich des Verrats schuldig gemacht hast, indem du eine bekannte Zauberin von den Fesseln befreit hast, die ihre Zauberkraft behinderten, und das verstößt gegen die Gesetze dieses Landes. Was hast du zu der Anklage zu sagen?«

Anvar gelang es, aus den Augenwinkeln einen Blick auf den Prinzen zu werfen, und er sah, wie sich das Gesicht des jungen Mannes vor Entsetzen und Panik verzerrte. »Nein!« heulte er. »Das ist nicht wahr! Ich habe sie nicht freigelassen. Sie ist ihren Fesseln ganz allein entkommen.«

»Du lügst.« Die Stimme des Khisus unterbrach die entsetzten Proteste seines Sohnes, und Anvar sah, wie sich die Schweißperlen auf Harihns Stirn bildeten.

»Außerdem«, fuhr Xiang fort, »Hast du einen meiner Sklaven gestohlen – ein seltenes Exemplar der Nordländer. Meine Khisihn hat mir erzählt, daß dieses Geschöpf für ihre Entführung aus ihrer Heimat verantwortlich war, zusammen mit deiner Zauberin. Ich kann nur annehmen, daß du mit den Feinden der Khisihn gemeinsame Sache machst. Und dafür kann es nur einen Grund geben: Du willst sie und damit auch mich vom Thron stürzen.« Er wandte sich an Sara. »Ist das der Sklave, meine Königin?«

Die Worte trafen Anvar wie ein tödlicher Schlag. »Königin!« rief er, zu entsetzt, die Konsequenzen seines Handelns zu bedenken.

Eine der Wachen schlug ihm hart auf die Lippen und brüllte: »Ruhe!« Anvar lag wieder auf dem Boden und schmeckte Blut auf seinem geschundenen Mund. Saras Blick flackerte voller Verachtung über ihren früheren Liebhaber.

»Das ist er«, sagte sie kalt.

»Sehr gut«, erwiderte Xiang. »Was sollen wir mit ihm machen, meine Liebste? Die Wahl seiner Bestrafung liegt bei dir.«

Sara zuckte mit den Schultern. »Tötet ihn«, sagte sie gleichgültig. Anvar erstarrte bei ihren Worten. Er konnte nicht, wollte nicht glauben, daß sie so gefühllos seinen Tod befohlen hatte.

»Warte!« rief Harihn. »Das Sklave gehört mir.«

»Was hast du gesagt?« Xiangs Stimme war heiser und so kalt wie Stein.

»Euer Informant hat Euch belogen, Majestät«, sagte Harihn. »Der Sklave gehört mir.« Dann riß er einen Arm aus der Umklammerung der Wachen und holte ein zerknittertes Pergament hervor – die Besitzurkunde für einen Sklaven. »Ich habe ihn vor weniger als drei Stunden mit gutem Gold von deinem Sklavenmeister gekauft – und mit gutem Grund.«

»Du bist bereits als Verräter verurteilt«, fuhr der Khisu ihn an. »Deine Besitzurkunde ist nichts wert.«

»Vater, hör mich an«, rief Harihn, und seine Stimme brach beinahe. »Ich habe das doch nur zu deinem Besten getan. Der Sklave hier ist der lebende Beweis dafür, daß deine Khisihn dich betrogen hat und sterben muß! Sie ist seine Konkubine.«

Anvar keuchte.

»Nein!« kreischte Sara. »Er lügt.«

»Ruhe!« brüllte der Khisu. Sein Gesicht war vom Zorn verzerrt. »Jetzt«, knurrte er seinen Sohn an, »will ich die Wahrheit wissen, bevor ich dein elendes Leben beende. Woher hast du diese absurde Geschichte?«

Harihn zitterte, als er seinen Vater ansah. »Von Aurian, der Zauberin. Kam es dir nicht merkwürdig vor, daß die Khisihn* so dringend ihren Tod wollte, als sie in der Arena gekämpft; hat? Das lag daran, daß sie die Wahrheit kannte – was sie jawohl auch sollte. Dieser Mann ist immerhin ihr Ehemann.«

Anvar, dem von den Enthüllungen des Tages bereits ganz* schwindlig war, war maßlos erstaunt. Aurian hatte Harihn? erzählt, er sei ihr Ehemann? Warum hatte sie den Prinzen belogen?

Der Klang des hohen Gelächters der Khisihn hallte schrill durch den Raum. »Sie hat behauptet, er sei ihr Mann?«

»Du leugnest das?« Harihn schien plötzlich etwas weniger selbstsicher zu sein.

»Natürlich tue ich das«, erwiderte Sara gelassen. »Sie hat gelogen, um sich dem Todesurteil für Verräter zu entziehen. Der Mann ist nicht ihr Ehemann. Er ist ihr Leibeigener und ihr Komplize bei meiner Entführung. Glaubst du vielleicht, daß ich, die Khisihn, mich so weit herablassen würde, mich zu einem bloßen Diener zu legen?« Die Verachtung in ihrer Stimme fuhr wie ein Messer durch Anvars Herz, und dadurch entging ihm der entsetzte und zornige Blick auf Harihns Gesicht. Er wappnete sich gegen den Schmerz und redete sich ein, daß sie es nicht ernst meinen konnte – daß sie dem Khisu auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war und nur versuchte, sich zu retten.

Der Khisu richtete seinen funkelnden Blick auf Anvar und sprach mit ihm in der Sprache der Nordländer. »Nun, Sklave? Was hast du dazu zu sagen? Auf der einen Seite behauptet mein Sohn, die Khisihn sei deine Konkubine. Sie dagegen beschuldigt dich, ihr Entführer zu sein. Sei vorsichtig mit deiner Antwort, denn es hängen Leben davon ab – einschließlich deiner eigenen, miserablen Existenz!«

Anvar zögerte, so durcheinander gebracht von diesem Wirrwarr aus Betrug und Lügen, daß er nicht wußte, was er sagen sollte. Wenn er Saras Geschichte unterstützte, würde das seinen eigenen Tod bedeuten, ganz zu schweigen von dem Aurians und des Prinzen. Auf der anderen Seite stand Saras Leben auf dem Spiel … Er schwankte, gefangen in seinem Dilemma, da er nur die Hälfte der Tatsachen kannte und unfähig war, sich zu entscheiden.

»Seht Ihr?« kreischte Sara triumphierend. »Er kann nicht sagen, daß ich lüge. Er schweigt nur, um seine Herrin zu beschützen. Mein Fürst, glaubt mir. Ich würde Euch nie betrügen. Aber Euer Sohn würde es tun – ja, um genau zu sein, er hat es bereits getan, indem er sich mit der Zauberin gegen uns beide verschworen hat.«

Ein erleichterter Blick ging über das Gesicht des Khisu, und er lächelte seine Königin an. »Du bist ebenso weise, wie du schön bist, meine Geliebte. Wie konnte ich nur je an dir zweifeln?« Er winkte seine Wachen heran. »Tötet diese Verräter, dann werde ich mich um ihre Zauberin kümmern.«

Dunkelheit. Ein kalter, feuchter Boden unter ihr. Schmerz in ihrer rechten Schulter, der sich wie Feuer über ihren Arm und ihre Seite ausbreitete. Übelkeit, die ihr die Kehle zuschnürte. Aurian hielt den Atem an, um nicht laut aufzustöhnen. Es mußten Wachen in der Nähe sein. Besser, sie glaubten, daß sie noch immer bewußtlos war. Niemand konnte sie in diesem schwarzen Loch sehen – nicht ohne die Nachtsichtigkeit der Magusch. Sie hatte die Uniformen von Xiangs Soldaten wiedererkannt und konnte sich ziemlich gut ausmalen, was geschehen sein mußte. Sie lag ganz still da, mit dem Gesicht nach unten auf den harten Steinen, wo man sie sorglos hingeworfen hatte. Mit ihrem zusätzlichen Sinn einer Heilerin überprüfte sie als erstes das Kind in ihr. Zu ihrer Erleichterung schien alles gut zu sein. Das Würmchen mußte wahrhaftig kräftig sein, um all das zu überleben, was seiner Mutter in der letzten Zeit widerfahren war.

Mutter. Es war das erste Mal, daß sie dieses Wort benutzte, selbst in Gedanken. Trotz ihrer Schmerzen und ihrer unbequemen Lage, trotz der Gefahr, in der sie sich befand, wölbten Aurians Lippen sich zu einem Lächeln. Sie hatte das Kind endlich akzeptiert, und ihre Liebe und ihr Stolz auf diesen zähen, kleinen Überlebenskünstler gab ihr neuen Mut. Er kam ganz nach seinem unbeugsamen Vater, beschloß sie, und der Gedanke an Forral bestärkte ihren Entschluß. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit der Wunde an ihrer Schulter zu und begann, den sengenden Schmerz unter Kontrolle zu bekommen. Ohne die Schmerzen, die ihre Konzentration behinderten, machte Aurian sich nun daran, den Schaden zu reparieren. Sie würde diesen Arm schon bald brauchen; ihren Schwertarm, dachte sie grimmig.

Es war schwieriger, als sie erwartet hatte. Aurian hatte noch nie versucht, sich selbst zu heilen, aber sie wußte aus ihren Unterrichtsstunden bei Meiriel, daß dies mit einem beträchtlichen Risiko verbunden war. Das Heilen erforderte eine große Menge Energie, die zum Teil vom Heiler, zum Teil jedoch auch von dem Patienten kam. Das war der Grund, warum das magische Heilen beiden Beteiligten große Kraft kostete. Wenn sie sich selbst heilte, hatte sie nur ihre eigene Stärke zur Verfügung, und sie wußte, daß sie, wenn sie nicht sehr vorsichtig war, in größter Gefahr war, sich vollkommen auszubrennen und dabei zu töten. Solche Fälle hatte es bereits gegeben. Aber oh, es war wirklich schwierig, sich in Geduld zu üben, nur langsam und mit größter Vorsicht zu Werke zu gehen und immer wieder innezuhalten, um sich auszuruhen. Aurian war sich des Umstandes nur allzu bewußt, daß die Zeit gegen sie war. Was geschah da oben? Wie lange war sie bewußtlos gewesen? Nicht lange, tröstete sie sich. Das Blut aus ihrer Wunde war immer noch frisch und flüssig. Aber Harihn hatte gesagt, sein Vater wolle ihn töten, und wenn Sara damit zu tun hatte, waren Anvars Chancen zu überleben, ausgesprochen gering. Aurian zwang sich, nicht daran zu denken, und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Es war ihre einzige Chance, ihm zu helfen. Schritt für Schritt, während sie so schnell arbeitete, wie sie es nur wagen konnte, behob sie den Schaden und rekonstruierte mit größter Sorgfalt das zerrissene Fleisch und die Muskeln, denn sie wußte, daß ein Fehler, den sie in der Eile machte, sie für ihr ganzes Leben verkrüppeln konnte.